Der letzte Akt

Drei Jahre nach Leonard Cohens Ableben erscheint seine unwiderruflich letzte reguläre Studioplatte und erweist sich in jeder Hinsicht als Spektakel und würdiger Epilog. Hörmal-Kolumne von Ulf Kubanke


„I was selling holy trinkets
I was dressing kind of sharp
Had a pussy in the kitchen
And a panther in the yard
In the prison of the gifted
I was friendly with the guards
So I never had to witness
What happens to the heart“

(Leonard Cohen – „Happens To The Heart“)

So sanft wie selbstbewusst eröffnet Javier Mas‘ spanische Laute „Happens To The Heart“ und damit das unwiderruflich letzte reguläre Studioalbum Leonard Cohens „Thanks For The Dance“. In den folgenden viereinhalb Minuten dieses wundervollen Liedes hört man ein Dutzend weiterer Instrumente, darunter verschiedene Bläser von Oboe bis zur Trompete, diverse Streicher und ein Piano. Trotz dieses quantitativen Aufgebots gelingt gleichwohl jenes seltene Kunststück, die intime, nahezu magische Besinnlichkeit von Melodie plus Cohens sanft glühender Sandpapierstimme nicht nur zu bewahren, sondern hervor zu heben. Intensiver kann ein Einstieg kaum gelingen.

Drei Jahre nach dem Tod dieses Riesen unter Giganten, den man zu Recht „Father of Song“ oder „Partisan der Liebe“ nannte, erblicken nun diese neun Stücke das Licht der Welt. Es handelt sich wohlgemerkt weder um Outtakes noch andere zweifelhafte Ausgrabungen, wie sie oft nach dem Dahinscheiden gewichtiger Musiker den Markt heimsuchen. Im Gegenteil: Cohen arbeitete bis zuletzt eingehend an diesen Tracks, plante Arrangements wie Intrumentierung. Am Ende konnte nichts seine unermüdliche Kreativität stoppen außer des Sensenmannes Schneide.

Sein Sohn, Adam Cohen, der bereits „You Want It Darker“ produzierte, das wenige Tage vor Leonards Ableben erschien, übertrifft sich hier selbst. Denn vergessen wir nicht: Seit dem Heimcomputersound von „Various Positions“ (1984) wünschte man Cohen stets jenen Produzenten, den ein Mann seiner Größe verdient. Sein Filius, der die Songs ebenso sensibel wie warm arrangiert, macht alles richtig. Das Ergebnis zeugt von einem tiefen, inneren Verständnis. Cohen jr. begreift die Lieder seines Vaters nicht nur. Er durchdringt sie bis ins Mark. Dabei gelingt ihm das nahezu paradoxe Kunststück, die Stücke gleichzeitig ästhetisch ansprechend in viele Instrumente zu verpacken wie auch deren Essenz puristisch frei zu legen. Schlussendlich umhüllt sich Cohens innewohnender Geist endlich durchgehend mit einem musikalisch angemessenen Mantel. Dass neben Leonards alter Weggefährtin Jennifer Warnes auch Stars wie Beck, Feist, Arcade Fire, The National oder Damien Rice auftauchen, bemerkt man indes kaum. Bescheiden und songdienlich bringen sich alle ein und lassen ihre Egos vor der Türe.

So knüpft alles höchst passend an das bislang nie erreichte Klangbild großer, musikhistorisch bedeutender Alben wie „Songs Of Love And Hate“ (1971) oder „New Skin For The Old Ceremony“ (1974) an, die ich an dieser Stelle uneingeschränkt empfehle. Alles fokussiert mithin auf den Ausdruck und die Worte des großen Kanadiers. Da ist der sezierende, hochgradig pointierte Scharfsinn, welcher sich in typischer, hochsympathischer Manier nie aufs hohe Ross setzt, sondern stets genug Raum für Selbstironie, suchende Neugier und unerschütterliches Festhalten an der Liebe lässt. Ebenso finden sich persönliche Bestandsaufnahmen, teils schonungslos gegen sich, teils spirituell und teils aufgeladen mit dem Sex und Eros seiner vielen Gefährtinnen; natürlich auch die berühmte Marianne Ihlen aus „So Long, Marianne“. In „Moving On“ wendet er sich so rührend wie würdevoll ein letztes Mal an die fast zeitgleich verstorbene norwegische Freundin, während Mandoline und Akustikgitarre einander umarmen wie jene beiden Liebhaber einst.

Mit dem elegischen „Puppets“ schließt er den Zyklus Holocaust thematisierender Stücke. Im 1964 erschienenden Gedicht „Failure Of A Secular Life“ bettete er den Völkermord als makabre Pointe ein. Sein kultisch verehrtes 1984er Liebeslied „Dance Me To The End Of Love“ (samt grandiosem Videoclip) basiert in Form der brennenden Violine ursprünglich auf jenen Musikern, die im KZ gezwungen wurden, Ermordung und Verbrennung zu übertönen. „Puppets“ nimmt einen dritten Blickwinkel ein, der die grausame Unzulänglichkeit der Menschheit vom Konkreten ins Globale erweitert und schlussendlich wieder zurück zum Individuum gelangt, welches zur Puppe verkommt, falls es sich zur Untat intrumentalisieren läßt.

Einnehmend gelingen auch die erotischen Bilder. Die „Night Of Santiago“ erobert mit Handclapping und zwei Akustikgitarren den Hörer wie die Begierde beider Protagonisten eines One Night Stands, die sich gegenseitig zwar belügen, aber womöglich gerade deswegen füreinander unvergesslich bleiben. „It’s Torn“ hingegen spielt geschickt mit den Ebenen Eros, Philosophie und Spiritualität. Das Bild von Salz auf der Schulter und offenem Haar bleibt ewig, erneuert sich. Der Mensch bleibt vergänglich. Keiner konnte Zen je so sexy bringen wie Cohen.

Kann Kunst mithin noch besser werden als gleichzeitig zu fragen, zu konfrontieren und zu umarmen? Nein, der Mann aus Montreal bleibt der Father of Song. Wie kein anderer verknüpfte er die Weisheit vieler Jahrhunderte mit dem frischen Blick eines Kindes.

Der Clou: Die Musik verführt auch ohne Text. So marianengrabentief seine Zeilen auch geraten. Cohen neigte sympathischerweise nie zu Predigertum. All jene, denen der Sinn lediglich nach reinem Hörgenuss und sinnlich erfühlbarer Musik steht, finden hier ein berückendes Erlebnis. Man nehme nur „The Goat“ als Beispiel und entdecke die liebliche Pianofigur als Ergänzung zu Cohens rauer wie warmer Stimme. Kein Wunder somit, dass Cohens lebenslang währende, nie aufgesetzte Bescheidenheit sich auch in den allerletzten Worten der Platte manifestiert. „Höre dem Kolibri zu, dessen Flügel man nicht sieht. Höre dem Kolibri zu, nicht mir.“

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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