SAD – das heißt „saisonal abhängige Depression“ – ist mittlerweile ein bekanntes Phänomen. Depression bedeutet dabei nicht nur „mal schlecht drauf sein“, sondern antriebslos, erschöpft, freudlos. Dieser seelische Mangelzustand wirkt sich auch auf den Körper aus, beispielsweise durch Schlaf- und Appetitstörungen sowie chronische Schmerzen.
Bei SAD denkt nahezu jeder an die jahreszeitlich bedingten depressiven Leiden in der dunkleren Hälfte des Jahres. Wenig Sonne, kurzes Tageslicht, kalte Temperaturen, die meiste Zeit verbringt man drinnen – kein Wunder, dass so etwas eine depressive Episode fördern kann, wenn man die Disposition dazu besitzt.
Wenn man hingegen die Sommerdepression zur Sprache bringt, erntet man im besten Fall ein nachsichtiges Lächeln, im schlechtesten Fall sogar regelrechte Verärgerung, als ob man den Gegenüber gerade veräppeln möchte. Dabei existiert sie tatsächlich. Und die Betroffenen leiden nicht nur unter den seelischen und körperlichen Symptomen der Depression, sondern zusätzlich unter der sozialen Erwartungshaltung, im Sommer gefälligst fröhlich zu sein.
Seltener, aber nicht extrem selten
Unter einer voll ausgeprägten Sommerdepression leiden etwa 5-10% aller Menschen, vorwiegend Frauen. Fasst man die Definition etwas weiter und zählt Sommerblues und hitzebedingte, chronische Erschöpfungszustände hinzu, steigt die Zahl auf rund 25%.
Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Und ich bin eine davon. Wenn die Tage länger werden und die Temperaturen deutlich steigen, beginnt für mich die Hölle.
Wie ich den Sommer empfinde
Während ich diese Zeilen schreibe, ist es 10 Uhr vormittags und es herrschen draußen bereits 29°C. Ich verspüre die ganze Zeit ein unterschwelliges Pochen hinter der Stirn, meine Augen sind verquollen und brennen. Denn ich habe trotz geöffnetem Fenster, Deckenventilator und Doxylaminsuccinat wieder einmal kaum geschlafen. Das wird meine Realität für die nächsten Monate sein, wann immer die Temperaturen über 25°C klettern.
Der Sommer ist von allem einfach zu viel. Zu viel Hitze, zu viel grelles Licht, zu lange Tage, zu viele Menschen da draußen, zu viel „Freu dich doch, die Sonne scheint!“. Ein Körpergefühl von siebzig Kilo vergammelndem Hack. Der Gestank von Grillkohle, über der Billigfleisch vom Discounter malträtiert wird, während Andreas für den Geschmack noch einen Schluck Bier darüber gießt. Schlagermusik von Volksfesten, die leider auch meinen Garten hinterm Haus erreicht, den man im Sommer tagsüber nur unter Lebensgefahr betreten kann (Südseite!).
Ich verbarrikadiere mich im Haus, sperre Hitze, Lärm und Licht durch Außenjalousien aus und habe inzwischen in jedem Raum Deckenventilatoren installiert. So komme ich einigermaßen unbeschadet und halbwegs entspannt – wäre da nicht die chronische Übermüdung – durch den Tag. Ganz nach dem Vorbild der Südeuropäer, die dir den Vogel zeigen, wenn du in der Nachmittagshitze draußen herumturnst, und das Tagwerk lieber in die Abendstunden verlegen.
Und wenn ich dann in jenen Abendstunden, wenn die Hitze nur noch sehr schlimm anstatt extrem schlimm ist, doch mal in den Garten schleiche, dann grüßen die Nachbarn: „Wir dachten schon, ihr seid weggefahren! Alle Rollos unten und man sieht euch bei dem schönen Wetter gar nicht draußen!“ Und natürlich, durch eindeutige Blicke noch hinzugefügt: Wie kann man nur so ein Stubenhocker sein?
Danke, Brigitte, aber Hitzschlag, Migräne und Hautkrebs sind tatsächlich nicht so mein Ding. Ich vermisse meine gemütlichen Abende bei Kerzenschein, wenn es draußen dunkel wird. Und zwar eher so gegen 18 Uhr statt 22 Uhr.
Wie eine SAD im Sommer entsteht
Aber wie kann das denn überhaupt sein, dass Menschen im Sommer ihren Antrieb verlieren und ihr Leben hassen? Umgekehrt müsste es doch sein – Licht, Wärme, Vitamin D, Aktivitäten draußen, das weckt doch die Lebensgeister!
Nee. Bei manchen erstickt es sie im Keim. Und das kommt so:
1. Hitze
Hitze belastet Körper und Kreislauf. Es wird viel Energie verbraucht, um die Körpertemperatur herunterzuregulieren. Energie, die dann an anderer Stelle fehlt und sich in Erschöpfung und häufig auch Verdauungsproblemen äußert. Außerdem steigt die Gefahr einer Dehydrierung. Wer zu Migräne neigt, hat im Sommer oft häufiger Anfälle durch die Weitstellung der Gefäße, Luftdruckschwankungen und Photosensitivität. Und glauben Sie mir, Migräne sind nicht einfach nur ein paar Kopfschmerzen. Sie sind absolute Folter.
2. Hormone
Melatonin ist ein Hormon, das unseren Schlaf-Wach-Rhythmus regelt. Seine Ausschüttung ist tageslichtabhängig, weshalb wir im Winter oft müder sind – im Sommer durch die extrem langen Tage aber wiederum einen Mangel daran haben und nicht schlafen können. Chronischer Schlafmangel und innere Unruhe sind wiederum starke Trigger, die eine depressive Episode auslösen können.
3. Sozialer Druck
Dieser Faktor ist einer, mit dem SAD-Betroffene im Winter kaum zu kämpfen haben. Dass man sich in der kalten Jahreszeit zurückzieht, müde und nicht in bester Stimmung ist, dafür fühlen die meisten eine gewisse Empathie.
Anders sieht es aus bei Depressionen im Sommer: In der Sonne liegen, mit Freunden grillen, ins Freibad gehen, endlos lange Abende draußen genießen – wie kann man denn so was nicht lieben? Was stimmt mit diesen Menschen nicht? Da herrscht noch weniger Verständnis als für „Ich trinke keinen Alkohol“ und „Ich will keine Kinder“. Den Sommer muss man lieben. Das ist Gesetz.
4. Menschen. Überall sind Menschen.
Als jemand, der die leergefegten Straßen eines Lockdowns heimlich genossen hat, ist dieses Gewimmel überall nur schwer zu ertragen. Man kann nicht mal mehr den Müll rausschaffen, ohne jemandem zu begegnen, jedenfalls nicht vor 2 Uhr morgens. Sobald man einen Fuß in den Garten setzt, wird man von allen Seiten mit dem neuesten Tratsch aus der Nachbarschaft vollgequasselt. Das Geräusch von überstrapazierten Trampolinfedern, gegen Wände gekickten Bällen und kreischenden Kindern sorgt für die akustische Untermalung dieses Grauens, das die meisten richtig toll finden. Aus Gründen, die ich in diesem Leben nicht mehr verstehen werde. Muss ich ja aber auch nicht. Es versteht schließlich auch nicht jeder, wie um alles in der Welt ich den Herbst und den Winter so lieben kann.
Wenn die Fröhlichkeit versagt
Ganz ehrlich: Den Sommer nicht genießen zu können, fühlt sich trotzdem manchmal wie ein Versagen an. Als hätte man irgendetwas verpasst oder nicht verstanden, das für alle anderen anscheinend selbstverständlich ist. Und genau dieser Druck, der einem gemacht wird, weil man nicht mit einem fröhlichen Lächeln über die dürren Wiesen tanzt, bringt einen dazu, sich sozial noch mehr zurückzuziehen. Man will den Hitzefanatikern ja nicht ihre krampfhaft gute Laune verderben, aber drei Monate lang schauspielern, dass man diese Hölle auch so richtig geil findet, ist auch nicht drin. Es gibt eben auch so was wie toxische Positivität.
Tipps für den Umgang
Wenn Sie das nächste Mal jemandem begegnen, der offensichtlich keinen Spaß am Sommer hat, reagieren Sie bitte nicht mit: „Dein Ernst? Das ist doch die schönste Zeit im Jahr!“
Das ist ungefähr so, wie jemandem, der mitten in einer Chemotherapie steckt, zu sagen, dass Glatze doch eigentlich die praktischste Frisur von allen ist.
Nehmen Sie die Person ernst und reden Sie ihr nicht ein, dass ihr Empfinden nicht valide ist, sondern genau das Gegenteil sein müsste. Nur weil Sie etwas ganz wunderbar finden, müssen andere das noch lange nicht tun. Diesen Menschen geht es teilweise so schlecht, dass sie Suizidgedanken haben.
Drängen Sie sie nicht zu sozialen Zusammenkünften in der prallen Sonne. Wenn Sie sich mit dieser Person treffen wollen, kommen Sie ihr entgegen und verlegen das Treffen in die kühleren Abendstunden – oder akzeptieren Sie einfach ein Nein.
Es gibt hier kein „Aber du musst doch …“. Wir müssen gar nix.
In diesem Sinne: Ich sehne den September herbei. Nicht nur, weil ich da Geburtstag habe, sondern weil sich der Sommer dort unaufhaltsam von dannen macht, auch wenn er sich gelegentlich noch ein letztes Mal aufbäumt.
Die Tage sind schon deutlich kürzer in jenem Monat. Die gemütlichen Abende kommen wieder, die Aussicht auf raschelndes Laub und kühle Nächte. Und ich fühle mich endlich nicht mehr wie gammelndes Hack, sondern wieder wie ein Mensch. Ein Mensch voller Energie und Tatendrang.
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