Heute verfolgen die Menschen solche Unterhaltungsprogramme kaum mehr im linearen TV Betrieb, sondern gehen in die jeweiligen Mediatheken, wo man jeder Zeit auf bewegte bunte Bilder zugreifen kann. Das war zum Start „der Rosen“ noch anders.
Ein Haus, ein Steuerberater und seine Frau. Die Frau wähnte sich im Glück und bereitete den 50. Geburtstag ihres Mannes vor. Dieser aber hatte schon lange eine Affäre mit der besten Freundin seiner ältesten Tochter. Die betrogene Ehefrau berichtete mittels romantisch schmerzhaft verklärter Bilder von ihren Gefühlen. Ganz klar, der Beginn einer Telenovela.
Die Familie zerbrach und nach und nach wurde aus dem Haus – Rosenhaus genannt – ein Ort für viele Wohn- und Lebensmodelle. Konstrukte, welche sich von Staffel zu Staffel immer wieder veränderten.
Hauptbesitzerin des Hauses bleibt aber bis heute die Grand Dame des Sendeformates Johanna Jansen (gespielt von Brigitte Antonius), welche immer wieder als Gewissens- und Lebensberaterin für viele Generationen auftritt. Mittlerweile im Alter von über neunzig Jahren agiert sie meist nur noch beiläufig in irgendeinem noch so entlegenen Handlungsstrang – und zwar sitzend. Sie hört zufällig Gesprächen am Nebentisch zu und brilliert mit Lebenstipps, oft garniert mit der Floskel „Also wirklich!“ – einem meist funktionierenden emotionalen Verstärker.
Die aktuelle Staffel hat alles verändert!
In Staffel 24 wurde vieles auf Links gedreht. Soap-artig gibt es neben den HauptprotagonistInnen eine Menge schwer übersichtlicher Vorgänge. Geschichten werden angedeutet und passieren im Off. Besonders so Dinge wie ausgelassene Partys, Theatervorstellungen, Konzerte, Sportevents etc. Ereignisse also für die man viele KomparsInnen benötigen würde.
Der Vorspann ist jedes Mal anders und mit Blumendekorationen angereichert, welche High-Definition-Töne enthalten, aber keine roten Rosen mehr. Die Bilder werden mit beweglichen und handlichen Kameras erzeugt. Die Schärfentiefe wird bei Portraits sehr geringgehalten. Dabei entstehen besonders bei Naturhintergründen, z.B. bei Filmaufnahmen in der naheliegenden Lüneburger Heide oder auf dem „Gut Flickenschild“, Bouquets von malerischer Substanz. Vor allem aber werden ästhetische Visionen erzeugt, die man aus dem Kino- oder Netflix- Kontext kennt. Auch farblich hat sich einiges verändert. „Die Rosen“ sind deutlich bunter geworden.
Man bemüht sich, Themen mit progressiver Haltung zu betrachten. Der freie Gedanke von selbstverständlich freiwilliger Sexualität wird mit einem moralischen Kleid umhüllt und menschlich bewertet.
So pflegte zeitweilig Richard Kaiser (Sohn und verhinderter Thronfolger einer Immobiliendynastie) parallele Schäferstündchen mit den Geschwistern Franka Böttcher (Chefin einer Gärtnerei) und Julius Böttcher (Geschäftsführer des Hotels „Drei Könige“). Viel mehr als die pikanten Vorgänge an sich wurde stets der windige Charakter des Richard bewertet. Eine durchaus schuftig dargestellte Figur, freilich mit dem Beisatz von an anderen Stellen hoher Sensibilität. Ein Typ, der mich stark an Dex Dexter aus dem „Denver Clan“ erinnert, welcher einst in diesem frühen amerikanischen Format der Lex-Dex-Kooperation mit Alexis Colby angehörte. Seine Freunde nannten ihn Dex.
Die Sache mit dem Kind in der falschen Frau!
Hauptthema der aktuellen Staffel ist aber, dass durch medizinische Schlampigkeit in einer Skandalpraxis eine Insemination im falschen Frauenkörper vorgenommen wurde. Schwanger wurde die junge Buchhändlerin Jess Böttcher und nicht die Tochter der „Kaiserfamilie“ Lou Mahler, welche auf diese Art der künstlichen Befruchtung mit dem genetischen Material ihres Mannes Daniel eine Tochter und somit ihr drittes Kind zur Welt bringen sollte.
Die Praxis wurde trotz Erwägungen nicht verklagt und zahlte nur bescheidendes Schmerzensgeld. Das wohlhabende Paar Lou und Daniel wollte Jess auszahlen, damit sie als Familie das Kind großziehen können, was nun aktuell immer noch im falschen Bauch platziert ist und tatsächlich ein weibliches Geschlecht hat.
Aber Jess entwickelte Muttergefühle. Daniel verliebte sich in die oft in Tagträumen verstrickte Jess. Die Ehe zwischen Lou und Daniel zerbrach. Obwohl Jess die Liebe zu Daniel erwiderte, verzichtete dieser bislang, eine Beziehung mit der leiblichen Mutter seines ungeborenen Kindes einzugehen.
Ohnehin sind besonders in dieser Staffel „die Rosen“ ein gesellschaftliches Abbild der Verhinderungen von Zuneigungen und seelischer Entlastungen.
Scheinbar für immer funktionierende Paar-Konstellationen erklären ihre große Liebe, um dann wieder durch Kleinigkeiten in emotionale Katastrophen gestürzt zu werden. Andererseits wird der niederträchtigste Hinterhalt durch dieselben Figuren von wahrer Aufrichtigkeit abgelöst. Und dies nur, um in harmonischen Gefilden wieder Raum für Erpressung und Betrug zu haben.
Warum schaut der Autor Rote Rosen?
Es war in der Tat Zufall, dass ich am 6. November 2006 den Fernsehapparat einschaltete. Ich war eine Art „Lindenstraßen – Fan-Boy“. Als nach Staffel eins die Rose wechselte – dies war immer die weibliche Hauptdarstellerin, die am Ende der Staffel mit neuem Partner glücklich verreiste – war ich verwirrt. Ich musste erst einmal das Format verstehen. Sah ich doch eher Autorenfilme, liebte aber auch den „Trash“ des frühen Privatfernsehens. Ja, ich bin hängengeblieben.
Einige Rollen blieben, im Gegensatz zu den Rosen; denn diese kamen, um dann wieder zu verschwinden. Hier in Hamburg sah ich auch immer wieder DarstellerInnen im Alltag. Z.B. Hermann Toelcke, der bei uns am Platz immer wieder vor dem Millerntor-Stadion auftauchte, und der schon seit vielen Jahren in RR den Gutsbesitzer Günter Flickenschild verkörpert. Oder auch Hanna Hofmann, die bei unseren 1. Frauen FCSP als Schiedsrichterin fungierte und in RR die Hotelangestellte Jolina Bergmann spielt.
Zudem habe ich im beruflichen Umfeld eine Mitstreiterin, die immer wieder auch Spaß daran hat, mit mir gemeinsam Folgen zu schauen. Sie ist es auch, die beharrlich die Definition der Soap für passender hält, anstatt immer noch an der Bezeichnung Telenovela festzuhalten.
Die Soap im Ursprung!
Wenn ich also davon ausgehe, es eher mit einem Seifen-Format zu tun zu haben, welches irgendwann einmal als Telenovela manifestiert werden sollte, dann lohnt vielleicht der Blick auf die Ursprünge der Soaps.
Historisch geht man davon aus, dass die Radioserie „Betty und Bob“ die erste Seifenoper gewesen ist. Sie wurde 1932 bis 1940 bei NBC ausgestrahlt und handelte von Rollenbildern, bei denen Hausfrauen und Sekretärinnen Sehnsüchte entwickelten, welche den Herzschmerz substanziell befeuerten.
Zielpublikum waren diese Frauen, die zwischen Hausarbeit und Kindererziehung solche Sendungen hörten und später auch sahen. Das Programm war ursprünglich unterbrochen von Werbeblöcken, mit recht viel Anteilen an Produkten des Unternehmens Procter&Gamble. Und PG warb vor allem für Seifen und Waschmittel.
Kritik in den sozialen Medien an RR!
Nun sind Kritiken in den sozialen Medien das, was sie sind. Man ärgert sich über Dinge, auf die man schon lange keine Lust mehr hat und schaut sie dennoch. Viele schauen täglich zu und schreiben sowas:
„So ein Bullshit – schrecklichste Staffel ever“
„Lou lässt sich in den Arm nehmen von Jess??? Geht’s noch??? Es wird Zeit für eine endgültige Entscheidung. Ist ja lachhaft!!!“
„Jess hat zu wenig Bauch und doofe Haare.“
„Erst wenn Jess und Daniel ihre erste Nummer geschoben haben, ist dieser Quatsch endlich vorbei.“
Klar, kennt man bei jedem Format. Aber die Unzufriedenheit scheint bei dieser Staffel besonders groß zu sein. Es geschehen zu viele Dinge, die im wahren Leben und im Leben des Zielpublikums sowieso, sehr selten vorkommen. Zu viele Geschichten werden begonnen und verpuffen im Off. Allgemein verbringen alle Leute jeden sozialen Standes ihre Mittagspause im teuren Hotelrestaurant. Und das ist ästhetisch gesehen schon sehr „seifig“. Es gab mal eine Brasilianerin in einer Wäscherei, in deren Räumen sich heute der Buchladen von Jess befindet, aber Latein- bzw. Südamerikanisches erfüllt nicht das Flair „der Rosen“.
Zudem kam mir der Gedanke, dass man gewisse alte Rollenbilder, die für solche Formate leider entwickelt wurden, nun durch Durchgeknalltes, Jugendlichkeit und viel komplizierteren Herzschmerz ersetzen wollte. Für die ursprüngliche Fan-Gemeinde ist das zu viel. Die schöne Parallelwelt des schönen Lüneburgs, von dessen Kneipenkultur man in RR bisher nie etwas zu sehen bekam, bricht auf.
Der Rest vom Text sind Menschen, die nicht wirklich wissen, was sie wollen. Das Mediatheken-Publikum, welches ein anderes sein soll als das „14 Uhr 10 Publikum“, bekommt mehr lächerliche Probleme geboten, anstatt Liebesglück. Und das dann doch noch in einem eher bieder wirkenden Umfeld, wie meine Mitstreiterin und ich feststellen konnten.
Ich schaue dennoch immer noch gerne weiter, obwohl ich meistens schon weiß, was passieren wird. Und damit bleibt ja auch das Wesen einer sog. Seifenoper erhalten.
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