Es gibt Filme, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennen. Terry Gilliams 12 Monkeys gehört ganz sicher in diese Rubrik – und wenn man Jahre später erfährt, dass daraus eine Serie entstanden ist, stellt sich zuerst die Frage: Soll ich mich darauf einlassen? Denn nicht jede Serienadaption wird der Kraft und Faszination eines großen Originals gerecht.
Negativbeispiele findet man zuhauf: Serien wie Minority Report, Training Day, Taken, The Exorcist oder Rush Hour wirken vor allem wie der Versuch, bekannte Namen noch einmal zu verwerten, ohne die besondere Magie des Originals auch nur annähernd zu erreichen.
Manche Serien schaffen es hingegen, eine Vorlage sinnvoll weiterzudenken und ihr neue Facetten abzugewinnen. So entwickeln Fargo, Westworld, What we do in the shadows, Cobra Kai und Stargate eigenständige Welten, die über den ursprünglichen Film hinausreichen.
Wo ist 12 Monkeys zwischen diesen beiden Polen zu verorten?
Ich habe mir in den vergangenen Wochen sowohl den Film (geschätzt zum 20-sten Mal) als auch die gleichnamige Serie – auf die ich zufällig beim Stöbern durch den Apple-TV-Katalog stieß – angeschaut.
Hier mein Eindruck:
Ein ehemaliger Monty Python sieht die Zukunft düster
Terry Gilliam war immer ein Fremdkörper im Hollywood-System. Während andere Regisseure Zukunftsvisionen mit Technik, Helden und klaren Erlösungsgeschichten erzählten, interessierte sich Gilliam für das Gegenteil: kaputte Systeme, überforderte Menschen und Welten, in denen Vernunft und Wahnsinn kaum noch auseinanderzuhalten sind.
Seine Filme sind geprägt von einer ganz eigenen Bildsprache: überbordende Architektur, groteske Maschinen, kafkaeske Bürokratien und Figuren, die gegen übermächtige Apparate ankämpfen. Aus dem anarchischen Humor seiner Zeit bei Monty Python entwickelte Gilliam ein Kino, das gleichzeitig komisch, tragisch und zutiefst melancholisch ist.
Mit Produktionen wie Brazil, Die Abenteuer des Baron Münchhausen oder später Fear and Loathing in Las Vegas wurde er zum Meister des filmischen Ausnahmezustands.
Doch vielleicht findet sich die perfekte Balance all dieser Themen in keinem seiner Werke so eindrucksvoll wie in „12 Monkeys“.
Vom Kurzfilm zum Zeitreise-Albtraum
Die Geschichte basiert lose auf dem französischen Kurzfilm La Jetée (Am Rande des Rollfelds) von Chris Marker – einem experimentellen Werk aus dem Jahr 1962, das fast ausschließlich aus Standbildern besteht.
Gilliam machte daraus 1995 einen großen Kinofilm, der die Grundidee übernahm, aber daraus ein komplexes Science-Fiction-Drama über Erinnerung, Identität und Schicksal spann.
Die Welt im Jahr 2035 ist verwüstet: Ein Virus hat fast die gesamte Menschheit ausgelöscht. Der Sträfling James Cole (Bruce Willis) wird in die Vergangenheit geschickt, um den Ursprung der Katastrophe zu finden.
Doch je weiter Cole zurückreist, desto unsicherer wird, was Realität ist. Ist er ein Retter? Ein Verrückter? Oder nur eine Figur in einem längst feststehenden Ablauf?
Das Zeitreise-Paradox: Wo Logik an ihre Grenzen stößt
Zeitreisen gehören zu den faszinierendsten, aber auch schwierigsten Erzählideen der Science-Fiction. Denn sobald ein Mensch in die Vergangenheit reist, entsteht ein grundlegendes Problem: Wenn er die Vergangenheit verändert, müsste sich auch seine eigene Gegenwart verändern – und damit der Auslöser für die Zeitreise verschwinden.
Dieses sogenannte Zeitreise-Paradoxon stellt Autoren seit Jahrzehnten vor eine Herausforderung. Manche Geschichten lösen es über alternative Zeitlinien: Jede Veränderung erzeugt eine neue Realität. Andere gehen vom Prinzip der geschlossenen Zeitschleife aus: Alles, was passiert, ist bereits passiert – auch die Versuche, es zu verhindern.
Gerade hier liegt die Stärke von „12 Monkeys“. Der Film und die Serie versuchen nicht, jede Regel der Zeitreise wissenschaftlich zu erklären. Stattdessen nutzen sie die Idee als philosophisches Gedankenexperiment: Sind wir frei in unseren Entscheidungen – oder bewegen wir uns nur auf einem Weg, der längst festgelegt ist?
Bei Terry Gilliam wird die Zeitreise damit weniger zu einer technischen Möglichkeit als zu einem Spiegel menschlicher Ängste: der Angst vor dem Verlust, vor dem eigenen Scheitern und vor der Erkenntnis, dass manche Ereignisse vielleicht unvermeidbar sind.
Bruce Willis gegen den Wahnsinn der Zeit
Eine der großen Überraschungen des Films ist Bruce Willis selbst. Bekannt vor allem als Actionstar, stellt er Cole nicht als unbesiegbaren Helden dar, sondern als erschöpften, traumatisierten Menschen.
Ihm gegenüber steht Brad Pitt als Jeffrey Goines – eine der exzentrischsten Figuren seiner Karriere. Pitt spielt den paranoiden Aktivisten mit einer Mischung aus Energie, Chaos und Irrsinn und erhielt dafür eine Oscar-Nominierung.
Gilliam nutzt beide Figuren, um seine zentrale Frage zu stellen: Wer definiert eigentlich, was Wahnsinn ist?
Ein perfekter Gilliam-Film
„12 Monkeys“ ist vielleicht Gilliams geschlossenstes Werk. Er vereint fast alles, was sein Kino ausmacht:
- die Angst vor totalitären Systemen
- die Faszination für kaputte Zukunftswelten
- den Kampf des Individuums gegen übermächtige Strukturen
- die Frage, ob der Mensch überhaupt frei handeln kann
Die Zeitreise ist dabei keine technische Spielerei. Sie ist eine Metapher für Trauma und Erinnerung.
Cole reist nicht nur durch die Zeit – er reist durch seine eigene Vergangenheit.
Mehr als nur eine Fortsetzung: Die Serie „12 Monkeys“
Die Serienadaption „12 Monkeys“ (2015–2018) nimmt die Grundidee des Films auf, erzählt sie aber deutlich größer weiter. Im Mittelpunkt steht erneut ein Zeitreisender aus einer dystopischen Zukunft: James Cole (gespielt von: Aaron Stanford) wird in die Vergangenheit geschickt, um eine geheimnisvolle Organisation namens „Armee der 12 Monkeys“ aufzuspüren und die Ausbreitung eines tödlichen Virus zu verhindern.
Während der Film von Terry Gilliam die Geschichte eines Mannes aufrollt, der an Erinnerung, Realität und Schicksal zerbricht, entwickelt die Serie daraus eine weit verzweigte Zeitreise-Erzählung. Cole und die Virologin Cassandra Railly (Amanda Schull) kämpfen über mehrere Jahrzehnte und Zeitebenen hinweg gegen eine Bedrohung, die immer komplexere Formen annimmt.
Die Serie erweitert die Mythologie des Stoffes erheblich: Aus der paranoiden Vision des Films wird ein episches Spiel mit alternativen Zeitlinien, Prophezeiungen und der Frage, ob die Zukunft tatsächlich verändert werden kann. Dabei bleibt sie dem zentralen Gedanken des Originals treu – dass der Mensch vielleicht nicht die Zeit kontrolliert, sondern die Zeit den Menschen.
Film gegen Serie: Zwei unterschiedliche Zeitmaschinen
Während Gilliams Film ein konzentriertes, düsteres Kammerspiel ist, nutzt die Serie ihre Laufzeit für eine viel größere Mythologie.
Der große Unterschied:
Der Film fragt:
Ist unser Schicksal unveränderlich?
Die Serie fragt:
Wie viele neue Möglichkeiten entstehen, wenn wir versuchen, unser Schicksal zu verändern?
Bruce Willis’ Cole ist ein gebrochener Mann, der verzweifelt versucht, Wahrheit und Realität zusammenzuhalten. Der Serienheld entwickelt sich stärker zum klassischen Zeitreisenden, der aktiv in das Geschehen eingreift.
Gilliams düsteres Meisterwerk
Die TV-Adaption ist eine gelungene Weiterentwicklung – umfangreicher, erzählerisch größer und stark an modernen Serienformaten orientiert.
Aber Gilliams „12 Monkeys“ bleibt die präzisere und verstörendere Vision. Ein Film, der keine Antworten liefert, sondern den Zuschauer mit der beunruhigenden Erkenntnis zurücklässt:Vielleicht ist die Zukunft nicht das, was vor uns liegt. Vielleicht ist sie nur eine Erinnerung, die wir noch nicht erlebt haben.
Bewertung:
Film: 9.5
Serie: 8.5 Punkte
STECKBRIEF (Serie)
Originaltitel: 12 Monkeys
Produktionsland: United States
Originalsprache: Englisch
Entwickelt für das Fernsehen von: Terry Matalas und Travis Fickett
Showrunner: Terry Matalas
Produktionsfirmen: Atlas Entertainment & Universal Cable Productions
Ausstrahlung: 2015–2018
TV-Sender: Syfy
Staffeln: 4
Episoden: 47
Genre: Science Fiction, Mystery, Thriller, Drama
Basierend auf: dem Film 12 Monkeys von Terry Gilliam sowie dem Kurzfilm La Jetée
Besetzung
Aaron Stanford – James Cole
Amanda Schull – Dr. Cassandra Railly
Barbara Sukowa – Dr. Katarina Jones
Emily Hampshire – Jennifer Goines
Todd Stashwick – Deacon
Zu sehen u.a. auf: Amazon Prime und Apple TV
+++
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