Mehr Tag als Arbeit – eine TV-Serie

In den Jahren 1972/73 transportierte Rainer Werner Fassbinder Sozialkritisches ins Unterhaltungsfernsehen. Fünf von ursprünglich geplanten acht bis zehn Folgen in Spielfilmlänge wurden damals für den WDR von Peter Märthesheimer nach Fassbinders Drehbuch produziert. Die Fernsehserie sollte das Unterhaltungsprogramm nachhaltig verändern – Rezension von Matthias von Schramm.

Grafik: Matthias von Schramm

„Acht Stunden sind kein Tag“ nannte Fassbinder sein Werk. Und in seinen fünf Episoden in TV-epischer Länge von 88 bis 101 Minuten brachte er die Probleme der Arbeiterklasse ins Heimkino der frühen siebziger Jahre.

Die bekannten Gesichter aus seinen Autorenfilmen, aus dem Antiteater hervorgegangen, tauchten plötzlich im Fernsehen auf. Die Zumutung des Bürgerschrecks Fassbinder fand auf einmal im Wohnzimmer statt.

Neben lustiger Unterhaltung mit u. a. zu vielen Kohlrouladen an einem Tag und der launigen Titelmusik von Jens Wilhelm Petersen wurden Probleme der Fabrikarbeiter, inklusive fremdenfeindlicher Narrative, behandelt, anstatt einfache, familientaugliche Serienlösungen anzubieten.

So war nach fünf von geplanten acht bis zehn Folgen – die vor allem in Köln und Mönchengladbach gedreht wurden – Schluss. Der damalige Programmdirektor Günter Rohrbach begründete die Einstellung des Projekts mit der Realitätsferne und Gewerkschaftslastigkeit des Stoffes. Bis dahin waren die fünf realisierten Episoden in unregelmäßiger Reihenfolge vom 29. Oktober 1972 bis zum 18. März 1973 jeweils an einem Sonntag ausgestrahlt worden. Eine Ausnahme stellte die zweite Folge dar, die am Mittwoch, dem 27. Dezember 1972, erstmals gezeigt wurde.

Jochen und Marion!

Anders als in heutigen, scheinbar nicht endenden Unterhaltungsformaten mit nur angerissenen Problemen (Rote Rosen als Beispiel) wurden damals die Charaktere bereits in wenigen theateraffinen Situationen moduliert. Da sind vor allem Marion und Jochen, die im gesamten Projekt tragende Figuren verkörpern. Sie lernen sich an einem Getränkeautomaten mitten in der Nacht kennen. Die jungen Leute Marion (Hanna Schygulla) und Jochen (Gottfried John) verlieben sich schlagartig während eines Dialogs zwischen jugendlicher Ruppigkeit, Zickerei und liebevollen Blicken. Jochen schleppt Marion auch sogleich auf eine mit Albernheiten gespickte Party, den Geburtstag seiner Oma. Dort lernt man dann auch seine anstrengende Verwandtschaft kennen.

Fassbinder hatte einen Sinn für diesen eigenartigen, mich oft ansprechenden Humor. Marion macht selbstverständlich sofort mit ihrem Freund Schluss, als sie von Jochens Charme erfasst wird. Menschliche Rückschlüsse skurriler Art, wie man sie in Fassbinders als Komödie ausgewiesener Groteske „Satansbraten“ von 1976 überreichlich findet.

Alles, was in diesen späteren Formaten mehr ins Orgiastische überschwappt, findet hier mit TV-tauglicheren Versuchen statt. Jochen ist Arbeiter (Werkzeugmacher) und will mit Unterstützung der Gewerkschaft mehr Gerechtigkeit bei weniger Arbeit schaffen. Solche Szenen sind gewürzt mit verklemmten Herrensprüchen der Kollegen über Sexualität und Liebe. Als dies damals kritisiert wurde, sagte Fassbinder dazu, dass solche Gespräche über „das Bumsen“ in der Realität doch viel häufiger stattfänden.

Oma und Gregor!

In der zweiten Folge wird die Liebe älterer Menschen thematisiert, und somit geht es mit der Zumutung für den Bürger weiter. Oma (Luise Ullrich) verliebt sich in Gregor (Werner Finck), eine Verkörperung von Schrulligkeit par excellence. Die beiden suchen gemeinsam eine Wohnung, wobei Oma den weitaus aktiveren Part übernimmt und Werner Finck als Gregor in seiner Zerstreutheit mit wenigen, aber sehr treffenden Worten eine fantastisch dargestellte Begleiterscheinung spielt. Ein unverheiratetes Paar mit einer zusammengerechneten Monatsrente von 1085 DM – das war bis dato kein Thema für Fernsehserien mit Spaßcharakter in der damaligen Bundesrepublik.

Nicht genug: Die beiden etwas seltsamen alten Herrschaften gründen einen Kindergarten und reißen das Thema antiautoritäre Erziehung an.

Franz und Ernst!

Bei den Fabrikarbeitern verstirbt der Meister, und der Vorarbeiter Franz (Wolfgang Schenck) wird sein Stellvertreter. Unterstützt von seiner Gruppe kann er dann den Meister machen. Doch die Betriebsleitung will einen anderen, jungen Meister von außen holen. Es gibt immer wieder Streit und Spaltungen in der Gruppe, in der Jochen weiterhin eine prominente Rolle spielt. Letztlich wird Ernst (Peter Gauhe) als Meister installiert.

Durchgehend wird deutlich, dass das Leben der Menschen außerhalb der Arbeit eine Rolle spielt. Jochens Freundin Marion arbeitet bei der Zeitung und tauscht sich mit ihrer Kollegin Irmgard (Irm Hermann) über den gesellschaftlichen Stand des Arbeiters aus. Vor allem auch darüber, wie es ist, als Frau das Leben mit einem solchen Arbeiter zu teilen, der das Proletariat verkörpert und keine Statussymbole vorzuweisen hat.

Harald und Monika!

Menschen haben eben in ihrer Freizeit Gefühle und Neigungen. Ein Leben außerhalb der Arbeitsstunden. So möchte auch Monika (Renate Roland) arbeiten und sich als Frau von ihrem Mann Harald (Kurt Raab) befreien. Etwas, das damals Ehemänner noch einfach juristisch verhindern konnten. So obliegt – wie in mehreren Werken Fassbinders – dem unvergleichlichen Kurt Raab die Verkörperung eines unsympathischen Tyrannen, dem Prestige und familiäre, patriarchale Ordnung wichtiger sind als die Wünsche seiner Frau. Letztlich kommt es zur Scheidung.

Marion und Jochen hingegen wollen heiraten. Marions Mutter will das nicht. Jochen ist schließlich ein Arbeiter, bei dem man noch nicht einmal richtig weiß, was er in seinem Job herstellt. Werkzeuge, ja, aber Werkzeuge, die in große Maschinen eingesetzt werden. Wie soll man sich da auskennen?

Oma wohnt noch bei ihrer Tochter Käthe (Anita Bucher) und ihrem Schwiegersohn Wolf (Wolfried Lier). Entnervt zieht sie nach Streitereien mit ihrem Schwiegersohn aus und lebt mit Gregor eine durchaus unterhaltsam gestaltete wilde Ehe. Ein Element, das aus meiner Sicht in ein geschmeidiges deutsches Unterhaltungsprogramm passen könnte, wäre die Moral der damaligen Zeit nicht so präsent gewesen.

Irmgard und Rolf!

In der ungeplant letzten der fünf Folgen kommt Marions Kollegin Irmgard doch noch auf den Trichter, sich in einen Arbeiter zu verlieben. Rolf (Rudolf Waldemar Brem) und Irmgard verhelfen dem Ganzen dann doch zu einer Art serientauglichem Happy End.

Nicht ganz: Der gesamte Betrieb rund um die Werkzeugmachergruppe zieht in moderne Gefilde um. Probleme wie lange Fahrzeiten zur Arbeit und ein möglicher Umzug werden bis zuletzt thematisiert – mit dem Resultat, dass das Für und Wider einer Betriebsausgliederung ergebnislos bleibt.

1,3 Millionen DM Kosten und 105 Drehtage waren für Rainer Werner Fassbinder in der damaligen Zeit eine außergewöhnlich hohe zeitliche und finanzielle Investition. Der WDR wollte nicht weiterzahlen, obwohl die Einschaltquoten stimmten. Acht Folgen waren geschrieben, es war sogar über zehn Episoden gesprochen worden.

The Politics of EIGHT HOURS DON’T MAKE A DAY

Josef Rölz (Autor und Produzent)

„Ich halte ‚Acht Stunden sind kein Tag‘ für den ersten tauglichen Versuch einer deutschen Fernsehanstalt, gesellschaftskritische Inhalte in eine populäre Unterhaltungsform zu bringen. Die Konflikte dieser Arbeiter werden nicht als private Konflikte dargestellt, sondern als gesellschaftliche Konflikte.“

Manfred Delling (Autor und Publizist)

„Diese Serie links zu nennen, ist ja wirklich eine Beleidigung der Leute, die sich mit Recht links nennen.“

Josef Rölz

„Ich habe gesagt, dies wäre eine politische Serie, die einen Zusammenhang zwischen Arbeitswelt und Freizeitwelt von Arbeitern aufzeigt.“

Manfred Delling

„Natürlich ist sie politisch. Aber politisch an sich sagt gar nichts. Wofür tritt sie ein? Was will sie in Bewegung bringen?“

Hans Hirschmüller (Regisseur und Schauspieler)

„Ich dachte wirklich, es würde etwas verändern. Es würde die Zeit, die Menschen und die Arbeiterschaft ein wenig verändern. Es könnte etwas bewegen.“

Wolfgang Schenck (Schauspieler)

„Einigkeit macht stark. Das war, glaube ich, so ein Leitgedanke von ihm. Der Arbeitgeber braucht die Arbeiter. Die Arbeiter brauchen aber nicht unbedingt den Arbeitgeber.“

Acht Stunden sind kein Tag!

Fassbinders „Acht Stunden sind kein Tag“ bei ARTHAUS

Cast & Crew

Darsteller: Gottfried John, Hanna Schygulla, Irm Hermann
Regie: Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder
Kamera: Dietrich Lohmann
Produktion: Peter Märthesheimer

Weitere Infos

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 1972–1973
Genre: Drama, TV-Serie
Lauflänge: ca. 478 Minuten
FSK 12

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