Wenn ich die Kommentarspalten in den Sozialen Medien durchschaue, dann fallen mir verschiedene Muster und Dynamiken auf. Eines der interessanteren ist das von der moralischen Empörung und dem „MIR kann das niemals passieren“. Eines der unangenehmsten ist mir persönlich das ab und zu auftretende tragische und grausame Phänomen von dem Elternteil, das sein Kind unbeabsichtigt im heißen Auto vergisst und es tot auffindet. Da fährt es mir immer ganz kalt über den Rücken, denn ich bin eben nicht davor gefeit, dass mir so etwas passieren könnte. Ich tendiere zu Automatismen, wenn ich in die Arbeit fahre. Das ist so ausgeprägt, dass mich meine – zum Glück inzwischen erwachsenen Kinder – manchmal daran erinnern, dass ich nicht der gewohnten Route in die Arbeit folge, da wir eben nicht dahinfahren. Und ich kann in Gedanken so vertieft sein, dass ich meine Mitfahrer vergessen kann. Aber offensichtlich gibt es sehr viele Leute, die nicht nur überzeugt sind davon, dass es ihnen niemals passieren kann, sondern auch noch darüber ihr Mitleid für diese Tragik völlig unterdrücken können.
Empörung garantiert
Ein anderes Muster liest man unter Meldungen über „Kinderschänder“, für die anscheinend ganz viele sogar die inhumane Praxis der Todesstrafe wieder einführen wollen. Wenn jemand sich nicht in diesen aufgepeitschten Fluss von Maximalforderungen nach Strafe einreiht, kann er sich schon mal darauf gefasst machen, als Kinderfeind oder gar mit zur Ursache dieser Sexualverbrechen erklärt zu werden. Es ist ja auch ein wenig problematisch, in diesen kurzen Texten, die man mal schnell auf dem Klo verfasst, differenzierte und dennoch klare Ansagen zu formulieren. Es kann ja schon sein, dass sich der eine oder andere Pädokriminelle in die Diskussion einmischt, aber heutzutage wird er sich wohl kaum unter der Nachrichtenmeldung relativierend äußern, sondern sich lieber in seinen dunklen Chats mit Gleichgesinnten austauschen. Man kann eher davon ausgehen, dass einige mit dem „Schützt die Kinder!“-Strom mit am lautesten schreien.
Horror für Eltern
Abgesehen von diesem sowieso nicht vom normalen Kommentator überprüfbaren, und etwas konstruierten Szenario, verfolgt mich dabei eine ganz andere düstere Idee. Zu dieser Konklusion verhalf mir einst eine Reportage um ein Präventionsprojekt mit einem Teenager mit pädophiler Neigung. Diese war bei dem Jungen früh festgestellt worden, die Eltern klangen in den Zitaten zum Teil verzweifelt. Die Therapie war nicht auf „Heilung“ aus, denn die ist dabei nicht möglich, sondern eben auf Problembewusstsein und Selbstkontrolle. Dieser Artikel hatte mich schwer erschüttert. Wenn bis dahin als Mutter kleiner Kinder der Horror hieß: Meine Kinder dürfen nie Opfer werden, so kam der noch größere und erstickendere Horror: Meine Kinder sollen nie diese Neigung bekommen und nie zum Täter werden. Und wenn man mit dieser statistisch durchaus nicht zu Null gehenden Möglichkeit vor Augen zu diesen Kommentaren zurückgeht, kippt das Bild. Denn es ist einfach, sich moralisch empört gegenseitig zu überbieten, wer die drastischere und ungnädigste Aussage gegen „Kinderschänder“ führt. Und möglichst die aufzuspüren, die auch nur zucken, denn die kann man dann noch zusätzlich als „Kinderfeinde“ markieren. Es ist ein reißender Fluss des Mainstreams, in welchem niemand zurückgelassen werden kann, was mit den eigenen echten Gefühlen und Ansichten nichts mehr zu tun haben kann, denn bei dem Getöse kann niemand mehr in sich selbst hineinhorchen.
Konkrete Begegnung
Ich war vor ein paar Jahren bei einem Besuch bei einem guten Freund, mit dem ich viel über Ethik und Gott und die Welt sprach. Er erklärte mir, dass ein anderer Besucher ein verurteilter Sexualstraftäter war. Über den Fall wusste er aber nicht so viel oder wir hatten nicht konkret darüber gesprochen, so dass ich es nicht aus diesem Blickwinkel abschätzen konnte. Aber ich weiß, es war mir so unangenehm und ich beäugte diesen Fremden so kritisch, zumal meine Kinder dabei waren, dass meine Freundschaft danach etwas gelitten hatte. Ich konnte den humanitären Standpunkt, diesen Menschen so an und für sich zu nehmen und ihm eine Chance geben, einfach nicht folgen. Der Freund hatte viele Argumente auf seiner Seite, und ich bewunderte die christliche Haltung sehr, aber in dem Punkt konnte ich das Ganze eben nicht anders als problematisch sehen. Ich habe auch noch zu anderen Zeiten im Leben Personen kennengelernt, von denen ich wusste, dass sie genau diesen sensiblen Punkt der Pädo- und Sexualkriminalität erfüllten. Die ich aber aufgrund ihres Verhältnisses zu mir eben nicht so leicht abtun konnte.
Wie nahe steht man dazu?
Und das ist ja auch nicht so einfach. Und deswegen werden Nahestehende von Tätern oft in Rechtfertigung und Verleugnung verfallen. Es wird „nichts passiert“ sein, das „juristisch belangbar“ ist. Es wird „doch so ein lieber Mensch“ sein. Es wird „ein Missverständnis“ sein. Und deswegen „hat man sich das nicht vorstellen können“. Weil man vorher sich so sicher empört fühlte, wenn man noch nichts davon wusste, eher: sich dessen nicht klar bewusst war, was es wirklich bedeutet. Und wenn ich diese depersonalisierte Schreierei in den Kommentarspalten lese, worin man Kinder mit dem „Kastrieren“ und ähnlich „harte Strafen“ und „Wegsperren“ von schon Verdächtigen alleine schützen will – dann spiegelt sich darin für mich eine ebenso depersonalisierte Falle des Rechtfertigens und Verleugnens, wenn es einen selbst oder Nahestehenden als Täter betrifft. Mit derselben Vehemenz und Selbstgerechtigkeit. Mit derselben Ansicht, man sei der Gute in dieser Diskussion.
„Ich bin gut“ ist keine Folge einer objektiven Analyse. „Ich bin gut“ ist der Ausgangspunkt der Moral, mit der man über andere und sich urteilt.
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