Regen bedeutet Hoffnung

Überraschung in Paraty

An einem einzigen Tag durchquerten wir mehrere biologische und klimatische Grenzen, mehrere Welten: kühle Höhen des Plateaus mit seiner endlosen Stadt, die Serra do Mar, das Küstengebirge, den Regenwald, der die Hänge hinunterwächst, bis ans Meer, die Mangroven.

Bild: J. Grinberg

Ich fliege seltenst und ungern, aber wenn schon, dann richtig, zum Beispiel nach Brasilien. Silvester 2025 feierten meine Kinder und ich in Porto Alegre, danach ging es weiter zu den Iguazú-Wasserfällen, dann nach Rio und anschließend nach São Paulo zur Verwandtschaft. Von São Paulo aus unternahmen wir einen Ausflug nach Paraty – mein Cousin, meine Nichte und wir drei. An einem einzigen Tag durchquerten wir mehrere biologische und klimatische Grenzen, mehrere Welten: kühle Höhen des Plateaus mit seiner endlosen Stadt, die Serra do Mar, das Küstengebirge, den Regenwald, der die Hänge hinunterwächst, bis ans Meer, die Mangroven. Teils war es so steil, dass es nach verbranntem Gummi roch – in den scharfen Kurven musste man den Wagen bei der Abfahrt ständig bremsen. Hochebene, Gebirge, Nebelwald, Mata Atlântica, Atlantik – anderswo braucht man Wochen dafür, und hier legten wir die ganze Strecke fünf Stunden zurück.

In Paraty nahmen wir ein Boot und hopsten von Insel zu Insel. Wenn das Wort „paradiesisch“ nicht so abgedroschen wäre, hätte ich es glatt verwendet. Wir aßen, tranken und sonnten uns mitten im besten Bild eines verführerischen Urlaubskatalogs. Plötzlich schlug das Wetter radikal um, es fing an zu regnen, heftig, wie es nur in den Tropen sein kann. Wir legten an, liefen in die Stadt, wollten uns in einer Einkaufspassage unterstellen. Und was sehe ich da? Eine ukrainische Flagge und ein Schild auf Portugiesisch und Ukrainisch – hier, in Paraty!

Ich rannte sofort hinein, rief einen Gruß auf Ukrainisch, und mir entgegen kam eine bildhübsche Frau, wie aus einer Reklame im ukrainischen Fernsehen, lächelnd, verwundert – so lernte ich Olena Hordiienko kennen.

Sie kam aus Charkiw. Was ihre Familie besaß, war dem Erdboden gleichgemacht. Auf der Flucht war sie schwanger; die Flucht selbst war schrecklich, sie mag sich daran nicht im Detail erinnern. Hier, in Paraty, am anderen Ende der Welt, hat sie ihre Tochter zur Welt gebracht. Kurz darauf eröffnete sie ein Café Clorofila.

Sie trocknet Obst und Gemüse, macht Chips daraus und Pastillen. Das kennt man in Brasilien nicht: Obst ist immer frisch da, und bis jetzt kam keiner auf die Idee, Pastillen einzukochen. Sie macht Smoothies – nicht nur erwartbare Orange-Spinat-Avocado, sondern Borschtsch-Smoothie, Zucchini-Rote-Bete-Smoothie, Dinge, die für Brasilien so exotisch sind wie für uns die überreifen Mangos im Angebot.

In jedem Glas steckt ein Stück Charkiwer Garten, hier zwischen Tropen und Atlantik, und es trägt Früchte. Ihr Geschäft läuft inzwischen gut, sie verkauft nicht nur vor Ort, sondern mittlerweile viel online. Das Land ist riesig, die Nachfrage wächst. Ich kaufte für unsere ganze Mannschaft Smoothies zum Mittag und Pastillen als Mitbringsel.

Es regnete den ganzen Nachmittag in Paraty. Regen bedeutet Hoffnung, fiel mir der alte Aberglaube ein. Wir durchquerten an einem Nachmittag mehrere Weltregionen. Olena hatte eine ganze Welt hinter sich gelassen – und hier eine neue angelegt, für sich und die anderen.

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