In der Soziologie spricht man von einem geschlossenen System von Ideen, um damit den Begriff Ideologie zu erklären. Dabei ist es für die Begriffsdefinition ziemlich egal, ob es sich um gute oder schlechte Ideen handelt. Ein Naturwissenschaftler kann z.B. feststellen und im wissenschaftlichen Sinne sogar beweisen, warum Windenergie gut ist. Zudem effektiv und relativ wenig schädlich. In Regeneratives zu investieren, halte ich also für sinnvoll. Zudem wird jeder vernünftige Mensch, der etwas von Ästhetik versteht, einen Windpark schöner finden, als Fabrik-, Kühlturm- und Schornsteinlandschaften. Trotzdem ist die Idee, die hinter wiederverwendbarer Energiegewinnung steckt, stets dem sofortigen Vorwurf ausgesetzt, einer Ideologie zu entspringen.
Vermutlich ist der erste Grund, dass bereits der Umweltschutz als ideologisch betrachtet wird. Weil gemessen an ganz vielen Millionen Jahren fossiler und organischer Existenzen, der menschliche Einfluss auf das verändernde Klima, freilich klein geredet werden kann. Erkennt man eine Katastrophe nicht, in der uns aktuell betreffenden Dimension, bedient man sich halt einer größeren, einer gewaltigen, einer philosophischen, bezogen auf die Physis.
Konzentriert auf das, was die alten Griechen als Natur bezeichneten, also die Dinge, die der Mensch nicht erschuf. Physis=Natur.
Doch hier bin ich – ein Mensch!
Ich gehöre zur „Generation-Mengenlehre“. Wir zeichneten in der „ideologischen“ Erich Kästner-Grundschule Krupunder Kreise auf das leere Papier und malten diese bunt aus. Die Kreise überschnitten sich. Linker Kreis bspw. Radfahrer, rechter Kreis Brillenträger. Schnittmenge Radfahrer, die auch Brillenträger sind. Außerhalb der Schnittmenge, Radfahrer ohne Brille und Brillenträger, die nicht mit dem Rad fahren.
Das lehrte mich sogleich, dass nichts absolut ist und machte mich sensibel gegenüber schnell getroffenen Aussagen, wie: allen Radfahrern fehlt die Brille. Oder sowas wie: alle Pinneberger sind blind oder die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln und zwar immer und ohne Ausnahme.
Jede Studie würde derartig nassforsch hinausgeblasene Behauptungen widerlegen.
Mich betrifft also die Welt so wie sie ist, als Mensch und nicht wie man sie sich vereinfacht zusammen häkelt. Natürlich, wenn ich ein Buch lese, wenn ich ein Thema ausgiebig bearbeite, wenn ich einen Idealzustand mit einem Ist-Zustand vergleiche, dann habe ich eine Idee für eine Lösung.
Kann man mir aber deshalb immer vorwerfen, ideologisch zu sein?
Ich hatte z.B. mal die Idee, dass sich Großkonzerne dazu verpflichten, Pflegeheime in erheblicher Zahl, hoher Qualität und mit qualifizierten Mitarbeitenden zu errichten. Ideologisch? Das hängt vermutlich von einem kleinen Zusatz in der Formulierung ab. Es ist ein Unterschied, wenn ich folgende Eilmeldungen lese:
Großkonzerne verpflichten sich, hochwertige Pflegeheime zu bauen!
Oder:
Großkonzerne müssen sich verpflichten, hochwertige Pflegeheime zu bauen.
Als der Ideologie-Vorwurf zur Modeerscheinung generierte!
Irgendwann in guten alten Zeiten, zum Ende des letzten Jahrhunderts hin, wurde es modern, jedem Menschen mit „links-grün-versifften“ Meinungen, ideologisches Denken vorzuwerfen. Während studierte ChristdemokratInnen dem Keynesianismus frönten und mit den Lehren von John Maynard Keynes ruhigen Gewissens und zukunftsgewandt schlafen gingen. Manche wohl auch mit dem Gedanken: wie arbeite ich morgen einen Vermieter-freundlichen Mietvertrag aus. Ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, diesen KollegInnen einen Ideologie-Vorwurf zu machen.
Aber das hat sich hochgeschaukelt. Es gibt ideologische Wiederverwendbarkeit, Nachhaltigkeit, Sozialverträglichkeit und ein angeblich nicht ideologisches Leistungsprinzip. Es gibt ideologische Elektrofahrzeuge, die von Herstellern produziert werden, die für den Verbrenner bekannt sind. Und es gibt chinesische E-Fahrzeuge. Die sind natürlich christlich demokratisch betrachtet nicht ideologisch, weil chinesisch.
Das Atomkraftwerk an sich war natürlich auch nie ideologisch und auch ein extremes Ungleichgewicht in Führungspositionen zum Nachteil der Frauen, wurde auch nicht so genannt. Nein, man bezeichnete das als Tradition. In Wirklichkeit ist die Grundlage solcher Geschlechterrollen das Patriarchat. Und das ist ein geschlossenes System.
Und ein geschlossenes System ist … ?
Ein Matriarchat muss ideologisch sein!
Während meiner „ideologischen“ Erzieherausbildung auf der FSP II in Hamburg Altona, sahen wir einen Film über eine Gesellschaft, die das Mutterrecht in ihrem Grundwesen trug. Es ging also um das Matriarchat. Es wurde etwas über das Neolithikum gezeigt, welches matriarchal geprägt war. Zudem sahen wir einiges über feministische Matriarchat-Ideen der Moderne.
Ich war zuweilen der einzige Mann in meiner Klasse und zu dieser Zeit von einer gewissen Co-Wirklichkeit umgeben. Viele meiner Mitschülerinnen aber reagierten auf diesen Film mit norddeutsch weiblicher Sanftheit: „Oh nein – die armen Männer!“
Marie-Louise Eta!
Aber, es ist für mich eine gute Nachricht, dass Marie-Louise Eta dieser Tage interimsmäßig das Amt von Steffen Baumgart beim Bundesligisten Union Berlin übernommen hat. Profifußball der Männer und eine Frau als Trainerin?
Liest man die Anekdoten um die Sicht von mir als Mitglied eines Fußballfanclubs von einem Frauenteam, dann wird klar wie alltäglich dieser einzigartige Vorgang in seinem Wesen eigentlich ist.
Einst haben wir als „Die üblichen Verdächtigen“ die 1. Frauen des TUS Schwachhausen in der Aufstiegsrunde zur Regionalliga Nord gegen TSC Wellingsbüttel supportet. Dort war Benjamin Eta Trainer. Seine Frau Marie-Louise spielte damals für Werder Bremen in der Bundesliga. Schwachhausen stieg mit Benjamin auf und war das einzige gegnerische Team, mit dem wir uns nach dem Spiel gegen unsere 1. Frauen FCSP abgeklatscht hatten.
Inzwischen hat sich dieses Team vom Verein TUS Schwachhausen getrennt und spielt heute in der Verbandsliga Bremen bei TV Eiche Horn. Später, im Jahr 2023 war Frau Eta als Sky-Expertin im Millerntor-Stadion. Unsere 1. Frauen hatten dort ihr größtes Spiel in der zweiten DFB Pokal Runde gegen die Frauen des Stadtrivalen aus der Vorstadt. Ich machte ein Foto von Marie-Louise Eta und sie lächelte in meine Kamera.
Benjamin Eta trainiert heute die 2. Frauen von RB Leipzig in der Regionalliga Nord-Ost.
Ideologisch!?
„Soweit ich mich erinnern kann …? Yippie ya ya …!“ (Aus der Hornbach-Werbung)
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