Was ist das Tückischste an einer Krebserkrankung? Wenn noch ein paar wenige Zellen vorhanden sind. Man wähnt sich krebsfrei und schwupps, kurze Zeit später ist das Rezidiv da und oft schlimmer als die erste Erkrankung.
Genauso ist es mit dem Patriarchat. Und genau deshalb gehört das vermeintliche Bisschen, das noch da ist, so vehement bekämpft. Denn es beginnt schon wieder, sich auszubreiten – diesmal geschickter denn je mit Masken und Chiffren.
Hier ein paar Anzeichen dafür, dass das Patriarchat auch in unserer westlichen Gesellschaft gerade nicht in seinen letzten Zügen liegt, sondern sein großes Comeback vorbereitet:
Die Rückkehr des Schlankheitswahns
Die meisten Frauen meiner Generation haben schon mit zehn, elf Jahren ihre erste Diät gemacht. Wir sind damit aufgewachsen: eine Frau muss hübsch, dünn und still sein.
Für eine Weile, in den 2010er Jahren, sah es so aus, als würden wir diesen Wahn endlich überwinden. Doch die Hoffnung währte nur kurz: der Schlankheitswahn ist zurück. Heute nennt sich das beispielsweise Skinnytok, aber die Ziele und Wünsche sind die gleichen wie damals: möglichst dünn sein, Selbstkontrolle demonstrieren durch Essensverweigerung.
Was hat das mit dem Patriarchat zu tun?
Ganz einfach: Eine Frau, die den ganzen Tag damit beschäftigt ist, ihre Kalorien zu zählen und ihr Äußeres zu optimieren, hat keine Ressourcen mehr für etwas anderes. Für Gesellschaft, für Politik, für Karriere. Ihre Gedanken sind mit der Frage okkupiert, ob dieser Matcha Latte schon zu viele Kalorien hatte oder ob man sich noch fünf Mandeln gönnen kann und nicht, wie man toxische Machtstrukturen aufbricht.
Zweitens: Eine hungrige Frau hat keine Power, keine Energie.
Drittens: Es geht nicht nur wortwörtlich darum, dass Frauen schrumpfen und in der Gesellschaft damit möglichst wenig Raum einnehmen sollen, sondern auch sinnbildlich. Sie sollen sich ins Private zurückziehen und mit Oberflächlichkeiten beschäftigen, anstatt bei den wirklich wichtigen Dingen mitzumischen.
Toxische Maskulinität und Looksmaxxing
Auch auf Männer wird Druck ausgeübt. Man hört ja oft den Spruch: „Das sind doch heute keine richtigen Männer mehr“, wenn ein Kerl sich femininer oder gar feministisch präsentiert.
Also kehrt man zu den alten Ansichten darüber zurück, wie ein echter Mann zu sein hat:
Im Gegensatz zur Frau soll er möglichst viel physische Präsenz einnehmen, optimalerweise durch aufgepumpte Muskulatur. Gefühle zeigen ist wieder out, die Männer sollen sich wieder kalt, hart und desinteressiert an allem außer ihrem Ego zeigen.
Frauen sind hier keine potentiellen Partnerinnen auf Augenhöhe, sondern Besitztümer, Trophäen und Eroberungen – die selbstverständlich den ästhetischen und charakterlichen Ansprüchen des „echten Mannes“ zu genügen haben. Also dünn, leise und unterwürfig sein. Ihre Aufgabe ist es, durch klischeehafte, leise Weiblichkeit seine dominante Männlichkeit zu unterstreichen.
Sogenannte Influencer wie Andrew Tate tragen erschreckend erfolgreich dazu bei, jungen Männern dieses toxische Männerbild zu vermitteln.
Straftaten gegen Frauen und Mädchen nehmen nicht ab, sondern zu
Wäre das Patriarchat in unserer Gesellschaft nur noch ein Restbestand, würden die Straftaten gegen Frauen und Mädchen, die ihren Ursprung in patriarchalen Strukturen haben, abnehmen. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Täter sind in der Regel (Ex-)Partner oder männliche Verwandte, die Motive liegen in Eifersucht und sexistischem Kontroll- und Besitzdenken begründet. Die Frau gehört mir, und wenn sie nicht tut, was ich will, schlage, vergewaltige oder töte ich sie eben.
Auch virtueller Gewalt sind Frauen vermehrt ausgesetzt. Vor allem in der „Manosphere“, also Online-Communities für Männer, werden Gewalt gegen Frauen verherrlicht und antifeministische Narrative verbreitet.
Rechte Parteien sind auf dem Vormarsch
Dass europaweit rechte Parteien auf dem Vormarsch sind, ist sowohl ein Indikator als auch ein Katalysator für das Wiedererstarken des Patriarchats. Diese politische Strömung vertritt in der Regel sehr konservative Geschlechterbilder mit klar verteilten Rollen und engen Vorschriften, wie eine Frau (und auch ein Mann) zu sein hat. Wer davon abweicht, wird bestenfalls geschnitten und ausgegrenzt, schlimmstenfalls physisch angegriffen.
Ein verwundetes Tier ist am gefährlichsten
Genau die Rückschläge, die das Patriarchat in den letzten Jahrzehnten einstecken musste, machen es jetzt natürlich kampfbereiter. Es ist wie ein verwundetes Tier, es beißt und tritt umso mehr um sich, je heikler seine Lage wird. Wenn man aber genau in diesem Moment aufgibt, riskiert man, dass der Gegner sich erholt und wieder aufsteht.
Manch simples Gemüt kommt jetzt zu dem Schluss, dass ja der Feminismus daran „schuld“ sei, dass das Patriarchat nun mit voller Wucht zurückkommen will. Was schon wieder ein sehr patriarchales Denken offenbart: Man hat den Männern die Gleichberechtigung der Frau wohl nicht sanft genug nahegebracht, und jetzt müssen sie sich verständlicherweise dagegen wehren.
Jahrhundertealte Privilegien aufgeben zu müssen, um anderen Gleichberechtigung und Fairness zu gewähren, fühlt sich für viele Männer wie eine aktive Benachteiligung an. Das ist es aber nicht. Ihr seid jetzt nur einfach auf dem Level wie alle anderen und habt nicht mehr überall die Deutungshoheit. Fühlt sich das scheiße an? Tja, so haben wir die ganze Zeit gelebt. Aber jetzt ist die männliche Perspektive nicht mehr der Maßstab, an dem alles steht und fällt. Das tut vielleicht weh, aber so sieht Gerechtigkeit nun mal aus.
Der Kampf ist notwendiger denn je
Die Krebszellen sind dabei, ein Rezidiv formen zu wollen. Genau das ist der Grund, warum erbitterter denn je gegen sie gekämpft wird. Gekämpft werden muss. Sonst war am Ende alles umsonst und wir verrecken doch daran.
Nur, weil wir Frauen wählen und ohne die Erlaubnis des Ehemannes arbeiten dürfen, sind wir noch lange nicht gleichberechtigt. Der Gender Pay Gap existiert noch, genau wie der Gender Care Gap und der Gender Data Gap. Auf andere Ungerechtigkeiten habe ich bereits Bezug genommen.
Übrigens: Feminismus nützt auch Männern. Er befreit sie nämlich von dem Druck, immer stark und dominant zu sein und ihre Gefühle unterdrücken zu müssen. Feministische Männer sind seltener gewalttätig, weil sie ihre Männlichkeit nicht über Dominanz und Härte definieren müssen. Feminismus eröffnet einem Mann, sich abseits starrer Rollenbilder ausdrücken und ausleben zu können, vor allem, wenn er nicht heterosexuell oder cis-männlich ist.
Wir reiten im Morgengrauen. Es gibt noch viel zu tun.
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