300 Mal „Recht klar“ – Eine Zwischenbilanz

Seit mehr als fünf Jahren schreibe ich nun die „Recht klar“-Kolumnen. Zunächst bei The European und seit dessen Rechtsruck bei DieKolumnisten. Zeit für eine Zwischenbilanz.


Meine erste Kolumne erschien am 7.4.2013 bei The European. Thema war die Verteilung der Presseplätze im NSU-Verfahren.  Vorher hatte ich lediglich kleine Notizen bei Facebook verfasst. Und zwar immer dann, wenn ich in einer Diskussion bemerkte, dass ein Großteil der Diskutanten die rechtlichen Hintergründe eines Sachverhalts nicht verstanden. Das geht vielen Menschen so, weil auf dem Gebiet des Rechts allgemein nur wenig Grundwissen vermittelt wird. Rechtskunde ist in der schulischen Bildung ein vernachlässigtes Stiefkind. In manchen Bundesländern – wie z.B. in NRW – gibt es lediglich eine freiwillige Arbeitsgemeinschaft in der neunten und zehnten Klasse. Insgesamt zehn Doppelstunden, von denen zwei Doppelstunden für den Besuch einer Gerichtsverhandlung draufgehen. Ich leite seit gut 30 Jahren solche AGs und wundere mich immer noch, wie wenig Wissen gepaart mit ganz viel Meinung bei den Schülern vorhanden ist. Und ich bilde mir nicht ein, dieses Wissen in acht Doppelstunden wesentlich verbreitern zu können. Da gehen nur absolute Basics und der Versuch, das Interesse der Schülerinnen und Schüler für Rechtsthemen zu wecken. Immerhin das scheint zu funktionieren. Aber mehr wäre besser. Gäbe es ein regelmäßiges Schulfach Rechtskunde, könnte ich mir manchen Text ersparen.

Lehrauftrag

Die Motivation zum Schreiben der Recht-klar-Kolumnen entsprang also einem Aufklärungsbedürfnis, einer Art selbstgewähltem Lehrauftrag, der sich an alle Interessierten richtet. Ich hatte vor Jahren einmal den Versuch unternommen, einen Rechtskundekurs an einer Volkshochschule anzubieten; es bestand dort aber kein Interesses, obwohl ich es kostenlos gemacht hätte. Verstanden habe ich das nicht.

So richtig zur Lust am Schreiben kam mir damals durch meine Freundschaft mit dem Autor Alexander Wallasch, der mir Mut machte, aus meinen Facebooknotizen, die immer nur ein paar hundert Menschen erreichten, mehr zu machen,und der mich auch im Redaktionsteam des The European einführte. Leider hat die Freundschaft sich deutlich abgekühlt, was ich immer noch bedaure.

Für mich erstaunlich wurde die Kolumne bei The European sehr gut angenommen und war bis zum Wechsel auf einen neuen Eigentümer regelmäßig „meistgelesen“ und häufig auch noch „meistkommentiert“. Ein weiterer Ansporn, das Schreiben zu wagen, war eine Kritik des damaligen SPIEGEL-Autors Matthias Matussek, der eine meiner Notizen auf seiner FB-Seite als brillant bezeichnet hatte. Man mag heute von MM halten was man will, aber vom Schreiben versteht er mehr als die meisten anderen Menschen, und ich gebe zu, dass mich dieses Lob der „Edelfeder“ damals zusätzlich motivierte. Auch diese Freundschaft ist abgekühlt, was ich ebenfalls bedaure, obwohl er eine politische Richtung eingeschlagen hat, die ich beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen kann. Aber batteln konnte man sich mit ihm immer, zum eigenen wie zum Vergnügen des Publikums. Nun ja, wie man als Rheinländer sagt: „Watt fott is, is fott“.

Gründung

Die Gründung der Kolumnisten, an der ebenfalls Alexander Wallasch einen ganz bestimmenden Anteil hatte, erfolgte, weil der neue Eigentümer des European zwar gerne weiterhin die Inhalte der Kolumnisten genutzt hätte, jedoch nicht bereit war, dafür auch nur einen Cent zu zahlen. Außerdem entließ er die komplette vom Gründer, Alexander Görlach, aufgebaute Redaktion, mit der ich jahrelang gerne zusammengearbeitet hatte und die mir jede Menge Arbeit abnahm und zuverlässig war. Alles kompetente Redakteure, die Gottseidank alle neue Stellen gefunden haben.

Kostenlos schreiben können wir allerdings auch völlig unabhängig von einer Redaktion, dachte sich ein Großteil der Kolumnisten des European und so entstanden dann im Oktober 2015 DieKolumnisten.

Ich gebe zu, ich hatte es mir leichter vorgestellt, die rund 10000 „Gefällt-mir“-Angaben, die der European bei Facebook hatte, auch für die Kolumnisten hinüberzuziehen, aber wenn man komplett ohne Werbeeinnahmen, nur auf ein paar Spenden angewiesen ist, kann man dieses Ziel nur sehr schwer erreichen. Facebook spielt Texte nur dann in einem anständigen Maße an die User aus, wenn man dafür zahlt. Ich habe das Anfang des Monats mal mit einem meiner Texte mit einem Gutschein finanziert gemacht und siehe da, auf einmal stieg die Anzahl der Likes auf etwas das dreifache des sonst Üblichen. Im Moment sind wir irgendwo knapp über 5000 und auch das ist schon ein schöner Erfolg.

Kritik

Seltsamerweise werde ich wegen meiner Kolumnen nicht selten heftig kritisiert. Nicht etwa wegen der Inhalte. Sondern wegen der Tatsache, dass ich überhaupt welche schreibe. Eine Unterstellung lautet, ich schreibe diese Texte nur, um Werbung für mich als Anwalt zu machen. Das wäre zwar auch nicht ehrenrührig, alleine es ist falsch. Im Gegenteil wird mir regelmäßig unterstellt, nicht meine gesamte Arbeitskraft in den Anwaltsberuf zu investieren und stattdessen Kolumnen zu schreiben. Offenbar denken die Leute, ich säße während der Arbeitszeit an Kolumnen und würde dafür etliche Stunden benötigen. Nö, ist nicht so. Ich schreibe schneller als ich sprechen kann und eine durchschnittliche Kolumne schreibe ich mit ca. 15000 Zeichen innerhalb von 45 Minuten. Dazu kommt noch die Suche nach einem geeigneten Foto. Alles in allem schaffe ich das bisher regelmäßig Freitagabends innerhalb von maximal 70 Minuten. Die Zeit verbringen andere nach der Arbeit gerne in der Kneipe, ohne dass ihnen deshalb jemand vorwirft, ihren Hauptberuf zu vernachlässigen.

Es gab auch schon Mandanten, die wegen einer in einer Kolumne klar geäußerten Meinung, ein Mandat gekündigt haben und ich bin sicher, es gibt auch welche, die wegen der Kolumne erst gar nicht auf die Idee kommen, mich zu mandatieren. Gerade Menschen, die im Bereich des Strafrechts zu Brachialstrafen neigen, machen einen Bogen um mich – außer sie sitzen selbst in der Scheiße. Der Werbeeffekt der Kolumnen liegt eindeutig im negativen Bereich. Trotzdem werde ich mich auch künftig jede Woche zu Wort melden und meine Meinung sagen oder rechtlich komplizierte Sachverhalte so erklären, dass jemand mit einer durchschnittlichen Intelligenz davon profitieren kann. Der kriminelle Versuch, mir den Mund zu verbieten, hat nur eine kurze Zeit funktioniert. Auf lange Sicht wäre ich wahrscheinlich geplatzt, wenn ich weiter geschwiegen hätte.

300

Mit 127 Kolumnen für The European und bisher 173 Kolumnen für DieKolumnisten habe ich heute den 300sten Recht-klar-Text veröffentlicht – weitere Kolumnen unter dem Namen „Alles Recht“ bei causa@tagesspiegel und in verschiedenen Online- und Print-Medien sind da noch nicht mitgezählt.

Warum ich das auch weiter machen möchte, obwohl es weder finanzielle noch sonstige Vorteile bringt? Zum einen macht es mir tierischen Spaß zu schreiben.Es ist ein wunderbarer Ausgleich zum Berufsalltag, weil das dortige Schreiben sowohl in der Form, als auch im Ausdruck etwas ganz anderes ist. Nicht dass das Verfassen juristischer Schriftsätze keinen Spaß machen würde, aber es ist etwas ganz anders und die Themen werden von der Materie bestimmt. Es ist wie ein Musizieren vom Blatt. Und macht auch Freude. In meinen Kolumnen habe ich thematisch wie stilistisch jede Freiheit, das ist dann eher wie Jazz, und ich erlaube mir da auch Blue Notes und sprachliche Schlenker.

DieKolumnisten haben keinen Chef und jede/r der Gründerväter und -mütter ist in der Wahl seiner Themen, der Länge seiner Texte und der vertretenen Meinung völlig autonom. Manche schreiben regelmäßig, andere eher selten. Aber jeder macht das, was er will. Persönlich. parteiisch. provokant lautet unser Claim und der ist genauso gemeint, wie er da steht. Jeder steht für sich und die Mischung macht es.

Falls mir eine Kolumne eines anderen Kolumnisten nicht gefällt, was soll’s? Ich kann eine Gegenkolumne schreiben und vielleicht battlet auch noch ein Dritter oder gar ein Gastautor von außen mit. Gerade diese völlige Unabhängigkeit macht DieKolumnisten für mich so spannend. Uns kann niemand den Geldhahn abdrehen, weil wir gar keinen Geldhahn haben.

Was wir dafür haben, sind viele Autoren, die auf ihren jeweiligen Fachgebieten wirklich etwas zu bieten haben und trotzdem in der Lage sind, sich verständlich auszudrücken.

Meine Bilanz nach 300 Texten ist jedenfalls die, dass ich bisher nie in die Verlegenheit gekommen bin, kein Thema zu finden und das – sofern die Gesundheit es zulässt – ein Ende von Recht klar in weiter Ferne liegen möge.

Die Bitte

Eine Bitte noch an diejenigen, die meine Kolumne nicht nur als Plattform für rechtspopulistische Leserbriefe unter spaßigen Pseudonymen nutzen, sondern die tatsächlich Woche für Woche auf die nächste Kolumne warten und auch davon profitieren. Helfen Sie mir und den anderen Kolumnisten, eine weitere Verbreitungsbasis zu schaffen. Leider ist Verbreitung heute nur noch unter Einbeziehung der sozialen Netzwerke möglich. Nur wer bei Facebook oder Twitter empfohlen wird, existiert.

Empfehlen Sie unsere Seite Ihren Freunden und meinetwegen auch Ihren Feinden, kommen Sie in unsere Facebookgruppe und diskutieren live mit den Autoren, teilen Sie unsere Beiträge, auch in Ihren eigenen Gruppen, schreiben sie Leserbriefe oder suchen Sie uns einfach immer wieder bei Google – auch das nützt. Jede Reaktion sorgt im Internet für weitere Reaktionen. Und die wünsche ich mir, weil ich wirklich davon überzeugt bin, dass wir da ein feines Projekt aufgebaut haben. Neben Ihnen als Lesern gilt mein Dank auch den Stamm- sowie allen Gastkolumnisten.

Ihr seid einfach klasse.

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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