Eis mit dem Löffel?

Darf man als Grüne Eis mit dem Plastiklöffel essen, fragt sich Kolumnist Henning Hirsch und ändert im Anschluss den Namen seiner Rubrik

Bild: pexels

»Du musst heute eine Kolumne schreiben«, informiert mich Gisela, unsere neue, cloudbasierte Redaktionsassistentin vorgestern um sechs Uhr morgens.
»Weißt du, wie spät es ist?«, frage ich.
»Sechs Uhr eins und dreiundzwanzig Sekunden. Du musst ebenfalls den Namen deiner Rubrik ändern.«
»Warum? Was ist an dem Namen verkehrt?«
»Er ist zu sehr 2018 und klingt stark nach Pornographie.«
»Mir gefällt er. Und auf die Schnelle fällt mir auch nichts Gescheites ein.«
»Abgabetermin 18 Uhr!«, sagt sie und legt auf.

Nun täte man sowohl dem alten Hank als auch mir Unrecht, wenn man uns beide auf Porno und ähnlich Schlüpfriges reduziert. Er war nebenbei ein begnadeter Pferdetotoexperte und konnte blind Mahler und Bruckner voneinander unterscheiden, während ich in der Tageszeitung sowohl den Politik- als auch den Feuilletonteil überfliege, bevor ich zur Panoramaseite mit den leicht geschürzten Pin-up-Girls weiterblättere. Und der letzte Pornostreifen, den ich mir im Kino angeschaut habe, liegt Lichtjahre zurück. Aber Gisela hat nicht ganz Unrecht – einige meiner Kolumnen lassen sich nur mit äußerster Mühe und Wohlwollen des Lektors unter die Überschrift „Bei Hank im Wohnzimmer“ einsortieren.

Verschlafen schalte ich Facebook an – was ich entweder vor oder unmittelbar im Anschluss an meine/m/n morgendlichen Stuhlgang tue –, scrolle mit noch unscharfem Blick durch den Nachrichtenticker, bleibe an einem Foto, das einen Eisbecher zeigt, kleben. Ein an und für sich völlig harmloses Bild, aufgenommen vermutlich bei einer Häagen-Dazs-Session, aus dem mir 5000 Kalorien entgegenlächeln. Darunter Dutzende Wutsmileys und eine Flut Kommentare, die, würde ich sie ausdrucken, von meinem Balkon im sechsten Stock bis runter in den Heizungskeller reichten. Was gibt’s an einem dummen Eisbecher groß rumzustänkern, überlege ich, mache mir erstmal einen Kaffee und studiere dann die Kommis:

Wasser predigen und Wein trinken.

Fahrrad fordern und nach Kalifornien fliegen?

Selbst exzessiv fliegen, dies aber Anderen verbieten wollen – eine grüne Lieblingsdisziplin

Aber eben twitterte sie doch noch: Fight climate change! #actnow. In Kalifornien mit dem Einweg-Eisbecher und Plastiklöffel?

Wow!, denke ich. Worüber man sich so alles aufregen kann.

EU und Grüne fordern Plastikverzicht

Ende Oktober beschloss das EU-Parlament ein Plastikverbot, das u.a. folgende Produktgruppen umfasst: Trinkhalme, Besteck, Teller, To-go-Becher, Rührstäbchen, Plastiktüten. Die Grünen begrüßen die neue Richtlinie ausdrücklich. Zur Jahreswende jettet Katharina Schulze, die Fraktionsvorsitzende der bayerischen Ökos im Maximilianeum, urlaubsreisend nach Kalifornien und postet von dort in Instagram (oder Twitter … egal, alles dasselbe) ein, beim Verzehr einer amerikanischen Speiseeisgranate aufgenommenes, Bild. Wenige Minuten später bricht der kleine Shitstorm los.

Die Logik dieser Empörungsmechanik ist simpel gestrickt: Eine grüne Politikerin darf weder in ein Flugzeug klettern, noch zuckerhaltiges Eis essen und schon gar nicht aus einem Wegwerfbecher mit einem Plastiklöffel. Vor meinem geistigen Auge entwickelt sich folgende Szene:

Verkäufer: »Medium or giant size?«
Schulze: »Do you have Mehrweg-Cups?«
Verkäufer: »Sorry? … With or without chocolat crumbles on top?«
Schulze: »Please wait. I go back to my hotel and ask for a Mehrweg-spoon. I’ll be back in thirty minutes.«

Sie hätte das Eis aber zumindest aus einer Waffel essen können, schreibt eine weiterhin nicht besänftigte Kommentatorin. Haben Sie schon mal versucht, einen tausend Gramm schweren US-amerikanischen Vanilla-Caramel-Brownie-Klumpen in ein Hörnchen zu zwingen, frage ich zurück. Danach Schweigen im Walde bzw. Thread. Müssen Grüne, deren Partei ja vernünftigerweise periodisch wiederkehrend auf den mittlerweile komplett aus dem Ruder laufenden Verpackungsirrsinn hinweist, also ab sofort im Supermarkt nach Schüttgut anstehen: Käse, Schinken, Joghurt in mitgebrachte Keramikbehälter füllen oder mit der bloßen Hand nach Hause transportieren? Dasselbe abenteuerliche Argumentationsmuster, das SPD-Politikern das Tragen einer Rolex oder eines Brioni-Anzugs ankreidet, sich über Linke echauffiert, die anlässlich des Bundespresseballs ein sexy Abendkleid oder einen Smoking überstreifen, Konservative, die sich wegen ihrer Geliebten scheiden lassen, kritisiert, verlangt von Grünen, dass sie sich vor Besteigen eines Flugzeugs nach Übersee bei der Crew zu erkundigen haben, ob der Tank mit Kerosin befüllt wird; falls ja: müssen sie den Atlantik entweder mit einem Schlauchboot durchqueren oder auf den Trip verzichten.

Empörungswelle schwappt ungezügelt rüber ins Neue Jahr

Der Sofasport, an Volksvertreter Verhaltensanforderungen zu stellen, die kein einziger der Kommentarschreiber je erfüllen könnte, nimmt immer beängstigendere Ausmaße an. Eine MdB erzählte mir kürzlich, dass sie generell keine Urlaubsfotos online stellt, weil sie auf Reaktionen à la, „So verprasst ihr unsere Steuergelder auf der Skipiste“, Null Bock hat. War der Empörungsmüll im analogen Zeitalter auf Stammtische, Kaffeekränzchen, Saunaabende und die hinteren Seiten des Boulevards begrenzt, schwappt er einem heute aus jedem dritten Facebookpost entgegen. Der sozialmedienbefeuerte Unrat befleckt bereits morgens um kurz nach sechs meinen Monitor. In Kombination mit völliger Humorlosigkeit der digital Wütenden verursachen solche Beiträge bei mir Kopfschütteln, saures Aufstoßen der chinesischen TK-Nudeln von gestern Abend und den Wunsch, Backpfeifen zu verteilen. Und zwar genau in dieser Reihenfolge.

Ich: statt über den Löffel sollte man sich besser Sorgen über den Urlaubs-BMI von Frau Schulze machen

Sie haben die Bigotterie der grünen Politikerkaste anscheinend immer noch nicht verstanden (Reaktion einer empörten Diskussionsteilnehmerin)

Was kann man da noch antworten?
Nichts, raten Sie?
Stimmt, nichts ist am besten.

Mal losgelöst davon, dass ich selbst nie auf die Idee käme, Eis aus einem Hörnchen zu essen, weil ich seit Kindheit den Geschmack der trockenen Waffel hasse und das Teil binnen weniger Minuten derart aufweicht, dass die Zitronenkugel nicht in meinem Magen, sondern auf dem T-Shirt landet, stelle ich fest, dass die Entrüstungsflut das Neue Jahr erreicht hat. Ich könnte es nun einem der Instagram-Erfinder gleichtun, der in einem zwischen Weihnachten und Silvester in der SZ abgedruckten Interview erklärte, dass er sämtliche sozialen Medien aus seinem Alltag verbannt hat und seitdem endlich Ruhe und Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens gefunden hätte. Aber ganz so weit wie dieser weise Mann bin ich noch nicht auf meinem langen Weg der Erkenntnis vorangeschritten.

Jetzt habe ich allerdings endlich die neue Überschrift für meine Rubrik ausgebrütet:

Aus der digitalen Hölle

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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