Ich bin seit einiger Zeit einer Sucht verfallen, oder eher: einer guilty pleasure.Ich gucke regelmäßig auf youtube sogenannte „vertical shows“ oder short dramas aus China. Mit „drama“ bezeichnet man rührselige, romantische Fernsehserien, „short“ sind diese, weil sie nicht dem Schema der 40×50 Minuten (oder so ähnlich) folgen, sondern wirklich in zwei-drei Stunden durch sind. Und sie sind „vertical“, weil sie nicht im üblichen Breitbildformat gedreht sind, die für Fernsehbildschirme und Kinoleinwände gedacht waren. Sondern eben im Hochkantformat des Handys, denn der Zuschauer sieht es genau auf diesem Gerät. Der Plot ist oft sehr übertrieben, ganz auf den emotionalen Effekt auf den Zuschauer zugeschnitten, sehr gerne „revenge plots“, also auf die Befriedigung des Instinkts, eine furchtbare Ungerechtigkeit wieder heimzuzahlen. Das geht so weit, dass die Protagonisten (oder meist: Protagonistinnen, um dem meist weiblichen Publikum komplette Identifikation zu bieten) gedemütigt, geschlagen, zerstört, getötet werden. Und wenn letzteres eintritt, dann wachen sie einfach – wiedergeboren – eine Zeit früher in ihrem Leben wieder auf und wissen jetzt, wer sie betrügen wird und wie sie ihre Feinde für ihr vorheriges unglückliches Leben bezahlen lassen.
Immer dasselbe, nur wenig anders
Die Variation besteht dann nur noch in Details.
Es ist schwer zu erklären, warum diese unglaublich krude erscheinende Kunstform so erfolgreich ist.
Natürlich erreicht man eine gewisse Fatigue und der 131ste „sisters reborn“-Plot verliert den Reiz und man schaltet dann tatsächlich beim ersten Makel des Dramas ab und sucht nach dem nächsten. Und man sieht ein Zweistundendrama schneller als selbst die Vertical-Drama-Filmfabrik China nachreichen kann. Doch die chinesischen, asiatischen und weltweiten Zuschauer wollen schnell mehr und mehr. Die Antwort auf diesen ewigen Hunger auf Mehr las ich vor Kurzem: KI-Content.
KI – bemerkenswert
Ich habe mich gefragt, ob ich schon eine weichere Integration von KI bemerkt hätte? In der letzten Woche bekam ich die Antwort. Ich stieß auf diese beiden Filme: https://youtu.be/eSXD-faM2Mw und https://youtu.be/QzPUUjRO5p8. Ich brauchte ein paar Minuten, um zu bemerken, dass da was nicht stimmte: Es waren die Gesichter. Bei diesen zwei Videos waren die Gesichter verwirrend gleich. Und dann noch irritierend auf ganz wenige Emotionen im Gesicht konzentriert. Und dann fiel mir die leicht grau-beige Gesichtsfarbe auf, die stark konturiert erschien. Und die Haare!! Bei jedem Close-up flogen sie leicht und romantisch im Wind!
„Uncanny valley“
Das ist also dieses „uncanny valley“ der KI. Das FAST richtig, aber dann doch nicht. Dieses unheimliche Gefühl der Vertrautheit, die dann subtil betrogen wird. KI. KI!!! In den Kommentaren dazu: KI!!! Ich kommentierte auch: KI! Man flüsterte offen: KI, man tauschte die Information aus: KI!
Was bedeutet dieser Begriff der „Uncanny Valley“ und was bedeutet er? Es ist das drastisch einsetzende Unbehagen („uncanny“ heißt: unheimlich), das man gegenüber einer sehr stark humanoiden Form gegenüber fühlt. „Valley“ = Tal deswegen, weil es sich um das starke Einbrechen der Akzeptanz-Funktion, wenn man einen Menschen sieht, und einen Roboter. Man akzeptiert einen Menschen, man akzeptiert auch einen Roboter, und einen anthropomorph, also menschlich gebauten sogar noch mehr. Aber nur bis zu einem Punkt. Wenn er zu humanoid ist, aber eben NICHT menschlich – dann erzeugt er ein gruseliges Gefühl und man fühlt sich abgestoßen.
Und das Gefühl setzte hier beim Betrachten des Videos ein. Gut, dachte ich. Erkannt! Wenn man die Information dazu herunterklappt, dann sieht man auch die Bestätigung: „Made with AI“.
Bleibt das so uncanny?
Doch ist das wirklich todsicher, es immer und in alle Ewigkeit, zu erkennen? Ich fürchte, nein. Oder nein, ich „fürchte“ es nicht. Denn seien wir mal ehrlich: Wenn ich dieses uncanny Gefühl nicht gehabt hätte, was hätte es mich gejuckt, das 131. „sisters reborn“-Drama jetzt von der KI zu sehen? Der Schritt von dem Massenprodukt mit dem fast gleichen, vorhersehbaren Plot mit minimaler Originalität, mit einer Kunsthandwerklichkeit versehen, die nichts mehr mit dem hehren Kunstideal unserer Vorstellung zu tun hat, mit den vorstellbar langweiligen und routinierten Handgriffen der Beteiligten (Autor, Regisseur, Schauspieler etc.), die die Perfektionierung und Angleichung an die Erwartung zum Ziel hatte, und nicht ein psychologischer Ausdruck innerer Größe war – dieser Schritt ist doch denkbar klein. Und sehr konsequent. Wenn das chinesische short drama dem Algorithmus der Effekte und des reinen Erfolgs folgt, dann kann der Algorithmus noch genauer von der KI übernommen werden. Wenn der Schauspieler gutaussehend, schlank, möglichst stereotyp im Schönheitsideal verschwinden soll, das Setting nur noch symbolhaft und perfekt die Kulisse bietet, wenn die Stimmen der Schauspieler sowieso (und das kommt in der chinesischen Filmindustrie noch hinzu) synchronisiert sind (also im Prinzip sowas wie synthetisiert), wenn die Handlung einem Kochrezept statt einem Gefühl oder der Unvorhersehbarkeit der Originalität folgt – dann ist die KI doch die perfekte Lösung.
Kunst und Künstler versus Künstlichkeit
Und bevor jetzt jemand aufschreit: Wie schrecklich!! Der Tod der Kunst! Der Tod des Künstlers! – möchte ich entgegnen: Welches von dem, was ich bisher beschrieben habe, hat auch nur den Hauch von „Kunst“? Es ist schon längst nicht mehr „Kunst“. Im Gegenteil, es zieht auf sich alles, was NICHT Kunst an der Kunst ist. Also, wenn man „Kunst“ versteht als Originalität, als Anarchie, als Subjektivität, als Gefühl, als politisches Statement, als das Innerste nach Außen Kehren eines zutiefst Menschlichen. Wenn das Handwerkliche nicht mehr die Essenz der Botschaft überdeckt.
Malerei & Fotografie
Hatten wir das nicht schon mal? Wenn die Malkunst im 19. Jahrhundert durch die Fotografie erstens eine Hilfe, zweitens eine Gefahr, drittens eine Befreiung darstellte, dann ist die Parallele sofort sichtbar. Das Erscheinen dieser neuen Technologie damals erlaubte auf jeden Fall den Malern die (Hin-)Zunahme der Subjektivität – und dass erst der Impressionismus, dann der Expressionismus und anschließend die Auflösung des Realen im Kubismus und in der abstrakten Malerei folgten, das wäre ohne die Fotografie wahrscheinlich nicht aufgetreten. Vielleicht nicht einmal möglich gewesen. Und die Fotografie erschuf ihren eigenen Kunstbereich noch dazu, Expressionismus eingeschlossen. Die realitätstreue Abbildung durch die Technik befreite die Kunst selbst von dem Ideal der Realitätstreue.
Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder
Das ist ein bisschen anders bei der KI. Sie hat ihre eigene „Befreiung“ neben ihren Tücken. Ein drastischer Vorteil ist die Fähigkeit zur Fantastik, die damit realistisch und bezahlbar wird. Und die Stuntmänner und -frauen werden ihren Job verlieren, aber auch die Gefahr ihres Jobs. Die CGI-Heerscharen mit all den Details-Arbeiten werden auf kleine Ein-Mann-Prompt-Jobs schrumpfen. Und ich bin überzeugt, dass die KI-Short-Drama-Industrie sich selbst auffressen wird. Denn der Algorithmus war, was diese Manufakturen antrieb, das Immergleiche in Varianz zu produzieren. Und Varianz und Algorithmus sind das Feld der KI. Der nächste Schritt ist sowieso der Prompt des Users selbst, der sich sein eigenes Produkt erschaffen wird, wenn es nur ein Rezept dazu braucht.
Spekulation: Befreiung der Kunst
Ich möchte jetzt dazu sagen: Und so wie die Malerei einen Innovationsschub und Boom neben der Fotografie erlebte, so wird die Kunst und Originalität und Subjektivität auch beim Film eine vorher nicht mögliche Entwicklung erleben, wenn die Fantastik, die Abstraktion, die Großartigkeit nicht mehr von enormen Geldgaben, Mannstärke und Perfektion von menschlichen Akteuren (=Schauspielern) abhängig sind. Ob das aber wirklich zu diesem utopischen Sein der 9. Kunst führt? Oder ist die Parallele eher in der Entwicklung des Internets zu sehen, als man zuerst meinte, dass der allgemeine Zugang zur Öffentlichkeit jenseits etablierter privilegierter Medien wie Fernsehen und Presse zu einer direkten Demokratisierung führt? Und wir alle wissen, wie wüst und leer diese Überfüllung an Subjektivität anmutet, wie geradezu antidemokratisch das Ergebnis scheint.
Drastische Warnungen
Nicht umsonst wurde die Popularisierung der KI durch ChatGPT an jenem schicksalshaften 30. November 2022, als Open AI den Chatbot lancierte, sehr schnell begleitet von größten Warnungen. Nicht nur der Verlust von Jobs und Kreativität, sondern bis hin zur totalen Auslöschung allen Menschlichen, ja der Menschheit wurde beschworen. Das war beim Internet und davor beim Personal Computer noch anders. In der Erinnerung an diese bleibt dabei das völlig falsch liegende Abtun als irrelevant, als der größte Fail der technologischen Prognosen. Im Jahr 2023 aber war ChatGPT in aller Munde, explosionsartige Nutzerzahlen und die mediale Aufmerksamkeit war mit nichts von den beiden anderen Entwicklungsrevolutionen vergleichbar. Apokalypse und Übertreibung parallelisiert durch diese Disruption.
Genre-Künstlichkeit und Überstimulation
Wie ist das bei Effekt- und Genre-Filmen? Sie brauchen die Erhöhung der Stimulation. Durch eine Betonung von Aspekten. Eine solche Erhöhung über das Normalmaß hinaus. Nicht die psychologische und physische Erdung und Normalität, sondern das Erregen einzelner Emotionen im Zuschauer. Pornos brauchen große Genitalien und Brüste, Horrorfilme gruselige Musik und schauerliche Ereignisse, Romantik Tränen und Schönheit etc. Und dass man echte Schauspieler zu diesen Extremen nicht mehr braucht – kann nur gut sein. Doch – dass sie dadurch keine Instanz der Einschränkung mehr haben? Dass keiner mehr sagt: Ich ertrage es nicht, als Schauspieler eine derartige überzogene Geste auszuführen. Ich möchte als Produzent keine solche deviante Story finanzieren. Ich finde als Regisseur an der Stelle nichts Großartiges mehr, sondern nur noch Blödsinn. Etc.
Checkpoints fallen weg
Diese im Moment vorhandenen Instanzen des Checkings fallen dann weg. Wenn ein einziger Prompter mit einer mächtigen KI einen Film erzeugen kann, der früher Heerscharen von Beteiligten brauchte, und ganz schön viel Geld, wird der begrenzende Faktor stark verringert. Anders als etwa beim Buch oder beim Bild, bei dem auch nur ein einziger Schaffender zeichnet, hat Film eine überwältigende Macht über mehrere Kanäle der Sensorik des Zuschauers. Dann bleibt nur noch die Autonomie der Wahl beim Konsumenten, dieses Machwerk zu sehen oder nicht zu sehen. Und die Fähigkeit des Menschen, sich unwohl zu fühlen, wenn eine solche Überstimulation dauerhaft wird. Aber da ich immer noch das 131. „sisters reborn“-Drama sehen möchte, nur ohne das uncanny valley der KI-Produkte, so wie sie jetzt noch sind – habe ich eine gewisse Angst. Nicht vor der KI. Vor der Schwäche der Menschen.
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