Kann man ein Leben vermessen? Was hat Gewicht, was nicht? Unterteilen in Abschnitte mit einer imaginären Schere. Beim Betrachten der bunten Bändchen noch mal überlegen, wo hier der Anfang war, wo das Ende. Zurückdenken, dass das Ende eines Lebensabschnitts manchmal mit Freude kommt. Mit der euphorischen, von Feuerwerk und Gratulation begleiteten Freude – oder der vorsichtigen Freude, endlich etwas abzustreifen, das längst zu eng geworden war: Auch Befreiung kann wehtun.
Wenn Abibälle und Graduierungsfeiern vorbei sind, wird es zunehmend unelegant. Gelegentlich mit Krach oder Trauer. Mit Krankheit. Mit Unglück. Mit Verlustangst oder dem peinlich menschlichen Nicht-loslassen-Können. Irgendwann ist da trotzdem ein Strich, und man muss darüber.
Und dann?
Keine Durchsage wie am Bahnhof. Kein freundliches „Willkommen in Ihrem neuen Leben“. Keine Musik, kein roter Teppich, kein Schnitt, keine sofortige Verwandlung in eine Person, die ab Donnerstag 13 Uhr eine neue sein soll. Erstmal kommt das Dazwischen. Die Gnadenfrist für alte Gewohnheiten, der Zustand, als hätte man auf Pause gedrückt, aber nur für sich selbst. Die anderen laufen weiter herum, kaufen Erdbeeren, beantworten ihre E-Mails, posten Urlaubsbilder in ihrem Jetzt, während man selbst irgendwo zwischen Vorher und Nachher hängt wie eine vergessene Jacke.
Für Freude und Trauer gibt es Rituale, man wird beglückwünscht oder es wird Anteilnahme ausgesprochen. Das Dazwischen scheint dagegen formlos zu sein: Für Menschen, die nicht mehr dort sind, wo sie waren, aber auch nirgendwo angekommen sind, kenne ich zumindest keine gesellschaftliche Choreografie – und funktioniere weiter, kaufe Erdbeeren, beantworte meine E-Mails, poste Urlaubsbilder. Der Alltag läuft, nur innerlich ist alles unmöbliert.
Wie lange wird der Übergang dauern, das Überqueren des Niemandslandes? Ich warte auf ein Zeichen und bekomme stattdessen Zeit. Dafür bin ich auch dankbar, keine Frage. Aber wie kriege ich mich aus dem Stillstand in die Veränderung, wie stoße ich die Bewegung an, in einem Flur voller Türen, die ich erst gar nicht wahrnehme?
Oder ist das Dazwischen eher ein Bahnhof nachts um halb drei? Die Neonlichter summen, jemand zieht einen Rollkoffer über den Boden, und man selbst sitzt mit einem lauwarmen Kaffee da und tut so, als würde man wissen, auf welchen Zug man wartet. Auf der Anzeigetafel klickern die Buchstaben, ohne dass sich etwas ändert.
Ich erstelle Listen, schmiede Pläne, habe keine Lust, ihnen zu folgen, prokrastiniere, raffe mich ab und zu auf. Es gibt Tage, an denen mich dieser Zustand erschöpft, nicht dramatisch, eher zäh. Und trotzdem liegt in diesem unfertigen Zustand eine merkwürdige Freiheit. Niemand erwartet im Dazwischen Perfektion. Gleichzeitig hoffe ich, dass bald, unbemerkt, etwas passiert. Dann zieht nicht mehr der Gedanke an die Vergangenheit, und der an die Zukunft ist auch nicht mehr mit Sehnsucht behaftet. Dann kann ich die Geschichte anders erzählen, kürzer, sogar beiläufiger, ohne mich dabei zu verteidigen oder zu bemitleiden. Das Neue beginnt, ohne Feuerwerk, mit der Erkenntnis, dass man aufgehört hat, zu oft zurückzuschauen.
Oder ich lebe einfach in den Tag hinein, vergesse das Dazwischen, benenne es „hier und heute“. Wer das Dazwischen nicht mehr Dazwischen nennt, hat sich darin eingerichtet.
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