Es gibt auf dieser Welt wenig Unerschütterlicheres als das Selbstvertrauen eines südamerikanischen Fußballfans. Egal ob die Heimmannschaft gerade 0:3 gegen Ecuador verloren hat – und ja, auch das kommt vor, selbst wenn der amtierende Weltmeister dabei ist – die Gewissheit bleibt: Der Titel gehört uns. Nur logistisch muss das noch mit den Ergebnissen abgeglichen werden.
Zur WM 2026, die ab dem 11. Juni in den USA, Kanada und Mexiko ausgespielt wird, reisen sechs südamerikanische Nationalmannschaften an: Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Uruguay und Paraguay. Sechs Teams, zehn WM-Titel unter sich (fünf für Brasilien, drei für Argentinien, zwei für Uruguay), und eine kollektive Überzeugung, dass Europa irgendwie immer nur durch Glück gewinnt. Schauen wir genauer hin.
Argentinien: Der Titelverteidiger und sein Problem namens Sterblichkeit
Argentinien ist Weltmeister. Das ist bekannt. Und die Argentinier würden es auch dann nicht vergessen, wenn sämtliche Kontinentalverbände sich zusammenscharen würden, um es aus sämtlichen Nachschlagewerken zu tilgen. Die Albiceleste gewann 2022 in Katar auf eine Art und Weise, die selbst Nichtargentinier mit einer gewissen Sentimentalität erfasste – Lionel Messi, endlich mit dem Pokal.
„Aus dem Argentinien-Problem wird ein Messi-Problem: Was passiert, wenn der Mann mit den göttlichen Füßen sich das Knie verstäuchelt?“
Vier Jahre später ist Messi 38 Jahre alt – ein Alter, in dem andere Profifußballer längst als Co-Kommentatoren für das Fernsehen arbeiten oder Memoiren schreiben. Messi dagegen spielt noch, natürlich, denn er ist Messi. Die Frage, ob er bei der WM 2026 antreten wird, ist – zumindest nach aktuellem Stand – bejaht. Trainer Scaloni hat Vertrauen in seinen Superstar gesetzt. Das ist schön. Das ist auch riskant. Denn aus dem Argentinien-Problem wird schnell ein Messi-Problem: Was passiert eigentlich, wenn der Mann mit den göttlichen Füßen sich das Knie verstäuchelt? Lautaro Martínez und Julián Álvarez sind respektable Spieler – aber das argentinische Spielsystem ist wie ein Palazzo, der auf einem einzigen tragenden Pfeiler ruht.
Qualifikatorisch war die Vorstellung makellos: Argentinien beendete die CONMEBOL-Qualifikation als Gruppensieger mit zwölf Siegen und der besten Offensive des Kontinents. Die Gauchos sind zweifellos titelfähig – wenn der Pfeiler hält.
Brasilien: Das schwerste Trikot der Welt, getragen von Neymar
Brasilien wartet seit 2002 auf einen WM-Titel. Das sind 24 Jahre des Wartens und des mehrfachen Scheiterns, inklusive dem traumatischen „Mineiraço“, wie die 1:7-Niederlage gegen Deutschland bei der WM 2014 im Mineirão-Stadion von Belo Horizonte genannt wird, als absolutem Tiefpunkt.
1:7 Verlieren – nun gut, das war einmal, aber es hat sich so eingebrannt, dass es sich wie eine Serienwiederholung anfühlt. Um die Durststrecke zu beenden, hat man nun zu unorthodoxen Mitteln gegriffen: Erstmals in der Geschichte der Seleção wurde ein ausländischer Trainer verpflichtet. Carlo Ancelotti, der Florentiner Zen-Meister des europäischen Fußballs, soll es richten.
Ancelotti kennt die brasilianischen Stars gut: Er hat Vinicius Júnior bei Real Madrid zum Weltstar geformt und arbeitet mit zahlreichen WM-Fahrern bereits seit Jahren zusammen. Das ist seine Stärke. Seine Herausforderung ist eine andere: Der WM-Kader 2026 ist von Verletzungen durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Rodrygo fehlt verletzungsbedingt, Estewão fehlt, Éder Militão fehlt. Wer dagegen überraschend wieder dabei ist: Neymar, zurück nach 30 Monaten Länderspiel-Abstinenz. Allerdings zog sich der Stürmer von Santos FC Ende Mai eine Muskelverletzung an der Wade zu. Laut dem brasilianischen Teamarzt muss er zwei bis drei Wochen pausieren. Zumindest das Auftaktspiel am 14. Juni gegen Marokko dürfte Neymar wohl auf jeden Fall verpassen.
Die brasilianische Presse feierte Neymars Rückkehr dennoch mit einem Impetus, den man sonst nur aus Breaking News-Berichten kennt. Ancelotti nannte ihn schlicht einen „wichtigen Spieler“ und erwähnte seine Erfahrung. Was Ancelotti nicht sagte, aber jeder denkt: Vinicius Junior und Neymar auf demselben Platz sind weniger ein taktisches System als ein fortlaufendes Experiment in der Psychologie des Narzissmus. Der Weg zur WM bleibt steinig – aber wenn Vinicius glänzt und der Rest mitspielt, ist Brasilien tatsächlich das gefährlichste Team des Turniers.
Uruguay, Kolumbien, Ecuador, Paraguay: Die ehrenwerte Restgesellschaft
Uruguay ist das Land, das von sich behauptet, zweimaliger Weltmeister zu sein – zuletzt 1950, als Fußball noch ohne Fernsehen, Sponsoren und taktische Formationen auskam. La Celeste hat mit Giorgian de Arrascaeta und Federico Viñas offensive Qualität und mit der traditionellen uruguayischen Verbissenheit einen mentalen Vorteil, den keine Datenanalyse erfassen kann. Realistischerweise ist das Viertelfinale die Obergrenze – aber wer Uruguay im Achtelfinale erwartet, sollte sein Testament gemacht haben.
Kolumbien, Vierter der CONMEBOL-Qualifikation, verfügt über James Rodríguez – einen Spieler, dessen Karriere die Schwäche des Begriffs „auf und ab“ demonstriert. Wenn James seine beste Form mitbringt, ist Kolumbien ein Viertelfinalkandidat. Wenn nicht, nun ja: Ecuador, das Argentinien am letzten Qualifikationstag noch besiegte, hat mit Enner Valencia einen echten WM-Torjäger und dank eines Punktabzugs am Anfang der Qualifikation das südamerikanische Lotterielos des Turniers. Paraguay fährt mit, was ein respektabler Erfolg ist, und wird versuchen, unangenehm zu sein – eine Disziplin, die die Paraguayer über Generationen perfektioniert haben.
Die Prognose: Wird Südamerika Weltmeister?
Die ehrliche Antwort ist: möglicherweise – und der Name, der dafür am plausibelsten ist, lautet Argentinien. Die Albiceleste hat das, was Sportpsychologen „Gewinner-DNS“ nennen und was sich in der Praxis als eine Mischung aus Chuzpe, Kaltblütigkeit und dem unerschütterlichen Glauben manifestiert, dass man das letzte Elfmeterschießen immer gewinnt. Mit Messi als Dirigent, Martínez als Vollstrecker und einer kampferprobten Mannschaft, die nie schön, aber meist effektiv spielt, ist die Titelverteidigung keine Fantasie.
Brasilien ist das Team mit dem höheren Potenzial – auf dem Papier – und der höheren Anfälligkeit in der Realität. Ein gut gelaunter, verletzungsfreier Vinicius Junior, der von einem stabilen Mittelfeld unterstützt wird, könnte das Turnier dominieren. Die Frage ist, ob die Seleção überhaupt vollständig und harmonisch genug funktioniert, um das abzurufen.
Europa – Spanien, Frankreich, England – steht nach Marktwert und Weltrangliste vorn. Aber das Beste an Fußball ist, dass er sich um Marktwerte wenig schert. 2022 hat das bewiesen. Südamerika bringt sechs Teams mit, von denen mindestens zwei ernsthaft um den Titel spielen können. Das ist keine schlechte Quote für einen Kontinent, der glaubt, den Fußball erfunden zu haben – und der zumindest gute Argumente dafür hat.
Newsletter abonnieren
Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.




Leave a Reply