Prolog
Eins der ersten „erwachsenen“ Bücher, das ich nach Pippi Langstrumpf und Fünf Freunde in die Finger bekam, war Bram Stokers Dracula. Entweder in der städtischen Bibliothek ausgeliehen oder im Regal meiner Eltern entdeckt (wahrscheinlicher ist die Bibliothek, denn meine Eltern lasen zwar beide viel, aber Schauerliteratur gehörte nicht zu den von ihnen bevorzugten Genres). Ich erinnere mich daran, dass ich die Geschichte vom blutrünstigen Grafen aus den nebelverhangenen Karpaten geradezu verschlang – auch spätabends mit Taschenlampe unter der Bettdecke: Jonathan Harkers Reise auf die unheimliche Burg in Transsylvanien, die furchterregende Aura des aristokratischen Vampirs und die von Kapitel zu Kapitel zunehmende Bedrohung Mina Murray’s entwickelten auf mich eine Wirkung, wie ich sie bis dahin aus Büchern nicht kannte. Im Anschluss bat ich meine meine Mutter, nachts das Licht anzulassen, denn speziell bei Dunkelheit war mir nun bange vor Besuchen von Untoten aller Art. Die Sorge währte circa eine Woche; danach war der Spuk ausgestanden und ich wechselte literarisch zu Karl May und den damals neu auf den deutschen Markt kommenden französischen Comics (abgedruckt im famosen Magazin ZACK).
Mit Mary Shelleys Frankenstein oder Der moderne Prometheus und Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray geriet ich erst später in Kontakt. Beide Romane okay – wobei ich Frankenstein aufgrund des leicht angestaubten Schreibstils etwas mühsam fand –, hinterließen bei mir allerdings nicht denselben prägenden Eindruck wie Stokers Erzählung. Was hauptsächlich daran lag, dass ich mich als Student generell nicht mehr vor nächtlichen Spukgestalten fürchtete, bzw. ich hatte mir mittlerweile aufgrund zu viel Alkohols neue Monster erschaffen, die Die Kreatur im direkten Vergleich wie eine niedliche Figur aus einem viktorianischen Kindermärchen erscheinen ließen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Warum ich das vorneweg schreibe?
Weil Penny Dreadful zugegebenermaßen nicht mehr ganz taufrisch ist. Lief zwischen 2014 und 2016 im TV. Ich zögerte lange, da mir die Kurzbeschreibung Magenschmerzen bereitete:
The classic tales of Dracula, Frankenstein, Dorian Gray and more are woven together in this horror series set on the dark streets of Victorian London.
© Showtime
Als Boomer, der in traditionellen Denkmustern verhaftet ist, bevorzuge ich klare Trennlinien: Dracula pur, Frankenstein pur, Dorian Gray pur. Alle 3 – zzgl. womöglich weitere Horrorgestalten – in 1 Produktion -> eher nicht so meins. Das wird noch hanebüchener sein als Kong fights Godzilla oder Predator meets Alien, dachte ich.
Vor ein paar Wochen zappte ich dann – der Auslöser für diesen Sinneswandel ist weiterhin mysteriös. Ich kann mir den plötzlichen Entschluss nicht rational erklären – doch rein in die Serie, geriet bereits während Folge 1 in den magnetischen Sog von morbider Handlung, düsterer Atmosphäre und schauspielerischer Leistung (Eva Green) und schaute – wie von einem Dämon besessen – jeden Abend Minimum 3 Episoden.
Damit soll’s genug sein mit dem Prolog.
Wenden wir uns jetzt endlich der versprochenen Rezension zu.
Herkunft des Titels
Der Titel verweist auf sogenannte „Penny Dreadfuls“ – billige britische Heftromane des 19. Jahrhunderts (wörtlich in etwa: Schreckliches für 1 Penny). Diese oft reißerischen Schauergeschichten handelten von Monstern, Verbrechen, Wahnsinn, dem Übernatürlichen und gelten als frühe Form moderner Massen-Horrorliteratur. Der Serienname ist deshalb mehr als bloß eine nostalgische Anspielung: Er beschreibt zugleich das kulturelle Fundament der Serie – viktorianische Grusel- und Sensations-Novellen als bedrückendes Spiegelbild gesellschaftlicher Ängste.
John Logan: Architekt der Serie
Dass Penny Dreadful trotz der vielen literarischen Vorlagen nie wie bloße Fan-Fiction wirkt, liegt wesentlich an John Logan. Der Autor und Showrunner interessiert sich weniger für Monster-Mythologien als für beschädigte Figuren und emotionale Grenzzustände. Schon in Arbeiten wie Gladiator, The Aviator oder Skyfall zeigte sich seine Vorliebe für Charaktere, die an Obsession, Macht oder innerer Isolation zerbrechen.
Diese Handschrift prägt auch Penny Dreadful. Logan behandelt Dracula, Frankenstein oder Dorian Gray nicht als ikonische Popfiguren, sondern als Ausdruck existenzieller Konflikte. Dadurch entsteht eine Serie, die weniger an modernen Franchise-Erzählungen interessiert ist als an der melancholischen Grundidee des Gothic: dass der Mensch seine tiefsten Abgründe niemals vollständig kontrollieren kann.
Gothic Horror: Psychologie des Dunklen
Das Genre „Gothic“ war nie bloß Horror. Seit dem 19. Jahrhundert erzählt es von den verborgenen Räumen des Menschen: unterdrückte Begierden, moralische Schuld, religiöse Angst und die Furcht vor dem eigenen inneren Abgrund. Verfallene Häuser, Friedhöfe, Nebel und Monster sind dabei weniger Selbstzweck als sichtbare Zeichen einer beschädigten Seele.
An dieser Stelle setzt Penny Dreadful an. Die Serie nutzt die Ikonen der viktorianischen Schauerliteratur nicht als nostalgische Zitate, sondern als psychologische Werkzeuge. Figuren aus Dracula, Frankenstein und The Picture of Dorian Gray begegnen sich nicht einfach – sie spiegeln unterschiedliche Formen menschlicher Zerrissenheit.
Das Ergebnis ist weniger ein Monster-Crossover als eine düstere Anatomie des Inneren.
Eva Green: emotionales Zentrum der Erzählung
Im Mittelpunkt dieser Welt steht Eva Green als Vanessa Ives. Ihre Darstellung ist nicht bloß stark besetzt, sondern stilprägend für die gesamte Serie. Green spielt Vanessa wie eine Figur, die permanent zwischen Spiritualität, Wahnsinn, Trauma und dämonischer Versuchung oszilliert.
Bemerkenswert ist dabei vor allem die Körperlichkeit ihres Spiels. Viele Szenen funktionieren weniger über Dialoge als über Blick, Stimme, Atemrhythmus und Haltung. Green schafft es, Angst und Verlangen gleichzeitig sichtbar zu machen – eine Fähigkeit, die im Gothic Horror zentral ist, weil das Genre stets von ambivalenten Gefühlen lebt.
Gerade in den Besessenheits- und Zusammenbruchsszenen erreicht die Serie eine Intensität, die weit über klassischen Fernsehhorror hinausgeht. Vanessa Ives wird dadurch nicht nur Hauptfigur, sondern eine Art seelischer Resonanzraum für alle Themen der Serie: Schuld, Isolation, Begehren und Selbstzerstörung.
Ohne Eva Green wäre Penny Dreadful vermutlich eine stilvolle Horrorserie geblieben. Durch sie wird sie zu einem psychologischen Drama von fast opernhafter Wucht.
Wie Penny Dreadful den shelleyschen Frankenstein neu interpretiert
Besonders spannend ist Penny Dreadful dort, wo die Serie Motive aus Frankenstein übernimmt und zugleich verändert. Mary Shelleys Roman war nie bloß eine frühe Horrorgeschichte, sondern ein philosophischer Text über Verantwortung, Einsamkeit und die Hybris menschlicher Schöpfungskraft. Genau diesen Kern bewahrt die Serie erstaunlich konsequent.
Wie im Roman steht auch hier weniger das „Monster“ im Mittelpunkt als die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Victor Frankenstein erschafft Leben, verweigert seiner Kreatur jedoch emotionale Anerkennung und moralische Verantwortung. Der eigentliche Horror entsteht dadurch nicht im Labor, sondern in der Zurückweisung. Die Kreatur wird zum Wesen ohne Zugehörigkeit – intelligent, empfindsam und von radikaler Einsamkeit geprägt.
Speziell bei diesem Asekt bleibt die Serie sehr nah an Shelley. Auch in Frankenstein ist das Monster keine stumpfe Bestie, sondern eine tragische Figur mit Bewusstsein, Sehnsucht und Verletzlichkeit. Die Gewalt entsteht aus Isolation und Ausgrenzung. Rory Kinnear spielt diese Dimension in der Serie eindrucksvoll: weniger als Horrorgestalt denn als zutiefst verletzten Menschen im falschen Körper.
Gleichzeitig verschiebt Penny Dreadful den Schwerpunkt deutlich. Während Shelley stark philosophisch argumentiert und die Geschichte als Reflexion über Wissenschaft und Aufklärung anlegt, emotionalisiert und romantisiert die Serie den Stoff stärker. Victor Frankenstein erscheint weniger als Symbol wissenschaftlicher Hybris denn als narzisstisch Getriebener, dessen emotionale Unreife immer neue Katastrophen hervorbringt.
Auch ästhetisch gibt es Unterschiede. Shelleys Roman arbeitet eher mit innerem Schrecken und moralischer Reflexion, während die Serie den Stoff tief in die Bildwelt des Gothic Horror einbettet: Kerzenlicht, Verfall, körperliche Dekadenz und opernhafte Emotionalität dominieren die Inszenierung. Dadurch wird Frankenstein in Penny Dreadful weniger zu einer Warnung vor entgrenzter Wissenschaft als zu einer Tragödie über Einsamkeit und die Unfähigkeit des Menschen, echte Nähe herzustellen.
Gerade diese Verschiebung macht die Adaption interessant. Die Serie modernisiert Shelleys Themen nicht durch technische Aktualisierung, sondern durch psychologische Verdichtung. Aus dem philosophischen Schauerroman wird ein emotionales Gothic-Drama – und genau darin liegt eine der größten Stärken von Penny Dreadful.
Nebenstränge: Dracula und Dorian Gray
Auch andere literarische Bezüge werden intelligent verarbeitet. Der Vampirismus aus Dracula erscheint weniger als klassische Monsterjagd denn als Metapher für Verführung und seelische Korruption. Das Böse wirkt hier nicht wie eine äußere Bedrohung, sondern wie ein innerer Sog.
Mit The Picture of Dorian Gray kommt zudem die Idee der gespaltenen Identität ins Spiel: äußere Schönheit gegen innere Verwesung. Viele Figuren der Serie leben genau in dieser Spannung zwischen gesellschaftlicher Maske und verborgenem Abgrund.
Visuell erinnert die Serie dabei oft an die expressionistische Tradition von Nosferatu – Schatten, Kerzenlicht, enge Räume und eine Atmosphäre körperlicher Dekadenz prägen die Bildsprache. Horror entsteht nicht durch Schockeffekte, sondern durch eine allgegenwärtige Stimmung des Verfalls.
Schönheit des Untergangs
Natürlich ist Penny Dreadful nicht frei von Schwächen. Die Serie verliert sich gelegentlich in Nebenhandlungen und Symbolik, manche Erzählstränge wirken überladen oder erzählerisch unfokussiert. Besonders in den Staffeln 2 und 3 wird deutlich, dass Atmosphäre manchmal wichtiger genommen wird als dramaturgische Präzision.
Und doch liegt genau darin auch ihr Reiz. Die Serie folgt nicht der modernen Logik effizienter Plotmaschinen, sondern der älteren Tradition des Gothic: Gefühle, Bilder und Zustände sind wichtiger als narrative Ökonomie.
Eine Serie wie ein viktorianischer Fiebertraum
Penny Dreadful ist eine der ungewöhnlichsten Horror-Produktionen der vergangenen Jahre – weniger wegen ihrer Monster als wegen ihrer melancholischen Konsequenz. Sie verwandelt die großen Figuren der Schauerliteratur in eine gemeinsame Meditation über Einsamkeit, Schuld und menschliche Zerrissenheit.
Vor allem aber gehört die Serie Eva Green. Ihre Performance verleiht dem Gothic-Grusel eine emotionale Wucht, die das Genre sonst nur selten erreicht. Dadurch wird Penny Dreadful nicht nur zu einer stilvollen Hommage an die viktorianische Schauerliteratur, sondern zu einer düsteren Studie über die Zerbrechlichkeit des Menschen selbst.
Steckbrief
Titel: Penny Dreadful
Genre: Gothic Horror, Mystery, Psychodrama
Produktionsländer: USA / Großbritannien / Irland
Originalsprache: Englisch
Erstausstrahlung: 2014
Finale: 2016
Staffeln: 3
Episoden: 27
Idee & Showrunner: John Logan
Produktion: Showtime
Musik: Abel Korzeniowski
Spin-off: City of Angels
Hauptdarsteller:innen:
Eva Green – Vanessa Ives
Josh Hartnett – Ethan Chandler
Timothy Dalton – Sir Malcolm Murray
Harry Treadaway – Victor Frankenstein
Reeve Carney – Dorian Gray
Rory Kinnear – Die Kreatur
Literarische Vorlagen:
Dracula – Bram Stoker
Frankenstein – Mary Shelley
The Picture of Dorian Gray – Oscar Wilde
Bewertung
⭐⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 9 / 10 – atmosphärisch herausragender Gothic Horror mit kleineren dramaturgischen Schwächen
+++
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