Aller guten Dinge sind vier

Autokraten-Tochter Keiko Fujimori erfüllt sich im vierten Anlauf endlich ihren Lebenstraum: Vater Alberto in den peruanischen Präsidentenpalast zu folgen

Im vierten Anlauf hat es Keiko Fujimori endlich geschafft: Peru wählt erstmals eine Frau ins Präsidentenamt – und ausgerechnet die Tochter des Mannes, dessen politisches Erbe das Land bis heute spaltet.

Vierzigtausend Stimmen. So viel trennte am Wahlabend des 7. Juni die Frau, die Peru seit fünfzehn Jahren mit fast rührender Verlässlichkeit immer knapp verfehlt, von dem Amt, das einst schon ihr Vater innehatte. Am Ende waren es, nach zähen Wochen der Nachzählung, gut 0,24 Prozentpunkte – ein Vorsprung so dünn, dass man ihn fast für eine Verwechslung halten möchte. Die 51-Jährige kam auf 50,13 Prozent der Stimmen, wie das Wahlamt des südamerikanischen Landes mehr als drei Wochen nach der Stichwahl mitteilte. Keiko Sofía Fujimori Higuchi, 51, wird damit Perus erste Präsidentin. Nach acht Staatschefs in zehn Jahren, von denen keiner eine volle Amtszeit überlebte, klingt das beinahe wie eine Erfolgsgeschichte. Und da peruanische Präsidentschaften gelegentlich hinter Gittern enden. Keiko hatte wenigstens schon vor Amtsantritt Erfahrung mit Untersuchungshaft gemacht. Gut für sie, wenn sie das Soll vieler peruanischer Staatschefs der jüngsten Zeit damit schon erfüllt hätte.

Ihr Gegner Roberto Sánchez, der das politische Erbe des wegen Putschversuchs verurteilten Linkspopulisten Pedro Castillo verwaltet, erkennt das Wahlergebnis allerdings bis heute nicht an. Er spricht von Wahlbetrug, fordert Neuauszählungen für 1.751 Wahltische in Lima und sammelte dafür Spenden über die Bezahl-App Yape – Demokratie im Mikrofinanzierungsformat. Es ist eine Pointe von beinahe klassischer Symmetrie, dass Fujimori, die 2021 nach ihrer knappen Niederlage gegen Castillo monatelang „Unregelmäßigkeiten“ witterte, nun selbst Opfer derselben Rhetorik wird. Die Wahrheit liegt, wie meist in Peru, irgendwo zwischen Stimmbezirk und Verschwörungstheorie: Während Sánchez im indigen geprägten Süden klar führt, hat Fujimori die Auslandsperuaner mit über 63 Prozent regelrecht eingesammelt. Auch in der Hauptstadt Lima konnte sie abräumen.

Die Tochter, die Erste Dame war, bevor sie volljährig wählen durfte

Wer Keiko Fujimori verstehen will, muss 1994 anfangen, im Jahr, in dem die damals 19-jährige Keiko von ihrem Vater zur First Lady erklärt wurde – eine Familienkonstellation, die selbst für lateinamerikanische Verhältnisse ungewöhnlich war. Sechs Jahre später verließ Alberto Fujimori das Amt und ging nach Japan, während seine Tochter in Lima zurückblieb, um die Marke „Fujimorismo“ am Leben zu halten – jene Mischung aus harter Sicherheitspolitik und wirtschaftsliberaler Rhetorik, die ihrem Vater nach der Bekämpfung der linken Terrororganisationen Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) und MRTA (Revolutionäre Bewegung Túpac Amaru – Movimiento Revolucionario Túpac Amaru) bis heute beträchtliche Sympathien sichert, auch wenn diese Jahre ebenso mit schweren Vorwürfen wegen Menschenrechtsverletzungen verbunden bleiben.

Ein MBA-Studium an der Columbia University, ein US-amerikanischer Ehemann, zwei Töchter – Keikos Lebenslauf klingt auf den ersten Blick perfekt bürgerlich. Doch 2018 holte die Vergangenheit sie ein: 36 Monate Untersuchungshaft wegen Geldwäscheverdachts im Zusammenhang mit dem brasilianischen Baukonzern Odebrecht, der halb Lateinamerikas politische Klasse mit Schmiergeldern versorgt zu haben schien. Fujimori saß, hörte sich das Urteil mit unbewegter Miene an und kam erst durch Verfahrensfehler wieder frei – nicht durch einen Freispruch, sondern durch jene Art von Formalismus, die in Perus Justiz fast zuverlässiger funktioniert als ein Schuldspruch. 2025, kaum dass Perus Verfassungsgericht die Vorwürfe wegen Rückwirkungsverbots fallen ließ, meldete sie sich zur vierten Kandidatur an.

Programm: Härte, Sicherheit, und ein Familienname als Geschäftsmodell

Politisch hat Fujimori im Wahlkampf jene Karte gespielt, die derzeit von Santiago bis Bogotá gegenwärtig verlässlich zieht: Sicherheit. Wie José Antonio Kast in Chile und Abelardo de la Espriella in Kolumbien hat sie der explodierenden Kriminalität – Mordfälle haben sich seit 2018 mehr als verdoppelt – einen knallharten Kampf angesagt. Wie sehr Keiko damit den Nerv trifft, erkennt man aus der Ferne auch daran, dass sich meine einstige Gastfamilie in Lima angesichts der Eskalation der Alltagsgewalt nach der „harten Hand“ des Chinos, wie Alberto Fujimori zu Lebzeiten volkstümlich genannt wurde, zurücksehnt. Auch mein peruanischstämmiger Arzt verzichtet angesichts der Horrorgeschichten über die Gewalt in Lima seit ein paar Jahren darauf, seine Familie in Peru zu besuchen. Wirtschaftspolitisch positioniert sich Keiko Fujimori dagegen klassisch wirtschaftsliberal: mehr Investitionsanreize, weniger Regulierung, eine Fortführung des marktwirtschaftlichen Kurses, der Peru über Jahrzehnte makroökonomische Stabilität bei gleichzeitig fragiler Staatlichkeit verschafft hat.

Auch das Umfeld von Keiko Fujimori spaltet Peru. In ihrer Partei Fuerza Popular sind bis heute ehemalige Minister ihres Vaters aktiv, der sein Amt bereits im Jahr 2000 nach Massenprotesten abgegeben musste. Daran erinnere mich übrigens noch sehr gut. Denn ich war bei einigen dieser Proteste dabei. Nicht weil ich persönlich etwas gegen Vater Fujimori gehabt hätte. Dafür hatte ich mich damals zu wenig mit ihm und seiner Politik beschäftigt. Aber einige der hübschen Frauen von meiner Universität gingen dahin. Und da dachte ich: Cape diem.

Und dann ist da noch Keikos Bruder Kenji, der einst beim Versuch erwischt wurde, Stimmen für die Begnadigung des Vaters zu organisieren. Das hat ihn politisch erledigt; die Dynastie hat sich somit auf eine Erbin verschlankt. Ob Keiko ihrem Vater, der 2024 verstarb, postum jene Rehabilitierung verschafft, die ihm zu Lebzeiten verwehrt blieb, wird eine der stillen Leitfragen ihrer Amtszeit sein – auch wenn sie 2011 noch bei Gott schwor, ihn niemals zu begnadigen.

Aussichten: Regieren mit einer Mehrheit von vierzigtausend Stimmen

Die eigentliche Herausforderung beginnt erst jetzt, nachdem Keiko nach vier Anläufen – mutmaßlich – endlich am Ziel ist. Eine Präsidentin, die mit hauchdünnem Vorsprung antritt und ein Land erbt, das in Lima und im Norden für sie, im indígenen Süden aber mehrheitlich gegen sie gestimmt hat, erbt keine Regierungsmehrheit, sondern einen Riss. Hinzu kommt die Rückkehr zum Zweikammersystem, das die parlamentarische Architektur verändert, ohne die alten Reflexe – schnelle Amtsenthebungsverfahren, fragile Koalitionen – automatisch zu heilen. Sollte Sánchez seine Niederlage weiterhin nicht anerkennen, beginnt Fujimoris Amtszeit nicht mit einer Inauguration, sondern mit einer Legitimitätsdebatte, die sie selbst 2021 gegen Castillo mit denselben Worten geführt hat.

Für Beobachter in Europa bietet sich damit ein vertraut ambivalentes Bild: eine Präsidentin, die mit ihrem wirtschaftspolitischen Instinkt – Marktoffenheit, harte Linie gegen organisierte Kriminalität – grundsätzlich richtig liegen dürfte, deren familiäres und justizielles Gepäck aber schwer genug wiegt, um jede Reformagenda zu belasten. Peru braucht keine vierte Fujimori-Kandidatur als Erlösungsgeschichte, sondern endlich eine Präsidentschaft, die eine volle Amtszeit überlebt. Ob ausgerechnet sie dafür die Richtige ist, wird sich frühestens an ihrem ersten Misstrauensvotum zeigen.

 

 

Fußnoten

1 ONPE, Resultados de las Elecciones Generales 2026, Lima 2026; Reuters, 24. Juni 2026.

2 Jurado Nacional de Elecciones (JNE), Cómputo oficial de la segunda vuelta presidencial de 2026, Lima 2026.

3 Reuters, Peru’s Fujimori alleges fraud after Castillo victory, 2021; Julio F. Carrión (Hrsg.), The Fujimori Legacy, University Park 2006.

4 Jo-Marie Burt/Aldo Panfichi (Hrsg.), Politics in the Andes, Pittsburgh 2021, S. 214–217.

5 Tribunal Constitucional del Perú, Expediente Nº 00018-2024-PI/TC, Lima 2025.

6 Observatorio Nacional de Seguridad Ciudadana del Perú, Reporte Estadístico de Criminalidad 2018–2025, Lima 2025.

7 Julio F. Carrión (Hrsg.), The Fujimori Legacy, University Park 2006.

8 Congreso de la República del Perú, Ley de Reforma Constitucional que restablece la bicameralidad, Lima 2024.

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