„Zwei Kriege“ an der Ostfront?

Der am 22. Juni 1941 begonnene Russlandfeldzug wurde von der NS-Führung als „Blitzkrieg“ geplant. Warum scheiterte dieser Plan vor den Toren Moskaus? Betrachtungen anlässlich des 75. Jahrestages des deutsch-sowjetischen Krieges


Der deutsch-sowjetische Krieg, dessen Ausbruch sich nun zum 75. Mal jährt, gilt vielen Analytikern als das wohl wichtigste identitätsstiftende Ereignis im Nachkriegsrussland. Der britische Historiker Richard Overy schrieb vor einigen Jahren dazu:

Die Feierlichkeiten zum Gedenken an den Tag des Sieges, die jedes Jahr am 9. Mai stattfinden, wurden mit größerem Ernst und Aufwand begangen als alle anderen Feiertage im Kalender der Partei.

In Wirklichkeit lässt aber Overy die Tatsache außer Acht, dass die Kreml-Führung nicht immer daran interessiert war, die Erinnerung an diesen wohl verlustreichsten Krieg in der neuesten Geschichte des Landes wachzuhalten. Als offizieller Feiertag wurde der Tag des Sieges von Stalin kurz nach Kriegsende abgeschafft und erst 1965 – unter Leonid Breschnew – wieder eingeführt. Die zwiespältige Einstellung der Stalin-Riege zum Krieg gegen das Dritte Reich hatte nicht zuletzt mit seinem schmerzlichen Beginn zu tun, an den sie sich nur ungern erinnerte. Denn der deutsch-sowjetische Krieg bestand praktisch aus zwei Kriegen, die sich grundlegend voneinander unterschieden. Und im „ersten“ Krieg, der sich im Sommer und im Herbst 1941 abspielte, musste die Rote Armee verheerende Rückschläge hinnehmen.

Der „erste“ deutsch-sowjetische Krieg

In einer Reihe von Kesselschlachten gelang es der Wehrmacht in den ersten Monaten des Krieges, den Großteil der sowjetischen Streitkräfte, die den ersten Schlag der Deutschen auf sich genommen hatten, zu zerreiben. Insgesamt gerieten bis Ende 1941 etwa 3,8 Millionen sowjetische Soldaten in Gefangenschaft.

Am 3.7.1941 schrieb der Generalstabschef des Heeres Franz Halder:

 Es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn ich behaupte, dass der Feldzug gegen Rußland innerhalb von vierzehn Tagen gewonnen wurde.

Der russische Historiker Dmitrij Wolkogonow schreibt, dass vom Personalbestand der Roten Armee, der am 22.6.1941 – zur Zeit des Kriegsausbruchs  – den Deutschen gegenübergestanden hatte, sechs Monate später nur etwa 6-7% übrig geblieben waren. Ab Ende 1941 habe eine ganz andere Armee gegen die Deutschen gekämpft, so Wolkogonow. 1941/42 vermochten die Deutschen beinahe 2 Millionen Quadratkilometer des sowjetischen Territoriums zu besetzen, die vor dem Krieg von etwa 80 Millionen Menschen bewohnt worden waren.

Die zarischen Generäle, die die offizielle sowjetische Historiographie so oft der Unfähigkeit bezichtigte, hätten niemals derart verheerende Niederlagen erlitten, schreibt der russische Exilhistoriker Alexander Nekritsch.

Lassen sich diese Rückschläge darauf zurückführen, dass Stalin bis zuletzt Hitler zu beschwichtigen suchte und die von manchen sowjetischen Generälen geforderten militärischen Gegenmaßnahmen nicht zuließ, um Hitler nicht zu provozieren? Generalstabschef Georgij Schukow berichtet zum Beispiel über die erste Reaktion Stalins, nachdem ihm der deutsche Überfall gemeldet wurde:

Das ist eine Provokation der deutschen Militärs. Man soll kein Feuer eröffnen, um eine Eskalation zu vermeiden.

Erst drei Stunden nach dem Beginn des deutschen Angriffs sei von Stalin die Erlaubnis erteilt worden, zurückzuschießen.

In der Forschung wurde bisher oft darüber gestritten, warum sich am ersten Tag des Krieges nicht Stalin, sondern sein enger Vertrauter Molotow mit einer Rundfunkrede an die Bevölkerung wandte. Dies ungeachtet der Tatsache, dass Stalin seit dem 6.5.1941 nicht nur Partei-, sondern auch Regierungschef war. In der Literatur wird oft die These vertreten, Stalin habe sich am Tag des Kriegsausbruchs geweigert, die Bevölkerung über den Krieg zu informieren, weil er in Panik geraten und innerlich gelähmt gewesen sei. Molotow verneinte dies. In einem Gespräch mit dem Schriftsteller Felix Tschujew sagte er, für Stalin sei die Situation noch nicht klar gewesen, er habe noch abwarten wollen, bevor er zu den Entwicklungen an der deutsch-sowjetischen Grenze Stellung nehme.

Mit anderen Worten, Stalin wollte am Tag des deutschen Angriffs immer noch nicht alle Brücken hinter sich verbrennen, er hoffte auf einen Kompromiss mit Hitler. Schenkt man dem hohen Funktionär des sowjetischen Geheimdienstes, Pawel Sudoplatow, Glauben, so versuchte die sowjetische Führung sogar nach dem Hitlerschen Überfall auf die Sowjetunion die NS-Führung zu beschwichtigen. Sudoplatow sollte Ende Juni 1941 im Auftrag des Chefs der sowjetischen Sicherheitsorgane, Lawrentij Berija, mit dem bulgarischen Botschafter in Moskau Stamenow die Bedingungen sondieren, die Hitler zu einer Beendigung des Krieges veranlassen könnten. Stamenow sollte sich bei den Deutschen erkundigen, ob sie sich mit solchen Gebieten wie „das Baltikum, die Ukraine, Bessarabien, Bukowina und die karelische Landenge begnügen würden“.

Sollte der Bericht Sudoplatows der Wirklichkeit entsprechen, würde dies darauf hinweisen, wie sehr Stalin die ideologischen Zwänge, die das Verhalten Hitlers bestimmten, unterschätzte.

Als es Stalin dann doch endgültig klar wurde, dass seine Beschwichtigungspolitik versagt hatte, geriet er zunächst in der Tat in Panik. Mehrere Zeitzeugen berichten, dass Stalin damals derart niedergeschlagen gewesen sei, dass er die Initiative verloren habe. Er habe sich auf seine Datscha zurückgezogen, habe sich für nichts mehr interessiert. Die Stimmung mancher anderer Vertreter der Parteiführung war damals allerdings wesentlich zuversichtlicher. Anastas Mikojan, der zu den engsten Gefährten Stalins zählte, erinnert sich: „Wir waren überzeugt davon, dass wir eine Verteidigung organisieren und kämpfen konnten, wie es sich gehörte. Unter uns gab es keine Niedergangsstimmung.“

Die Rückschläge der Roten Armee im Sommer und im Herbst 1941 lassen sich allerdings nicht allein auf Stalins Verbot zurückführen, rechtzeitig wirksame militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen, oder auf den Überraschungseffekt des deutschen Angriffs. Nicht weniger wichtig war auch die Tatsache, dass der Roten Armee 1941 Tausende von Offizieren fehlten, die während der Terrorwelle von 1937/38 ermordet worden waren. Die Tatsache, dass die sowjetischen Militärs derart kopflos auf den deutschen Vormarsch zu Beginn des Krieges reagierten, dass es damals zu zahlreichen Kesselschlachten mit Hunderttausenden von Kriegsgefangenen kam, hatte nicht zuletzt mit der Unbeholfenheit und mangelnden Erfahrung des „erneuerten“ Offizierskorps zu tun. Die Atmosphäre der Angst, die der Große Terror in der Armee verbreitete, lähmte die Eigeninitiative auch derjenigen Offiziere, die den Terror überlebt hatten. Aber auch dieser Umstand stellt noch keine ausreichende Erklärung dafür dar, dass es der Wehrmacht, die weder zahlenmäßig noch technisch der Roten Armee wesentlich überlegen war, gelang, innerhalb von sechs Monaten mehr als 3 Millionen sowjetischer Soldaten gefangenzunehmen und bis Moskau vorzudringen.

Die damaligen Rückschläge der Roten Armee waren auch durch die niedrige Kampfmoral vieler sowjetischer Soldaten zu Beginn des Krieges bedingt. Der brutale Terror der 1930er Jahre, der sich praktisch gegen alle Schichten der Gesellschaft gerichtet hatte, musste sich zwangsläufig sehr negativ auf die Moral der Bevölkerung auswirken. Vor einer solchen Entwicklung hatte Stalins Widersacher Nikolaj Bucharin schon 1929, kurz vor dem Beginn der Kollektivierung der Landwirtschaft, die zu einer gewaltsamen Enteignung unzähliger sowjetischer Bauern führen sollte, gewarnt. Diese Warnung sollte zwölf Jahre später eine besondere Relevanz erhalten.

Hitlers Krieg

Die defätistische Stimmung, in einigen Teilen der sowjetischen Bevölkerung war nicht zuletzt dadurch bedingt, dass sie sich zunächst über die Absichten der nationalsozialistischen Führung nicht im Klaren waren.

Den Krieg gegen die Sowjetunion erlebte Hitler als eine Art innerer Befreiung. Endlich brauchte er sich nicht mehr zu verstellen oder auf Kompromisse mit dem verhassten ideologischen Gegner einzugehen (Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939): „Ich fühle mich, seit ich mich zu diesem Entschluß durchgerungen habe, innerlich frei“, schrieb Hitler unmittelbar vor dem Angriff auf die Sowjetunion an Mussolini.

Hitler habe nun nicht mehr taktische Lösungen, sondern nur „Endlösungen“ gesucht, so der Hitler-Biograph Joachim C. Fest. Kurz nach dem Beginn des Russlandfeldzuges teilte Hitler der Heeresleitung seinen „feststehenden Entschluß“ mit:

 Moskau und Leningrad dem Erdboden gleich zu machen, um zu verhindern, daß Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müßten.

Die sogenannte „zweite nationalsozialistische Revolution“, die Hitler unmittelbar nach der „Machtergreifung“ eingedämmt hatte, brach nun mit voller Wucht aus. Der deutsch-britische Historiker Peter Longerich schreibt dazu:

Im Zuge eines … ideologisch motivierten, mit äußerster Brutalität geführten Krieges, der die Fesseln konventioneller Kriegführung sprengte,  so die Kalkulation  der NS-Führung, würde sich notwendigerweise  innerhalb des   ´Dritten Reiches´ ein Radikalisierungsprozess vollziehen, der das Machtgleichgewicht  endgültig  zu Gunsten der NS-Bewegung , auf Kosten der konservativen Eliten verschieben musste.

Der „weltanschauliche Vernichtungskrieg“ gegen die Sowjetunion wurde durch eine Reihe von Führerbefehlen und Erlassen unterschiedlichster Art vorbereitet. Zu den berüchtigsten von ihnen gehörten die „Richtlinien für die Behandlung der politischen Kommissare“, die am 6.6.1941 vom Oberkommando der Wehrmacht formuliert wurden.

In den ersten Monaten des Russlandfeldzugs fielen Tausende von sowjetischen Politoffizieren dem Kommissarbefehl zum Opfer. Tragisch war allerdings nicht nur das Schicksal der gefangenen Politfunktionäre, sondern auch das der einfachen Rotarmisten. 60% der im Verlaufe des Jahres 1941 gefangenen sowjetischen Soldaten (also etwa 2 Millionen Menschen) waren am 1. Februar 1942 nicht mehr am Leben. Sie verhungerten oder wurden vom Fleckfieber dahingerafft. Der Freiburger Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller schreibt dazu:

Die Mehrheit von über 3 Millionen Kriegsgefangenen erhielt keine Chance zum Überleben. Den starken Anstieg der Sterblichkeit … allein auf kriegsbedingte Umstände zurückzuführen, wäre verfehlt … Als ursächlich ist vielmehr das Bestreben der Wirtschaftsführung zu sehen, für die Kriegsgefangenen ebenso wie für die sowjetische Stadtbevölkerung möglichst wenig Nahrungsmittel einzusetzen.

Unmittelbar nach dem Angriff auf die Sowjetunion radikalisierte sich zusehends auch die nationalsozialistische Judenverfolgung. Die „Einsatzgruppen“ des Sicherheitsdienstes, mehrere Bataillone der Ordnungspolizei und andere Truppen begannen einen immer brutaler werdenden Feldzug gegen die Juden. Hunderttausende von Juden in den eroberten sowjetischen Gebieten wurden bereits in den ersten Monaten des Krieges ermordet.

Der weltanschauliche Vernichtungskrieg des NS-Regimes widersprach in eklatanter Weise den traditionellen Vorstellungen der deutschen bzw. preußischen Konservativen vom Krieg. Dessen ungeachtet erfasste der Widerstand gegen diese neue Form des Krieges nur Randgruppen der traditionellen deutschen Machteliten. Die Mehrheit der konservativen Verbündeten Hitlers nahm diese neue Art der Kriegsführung, die alle bisher geltenden ethischen und militärischen Normen aus den Angeln hob, im Wesentlichen hin. Mehr noch, die Diktion einiger Generäle unterschied sich damals kaum von der Diktion der NS-Führung.

Die „spontane Entstalinisierung“

Das stalinistische Regime, das seit dem 22. Juni 1941 mit einer beispiellosen Gefahr konfrontiert worden war, war nun gezwungen, seine Kontrollmechanismen über die Gesellschaft etwas zu lockern und ein gewisses Ausmaß an Eigeninitiative zu akzeptieren. Es kam zu einer Art Kompromiss zwischen der bis dahin drangsalierten Gesellschaft und den Machthabern. Viele Offiziere, Ingenieure und Wissenschaftler, die während der Säuberungen von 1936-1938 verhaftet worden waren, wurden nun aus den Gefängnissen und Straflagern entlassen und erhielten nicht selten erneut führende Positionen in der Armee oder in der Industrie.

Einige bis dahin offiziell abgelehnte Schriftsteller und Dichter durften wieder publizieren, z.B. die Dichterin Anna Achmatowa, die Zensur wurde gelockert. Auch die in den 1920er und 1930er Jahren brutal verfolgte Russisch-Orthodoxe Kirche erhielt nun neue Betätigungsmöglichkeiten. Das Amt des Moskauer Patriarchen, das seit dem Tode des Patriarchen Tichon im Jahre 1925 verwaist gewesen war, wurde im September 1943 wieder besetzt.

Der Moskauer Historiker Michail Gefter spricht im Zusammenhang mit den damaligen Entwicklungen sogar von einer „spontanen Entstalinisierung“, die sich 1941 ereignete. Er weist darauf hin, dass die vom Regime unterdrückte Bevölkerung den Augenblick seiner Schwäche nutzte, um mehr Eigenständigkeit zu erkämpfen. Zum Wesen des Stalinismus habe gehört, die Menschen jeder Eigenständigkeit und ihrer elementarsten Rechte zu berauben. Der 1941 einsetzende Überlebenskampf habe diesen Menschen erneut die Möglichkeit gegeben, wenn auch für kurze Zeit, über ihr Schicksal selbständig zu entscheiden.

Das Regime hatte keine andere Wahl als die halbherzige Duldung dieser partiellen Emanzipation seiner Untertanen, die nun als Verteidiger ihrer bedrohten Heimat zu einem neuen Selbstbewusstsein gelangten. Zu diesem Selbstbewusstsein trug auch zusätzlich die Tatsache bei, dass sie an der Seite vieler anderer vom NS-Regime bedrohter Staaten kämpften. Dazu sagte Winston Churchill am Tag des Hitlerchen Überfalls auf die Sowjetunion: „Der Kampf jedes Russen … ist der Kampf aller freien Völker in allen Teilen der Welt“.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass auch nach dem Ausbruch des Krieges Millionen von Menschen sich weiterhin in den stalinistischen Lagern befanden. Ganze Völker wurden ins Innere der Sowjetunion deportiert, weil man sie der Kollaboration mit dem Feind bezichtigte, wobei Tausende von Menschen von den Terrororganen ermordet wurden. Zu den ersten Völkern, die kollektiv bestraft wurden, gehörten die Russlanddeutschen. Mit äußerster Härte wurden von der Kremlführung auch die eigenen Soldaten behandelt. Dies betraf vor allem die sowjetischen Kriegsgefangenen, die als Landesverräter galten. Der von Stalin am 16.8.1941 unterzeichnete berüchtigte Befehl Nr. 270 ordnete an: „Die Kommandeure und Politkader, die … sich dem Feind gefangen geben, sind als böswillige Deserteure anzusehen, deren Familien als Familien von eidbrüchigen und landesverräterischen Deserteuren zu verhaften sind.“

Mit äußerster Strenge wurden auch die sowjetischen Industriearbeiter, vor allem in den rüstungsrelevanten Sektoren, behandelt. Mit dem Dekret vom 26.12.1941 wurden die Arbeiter in der Rüstungsindustrie zwangsmobilisiert und wie Soldaten behandelt. Das eigenmächtige Verlassen der Betriebe wurde als Fahnenflucht betrachtet. Da etwa 31 Millionen Sowjetbürger während des gesamten Krieges in die Armee eingezogen wurden, mussten alle noch vorhandenen Arbeitsreserven mobilisiert werden. Dienstverpflichtet wurde beinahe die gesamte Bevölkerung – Kriegsinvaliden, Pensionäre, Jugendliche, in erster Linie aber Frauen. Vor allem der Frauenarbeit verdankte die sowjetische Rüstungsindustrie ihre immer höhere Produktivität.

Der „zweite“ deutsch-sowjetische Krieg

Die überwältigende Mehrheit der sowjetischen Bevölkerung fand sich mit den zusätzlichen Bürden, die das Regime ihr nach Kriegsausbruch auferlegte, in der Regel ab. Angesichts der immensen Gefahr, die den russischen Staat als solchen bedrohte, sah man die Notwendigkeit dieser verschärften Maßnahmen im Wesentlichen ein.

Dieser Kompromiss zwischen Regime und Bevölkerung gehörte wohl zu den wichtigsten Ursachen dafür, dass der „erste“ deutsch-sowjetische Krieg im Dezember 1941 zu Ende ging. Am 5.12.1941 – kurz vor Moskau – wurde der deutsche Vormarsch gestoppt. Der „zweite“ deutsch-sowjetische Krieg hatte nun begonnen.

Bereits Ende Juli 1941 begriff man im deutschen Generalstab, dass ein schnelles Ende des Russlandfeldzuges bzw. des „Unternehmens Barbarossa“, das als Blitzkrieg konzipiert worden war, nicht in Sicht sei:  „Mit einem Zusammenbruch des russischen Systems ist vorläufig nicht zu rechnen“, schrieb am 27. Juli 1941 Franz Halder.

So wurde die Sowjetunion zum ersten Gegner Hitlers (wenn man von Großbritannien absieht), der nicht nach einigen Tagen oder Wochen vor ihm kapitulierte – dies ungeachtet der bereits erwähnten verheerenden Rückschläge, die die Rote Armee in den ersten Monaten des Krieges hinnehmen musste: „(Die) Truppen  des Ostheeres … (mussten) feststellen , dass  ihnen mit der Roten Armee ein erbitterter Gegner  gegenüberstand, dessen Kampfkraft alle  Erwartungen übertraf“, schreibt der am Deutschen Historischen Institut in London tätige Historiker Felix Römer.

Nach der Schlacht vor Moskau geriet die sowjetische Führung in eine derartige Euphorie, dass sie ihre Kräfte überschätzte. In Wirklichkeit erlitt die Rote Armee auch im Jahre 1942 eine Reihe von schmerzlichen Niederlagen. Ähnlich wie im Sommer und im Herbst 1941 wurden Hunderttausende von sowjetischen Soldaten eingekesselt und gefangen genommen. Am 17. Juli 1942 begann der deutsche Vormarsch in Richtung Stalingrad. Erneut versuchte die sowjetische Führung mit Hilfe härtester Maßnahmen gegen die Auflösungserscheinungen an der Front vorzugehen. Am 28. Juli 1942 wurde von Stalin der Befehl 227 erlassen, der in vieler Hinsicht an den drakonischen Befehl Nr. 270 vom August 1941 erinnerte. Stalin forderte die Wiederherstellung der Disziplin um jeden Preis und eine harte Bestrafung von Panikmachern. Im Rücken der kämpfenden Truppen sollten „Sperreinheiten“ aufgestellt werden, die mit Waffengewalt die Flucht der Soldaten zu verhindern hatten.

Das harte Durchgreifen allein wäre aber noch nicht ausreichend gewesen, um den zweiten Wendepunkt im deutsch-sowjetischen Krieg, diesmal bei Stalingrad, herbeizuführen. Die Bereitschaft der Bevölkerung, den eigenen Staat vor seiner endgültigen Auslöschung zu verteidigen, spielte bei der Wende von Stalingrad sicher eine noch wichtigere Rolle als die „Sperreinheiten“, die das Feuer gegen die eigenen Kameraden richteten.

„Der stumme Streit zwischen dem siegreichen Volk und dem siegreichen Staat“

Der Sieg über das Dritte Reich schien der Stalinschen Diktatur eine zusätzliche Legitimierung zu verschaffen. Zugleich hatte er aber die Lenkung der auf ihren Sieg so stolzen Nation erschwert. Dazu schreibt der aus der Sowjetunion emigrierte Historiker Abdurachman Awtorchanow, Stalin habe verstanden, dass das Volk nach all den Opfern, die es gebracht hatte, danach streben werde, menschlicher zu leben. Deshalb habe er vor den eigenen Soldaten nicht weniger Angst gehabt als vor den Soldaten Hitlers zu Beginn des Krieges.

Die erneute Disziplinierung der Gesellschaft betrachtete die stalinistische Führung nun als ihr wichtigstes Ziel. Und dieses Ziel schien sie innerhalb kürzester Zeit wieder erreicht zu haben. Paradoxerweise verband sie die Straffung der staatlichen Kontrollmechanismen über die eigene Bevölkerung mit einer ans Groteske grenzenden Verklärung des Russentums.

Der regimekritische russische Schriftsteller Wassili Grossman schreibt in seinem Roman „Leben und Schicksal“ Folgendes dazu:

Der sowjetische Staat machte sich das Erwachen des Nationalbewusstseins für Aufgaben zunutze, die sich ihm nach dem Krieg stellten … Das Resultat der Entwicklung war, dass der Volkskrieg … Stalin die Möglichkeit gab, die Ideologie des Staatsnationalismus offen zu deklarieren.

Damit erschöpft sich aber die Bedeutung des Sieges über das Dritte Reich keineswegs. Die Siegeseuphorie erleichterte zwar den Machthabern die Wiedergewinnung des 1941-45 verlorenen innenpolitischen Terrains. Trotz alledem blieb die während des Krieges entstandene Sehnsucht vieler Sowjetbürger nach einem würdevollen Leben immer noch bestehen. Wassili Grossman schreibt:

(Der) stumme Streit zwischen dem siegreichen Volk und dem siegreichen Staat setzte sich fort. Von diesem Streit hing das Schicksal des Menschen, seine Freiheit ab.

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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