Durch das Lagerfeld ins Licht – Kolumne wider Antisemitismus, Rassismus und Blauäugigkeit

Unser Hörmal-Kolumnist Ulf Kubanke diesmal mit einer politischen Kolumne zum Thema Lagerfeld/Rassismus/Antisemitismus. Als ehemaliges Mitglied der Deutsch-Israelischen Juristenvereinigung und politisch denkender Humanist kann er der meist tunnelblickend und kurzsichtig geführten Debatte bislang wenig abgewinnen. Deshalb folgt hier sein Beitrag zur Versachlichung. Es ist für ihn keine Überraschung, dass man dabei mehr von Musikern lernen kann als von den meisten Politikern oder sozialmedialen Lautsprechern.

Foto: Ulf Kubanke, taken by Zizino, Copyright by Kubanke/Zizino

Ich mag den Karl grundsätzlich. Er wandelt seit 50 Jahren als echter Freigeist immer so schön auf einer roten Linie zwischen „absoluter Quark vom Laberfeld“ und „geistreicher Zuspitzung“.

Im vorliegenden Fall geht es jedoch nicht wirklich um ihn. Vergessen wir ihn als Person und nehmen ihn als Aufhänger für ein komplexes Thema. Das Problem etlicher diesbezüglicher Diskussionen besteht meines bescheidenen Erachtens darin, dass eine essentielle Ebene und Perspektive weitgehend außer Acht gelassen wird. Am Ende verläuft der Diskurs dann oft zweidimensional, stereotyp, ritualisiert und verkürzt statt in 3D. Das sollte das…hüstel….Land der Dichter und Denker besser können, eh?

I. Diagnose

(1) Das Offensichtliche
(a) Es braucht keinen Wittgenstein, um zu erkennen, dass es nicht zielführend ist, Menschen abertausendfach leberwurstig über einen Kamm zu scheren und damit eine Homogenität vorzugaukeln, die den Einzelnen als Individuum nivelliert und zur Gattung degradiert. Das ist strukturell und methodisch all zu nah bei Rassismus und bedient sich derselben Mechanismen, die auch Antisemiten und/oder Südländerhasser gern zum masturbativen Demagogenkaffekränzchen of Troll nutzen. Das Entindividualisieren ganzer ethnischer, religiöser oder geografischer Gruppen ist die Totenglocke für jede demokratische, weltoffene und pluralistische Gesellschaft. Wer diesem Highway to Hell aus Angst um seine eigene Kultur (die er meist weder kennt noch lebt oder schlüssig definieren kann) folgt, ist in nahezu allen Fällen mithin kein Patriot, sondern meist nur ein mit pathologisch xenophobem Minderwertigkeitskomplex geschlagener Grobian.

(b) Nicht minder offenkundig – aber gern ignoriert – wird die völkerrechtlich bindende Situation. Wer nämlich suggeriert, Deutschland habe hier eine Art Wahl, mit Kröpfchen und Töpfchen zwischen „guten“ und „bösen“ Flüchtlingen zu selektieren, ist entweder ein unwissender Narr, der seine Inkompetenz ins Blaue hinein daher redet oder ein Demagoge, der unsere Verpflichtungen gemäß geltenden Völkerrechts und der Handlungsmaxime der Vereinten Nationen in agitativer Absicht bewusst unterschlägt. Wer hier Wissen erfahren mag. widme sich mithin getrost der Lektüre von Artikel 3 GFK (Genfer Flüchtlingskommission) in Verbindung mit § 3 des Asylgesetzes. Und siehe da: Alle dunklen Unklarheiten verfliegen im Lichte einer von Humanismus geprägten Rechtslage, die keinerlei Spielraum für populistisches Theater lässt.

Gleichwohl zeigt sich, dass die Lebenswirklichkeit dieses komplexen Themas sich hierin nicht erschöpft. Denn die obig erläuterte Konstellation birgt eine dunkle Seite.

(2) Die versteckten Teufel im Detail
(a) Denn andererseits halte ich Lagerfelds Zuspitzung im Kern nicht für komplett falsch. Man könnte sagen, er mache ein richtiges Fass leider komplett falsch auf. Denn er zeigt möglicherweise unfreiwillig auf ein oft übersehenes Problem: den Antisemitismus. Man vergesse nicht: Er sieht das ganze nicht aus der deutschen Perspektive, sondern nimmt den Standpunkt eines Beobachters ein, der seit vielen Jahrzehnten in Frankreich lebt. Die Betrachtung aus diesem Blickwinkel macht deutlich, dass er sich zwar höchst ungeschickt im Rahmen seiner Spontanäußrung ausdrückt, hierbei jedoch nicht etwa von Ausländer- oder Islamfeindlichkeit geprägt ist, sondern von der dort negativ fortgeschrittenen Situation. Er meint die sehr weit verbreitete Judenfeindschaft in überwiegend arabisch geprägten Communities; ein Hass der sich eben nicht so einfach abstreifen lässt wie ein Handschuh. Nicht umsonst wandern momentan etliche Juden aus Frankreich gen Israel aus; weit mehr als in früheren Dekaden.

Übertragen auf Deutschland haben wir es hier mithin mit einem Signal des „Seid vorbereitet, seid nicht blauäugig, wehret den Anfängen!“ zu tun, welches die bundesdeutsche Gesellschaft durchaus zur Kenntnis nehmen sollte, so ihr am sozialen Frieden gelegen ist. Die alltägliche Gefahr für Leib, Leben etc von sichtbaren Juden in diesem Land geht momentan (je nach Wohnort) nämlich nicht auschließlich in erster Linie nur von Gartenzaunnazis oder Springerstieflern aus. Man kann mal versuchen, mit Davidstern oder Kippa nach Einbruch der Nacht ungeschoren durch etliche Viertel manch deutscher Städte zu kommen. Das wird eng. Allerdings in vielen Gegenden nicht in erster Linie wegen Skinheads o.ä., sondern wegen – zugespitzt formuliert – halbstarker „krasser Checker“.

Wir erinnern uns zusätzlich, dass mittlerweile sogar ein deutsches Gericht den Angriff junger Araber auf eine Synagoge als eine Art legitimen Israelprotests wertete. Nehmen wir doch einmal dieses falscheste aller Signale und setzen es konkret in folgenden Zusammenhang mit Nahost.

(b) Egal ob man vor Assad oder IS flieht: Es ist kein Geheimnis – und der Recherche zugänglich -, dass Menschen, die etwa aus Syrien kommen, seit Jahrzehnten per medialer Assadclan-Propaganda und oft auch interfamiliär mit einem Judenbild/Israelbild aufwachsen, dass ausschließlich negative Stereotype transportiert und impft. Derartiges zieht sich bis ins Entertainment, etwa in Form von Telenovelas, in denen Juden oder Israelis ausschließlich als bösartige, herzkalte Menschenhasser dargestellt werden. Es reicht im weiteren arabischen Raum bis hin zu Fake News – um mal in der Sprache unserer Zeit zu bleiben – die behaupten, Israel würde KZs in der Negev-Wüste betreiben und dort Araber vergasen. Derartiges haben etwa PLO, Hamas etc. bereits mehrfach in unterschiedlichen Deutlichkeitsgraden kolportiert. Die genannten Beispiele sind nur die Spitze eines Eisbergs des Grauens.

(c) Insofern ist es kein Wunder, dass diese hier ankommenden Menschen (und ja, ich bin persönlich absolut dafür, sie hier rein zu lassen und zu integrieren) selbst im Fall einer ansonsten aufgeschlossenen, weltoffenen Denkweise an speziell diesem Punkt all zu oft einfach „rot sehen“, weil der Hass auf Juden/Israel durch manipulativ erfahrene Fehlprägung reflexartig in zu vielen von ihnen aufsteigt. Dieses Problem ist im Bereich Syrien leider extrem ausgeprägt. In Ländern wie Marokko oder Tunesien ist es hingegen kaum virulent, da es dort keine Regime- und systemerhaltende Feindschaft zu Israel gibt. Dort ist man tendenziell weiter im Denken.

ich habe derlei etwa in Ramallah bereits selbst erlebt. Da gab es etliche sympathische Menschen und Gesprächspartner. Sobald jedoch das Wort „Jude“ oder „Israel“ fiel, gingen die Schleusen zu, wie unter Hypnose per Knopfdruck.

Mit anderen Worten:
Die Tatsache, dass etliche arabische Länder ein judenfeindliches Bild zum eigenen politischen Systemerhalt nutzen, hat in Generationen ihrer jeweiligen Völker deutliche Spuren hinterlassen, die man strukturell durchaus als kollektive Hirnwäsche bezeichnen kann. Wer hier ausschert, bekommt nicht selten den Druck der Gruppe zu spüren.

II. Therapie

Wie also damit umgehen?

Lagerfeld macht es – wenn auch möglischerweise unbeabsichtig – durch seine verkürzende Polemik nicht besser. Er öffnet den ehrlichen, sachlichen Diskurs nicht, sondern verengt ihn dort bis zum Nadelör, wo es eines breiten Weges der Kommunikation bedarf. Denn die Wortwahl stärkt jene tumben Kräfte, die am liebsten alle Grenzen dicht machen wollen und chipsfressend verfurzt vom teutonischen Sofa aus ungestört ihren krankhaften Ausländerhass pflegen möchten.

Salomonisch wäre hingegen, die Flüchtlinge selbstverständlich wie unvoreingenommen aufzunehmen und für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu begeistern. Aber andererseits eben auch dafür Sorge zu tragen, dass sie ihr mitgebrachtes, hanebüchenes Judenbild in Fällen obiger Konstellationen entweder ändern oder passiv, bar jedweder Agitation für sich behalten. Zumindest es nicht aggressiv nach außen kehren.

Doch wie soll das gehen? Leichter gesagt als getan, nicht wahr? Einfach per Druck oder Dekret läuft sowas nicht. Das glauben nur Typen wie „The Donald“ und scheitern zu recht an sich selbst und dem eigenen Tunnelblick. Es bleibt mithin nur der Weg, wenigstens den Versuch zu unternehmen, dass alle Gruppen einander auch mit dem Herzen wahrnemen und nicht lediglich über ihren oft verstimmten Bauch.

Deshalb mag ich Kobi Farhi von der israelischen Band Orphaned Land so gern. Er sammelt Palestinenser und andere Araber ebenso als Fans ein wie Israelis oder Engländer, Deutsche, Franzosen usw.

Auf den Gigs gibt es nie Stress oder Ausschreitungen. Die jungen Leute dort – ich meine jetzt Araber und Israelis – nehmen einander als Menschen wahr und kommen ins Gespräch.

In einem Interview mit Laut.de sagte Kobi mir folgende sehr erhellende Zeilen: „Es könnte nichts Schöneres geben, als einfach nur mal Liebeslieder über und für meine Freundin zu schreiben und die Party zu rocken. Aber das geht wenigstens in der Gegenwart noch nicht. Wir befinden uns als israelische Band doch automatisch in der Rolle eines Botschafters oder schlichtenden Vermittlers. Und das bekommt man ja auch positiv mit. Ich will damit sagen, man lernt ja immer Leute kennen, die davon berührt sind, oder mitmachen oder einfach der Gewalt abschwören. Ich weiß, wir können da nicht viel tun und nehmen uns auch nicht so wichtig. Aber der Job ist nun einmal wichtig.
(…)
In einem Pulverfass voller Hass und religiösem Fanatismus beiderseits ist es für junge Araber besonders schwer und gefährlich, so offen ihre Sympathie für das andere Team zu zeigen. Diejenigen, die den Jungen nur jene Bildung mitgeben, Israel zu hassen, wissen ja nicht oder wollen es nicht wahr haben, dass wir als Band zu den Guten gehören. Und jetzt gibt es junge Leute – meistens sehr jung – die da einfach nicht mehr mitmachen. Das zeigt nun wirklich die wahre Macht der Musik. Sie zerbricht tatsächlich Wände.
(…)
Es geht ja auch gar nicht um den erhobenen Zeigefinger. Wer autoritäres Verhalten braucht, um friedfertig zu sein, ist sicherlich nicht unsere Zielgruppe. Wir sehen beide Lager vereint als Publikum und wollen ihnen einfach nur mal Denkanstöße geben und zeigen, wie schön alles werden könnte, wenn man einfach mal zusammenhält, statt aufeinander loszugehen. Und schon ist der Dialog da. Man spricht miteinander. Bei uns gibt es keine Randale und Prügeleien zwischen Juden und Moslems bei Gigs. Wir haben davon genug im Alltag.“

Das gesamte Interview findet man unter dem nachfolgenden Link. Es lohnt sich, den Worten dieses beeindruckenden Mannes zu lauschen. Orphaned Land: Musik zerbricht tatsächlich Wände

OK, schon klar, es ist sicherlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber besser als Null und ein Anfang ist es allemal.

III Fazit

Insofern plädiere ich nachdrücklich dafür, das bestehende vielarmige Problem und die Ängste jüdischer Bürger hierzulande vor Viktimisierung nicht den Rechtsasozialen zu überlassen. Denn immer noch sind wir ein Land, in dem wegen konkreter Bedrohung nicht etwa Kirchen oder Moscheen oder buddhistische Tempel, sehr wohl aber ausnahmslos jede (!) Synagoge unter Polizeischutz stehen muss.

Wir sind das Land in dem nahezu kein sichtbar jüdischer bzw israelischer Musiker ohne Polizeischutz oder zumindest spezielle Security auftreten kann (vgl. nur das beschämende Beispiel der Yael Naim-Tour vor ein paar Jahren).

Wir sind das Land, in dem BDS-Aktivisten am Jahrestag der Reichskristall-/Reichspogromnacht eine Anti-Israeldemo lancieren.

Die kommunikatorische und oft auch solidarische Schieflage zwischen diesem schändlichen Status Quo und den ausblendenden Diskussionen ist somit ein unnötiges Übel unserer gegenwärtigen Gesellschaft, der wir allesamt entgegentreten können und sollen. Und zwar im Interesse aller hier lebender Menschen, egal ob Jude, Moslem, Christ, Atheist oder Cthulhu-Jünger.

 

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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