Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe Alkohol
Selbsthilfegruppen sind – vor allem zu Beginn der Abstinenz – der Garant dafür, die ersten superschwierigen Monate trocken zu bleiben. Welche Sie besuchen, ist egal. Hauptsache, Sie besuchen eine. Eine Gesoffen-wird-immer-Kolumne von Henning Hirsch.

Nun wollen wir uns mit dem zweiten essenziellen Baustein fürs Überleben in der rauen Wirklichkeit beschäftigen – der Selbsthilfegruppe Alkohol, kurz SHG.
Wer dauerhaft trocken bleiben möchte, kommt um den Besuch einer SHG nicht herum. Was soll ich da? Die können mir auch nicht helfen; stinklangweilig, sagen Sie? Dann haben Sie die Sache immer noch nicht verstanden, antworte ich.
Speziell am Beginn der Abstinenz ist es wichtig, sich beständig mit Gleichgesinnten auszutauschen, sich in der Gruppe mitzuteilen, zu öffnen, zu berichten, weshalb der Alkoholkonsum derart aus dem Ruder gelaufen ist, ehrlich zu sein und sich an Kritik zu gewöhnen. Man kann den anderen Teilnehmern nahezu alles beichten, sie hören geduldig zu, geben Tipps, wie man die zwischendurch immer wieder auftretenden Phasen des Saufdrucks überstehen kann, vertrauen dir ihre Telefonnummern an, damit du sie anrufst und redest, anstatt deprimiert zur Flasche zu greifen. Nur eines darf man nicht tun: Unsinn zum Besten geben oder die Gruppe gar anlügen. In diesem Fall können die Reaktionen heftig ausfallen. Ein Fehler, den Neulinge gerne machen, weil sie die Expertise ihres Publikums unterschätzen. Bei den Treffen kann es deshalb schnell ungemütlich werden, sobald sich ein Teilnehmer entweder als lernresistent erweist oder gar gegen den Kodex der Abstinenz verstößt.
Die Geschichte von Kalle, dem Lokführer
Ich erzähle in diesem Zusammenhang gern die Geschichte von Kalle, dem Lokführer. Den lernte ich vor Jahren beim Kreuzbund kennen. Was Karl-Heinz, wie er mit vollem Namen hieß, zugestoßen war,kann man mit Fug und Recht als unglücklich bezeichnen. An einem noch nicht lange zurückliegenden nasskalten und neblig-trüben Novemberabend stand ein 56-jähriger Prokurist auf dem Geländer einer Brücke, die sich über die Bahnstrecke Köln-Koblenz spannt, und sprang von dort vor den mit Tempo 100 heranbrausenden Regionalzug, und zwar frontal auf die Rundumverglasung des Führerhauses, wo der Schädel des Unglücklichen vor Kalles Augen platzte, und der Körper langsam nach unten glitt, um von den Rädern der Doppelstockwagen völlig zermalmt zu werden. Mit der rechten Hand hielt der Mann noch seine Aktentasche fest umklammert.
Die doppelte Tragik bestand darin, dass Karl-Heinz die Route an diesem Tag nur deshalb befuhr, weil er für einen kurzfristig erkrankten Kollegen eingesprungen war. Wie oft hatte er uns erklärt, dass er den Moment verfluchen würde, in dem er sich gutmütig dazu hatte überreden lassen, die Rheinseite zu wechseln. Kalle haderte seitdem mit sich und der Welt und trank mehr, als für ihn bekömmlich war.
Nach einigen Wochen fielen seine krankheitsbedingten Fehlzeiten und die Schnapsfahne, die er trotz kiloweise Pfefferminzpastillen nicht dauerhaft übertünchen konnte, sowohl Kollegen als auch Vorgesetzten auf. Da ein Lokführer mit Alkohol im Blut eine potenzielle Gefahr für Passagiere und Allgemeinheit darstellt, beorderte ihn sein Chef zum außerplanmäßigen Routinecheck beim Betriebsarzt. Leberwerte im Keller, die allgemeine Konstitution glich eher einem 60- denn einem 40-jährigen, einfachste Denksportaufgaben bereiteten Karl-Heinz große Mühe.
Warum keine Schwarzwälder-Kirschtorte?
Nach Rücksprache mit einer auf Suchtfragen spezialisierten Psychologin wurde Kalle bis auf Weiteres vom Dienst suspendiert mit der Auflage, sich einer ambulanten Therapie zu unterziehen. Hierzu gehörte ebenfalls der Besuch der Dienstagabend-Selbsthilfegruppe des Kreuzbunds. Und jetzt saß er seit nunmehr über sechs Monaten in unserer Runde, lamentierte und erzählte in Dauerschleife immer wieder denselben traurigen Hergang. Nachdem wir ihm anfangs mit offenen Mündern gelauscht und mehrmals unser Bedauern über den unseligen Vorfall ausgesprochen hatten, ermüdete uns die Story mittlerweile doch sehr.
„Passiert ist passiert. Kannst du heute eh nicht mehr ändern“, pflegtenwir ihm zu antworten. Jedoch stellte ihn unsere Reaktion nie länger als zehn Minuten zufrieden; dann meldete er sich erneut zu Wort, um uns eine weitere Einzelheit des Unglücks, die wir angeblich noch nicht kannten, zu schildern. Eine SHG-Nervensäge, wie man sie in vielen Gruppen antrifft und die es stoisch zu ertragen gilt. Mit allerdings der Besonderheit, dass Kalle nicht ganz freiwillig bei uns war, sondern einer Anweisung seines Arbeitgebers folgte.
Mit zunehmender Dauer des Programms – seine ambulante Therapie war auf eineinhalb Jahre ausgelegt – wurde Karl-Heinz zusehends empfindlicher in Bezug auf Kritik. Und Kritik am Sprecher ist beim Kreuzbund – im Unterschied zu den Anonymen Alkoholikern – erlaubt und wurde von der Gruppe auch bei jeder Sitzung praktiziert. Denn instinktiv spürten wir, dass Kalle keine Fortschritte machte. Weder war er willens, uns die Brückenspringer-Geschichte zu ersparen, obwohl wir sie mittlerweile auswendig mitmurmeln konnten, noch zeigte er Einsicht, dass sein Alkoholproblem älter war als das tragische Unglück und der Novemberabend den finalen Auslöser, aber nicht den Urgrund bildete.
Darauf angesprochen beharrte er störrisch darauf, bis zu diesem Datum nur hin und wieder ein Gläschen getrunken und erst imNachgang des Unfalls zur Flasche gegriffen zu haben. Ein Märchen, das schon deshalb nicht stimmen konnte, weil seine Leberwerte, die wir kannten, glasklar auf jahrelangen Missbrauch hindeuteten. Sobald wir ihm das auf den Kopf zusagten, sprang er beleidigt auf und wollte das Meeting verlassen. Was er jedoch nicht durfte, weil er sonst gegen seine Reha-Auflage verstoßen hätte. So blieb er dann den Rest des Abends missmutig sitzen und grummelte vor sich hin.
Als er uns im Sommer die Nachricht übermittelte, er habe sich am Nachmittag zwei Stück Schwarzwälder Kirschtorte schmecken lassen, da sei überhaupt nichts Schlimmes dabei, brach der zu erwartende Kritik-Tsunami über Kalle herein, denn in unserer Gruppe gab es viele strenge Abstinenzler, die von Schwarzwälder-Kirschtorte-Experimenten überhaupt nichts hielten. Er sei leichtsinnig, würde grob-fahrlässig das in ihn gesetzte Vertrauen aufs Spiel setzen, liefe Gefahr, aus dem Programm zu fliegen und damit seinen Job zu verlieren. Karl-Heinz lief rot an, schrie: „Ihr könnt mich alle mal!“, sprang auf und knallte die Tür hinter sich zu.
„Das war’s“, sagte ich, „Den sehen wir nie wieder.“
„Wenn er im Programm bleiben will, kommt er zurück“, meinte Regina, die an diesem Tag die Gruppe leitete.
„Der lässt sich gleich volllaufen. Dem ist das Programm heute völlig egal.“
„Wenn er einen Rückfall baut, bin ich gespannt, ob er uns darüber offen berichten wird“, sagte Reinhold, der neben mir saß.
„Falls nein, dann ist hier Ende Gelände. Muss er sich ’ne andere Gruppe suchen, die sich Woche für Woche geduldig seine Lügengeschichten anhört“, sprach Regina das Schlusswort.
Selbsthilfegruppe Alkohol: Kuschelprogramm?
Klingt alles sehr streng in Ihren Ohren? Selbsthilfe ist kein Kuschelkurs. Natürlich können Rückfälle passieren und diese werden von der Gruppe auch verziehen. Allerdings muss der Konsum ohne Wenn und Aber zugegeben und aufrichtig bereut werden. Andernfalls droht der Ausschluss.
Der Grundgedanke lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Mitglieder schildern ihren Alltag, erzählen von ihren Sorgen und Erfolgen. Sie ermuntern sich gegenseitig, in dem Bemühen um Abstinenz nicht nachzulassen. Jeder spricht nur über sich, Zuhören ist wichtig, Vertraulichkeit wird garantiert. In vielen Gruppen gibt es Paten, die sich um die Neuankömmlinge kümmern. Die kann man, wenn man Saufdruck verspürt, auch mitten in der Nacht anrufen und so lange mit ihnen quatschen, bis man sich wieder beruhigt hat. Ohne Scheu und Hemmungen, denn die Paten haben das alles selbst erlebt. Hier unterstützen Praktiker den Praktiker. Was nicht heißen soll, dass man nicht ebenfalls klugscheißende Idioten in den SHGs antrifft. Weshalb sollte es dort anders sein als im realen Leben oder in der Suchtklinik? Die Bereitschaft zuzuhören und im Bedarfsfall zu helfen, ist allerdings groß. Genau das ist schließlich das Erfolgsrezept der Gruppen.
Selbsthilfe für Suchtkranke wird von mehreren Organisationen angeboten. Die bekanntesten heißen: Kreuzbund, Blaues Kreuz, Guttempler, Diakonie, Freundeskreise und Anonyme Alkoholiker (AA). Einen Sonderfall stellt die therapeutische Gruppe (TG) dar, die von einem Psychologen geleitet wird. Diese Variante ist allerdings gebührenpflichtig. Die Übernahme der Kosten kann bei der Krankenkasse beantragt werden. Insgesamt gibt es rund 7.000 Gruppen mit geschätzt zwischen 80.000 und 100.000 regelmäßigen Besuchern in Deutschland.
Die Treffen dauern zumeist 90 bis 120 Minuten, maximal drei Stunden. Während sich Kreuzbund, Blaues Kreuz, Guttempler etc. einzig in der Zusammensetzung der jeweiligen Teilnehmer unterscheiden und ansonsten vom Ablauf der Sitzungen her identisch sind, hebt sich das Konzept der AA doch etwas ab. Hier sind keine Fragen an den Vortragenden erlaubt. Diese Vorgehensweise soll sicherstellen, dass niemand aufgrund befürchteter Kritik schweigt. Die Teilnehmer berichten deshalb sehr offen; das Prinzip des Nichtunterbrechens führt jedoch mitunter zu langen, ermüdenden Monologen.
Mir hat das 30-Tage-Programm der Anonymen Alkoholiker vor 15 Jahren sehr dabei geholfen, den ersten Monat der Abstinenz zu meistern. So brachte ich die abendliche Hochrisiko-Rückfallzeit im geschützten Raum gut hinter mich. Das muss nicht jeder so machen, allerdings empfehle ich, anfangs lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eine Versammlung aufzusuchen.
Jeder Neuling sollte ein paar SHGs testen, bevor er sich für die für ihn am besten geeignete entscheidet. Die Entschuldigung „Ich habe nichts gefunden, das zu mir passt“ bedeutet bloß, dass Sie keinen Bock haben, unverblümt über Ihr Problem zu sprechen. Zwischen der Weigerung, sich zu öffnen, hin zum nächsten Testlauf mit dem Alkohol steht bei vielen Trinkern nur ein kleines Glas Bier.
Nicht jeder, der zufrieden drogenfrei lebt, kreuzt zwar regelmäßig in einer Gruppe auf, aber gerade in der Anfangszeit der Umgewöhnung ist es enorm wichtig, den häufigen Kontakt zu anderen Ausstiegswilligen zu suchen und zu begreifen, dass man nicht der Einzige ist, der den harten Kampf gegen seine Dämonen aufgenommen hat. Gemeinsam kämpft es sich doch gleich um einiges leichter. Es schadet nicht, wenn man diese Angewohnheit auch noch in Jahr 10 oder 20 oder 30 der Abstinenz beibehält.
Wobei der Rhythmus der Besuche individuell ist. Ich kenne einige, denen es reicht, im Ein-Jahre-Turnus bei einem Meeting aufzukreuzen, dort stumm zuzuhören, zu verschwinden und erst zwölf Monate später wieder bei den AA gesehen zu werden. Die es aber trotz dieser stark reduzierten SHG-Präsenz schaffen, abstinent über die Runden zu kommen. Das ist der Typ Einzelkämpfer. Der ist jedoch eher selten vertreten. Dem Ich-brauche-Gleichgesinnte-um-stabil-zubleiben-Kandidaten begegnet man weitaus häufiger. Falls Sie sich unsicher sind, welcher der beiden Ausprägungen Sie angehören: im Zweifelsfall besser die Ich-brauche-Gleichgesinnte-Variante ankreuzen.
Selbsthilfegruppe Alkohol: ernüchternde Statistik
Hier eine ernüchternde oder aufmunternde Statistik – kommt auf den Blickwinkel an, aus dem Sie die Zahlen betrachten:
Quelle: Anonyme Alkoholiker (mehrjährige Zufallsstichprobe unter AA-Meeting-Teilnehmern)
Sind ja zum Ende hin nicht gerade viele, die übrig bleiben, geben Sie zu bedenken? Wer sagt denn, dass Sie nach der ganzen Sauferei noch mehr als 25 Jahre vor sich haben?, antworte ich. Ohne SHG sähe Ihre Überlebensprognose deutlich düsterer aus. Vielleicht haben Sie ja Glück und sind bei den 10 %, die es zwei Jahrzehnte schaffen, die Finger vom Fusel wegzulassen. Eine 100-%-Garantie auf den Nicht-Rückfall gibt es eben nicht. Liegt nur an Ihnen, was Sie aus Ihrem trockenen Leben machen und wie lange es Ihnen gelingt, die Abstinenz durchzuziehen.
Selbsthilfegruppen sind – vor allem zu Beginn der Abstinenz – der Garant dafür, die ersten superschwierigen Monate trocken zu bleiben. Welche Sie besuchen, ist egal. Hauptsache, Sie besuchen eine.
Was mit Kalle passiert ist, wollen Sie noch wissen? Keine Ahnung. Aufgetaucht ist er bei uns nicht mehr. Auch in anderen Gruppen im regionalen Umkreis wurde er nicht gesichtet. Man munkelte damals, er habe das Programm noch am selben Abend geschmissen, den Job als Lokführer an den Nagel gehängt, die Stadt verlassen und tränke nun mehr als vorher. Ob das alles stimmt, kann ich nicht beurteilen. Ich hoffe für ihn, dass er die Kurve trotz der Schwarzwälder Kirschtorte doch irgendwie hinbekommen hat.
Etappenziel 7
Sie haben erkannt, wie immens wichtig der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe für Sie ist.
+++
Entnommen aus:
Raus aus dem Rausch
Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen
humboldt Verlag
ISBN 9783842630550
+++
In der vorherigen Kolumne von Henning Hirsch ging es um das Thema Den Schalter im Kopf umlegen.


Schreibe einen Kommentar