Vergangene Woche schrieb ich, dass mein erstes „erwachsenes“ Buch Dracula von Bram Stoker war, das ich als Noch-nicht-Teenager spätabends mit Taschenlampe in meinem Kinderzimmer verschlang (vielleicht verschlang der Roman auch mich) und im Anschluss, aus Angst vor ungebetenen Vampirbesuchen, eine Woche lang das Licht nachts nicht mehr löschte. Grund genug, uns heute etwas ausführlicher mit Herkunft und literarischer & filmischer Adaption des aristokratischsten aller Untoten zu beschäftigen. Wobei der Graf ursprünglich gar nicht blaublütig daherkam, sondern bloß ein gemeines Mitglied der weitverzweigten Familie „Blutsauger“ darstellte, bis ihn viktorianische Schriftsteller als Gruselsubjekt entdeckten und nachträglich in den Adelsstand erhoben. Aber wir wollen an dieser frühen Stelle des Textes nicht vorgreifen, sondern alles streng wissenschaftlich der Reihe nach abhandeln.
Es gibt Geheimnisse, die der Mensch nur erahnen kann und die er im Laufe der Zeitalter stets nur teilweise zu enträtseln vermag.
(c) Abraham Van Helsing, in: Dracula, Kap. 15: Dr. Sewards Tagebuch
Vom Wiedergänger zum Aristokraten
Der Vampir gehört zu den langlebigsten Figuren der Kulturgeschichte. Kaum ein anderes Monster hat einen vergleichbaren Wandel durchlaufen: vom verwesenden Wiedergänger mittelalterlicher Dorfmythen hin zum melancholischen Aristokraten, zum erotischen Verführer, zum tragischen Außenseiter oder gar zum Actionhelden moderner Popkultur.
Dabei ist der Vampir keineswegs eine Erfindung des viktorianischen Romans oder gar des Horrorfilms. Die Vorstellung von Toten, die zurückkehren und den Lebenden ihre Kraft entziehen, reicht weit zurück – bis in die Antike. Erst im 19. Jahrhundert erhielt diese Figur jedoch ihre moderne Gestalt. Und erst Dracula machte aus einem regionalen Volksglauben einen globalen Mythos.
Die frühen Ursprünge: Dämonen, Nachtwesen und Wiedergänger
Schon antiken Kulturen graute es vor Wesen, die dem späteren Vampir erstaunlich nahekommen. Im alten Griechenland wimmelte es von Gestalten wie Lamia oder Empusa – weibliche Nachtwesen, die Männer verführten, Kinder bedrohten und den Lebenden ihre Energie entzogen.
Auch die Römer kannten mit den „Striges“ vogelartige Dämonen, die nachts Blut tranken. Solche Vorstellungen standen meist in enger Verbindung mit Siechtum und Seuchen. Der frühe Vampir war daher kein eleganter Untoter, sondern Ausdruck einer existenziellen Angst vor Verwesung und dem unkontrollierbaren Tod.
Im europäischen Mittelalter verdichteten sich diese Vorstellungen zum Glauben an Wiedergänger – Tote, die aus ihren Gräbern zurückkehrten, Familien heimsuchten und Krankheiten verbreiteten. Besonders in Osteuropa entstanden daraus jene Mythen, die später direkt in die Vampirliteratur einflossen. Dort glaubte man, bestimmte Verstorbene könnten nach ihrem Tod keine Ruhe finden und würden nachts in ihre Dörfer zurückkehren. Die Beschreibungen dieser Wesen waren grotesk und körperlich: aufgedunsene Leichen, blutverschmierte Münder und scheinbar unverwestes Fleisch galten als Beweis dafür, dass der Tote weiterhin aktiv sei.
Die Vampirpaniken Osteuropas
Im 17. und frühen 18. Jahrhundert kam es im Balkanraum und in Teilen Osteuropas sogar zu regelrechten Vampirpaniken. Menschen waren überzeugt, Verstorbene würden nachts ihre Gräber verlassen und den Lebenden Schaden zufügen.
Berichte über angebliche Vampire wie der Arnold Paole vampire case gelangten über österreichische Verwaltungsberichte nach Westeuropa. Zum ersten Mal tauchte das Wort „Vampir“ in deutschen und französischen Zeitungen auf. Viele dieser Erscheinungen lassen sich heute durch natürliche Verwesungsprozesse erklären. Für die damaligen Menschen waren sie jedoch der Beweis dafür, dass der Tote nicht ruhte.
In dieser Zeit entstanden auch zahlreiche Abwehrpraktiken, die später fester Bestandteil der Mythologie wurden. Man pfählte angebliche Vampire, enthauptete sie oder verbrannte ihre Körper. Knoblauch galt als Schutzmittel gegen dämonische Kräfte, geweihte Symbole sollten Untote fernhalten. Der Vampir war damals allerdings noch kein aristokratischer Verführer, sondern ein wandelnder Seuchenherd.
Der literarische Vampir entsteht
Die eigentliche Geburt des modernen Vampirs erfolgte erst in der Literatur des frühen 19. Jahrhunderts. 1819 veröffentlichte John Polidori die Erzählung The Vampyre.
Hier erscheint erstmals jener Typus, der später Dracula prägen sollte: ein aristokratischer, kultivierter und gesellschaftsfähiger Vampir. Lord Ruthven war kein verwesender Dorfdämon mehr, sondern ein gefährlicher Gentleman, der sich mühelos in die feine Gesellschaft einfügte. Damit wurde der Vampir endgültig zur Projektionsfläche sexueller und gesellschaftlicher Ängste.
Einen weiteren entscheidenden Schritt stellte Carmilla von Sheridan Le Fanu dar.
Die Novelle verband Vampirismus mit Erotik, psychologischer Manipulation und unterschwelliger Sexualität. Viele Motive, die später mit Dracula assoziiert wurden, tauchen hier bereits auf: das dekadente Schloss, die Mischung aus Begehren und Gefahr sowie die Ambivalenz des Vampirs als zugleich faszinierende und zerstörerische Figur.
Bram Stoker und die Vollendung des Mythos
1897 erschien schließlich Dracula – jener Roman, der alle vorherigen Stränge zusammenführte.
3. Mai. Bistritz. Abfahrt München am 1. Mai um 20:35 Uhr, Ankunft Wien am frühen Morgen des Folgetages; geplante Ankunft 18:46 Uhr, der Zug hatte aber eine Stunde Verspätung.
(c) Einstiegssatz, Erstes Kapitel: Jonathan Harkers Tagebuch
Bram Stoker griff dabei nicht einfach nur ältere Vampirgeschichten auf, sondern verband unterschiedlichste kulturelle Strömungen seiner Zeit zu einer neuen, außergewöhnlich komplexen Horrorgestalt. In Dracula treffen osteuropäischer Volksglaube, viktorianische Moralvorstellungen, religiöse Symbolik, koloniale Ängste und die Verunsicherung einer zunehmend modernen Welt aufeinander.
Schon der Beginn des Romans erzeugt eine Atmosphäre kultureller Fremdheit. Jonathan Harker reist aus dem rationalen, industrialisierten England in eine abgelegene Region Transsylvaniens – eine Gegend, die im Roman wie der Einstieg in eine Zeitmaschine anmutet. Der Ortswechsel markiert zugleich den Übergang von der modernen Welt in eine archaische Sphäre voller Aberglauben, alter Rituale und unaussprechlicher Bedrohungen. Stoker inszeniert Dracula damit nicht nur als Monster, sondern auch als Invasor aus einer vergangenen Epoche, der in die Gegenwart eindringt.
Willkommen in meinem Haus! Tretet frei ein – aus eigenem Willen!
(c) Der Graf begrüßt seinen englischen Gast, in: Kapitel 2: Jonathan Harkers Tagebuch
Der Graf selbst bleibt dabei bewusst schwer greifbar. Anders als viele spätere Filmversionen zeigt ihn der Roman nicht primär als romantischen Verführer. Stokers Dracula ist zunächst ein alter Mann mit bleicher Haut, buschigen Augenbrauen, behaarten Handflächen und einem fast tierhaften Gesichtsausdruck. Erst im Verlauf der Handlung verjüngt er sich durch das Blut seiner Opfer. Gerade diese Wandelbarkeit macht die Figur so verstörend: Dracula erscheint mal als kultivierter Aristokrat, mal als Raubtier, Nebelgestalt, Wolf oder Fledermaus. Er besitzt keine feste Identität, sondern wirkt wie eine Verkörperung permanenter Bedrohung.
Gleichzeitig erzählt der Roman viel über die Ängste der viktorianischen Gesellschaft. Hinter dem Vampirismus verbergen sich unterschwellige Themen wie Sexualität, Kontrollverlust und gesellschaftliche Dekadenz. Besonders die Szenen um Lucy Westenra zeigen, wie eng Erotik und Horror miteinander verknüpft sind. Der Vampirbiss erscheint bei Stoker oft wie eine Mischung aus Verführung, Krankheit und moralischem Verfall. Dass Dracula seine Opfer „infiziert“, verweist zugleich auf zeitgenössische Ängste vor Seuchen, Syphilis und körperlicher Degeneration.
Bemerkenswert modern wirkt auch die Struktur des Romans. Dracula besteht aus Tagebucheinträgen, Briefen, Telegrammen, Schiffsprotokollen und Zeitungsausschnitten. Dadurch entsteht der Eindruck einer dokumentierten Fallakte. Die Figuren versuchen, das Übernatürliche mit den Mitteln moderner Wissenschaft zu verstehen und zu bekämpfen. Gerade dieser Gegensatz zwischen Rationalität und archaischem Grauen macht den Roman bis heute so faszinierend.
Die Stärke des Vampirs besteht darin, dass niemand an ihn glaubt.
(c) Abraham Van Helsing, in: Dracula, Kap. 23: Dr. Sewards Tagebuch
Zentral für die Handlung ist schließlich Abraham Van Helsing – Arzt, Gelehrter und Vampirjäger zugleich. In seiner Figur verbindet Stoker wissenschaftliches Denken mit religiösem und okkultem Wissen. Van Helsing erkennt als Erster, dass moderne Rationalität allein nicht ausreicht, um Dracula zu besiegen. Der Roman beschreibt damit auch die Grenzen einer Welt, die glaubt, alles erklären zu können.
Viele Elemente, die heute als typische Vampirregeln gelten, wurden durch Dracula endgültig kanonisiert: der Biss in den Hals, die Angst vor Kreuzen und Weihwasser, die Verbindung von Blut und Leben, der nächtliche Jäger im Schloss, der Kampf zwischen christlicher Symbolik und dämonischer Unsterblichkeit. Zugleich blieb die Figur offen genug, um in späteren Jahrzehnten immer wieder neu interpretiert zu werden.
Der Vampir erobert das Kino
Schon früh wurde Dracula zum perfekten Stoff für das Kino. Der Film verstärkte die visuellen und erotischen Aspekte der Figur – und erschuf dabei viele neue Regeln, die heute selbstverständlich erscheinen.
Die erste große Dracula-Adaption war Nosferatu von F. W. Murnau.
Da die Rechte am Roman fehlten, wurden Namen und Details verändert, doch die Vorlage blieb unverkennbar. Besonders einflussreich war die Darstellung des Vampirs als seuchenartige Bedrohung. Graf Orlok wirkt rattenhaft, krankhaft und beinahe unmenschlich. Auch die Idee, dass Sonnenlicht Vampire vernichtet, wurde hier erstmals prominent inszeniert – obwohl sie im Roman noch gar nicht existierte.
1931 folgte Dracula mit Bela Lugosi.
Lugosi definierte den klassischen Dracula der Popkultur: schwarzer Umhang, hypnotischer Blick, aristokratischer Akzent und elegante Gestik. Viele Menschen verwechseln heute diese Filmfigur mit Stokers Romanvorlage, obwohl zahlreiche ikonische Merkmale erst durch diese Verfilmung entstanden.
Christopher Lee: die erotische Aufladung der Figur
In den späten 1950er- und 1960er-Jahren erneuerte Hammer Film Productions den Vampirfilm grundlegend. Besonders Horror of Dracula mit Christopher Lee revolutionierte das Genre.
Lees Dracula war körperlich, aggressiv und erotisch aufgeladen. Die Hammer-Filme machten den Vampirfilm farbiger, brutaler und deutlich sexueller als die klassischen Universal-Produktionen. Gleichzeitig etablierten sie jene üppige Gothic-Ästhetik aus Nebel, Kerzenlicht und verwunschenen Burgen, die bis heute untrennbar mit Dracula verbunden ist.
Besonders prägend wurden Filme wie Dracula: Prince of Darkness oder Taste the Blood of Dracula, die den Vampir endgültig als Mischung aus Horrorfigur und erotischem Mythos etablierten.
Coppolas Dracula als Gothic-Oper
Als Bram Stoker’s Dracula von Francis Ford Coppola Anfang der 1990er-Jahre erschien, galt der klassische Dracula-Film eigentlich bereits als erschöpft. Coppolas Adaption verwandelte den Stoff jedoch in ein opulentes, visuell überwältigendes Gothic-Epos und schuf damit eine der einflussreichsten Vampirverfilmungen überhaupt.
Der Film versucht einerseits ungewöhnlich nah an Bram Stokers Roman zu bleiben. Viele Figuren, Schauplätze und Handlungselemente wurden direkt übernommen: Jonathan Harkers Reise nach Transsylvanien, die Tagebuchstruktur, Dr. Seward, Renfield, Lucy Westenra oder die Jagd auf Dracula durch Van Helsing und seine Verbündeten. Gleichzeitig erweitert Coppola die Vorlage um eine große tragische Liebesgeschichte, die im Roman selbst nur angedeutet existiert.
Bereits der Prolog verändert die Figur Draculas entscheidend. Coppola verbindet den Vampirenmythos mit der historischen Figur Vlad III. Drăculea, dem walachischen Fürsten, der später als Vorbild für den Namen Dracula diente. Im Film verliert Dracula seine Frau Elisabeta und wendet sich aus Verzweiflung gegen Gott. Dadurch wird der Vampir nicht nur Monster, sondern gefallener Liebender – eine Figur zwischen Verdammnis und Sehnsucht.
Speziell diese romantische Dimension unterscheidet Coppolas Dracula stark von Stokers ursprünglicher Romanfigur. Gary Oldman spielt Dracula nicht bloß als dämonischen Eindringling, sondern zugleich als melancholischen, jahrhundertealten Außenseiter. Der Film macht ihn zur tragischen Figur, die unter ihrer eigenen Unsterblichkeit leidet. Viele spätere Vampirdarstellungen – von Serien bis Young-Adult-Romanen – greifen dieses Motiv des leidenden, romantisierten Vampirs auf.
Visuell wirkt Coppolas Film wie eine Mischung aus Oper, Theater, expressionistischem Stummfilm und viktorianischem Albtraum. Besonders auffällig ist der bewusste Verzicht auf moderne Computereffekte. Stattdessen arbeitet der Film mit klassischen Tricktechniken, Schattenprojektionen, Miniaturen und surrealen Bildkompositionen. Dadurch entsteht eine traumartige Atmosphäre, die den Film bis heute einzigartig macht.
Auch die Farbdramaturgie spielt eine zentrale Rolle. Rot dominiert nahezu jede Szene – als Farbe von Blut, Leidenschaft, Gewalt und Verdammnis. Dracula erscheint nicht nur als Untoter, sondern als Verkörperung körperlicher Begierde. Der Film macht offen sichtbar, was bei Stoker oft nur unterschwellig angedeutet wurde: die sexuelle Dimension des Vampirs.
Gleichzeitig bleibt Coppolas Version tief im Gothic-Horror verwurzelt. Verfallene Burgen, Kerzenlicht, Nebel, religiöse Symbolik und groteske Körperbilder verbinden den Film mit der Tradition klassischer Dracula-Verfilmungen. Besonders Anthony Hopkins als exzentrischer Van Helsing bringt eine fast wilde Energie in die Geschichte – halb Wissenschaftler, halb fanatischer Dämonenjäger.
Bis heute gilt Bram Stoker’s Dracula als eine der stilistisch prägendsten Vampiradaptionen überhaupt. Der Film verbindet Werktreue und Neuinterpretation, Horror und Melodram, Erotik und religiöse Bildsprache zu einer überhöhten Gothic-Oper. Gleichzeitig markiert er einen Wendepunkt: Nach Coppola wurde der Vampir endgültig zur tragischen, emotional aufgeladenen Popfigur der Moderne.
Die 90-er Jahre: der Vampir als Nihilist
Mit Vampires von John Carpenter und From Dusk till Dawn von Robert Rodriguez erreichte der Vampirfilm in den 1990er-Jahren eine neue, deutlich härtere und nihilistischere Phase. Beide Filme brachen bewusst mit dem klassischen Bild des aristokratischen Dracula-Vampirs und verlagerten das Genre in eine dreckige, gewalttätige und postmoderne Gegenwart.
In Vampires entwirft Carpenter eine Welt, in der Vampire nicht mehr geheimnisvolle Verführer, sondern brutale Raubtiere sind. Die Vampirjäger wirken wie abgehalfterte Western-Söldner, die durch staubige Landschaften ziehen und Untote mit harter Gewalt vernichten. Der Film verbindet klassische Vampirmotive mit Elementen des Westerns und des Actionkinos. Besonders auffällig ist dabei die vollständige Entromantisierung des Vampirs: Carpenters Kreaturen sind monströs, körperlich und animalisch. Die gotische Eleganz früherer Dracula-Versionen wird durch Schmutz, Gewalt und eine fast apokalyptische Atmosphäre ersetzt.
Noch radikaler zerlegt From Dusk till Dawn die traditionellen Regeln des Genres. Der Film beginnt zunächst wie ein Kriminal- und Roadmovie, bevor er abrupt in exzessiven Splatter-Horror umschlägt. In der berüchtigten Titty-Twister-Bar treffen Gangster, Outlaws und Trucker auf eine Horde grotesker Vampire. Gerade dieser Genrebruch machte den Film kultisch: Vampire erscheinen hier nicht mehr als elegante Nachtwesen, sondern als anarchische Monster in einer Welt aus Gewalt, Neonlicht und schwarzem Humor.
Beide Filme markieren einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des Vampirkinos. Der Vampir verliert hier endgültig seine letzte aristokratische Würde und wird zur Figur einer desillusionierten Popkultur der 1990er-Jahre – laut, brutal, zynisch und von anderen Genres wie Western, Actionfilm und Splatterkino durchdrungen.
Blade: Daywalker und Action-Held
Mit Blade wurde der Vampirmythos noch einmal radikal neu interpretiert – weg von Gothic-Romantik und viktorianischer Melancholie, hin zu urbaner Action, Comic-Ästhetik und moderner Popkultur.
Der Film basiert auf einer Figur aus dem Marvel-Universum und verbindet klassische Vampirmotive mit einem düsteren, urbanen Setting der Großstadt. Im Zentrum steht ein sogenannter „Daywalker“ – ein Halbvampir, der selbst Blut trinkt, aber gegen Vampire kämpft. Damit wird die traditionelle Trennung zwischen Mensch und Monster endgültig aufgehoben: Der Jäger ist selbst Teil der Bedrohung.
Blade verschiebt den Vampirmythos in eine neue ästhetische Richtung. Statt gotischer Burgen und Nebel dominieren Clubs, Industriearchitektur, Neonlicht und eine von Gewalt geprägte urbane Gegenwart. Vampire sind hier keine aristokratischen Figuren mehr, sondern organisierte Untergrundgesellschaften, die sich wie kriminelle Netzwerke in unserer Welt bewegen.
Gleichzeitig greift der Film viele klassische Motive wieder auf, allerdings in transformierter Form: Blut bleibt zentral, wird jedoch mit biochemischen und parasitären Vorstellungen verbunden; Unsterblichkeit wird weniger als Fluch der Seele, sondern als körperliche Mutation inszeniert; und die Jagd auf Vampire wird zu einem Mix aus Martial Arts, Horror und Superheldenfilm.
Besonders einflussreich war dabei die stilistische Konsequenz: Blade II und Blade prägten die visuelle Sprache späterer Action- und Comicverfilmungen maßgeblich. Die Mischung aus Slow-Motion-Kampfsequenzen, dunkler Club-Ästhetik und körperlichem Horror wurde zu einem Vorbild für zahlreiche Filme der frühen 2000er Jahre.
Damit steht Blade exemplarisch für eine weitere Transformation des Vampirs: Aus dem romantischen und gesellschaftlichen Symbol wird eine Figur des Action- und Genrekinos, in der sich Horror, Superheldenmythos und Urban Fantasy überlagern.
True Blood: der Vampir wird bürgerlich
True Blood lässt den Vampir endgültig in unsere Gegenwartskultur eintreten. Die Serie, basierend auf den Romanen von Charlaine Harris, kombiniert klassischen Südstaaten-Gothic mit Erotik, Horror, schwarzem Humor und gesellschaftspolitischen Themen.
Die zentrale Idee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Vampire leben nicht länger im Verborgenen, sondern treten gleichberechtigt in der Öffentlichkeit auf. Durch synthetisches Blut benötigen sie keine menschlichen Opfer mehr und fordern nun gesellschaftliche Akzeptanz. Damit wird der Vampir erstmals konsequent zur politischen und sozialen Metapher.
True Blood verhandelt Themen wie Ausgrenzung, Identität, religiösen Fundamentalismus und Minderheitenrechte. Die Vampire fungieren dabei zugleich als gefährliche Raubwesen und diskriminierte Außenseiter. Dieser Spagat macht das Besondere der Serie aus: sie romantisiert den Vampir nicht vollständig, sondern zeigt ihn weiterhin als sexuelles, gewalttätiges und manipulierendes Wesen.
Zugleich greift die Serie auf viele klassische Motive zurück – Blut, Verführung, religiöse Symbolik, Nachtleben und dekadente Erotik – und transportiert sie in die amerikanische Gegenwart. Die spezielle Atmosphäre der Südstaaten mit ihren Sümpfen, Kleinstädten und religiösen Spannungen verleiht True Blood eine eigene Identität innerhalb des Genres.
Damit steht die Serie exemplarisch für die moderne Entwicklung des Vampirs: Aus dem mittelalterlichen Wiedergänger und dem viktorianischen Monster wurde endgültig eine vielschichtige Figur, die gesellschaftliche Konflikte, sexuelle Ängste und kulturelle Sehnsüchte gleichermaßen verkörpern kann.
Spiegelbild der Gesellschaft
Seitdem hat sich die Figur des Vampirs immer weiter verändert. In modernen Produktionen erscheint er mal als tragischer Existenzialist wie in Interview with the Vampire, mal als melancholischer Außenseiter wie in Only Lovers Left Alive oder als ironische Comedyfigur wie in What We Do in the Shadows.
Und genau arin liegt die besondere Stärke des Vampirs: Er passt sich jeder Epoche an. Hinter der Figur verbergen sich immer auch die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Zeit – die Angst vor Krankheit und Tod ebenso wie die Faszination für Unsterblichkeit, Erotik und Grenzüberschreitung.
So erzählt die Geschichte des Vampirs immer auch die Geschichte der Gesellschaften, die ihn nicht sterben lassen.
+++
Lesen Sie auch: Das Lächeln des Peter Cushing

Zum einjährigen Jubiläum der Kolumnisten zeigt Wolfgang Brosche: wir können auch anders …nämlich nostalgisch schwärmen von den Ikonen der Populärkultur. Hier hat er sich vorgenommen, die angeblichen Trivialfilme der britischen Produktionsfirma Hammer und ihren frappantesten Darsteller zu rühmen. (17. Okt. 2016)
Newsletter abonnieren
Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.




Leave a Reply