Trocken bleiben … aber wie?

Den Beginn der Fastenzeit nehmen einige als Auslöser, um 6 Wochen lang die Finger wegzulassen von Bitburger, Valpolicella & Jägermeister. Über seinen persönlichen Weg in die Abstinenz berichtet heute unser Kolumnist Henning Hirsch.

Bild von Geralt auf Pixabay

Im vergangenen Jahr bat mich die TrokkenPresse um einen Erfahrungsbericht, in dem ich in kurzen Worten schildern möge, wie ich es schaffte, nach 20 Jahren grob fahrlässiger Trinkerei mit dem Wahnsinn aufzuhören und seitdem trocken zu bleiben. Dieser Text wurde nun im Rahmen einer Anthologie publiziert. Da der Beitrag thematisch halbwegs zur aktuellen Fastenzeit passt, veröffentliche ich ihn auch hier bei den Kolumnisten. Wobei 6 Wochen Trinkpause nicht dasselbe sind wie (lebenslange) Abstinenz. Aber 40 Tage ohne Droge sind schon mal ein guter Anfang.

Überschrieben hatte ich den Bericht mit: „Ich habe meine Portion Demut gelernt“:
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Nach 30 Entzügen, einem Dutzend Aufenthalten in Intensivstationen und zwei Langzeittherapien gelang mir im Oktober 2011 endlich der Einstieg in die Abstinenz. 5 Sekunden vor 12. Viel länger hätte ich meine (zum Schluss hin: Hardcore-) Sauferei nicht überlebt.

Weshalb benötigte ich so viel Zeit, um den Irrsinn zu begreifen, den ich seit meiner Jugend betrieb: Raubbau am Körper, Verlust des Arbeitsplatzes, Abhandenkommen sämtlicher sozialer Kontakte, Abgleiten in den finanziellen Ruin? Denn dass ich Alkoholiker bin und dringend eine 180°-Kehrtwende herbeiführen muss, wusste ich ja schon seit Jahren. Warum also dieser gewaltige Anlauf, um mich ans sichere Ufer zu retten?

Die Antwort ist dreigeteilt – ich:
 war innerlich nicht bereit, mich auf die Abstinenz einzulassen
 gab mich dem Irrglauben hin, die Sache im Griff zu haben
 musste ganz unten ankommen, um die Reißleine zu ziehen.

5 Jahre von der Einsicht bis zum Betätigen des Stoppschalters

Zu der Einsicht, dass ich alkoholkrank bin, der Kontrollverlust irreversibel ist, war ich bereits an Tag 1 von Entgiftung Nummer 1 gelangt. Niemand wird in eine Suchtklinik eingeliefert, der nicht abhängig von einer Substanz ist, hatte mir der Aufnahmearzt erklärt, und das leuchtete mir durchaus ein. Ich war also kein Risikotrinker mehr, sondern ab sofort ein richtiger Alkoholiker. Bloß leitete ich aus dieser Erkenntnis nicht die notwendigen Schritte ab, begnügte mich mit kurzen Trinkunterbrechungen, anstatt komplett auf die Bremse zu treten. Sobald eine Pause 14 Tage oder gar drei Wochen andauerte, ploppte sofort der Gedanke auf: Seht her, ich habe alles unter Kontrolle. Und von da bis zum ersten Glas Bier dauerte es nicht länger als die Fahrt zum nächsten Supermarkt. 30x wiederholte ich das Experiment. Wider besseres Wissen. Auf gut Glück. Und 30x ging es erwartungsgemäß schief. Der Jetzt-oder-nie-Moment war vor elf Jahren erreicht: Wenn ich es dieses Mal nicht packte, würde ich es niemals mehr schaffen. Das spürte ich genau. Ich wusste, hier ist nun die ultimativ letzte Weggabelung erreicht. Wenn ich nicht sofort in die richtige Richtung abbiege, werde ich mich binnen kurz oder lang zu Tode saufen.

Das Erkennen des Ausstiegsfensters scheint vordergründig Glückssache zu sein. Der berühmte Aha-Augenblick, die noch berühmtere Sekunde, in der der Schalter endlich umgelegt wird. Manche spüren – und nutzen! – ihn, andere bemerken ihn zwar, nutzen die Möglichkeit jedoch nicht, und die Dritten spüren nie was. Man könnte die Sache also in die Rubrik „Glück“ oder „göttliche Fügung“ einsortieren und schlussfolgern: Die einen haben halt mehr Dusel als die anderen bzw. Gott würfelt gerne. Das würde der Angelegenheit allerdings nicht gerecht werden. Denn wie die meisten Ausstiegwilligen – jedoch Noch-nicht-Ausstiegsbereiten – hatte ich lange Zeit auf diesen einen Tag X hingearbeitet: vorangegangen waren zahllose Stunden in Gruppentherapien und Einzelgespräche mit Psychologen. Verstanden, dass ich dringend was unternehmen muss, hatte ich das alles; bloß unternahm ich nichts, sondern trank nach jedem Klinikaufenthalt weiter.

Die Konsequenzen der Jahrzehnte währenden Sauferei waren hart: Ich verlor meinen Job und den Kontakt zu Freunden und Familie. Ich begann, von der Hand in den Mund zu leben und gab das, was ich an Geld besaß, vornehmlich für Bier und Schnaps aus. Ich flog aus sämtlichen angemieteten Wohnungen raus, übernachtete abwechselnd bei Saufkumpanen und in Obdachlosenheimen. Wenn’s gar nicht mehr anders ging, klopfte ich in der Klinik an und begehrte dort Einlass. Mit der Begleiterscheinung, dass ich mich innerhalb der Krankenhausmauern bald genauso heimisch fühlte wie früher in meinem eigenen Haus (das ich jedoch nicht mehr besaß). Eine stete Abwärtsspirale, der ich erst bei Entgiftung Nummer 30, fixiert ans Bett einer Intensivstation, entfloh. Begreifend, dass dies die allerletzte Chance ist, die Reißleine zu ziehen. Bei mir hatte es fünf Jahre gedauert – gerechnet vom Tag, an dem ich einsah, dass ich Alkoholiker bin –, bis ich den Schalter endlich von Trinken auf Abstinenz umlegte.

Mehrere Wege führen in die Abstinenz

Nun ist es eine Sache, den Entschluss zu fassen, abstinent werden zu wollen, und die andere Sache ist es, auch tatsächlich trocken zu bleiben. Wie bewerkstelligt man das? Welchen Weg schlägt man ein?

Ich entschied mich für einen Mix:
A. Regelmäßiger Besuch von Selbsthilfegruppen
B. Rasche Wiederaufnahme einer beruflichen Tätigkeit
C. Ein ausfüllendes Hobby entdecken

Selbsthilfegruppen: ohne geht es kaum
Selbsthilfegruppen waren für mich vor allem zu Beginn der Abstinenz Gold wert. Ich tauschte mich mit Gleichgesinnten aus, teilte mich in der Gruppe mit, berichtete offen darüber, weshalb mein Alkoholkonsum derart aus dem Ruder gelaufen war, gewöhnte mich an Kritik. Anfangs ging ich sehr häufig (z.T. fünf Mal pro Woche) zu den Treffen, um meine Frequenz später auf 4x/Monat runterzufahren.

Ich konnte den anderen Teilnehmern alles beichten, sie hörten geduldig zu, gaben Tipps, wie ich die zwischendurch immer wieder auftretenden Phasen des Saufdrucks überstehen konnte, verrieten mir ihre Telefonnummern, damit ich sie im Notfall anrief und mit ihnen redete, anstatt zur Flasche zu greifen.

Ich testete einige Gruppen und entschied mich schließlich für die Anonymen Alkoholiker. Denen bin ich bis heute treu geblieben.

Berufliche Tätigkeit: essenzieller Baustein
Ein Grund, weshalb viele Trinker nicht wieder in die Erfolgsspur finden, besteht darin, dass ihnen der Weg zurück entweder komplett verbaut ist oder als zu mühsam erscheint. Wer sich jahrelang aus dem bürgerlichen Leben ausgeklinkt hatte, den erwarten Familie, Freunde und ehemalige Kollegen nicht mit offenen Armen. Die Rückkehr in Beruf und Normalität muss erarbeitet werden. Das Umfeld will sehen, wie ernst die Abstinenz gemeint ist, und über welches Belastbarkeitslevel der Kandidat verfügt. Auch wenn es schwierig ist – die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit stellt einen essenziellen Stützpfeiler der Abstinenz dar. Da sie zum einen Struktur gibt, das Leben in ein geregeltes Zeitkorsett einbettet. Und weil es zum anderen ein gutes Gefühl ist, sein eigenes Geld zu verdienen und nicht anderen auf der Tasche zu liegen.

Am Anfang warten oft einfache Tätigkeiten auf den frisch trockenen Alkoholiker. Ich entschied mich für einen Job in einem Call Center, das sich auf Markt- und Meinungsforschung spezialisiert hatte. Viele Stunden, lausig bezahlt, keine Festanstellung, sondern jederzeit kündbar. Wenn man da als ehemaliger Anwalt, Investmentbanker oder Abteilungsleiter eines Versicherungskonzerns Berührungsängste zeigt, wird man die ein, zwei steinigen Jahre, die den Alkoholaussteiger nun erwarten, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überstehen. Kontinuierliches Schuften zu Konditionen auf Hartz 4-Niveau ist nicht jedermanns Sache. Ich schaffte es, weil ich es schaffen wollte und weil mir der Job die Sicherheit gab, von der Flasche wegzubleiben. Nach 24 Monaten fand ich eine besser bezahlte Stelle mit Perspektive und wechselte den Arbeitgeber. In dieser neuen Position bin ich heute noch beschäftigt.

Ein kreatives Hobby hilft ungemein
Nachdem mir eine Ärztin anlässlich meiner 30sten Entgiftung erklärt hatte: »Suchen Sie sich DRINGEND eine Aktivität, die Sie vom Trinken ablenkt, sonst erleben Sie das kommende Jahr nicht mehr«, begann ich eines Abends mit dem Schreiben. Anfangs ein paar Kritzeleien, denen kurze Geschichten folgten, bis ich mich nach einigen Wochen entschloss, meine Erlebnisse in Romanform zu Papier zu bringen. Binnen drei Monaten stapelten sich 400 ausgedruckte Seiten neben meinem Laptop. In einem Interview, das ein Jahr später erfolgte, erklärte ich mein Verhalten so:

»Das Schreiben dieses Buchs war die beste Therapie für mich, weil ich mir viele Sachverhalte, die mir Ärzte und Psychologen zwar erklärt hatten, nun selbst erarbeiten musste und mir dabei über Ursachen und Auslöser – die Zweitgenannten sind am wichtigsten – meines exzessiven Trinkverhaltens langsam klar wurde. Je weiter der Roman voranschritt, desto stärker wurde mein Entschluss, tatsächlich abstinent zu leben. Vorher hatte ich Lippenbekenntnisse abgelegt und kurze Trinkpausen eingelegt. Jetzt wurde mir klar, dass einzig der völlige Verzicht auf jeden Tropfen Alkohol mich vor dem kompletten Absturz bewahren kann. Anfangs war es etwas schwierig für mich, die Geschehnisse in ungeschminkter Wahrheit niederzuschreiben, denn einige Dinge waren ja sehr unangenehm und peinlich. Mit zunehmender Dauer des Projekts wurde es jedoch einfacher, das traurige Schicksal eines Alkoholikers zu schildern. Ich wollte nichts beschönigen, aber auch auf keinen Fall den mahnenden Zeigefinger erheben.«

Meine Freude am Schreiben habe ich beibehalten. Eventuell als Beispiel geeignet für die Trinker, die den Ausbruch aus dem Teufelskreislauf mittels kreativem Hobby versuchen wollen.

Zufriedene Abstinenz: Das A & O, um dauerhaft trocken zu bleiben

Die ganze Abstinenz nützt nichts, wenn sie nicht zufrieden gelebt wird, sondern täglich aufs Neue erkämpft werden muss.

Um zufrieden zu sein, müssen wir erst mal akzeptieren, dass wir zum einen machtlos gegen den Alkohol sind und wir uns zum anderen während unserer Trinkerei und des Kampfs gegen die Sucht verändert haben. Aus der nassen Phase kommen wir verwandelt hervor, die einen weniger, die anderen mehr. Der Grad der Mutation hängt dabei natürlich stark von der Länge der Konsumperiode ab. Bleibende Spuren hinterlässt der Suff jedoch bei jedem von uns.

Die Fähigkeiten, die ich im Laufe des Trockenbleibens entwickelt habe, bestehen in: Ich komme mit mir selbst klar, handele selbständiger als früher, habe meine Portion Demut gelernt, besitze nach gefühlt 1000 Therapiestunden eine Menge Menschenkenntnis, bin ein Freund der ehrlichen Ansprache geworden, verfüge jetzt über einen gesunden Egoismus. Das sind Fertigkeiten, die mich dazu zwangen, mit einigen alten Freunden zu brechen, neue Wege einzuschlagen, aus jahrzehntealten Verkrustungen auszubrechen. Wie viele trockene Alkoholiker arbeite ich heute zuverlässig und ausdauernd, weil ich es anders machen möchte als in meiner sehr unzuverlässigen Wodkaphase. Ich bin bescheiden geworden: Im Zweifelsfall rangiert Gesundheit vor Geld. Das habe ich bis zu meinem Eintritt in die Abstinenz nicht immer so gesehen. Die Schwerpunkte haben sich deutlich verschoben.

Bloß kein allzu reumütiger Blick zurück. Keine nachträglichen Schuldgefühle entwickeln. Sich nicht mehr wie früher in der Opferrolle sehen. Passiert ist passiert. Manchem wie mir wird ein zweites Leben geschenkt. Und manchmal ist das sogar besser als das erste.

Der Weg zur zufriedenen Abstinenz ist natürlich individuell. Jeder muss den für sich selbst entdecken. Ich habe meinen gefunden.
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Ich hoffe, das war jetzt nicht zu missionierend für Sie, denn missionieren will ich auf gar keinen Fall. 90 Prozent der Menschheit kommen mit dem Stoff gut zurecht, und für die restlichen 10 gilt der Grundsatz = die Krankheitseinsicht muss aus eigenem Antrieb heraus erfolgen. Erzwungene Hilfe nützt nichts. Erfahrungsberichte wie der obige sind einzig als Denkanstöße gemeint. Vom bloßen Lesen ist allerdings noch niemand dauerhaft nüchtern geworden. Den (anfangs: steinigen) Marsch in die Abstinenz muss jeder für sich alleine antreten.

Trocken bleiben – aber wie?
32 Erfahrungsberichte
TrokkenPresse Verlag, Berlin
ISBN 978-3-981325393

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

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