Die neue Lust am Psycho-Pulp

Wie der BookTok-Hit ‚The Housemaid‘ zum überraschend intelligenten Edeltrash-Kino wird

Mit ‚The Housemaid‘ gelingt Sydney Sweeney der endgültige Sprung vom Serienstar zur Hollywood-Hauptdarstellerin. Doch hinter dem überraschenden Kinohit steckt weit mehr als luxuriöse Villen, toxische Beziehungen und kalkulierte Erotik. Die Verfilmung der Bestseller-Romane von Freida McFadden entwickelt sich zu einem seltsamen Hybrid aus Hochglanzthriller, Schundroman-Eskalation und psychologischer Studie über weibliche Wut. Und gerade weil der Film permanent zwischen ernstem Suspense-Kino und hemmungslosem Guilty Pleasure schwankt, funktioniert er erstaunlich gut.

Sydney Sweeney
Bild: ChatGPT

„Papa, du kennst doch Sydney Sweeney.“
„Das ist die mit der Jeanswerbung, oder?“
„Genau die.“
„Was ist mit der?“
„Die hat in einem echt guten Film mitgespielt: The Housemaid. Musst du dir unbedingt anschau’n!“
„Bin ich dafür die richtige Zielgruppe?“
„Nein, du bist definitiv zu alt dafür. Aber schau‘ ihn dir trotzdem an und schreib‘ ne Rezension darüber.“
(c) Unterhaltung zwischen meiner Tochter und mir, Anfang des Jahres
***

Mit ein paar Monaten Verspätung habe ich mir The Housemaid nun im Streaming angesehen. Hier mein Eindruck:

The Housemaid: BookTok, Schundroman und psychologische Eskalation

Bevor The Housemaid zum Kinohit wurde, war die Geschichte bereits ein globales Literaturphänomen. Die Vorlage stammt von Freida McFadden, deren geichnamige Thriller sich millionenfach verkauften – vor allem über TikTok, Instagram und digitale Lesebubbles.

McFaddens Bücher funktionieren nicht über sprachliche Eleganz, sondern über maximale Sogwirkung. Kurze Kapitel. Cliffhanger im Dauertakt. Übertreibungen. Schocks. Geheimnisse. Fast jede Szene endet mit einer neuen Eskalation. Genau deshalb sind die Romane perfekte Streaming- und Kino-Stoffe.

Der Reihe haftet etwas bewusst Trashhaftes an. The Housemaid gehört zu jener modernen Form des Psycho-Pulps, die man früher wahrscheinlich als Bahnhofsliteratur bezeichnet hätte – jetzt eben digitalisiert für das BookTok-Zeitalter.

Interessant ist dabei vor allem die Hauptfigur Millie Calloway. Denn anders als viele klassische Thriller-Heldinnen bringt sie selbst Gewaltpotenzial mit. Ihre Gefängnisvergangenheit, ihre traumatischen Erfahrungen und ihre permanente Alarmbereitschaft machen sie gleichzeitig zur Täterin und zum Opfer.

Die Bücher arbeiten diesen Aspekt stärker heraus als der erste Film. Vor allem der zweite Roman The Housemaid’s Secret (Sie kann dich hören) vertieft Millies psychische Zerrissenheit deutlich stärker und macht klar: Die eigentliche Geschichte der Reihe handelt weniger von reichen Familien mit Geheimnissen als von einer Frau, die niemals wirklich ihrem Trauma entkommt.

Der perfekte Thriller für das TikTok-Zeitalter

Es gibt Filme, die wirken wie aus einem Algorithmus geboren. The Housemaid gehört in diese Kategorie.

Eine attraktive junge Frau mit dunkler Vergangenheit. Eine toxische Ehe hinter luxuriösen Mauern. Manipulation, sexuelle Spannungen, soziale Abhängigkeiten und ständig das Gefühl, dass gleich etwas eskalieren könnte.

Der Film kombiniert klassische Erotikthriller der 1990er Jahre mit moderner Social-Media-Ästhetik. Alles wirkt stylisch, konsumierbar und emotional überhöht. Darin liegt seine Stärke.

Denn auf dem Papier ist die Geschichte eigentlich nicht besonders originell. Millie nimmt eine Stelle als Haushälterin bei einer reichen Familie an und entdeckt nach und nach, dass hinter der perfekten Fassade Gewalt, Machtspiele und psychologische Manipulation lauern.

DIe Handlung funktioniert vor allem deshalb, weil sie die Hauptfigur ernst nimmt.

Millie Calloway: Opfer oder tickende Zeitbombe?

Die Spannung entsteht nicht durch das anfängliche Rätsel, ob die Familie gefährlich ist. Die Spannung entsteht durch Millie selbst.

Schon früh wird angedeutet, dass sie wegen eines gewalttätigen Vorfalls im Gefängnis saß. Sydney Sweeney spielt diese Vergangenheit nicht offensiv aus, sondern unterschwellig: vorsichtige Bewegungen, kontrollierte Körpersprache, ständig gespannte Aufmerksamkeit.

Millie wirkt wie jemand, der gelernt hat, Gefahr permanent vorauszuahnen. Dadurch entsteht eine interessante Ambivalenz. Sie ist kein klassisches Opfer, sondern eine Frau, die in Extremsituationen selbst gefährlich werden kann.

Das macht die Figur deutlich interessanter als viele moderne Thriller-Heldinnen. Millie trägt Trauma nicht wie ein erzählerisches Accessoire mit sich herum – sie lebt darin.

Sydney Sweeney gegen ihr eigenes Image

Für Sydney Sweeney markiert der Film einen entscheidenden Karrieremoment.

Lange wurde sie vor allem über ihr Äußeres definiert: glamourös, erotisch aufgeladen, Projektionsfläche für Social Media und Hollywood-Marketing. The Housemaid nutzt dieses öffentliche Bild zunächst bewusst aus – und unterläuft es dann schrittweise.

Millie ist erschöpft, beschädigt, misstrauisch und emotional instabil. Interessant ist vor allem, wie zurückgenommen Sweeney spielt. Viele Szenen funktionieren deshalb, weil sie ihre Emotionen zügelt, statt sie offen auszuspielen.

Ohne diese kontrollierte Performance würde der Film vermutlich vollständig in campigen Thriller-Exzess abrutschen.

Amanda Seyfried: der heimliche Star

So sehr The Housemaid als Sydney-Sweeney-Film vermarktet wurde, so häufig drehten sich die Kritiken letztlich um Amanda Seyfried.

Während Sweeney die innere Spannung und das Trauma verkörpert, liefert Seyfried die deutlich explosivere Performance. Sie spielt mit kontrollierter Hysterie, grotesker Eleganz und einer beinahe genüsslichen Überzeichnung.

Dadurch bewegt sich ihre Figur permanent zwischen ernst gemeintem Psychodrama und streckenweise übertriebener Theatralik. Das passt erstaunlich gut zur Romanvorlage.

Viele Kritiker bezeichneten Seyfrieds Darstellung sogar als eigentlichen Höhepunkt des Films.

Und tatsächlich: In den besten Szenen gehört The Housemaid eindeutig Seyfried.

Edelthriller vs. Groschenroman-Romantik

Paul Feig versucht sichtbar, aus der trashigen Vorlage einen eleganten Prestige-Thriller zu formen. Die Kameraarbeit ist stilisiert, die Villen wirken wie aus Luxusmagazinen und viele Szenen erinnern bewusst an Filme wie Gone Girl oder klassische Noir-Thriller.

Doch unter dieser schicken Oberfläche bleibt The Housemaid letztlich ein überdrehter Schundroman.

Vor allem im letzten Drittel kippt die Geschichte vollständig in Penny-Dreadful-Eskalation. Figuren handeln in kaum nachvollziehbarer Weise. Konflikte explodieren plötzlich. Die Handlung wird immer extremer. Realismus spielt irgendwann kaum noch eine Rolle.

Viele Kritiker beschrieben den Film deshalb treffend als „Edeltrash“ oder „Guilty Pleasure“. Tatsächlich lebt The Housemaid weniger von psychologischer Feinzeichnung als von emotionaler Wucht, großen Gesten und kalkulierter Übertreibung.

Antje Wessels bezeichnete den Film treffend als „hochunterhaltsamen Edeltrash“. Dieses Urteil charakterisiert es trefflicher als jeder Versuch, das Ganze zu einem tiefgründigen Prestigeprojekt zu (v)erklären.

Der Überraschungshit des Kinojahres

Fast noch erstaunlicher als die Geschichte selbst war ihr kommerzieller Erfolg.

Mit Produktionskosten von rund 35 Millionen Dollar galt The Housemaid ursprünglich eher als mittelgroßer Thriller für ein spezifisches Publikum. Doch der Film entwickelte sich zu einem weltweiten Überraschungshit.

Knapp 400 Millionen Dollar Einspielergebnis machten ihn zu einem der profitabelsten Thriller des Kinojahres.

Der Erfolg erklärt sich durch mehrere Faktoren:

  • den enormen BookTok-Hype um die Romanvorlage,
  • die Popularität von Sydney Sweeney,
  • den bewussten Guilty-Pleasure-Charakter,
  • und die Tatsache, dass Hollywood kaum noch klassische Erotik- und Psychothriller fürs Kino produziert.

The Housemaid füllt eine Marktlücke: erwachsenes Hochglanzkino zwischen Suspense, toxischer Beziehungsfantasie und pulpiger Eskalation.

Folgerichtig wurde die Fortsetzung schnell angekündigt und soll bereits im kommenden Jahr fertiggestellt sein.

Sehr unterhaltsam, aber trotzdem Trash

The Housemaid ist kein subtiler Film. Er ist laut, übertrieben, emotional aufgeladen und manchmal fast absurd eskalierend. Darin liegt sein Reiz.

Die Geschichte schwankt permanent zwischen stylischem Hochglanzthriller und hemmungslosem Psycho-Pulp. Nicht jede Szene funktioniert. Manche Passagen ziehen sich, manche Twists wirken überkonstruiert. Aber der Film besitzt etwas, das vielen modernen Thrillern fehlt: Energie.

Sydney Sweeney liefert ihre bislang wichtigste Mainstream-Rolle und verleiht Millie eine glaubwürdige innere Zerrissenheit. Amanda Seyfried bringt jene exzessive, beinahe campige Wucht hinein, die den Film endgültig zum Guilty Pleasure macht.

Am Ende bleibt The Housemaid vor allem eines: hochunterhaltsamer Edeltrash mit überraschend viel psychologischer Schärfe.

Bewertung: 7.5 Punkte
+++

STECKBRIEF

Deutscher Titel: The Housemaid – Wenn sie wüsste
Originaltitel :The Housemaid
Länge: 132 Minuten
Originalsprache: Englisch
Vorlage: gleichnamige Romanreihe von Freida McFadden
Genre Psychothriller, Erotikthriller, „Domestic Noir“
Produktionsland: USA
Kinostart: 19. Dez. 2025 (USA), 15. Jan. 2026 (Deutschland)
Regie: Paul Feig
Drehbuch: Rebecca Sonnenshine
Produktionsunternehmen: Feigco Entertainment & Hidden Pictures
Produktionskosten: ca. 35 Mio. USD
Einspielergnis weltweit: geschätzt 400 Mio. USD
Darsteller:innen:
Sydney Sweeney: Millie Calloway
Amanda Seyfried: Nina Winchester
Brandon Sklenar: Andrew Winchester
geplante Fortsetzung: The Housemaid’s Secret („The Housemaid 2“)

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