Peru-Wahl: Autokraten-Tochter gegen Linkspopulist

Die Qual der Wahl: In der Stichwahl um das Präsidentenamt in Peru treten im Juni Fujimori-Tochter Keiko und der ideologische Erbe eines gescheiterten Staatschefs an.

Peru wählt – und das schon wieder. Am 12. April schickten über 27 Millionen Peruaner 34 Kandidaten ins Rennen um ein Amt, das in zehn Jahren neunmal den Inhaber wechselte. Das Ergebnis: Keiko Fujimori, ewige Erstplatzierte und ewige Verliererin der Stichwahl, trifft im Juni auf den Linken Roberto Sánchez – eine Konstellation, die das Land schon einmal hatte, und die damals nicht gut ausging.

CC BY 2.0. World Intellectual Property Organization / Congreso de la República del Perú, CC BY 2.0,

Wer am 12. April in Peru wählen ging, brauchte vor allem eines: gute Augen. Der Stimmzettel für die Präsidentenwahl maß knapp einen halben Meter – ein nationaler Rekord, den das Land wohl lieber nicht besessen hätte. 34 Kandidaten buhlten um das höchste Amt, eine verurteilte Autokratentochter, ein Unternehmer mit messianischer Ader, ein Ex-Bürgermeister der Hauptstadt und ein Komiker, der drei Jahrzehnte lang Politiker parodiert hatte, bevor er beschloss, selbst einer zu werden. Die politische Wissenschaft spricht bei solchen Verhältnissen von „Fragmentierung“. In Lima nennt man es Alltag.

Das Ergebnis war so wenig überraschend wie ein Erdbeben in den Anden: Keiko Fujimori landete mit knapp 17 Prozent auf Platz eins – zum vierten Mal in Folge. Dahinter entspann sich ein wochenlanges Zähldrama um Platz zwei, das die ohnehin strapazierte Geduld der Wählerschaft auf eine weitere Probe stellte.

Ein Wahlchaos mit System

In Lima lieferte ein von der Wahlbehörde ONPE beauftragtes externes Unternehmen die Stimmzettel schlicht nicht. Mehr als 52.000 Wahlberechtigte standen stundenlang in der Schlange, um am Ende unverrichteter Dinge nach Hause zu gehen. Am Nachmittag durchsuchte die Antikorruptionseinheit der Polizei die ONPE-Räumlichkeiten. Polizisten bezogen vor dem obersten Wahlgericht Stellung.

Dass bei der Stichwahl 2021 Pedro Castillo gegen Fujimori mit einem Vorsprung von lediglich 44.000 Stimmen gewann, gibt der Zahl von 52.000 nicht abgegebenen Stimmen eine gewisse pikante Qualität. Der Rechtsaußenkandidat Rafael López Aliaga, der in den Umfragen auf einen sicheren zweiten Platz gehofft hatte und am Ende mit 11,9 Prozent knapp hinter dem Linken Roberto Sánchez (12,0 Prozent) landete, nutzte die Situation erwartungsgemäß. Er rief seine Anhänger zu Protesten auf, sprach von Betrug und versuchte per Kampagne, die Wahl annullieren zu lassen. Selbst in den eigenen Reihen stieß er damit auf Zurückhaltung – Keiko Fujimori, die mit gutem Grund auf einen Sieg in der zweiten Runde spekuliert, lehnte jede Annullierung ab.

Kandidatin Nummer 1: Die Ewige Fujimori

Keiko Fujimori, 50 Jahre alt, Tochter des in weiten Teilen seiner zwei Amtszeiten autoritär regierenden Ex-Präsidenten Alberto Fujimori, kandidiert zum vierten Mal. Dreimal stand sie in der Stichwahl. Dreimal verlor sie. Diesmal, so scheint es, könnten die Umstände endlich zu ihr passen – nicht weil sie populärer geworden wäre, sondern weil die Alternativen noch unattraktiver erscheinen.

54 Prozent der Wähler schließen laut Umfragen aus, sie je zu wählen. Trotzdem führt sie. Das sagt mehr über den Zustand des peruanischen Parteiensystems aus als über Fujimoris Charme. Ihr Programm ist schlicht: harte Hand gegen die explodierende Kriminalität, Strafverschärfungen, Pflichtarbeit für Gefangene. In einem Land, in dem die Mordrate sich in wenigen Jahren verdoppelt und Busfahrer sowie Händler regelmäßig von Banden erpresst werden, kommt das an – bei genau jenen Schichten, die sich keinen privaten Sicherheitsdienst leisten können.

Auch Keikos Vater Alberto gewann die Präsidentschaftswahl 1990 als krasser Außenseiter, begünstigt durch eine tiefe Wirtschaftskrise und eine bedrohliche Sicherheitslage. Damals litt Peru unter Hyperinflation und maoistischen Guerillabewegungen wie dem „Leuchtendem Pfad“. Die Unzufriedenheit mit der etablierten politischen Klasse und dem katastrophalen Zustand unter Vorgänger Alan García ermöglichten es Fujimori, der sich als Technokrat und Alternative zum elitären Gegenkandidaten Mario Vargas Llosa präsentierte, eine breite Wählerbasis zu gewinnen. Vor seiner Wahl war Fujimori, Sohn japanischer Einwanderer, ein relativ unbekannter Agraringenieur und Mathematiker, der als Rektor der Agrar-Nationaluniversität La Molina fungierte und durch eine populäre Fernsehsendung erste Bekanntheit erlangt hatte.

Kandidat Nummer 2: Der Überraschungslinke

Roberto Sánchez – Kongressabgeordneter, ehemaliger Minister unter dem gescheiterten Präsidenten Pedro Castillo und ideologischer Erbe von dessen Linie – war nicht die Überraschung, die man erwartet hatte. Erwartet worden war eigentlich López Aliaga als Stichwahl-Gegner Fujimoris. Stattdessen stieg Sánchez in der Schlussauszählung, als die Stimmen aus den ländlichen Provinzen eintrafen, vom fünften auf den zweiten Platz.

Sein Programm ist das klassische Repertoire der lateinamerikanischen Linken: neue Verfassung, Verstaatlichung von Rohstoffvorkommen, Fokus auf kleinbäuerliche Landwirtschaft und indigene Rechte – das bekannte Textbuch des Linkspopulismus, aus dem schon Volkstribune von Peron bis Chavez vorgetragen haben. Im Süden des Landes, wo Sánchez 25 Prozent der Stimmen holte (Fujimori erreichte dort 2,3 Prozent), trifft er eine tiefe Unzufriedenheit mit dem Bergbau-Extraktivismus, der zwar Exporterlöse generiert, den Menschen vor Ort aber wenig bringt.

Das Problem: Wer den Verlauf der Castillo-Präsidentschaft in Erinnerung hat – Amtsenthebungsversuch, Selbstputsch, Verhaftung, seitdem Gefängnis –, dürfte gegenüber diesem Ansatz eine gewisse Skepsis hegen. Sánchez verspricht, Castillo aus dem Gefängnis zu holen. Das ist zumindest ein konkretes Wahlversprechen, auch wenn die Erfahrung zeigt, dass Perus Präsidenten eher selbst ins Gefängnis gehen, als andere herauszuholen.

Wer hat die besseren Chancen?

Für politische Analysten in Lima ist die Ausgangslage unbefriedigend, aber die Analyse klar. Fujimori ist die weniger schlechte Option – nicht, weil ihr Programm überzeugt, sondern weil das politische Risiko des Gegenmodells unkalkulierbar ist. Und ältere Peruaner sehen die Familie Fujimori nicht durchweg negativ. Vater Alberto schaffte nämlich, dem zuvor sklerotischen und zerrütteten Land eine gewisse Stabilität zu geben. Auch wenn dabei die Mittel teilweise drastisch waren. Und verglichen mit anderen Caudillos des Subkontinents, wie etwa Augusto Pinochet oder Hugo Chavez, war Alberto Fujimori eine verhältnismäßig sozialverträgliche Variante. Der Autor selbst hat in der Fujimori-Ära in Lima Spanisch gelernt. Die Gastmutter konnte man damals durchaus als überzeugte Anhängerin von „El Chino“ bezeichnen, wie der Präsident von den Peruanern umgangssprachlich genannt wurde.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung bringt es aktuell auf den Punkt: Eine Stichwahl Fujimori gegen Sánchez versetzt Peru in das Jahr 2021 zurück, als der Anti-Fujimorismus Castillo ins Amt trug. Diesmal aber haben die Wähler die Castillo-Jahre vor Augen – die politische Instabilität, die weiteren Präsidenten, die seither kamen und gingen. Die Frage ist: Überwiegt die Castillo-Skepsis den chronischen Anti-Fujimorismus? Oder wiederholt sich Geschichte?

Geografisch ist die Spaltung dramatisch: Lima und die Küste neigen zu Fujimori, der Süden und die Hochlandprovinzen zu Sánchez. Das Land ist nicht gespalten – es ist zerrissen. Ein Präsident, der von vornherein von der Hälfte des Landes als Feind betrachtet wird, ist in Peru strukturell regierungsunfähig.

Hinzu kommt: Fujimori ist selbst im günstigsten Szenario keine Heilsbringerin. Sie hat dreimal bewiesen, dass sie Stichwahlen verlieren kann. Und selbst wenn sie gewinnt: Die eigentliche Macht in Peru liegt längst beim Kongress – einem Parlament, das Präsidenten mit der Routine eines Mittelstandsbetriebs entlässt, der Mitarbeiter feuert.

Wer auch immer gewinnt: Strukturelle Wende stand auf keiner der realistischen Optionen des halben Meters. Beide Kandidaten sind konservativ in einem schlechten Sinne – nicht im Sinne von Ordnung und Institutionen, sondern im Sinne der Bewahrung eines Systems, das sich selbst immer wieder frisst.

Der Unterschied liegt im Risikoprofil. Fujimoris Scheitern wäre beherrschbar. Sánchez’ Experiment würde im besten Fall ausgehen wie 2021, im schlimmsten Fall wie in Venezuela.

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