Zur Beruhigung meiner psychischen Hygiene ist am letzten Sonntag die Fußball – WM in Canada, Mexiko und den USA zu Ende gegangen. Ich kann mich wieder dem echten Fußball widmen, sprich dem, was unsere Frauen und Männer im eigenen Verein machen. Es geht endlich wieder um 2. Bundesliga, Regionalliga Nord, Ausweichplätze, Tore pinkeln und intelligent dumme Sprüche am Spielfeldrand. Es geht wieder um die Nahrung eines Grundgefühls als Fan des FC St. Pauli.
Das Fußball-Grundinteresse stammt aber von der Fußball WM 1974. Ich konnte alle Ergebnisse des Turniers auswendig und obwohl ich mittlerweile in das Zeitalter der Vergesslichkeit eingetreten bin, kenne ich nachts während der senilen Bettflucht alle Endspielergebnisse der Weltmeisterschaften als zum Überleben notwendige Einschlafhilfe. Die Spiele, die vor meiner Geburt und meinem bewussten Fußball-Erleben stattfanden, gibt es als Legenden in Schwarzweiß und ersten farbigen Abstufungen.
1930 – 1970!
Bilder zeugen vom großen Centenario in Montevideo in Uruguay. Die erste WM 1930. Ein großer Teller am Hafen, der heute noch fast genauso aussieht. Ein Spieler mit einem Arm, Hector Castro. Campeonato Mundial. Am 30. Juli eine aufgeheizte Umgebung mit Revolvern und Hüten, in der Gastgeber Uruguay mit 4:2 (1:2) gegen Argentinien gewann. Es gab zwei Bälle – einen pro Halbzeit. Der eigene Ball führte das jeweilige Team jeweils zum Halbzeitsieger, jedoch war Uruguay der erste Weltmeister der Geschichte geworden.
Die Faschisten-WM in Italien. Der in Uruguay geborene Michel Andreolo wurde zum zweiten Mal Weltmeister. 1934 dann für Gastgeber Italien. 10. Juni in Rom gegen die Tschechen, die nicht gewinnen sollten. Ein gewisser Ivan Eklind als Schiedsrichter kuschte vor Benito Mussolini. Das Endspiel endete 2:1 n.V. (1:1, 0:0) für die Italiener.
Am 19. Juni 1938 konnte Italien in Colombes bei Paris beim 4:2 (3:1) Sieg gegen Ungarn den Titel verteidigen. Silvio Piolo erzielte zwei Tore im Endspiel und entschied die Begegnung.
1942 und 1946 fanden wegen des 2. Weltkriegs keine Weltmeisterschaften statt.
Nach dem Krieg wurde dann 1950 wieder eine WM ausgetragen. Es gab einen seltsamen Modus ohne Endspiel. Brasilien wollte endlich im eigenen Land Weltmeister werden. In einer letzten Begegnung im Quasi-Endspiel gegen Uruguay hätte ein Unentschieden gereicht. Aber der Brasilianische Torhüter Moacyr Barbosa hielt vor 200.000 Menschen im Maracana zu Rio einen entscheidenden Ball nicht und Alcides Ghiggia wurde zum Nationalhelden und Uruguay zum zweiten und bis heute letzten Mal Weltmeister. Es geschah am 16. Juli. Endstand 2:1 (0:0) für Uruguay.
Zum 4. Juli 1954 im regnerischen Bern noch etwas zu schreiben, ist müßig. Es steht am Ende ein 3:2 (2:2) für die BR Deutschland gegen Ungarn. Helmut Rahn hätte aus dem Hintergrund schießen müssen, was er dann auch tat. Die Seelen der Zeitzeugen sprachen von einem Wunder.
Endlich am 29. Juni 1958 kam ein Pele auf die Bildfläche. Die größte Fußballnation der damaligen Zukunft Brasilien wurde Weltmeister und gewann mit 5:2 (2:1) in Stockholm gegen Gastgeber Schweden. Neben Pele traf im Endspiel ein gewisser Vava ebenso wie erstgenannter zwei Mal. Und auch der spätere Weltmeistertrainer Zagallo traf in diesem Spiel.
Am 17. Juni 1962 verteidigte Brasilien den Titel. Die letzte erfolgreiche Titelverteidigung der WM-Geschichte. Nach einer wohl sehr schwachen Weltmeisterschaft wurde in Santiago de Chile die Tschechoslowakei mit 3:1 (1:1) besiegt. Sechs Spieler mit jeweils nur vier erzielten Toren teilten sich die Torschützenkrone, darunter auch der Brasilianer Vava, der das entscheidende Tor für die Südamerikaner erzielte.
1966 wurde England, das Mutterland des Fußballs Weltmeister. Im echten Londoner Wembley wurde Deutschland am 30. Juli mit 4:2 n.V. (3:2, 2:2, 1:1) geschlagen. Uwe Seeler manifestierte seinen guten Ruf als Kapitän und Sir Geoff Hurst erzielte drei Tore im Finale. Dabei u.a. den berühmtesten Treffer der Fußballgeschichte, den heute keine Torlinientechnik der Welt mehr anerkennen würde.
In Mexiko-City wurde der WM-Titel im Aztekenstadion vor über 100.000 Zuschauern ausgespielt. Brasilien wurde am 21. Juli 1970 mit Pele zum dritten Mal Weltmeister. Carlos Alberto erzielte den finalen Treffer zum sicheren 4:1 (1:1) gegen den zweifachen Weltmeister Italien. Brasilien durfte den Coupe Jules Rimet behalten. Ich selbst war schon auf der Welt, kann aber wirklich nicht sagen, was ich an diesem Tage tat und ob bei uns daheim die Rede von diesem Ereignis war. Ein wenig später jedenfalls begann für mich der schulische Alltag.
1974 – 1998!
In meiner Kolumne „Die 74er Verklärung – meine erste WM“ schrieb ich: „Das Endspiel verfolgten wir wieder am Kofferradio mit ausziehbarer Antenne. Wir wohnten in einer Pension in Kals am Großglockner. Andere Gäste sahen das Spiel auf dem Fernseher in der Gemeinschaftsküche. Solche Zusammenkünfte vieler Menschen waren meinen Eltern allerdings suspekt. …“ Wir waren also am 7. Juli 1974 im Sommerurlaub, als die Bundesrepublik die Niederlande durch ein Elfmetertor von Paul Breitner und dem letzten Länderspieltor von Gerd Müller mit 2:1 (2:1) besiegte.
1978 glich das WM Logo dem der Fußballabteilung von 1860 München. Ich sah zum ersten Mal ein Endspiel im farbigen Röhren-TV meiner Eltern. Berge von Konfetti am 25. Juni im Estadio Monumental zu Buenos Aires, berühmt u.a. durch ein ACDC Live Video. Wieder verlor die Niederlande ein Endspiel. Zum dritten Mal in der WM Geschichte ging es in die Verlängerung. Mario Kempes war der Star und sah gut aus. Endergebnis 3:1 n.V. (1:1, 1:0). Argentinien war zum ersten Mal Weltmeister.
1982 auf Jugendreise in Norwegen. Nette und bekömmliche Menschen. Auch darüber berichtete ich schon auf diesem Portal. Italien wurde am 11. Juli Weltmeister und schlug Deutschland im berühmten Bernabeu zu Madrid im Tempel der Königlichen mit 3:1 (0:0).
Wegen einer gewissen Kirsten S. durfte ich das Endspiel im Aztekenstadion zu Mexiko nicht sehen. Wir waren auf Hollandtrip. Die Niederlande war nicht schon wieder im Endspiel und Deutschland verlor in der zweiten WM in Mexiko das Endspiel gegen Argentinien. Als wir im Auto hinter der Grenze Radioempfang hatten, war das Finale beendet. Ergebnis am 29. Juni 1986 war dann ein 3:2 (1:0) für Argentinien. Danke Kirsten, ich bin ja nicht nachtragend.
1990 wurde Deutschland mit mir im Schneidersitz vor dem eigenen TV-Gerät Weltmeister. Argentinien wurde in Rom mit 1:0 (0:0) durch ein Elfmetertor durch Andreas Brehme besiegt. Meine Frau war beruflich unterwegs und ich deshalb ein wenig zerknirscht an diesem 8. Juli.
1994 zum ersten Mal ein familiäres Happening vor dem Fernseher. Die siegreichen Brasilianer feierten den verstorbenen Ayrton Senna mit Tapeten auf dem Feld, was wir ziemlich doof fanden. Wir nahmen das Spiel im Rosebowl zu Pasadena auf VHS-Kassette auf. Zum ersten Mal fielen in einem langweiligen Endspiel keine Tore und ein Elfmeterschießen musste entscheiden. Endergebnis Brasilien – Italien 0:0 n.V., 3:2 i. E.
Auch 1998 war ein Happening vor dem eigenen TV. Wir freuten uns für Frankreich, dass sie endlich einen Titel holen konnten. In Saint Denis bei Paris wurde Brasilien klar am 12. Juli mit 3:0 besiegt.
2002 – 2026!
2002 holte sich Brasilien den Titel zurück und wurde zum fünften und bis heute letzten Mal Weltmeister in Yokohama. Die deutsche Niederlage des Spiels am 30. Juni MEZS 13 Uhr verfolgte ich in einer verlängerten Mittagspause in unserer alten Wohnung in Hamburg Dulsberg. Ich telefonierte gerade mit meiner Frau, als das 1:0 für Brasilien fiel. Die Nerven von Oli Kahn versagten im Endspiel und Brasilien wurde durch zwei Ronaldo-Tore mit einem 2:0 (0:0) Erfolg Titelträger der WM in Korea und Japan.
Ich verbrachte die Zeit des Endspiels am 9. Juli 2006 auf einer seltsamen Party mit weitestgehend fremden Leuten. Ein damaliger Kumpel von mir hatte einige meiner Bücher „Zwischen Tee und Nowottny“ aufgekauft und wahllos in der Bahn und auf der Party verschenkt. In Berlin schlug Italien Frankreich 1:1 n.V. (1:1, 1:1), 5:3 i.E. Alle auf dieser Party waren dergestalt gegen die Italiener, dass ich mich sehr unwohl fühlte, mich elegant betrank und beim Elfmeterschießen einschlief. Ich weiß aber noch, als der Kopf von Zinedine Zidane nach vorne schnellte, mein Kumpel irgendwas von Obstsalat faselte.
2010 beklagte meine Frau die Treter der Niederländer, die dann auch am 11. Juli in Johannesburg ihr drittes Finale verloren. Spanien wurde endlich Weltmeister. Zuhause gemeinsames Gönnen für Spanien beim 1:0 n.V. Finalsieg gegen die Niederlande. Der Torschütze in der 116. Spielminute war ein gewisser Andres Iniesta.
Auch 2014 wurde der Weltmeister in der Verlängerung ermittelt. In Rio gewann Deutschland gegen Argentinien mit 1:0 n.V. Das Tor von uns daheim beschaulich am Fernseher betrachtet, wurde als gut empfunden, ebenso die Leistung der Elf von Jogi Löw. Mario Götze hatte in der 114. Minute getroffen.
Seit 2018 wurden die Weltmeisterschaften so komisch für mich, dass ich immer weniger schaute. Wir bemerkten am heimischen TV den Regen einer recht peinlichen Siegerehrung in Moskau. Das Endspiel war aber gut und endlich fielen wieder Tore und es brauchte keine Verlängerung. An diesem 15. Juli besiegte Frankreich Kroatien überzeugend mit 4:2 (2:1).
2022 dann absoluter WM Boykott. Allerdings wollte ich das Endspiel sehen. Ich zwang mich quasi vor den Fernseher alleine am 18. Dezember. Einfach keine Fußballzeit. Aber ich sah das allerbeste Endspiel überhaupt mit Argentinien als Weltmeister nach Elfmeterschießen. Endergebnis gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich 3:3 n.V. (2:2, 2:0), 4:2 i. E. im Projekt Lusail zu Doha.
Dieses Jahr 2026 hatte ich zum ersten Mal Dienst bei meiner Assistenznehmerin während des Endspiels. Ein zähes und schwaches Finale in New Jersey an diesem 19. Juli, bei dem Argentinien gar nichts zeigte. Beim technischen Transfer zwischen Rollstuhl und Bett fiel das einzige Tor im Spiel, dem wir schon den Rücken zugewandt hatten. Spanien war durch ein 1:0 n.V. durch ein Tor durch Ferran Torres in der 106. Spielminute zum zweiten Mal Weltmeister.
Und somit ist eine weitere Einschlafhilfe dazugekommen. Jetzt ist erst einmal Ruhe, und wieder Raum sich dem zu widmen, was mir am Herzen liegt – dem richtigen Fußball.
Lesen sie selbst: !Fußball around the clock?
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