Vorschuss

„Seguro morreu de velho.“ – Der Vorsichtige starb als Greis.

Vorsicht ist vernünftig. Aber nicht jede Geschichte gehört den Vorsichtigen. Eine Reise nach Foz do Iguaçu, ein vergessener Pass und ein einfallsreicher Engel.

Bild: J. Grinberg

Wer nach Brasilien fährt, bekommt Warnungen mit auf den Weg. Pass auf deine Tasche auf. Trag keinen Schmuck. Zeig dein Handy nicht. Trau niemandem zu viel. Man fährt also los mit einem leicht mulmigen Gefühl, das zum Glück der Neugier unterliegt.

Die Wasserfälle von Iguazú! Dieses gigantische Naturschauspiel hatte uns so beeindruckt, dass wir sie auch von der argentinischen Seite sehen wollten. Dafür bestellte ich ein Taxi. Für hiesige Verhältnisse ein teurer Spaß, und so bat man mich um Vorkasse. Kein Problem, gesagt, getan. Die Abmachung stand: erst über die Grenze zu den Fällen, dann zurück ins Hotel, die Koffer holen, und weiter zum Flughafen – unser Flug nach Rio ging um 18 Uhr. Und schon zogen am Fenster vorbei: Stadtränder, Vororte, Wälder, Felder, Industriegebiete.

An der Grenze stellte sich heraus: Unsere Pässe lagen im Hotel. Das Foto des Dokuments reichte nicht. Der Fahrer sah mich ungläubig an. In seinem Blick lag alles, was er von dieser dummen Touristin hielt. Ich schwitzte und rechnete: zurück ins Hotel und wieder her schafften wir nicht mehr – der Moment, in dem man sich in den Allerwertesten beißen will. Dann begann Elizeu, auf Portugiesisch zu reden, in sein Telefon, in eine Übersetzer-App. Er hielt mir das Display hin: Er könne uns zu anderen Zielen fahren. Der Vogelpark Parque das Aves, schlug er vor, oder Itaipu, das Kraftwerk – oder beides, wenn wir gleich loslegen.

Man muss wissen: Eine Erstattung hätte es hier nicht gegeben. Das Geld war weg, ob ich die Fälle nun sah oder nicht. Aber Elizeu war nun einmal ein anständiger Mensch. Der Parque das Aves war gut, wenn auch sehr touristisch. Als wir herauskamen, wartete Elizeu schon am Ausgang. Wir fuhren weiter zu Itaipu.

Er setzte uns ab, und wir betraten das Gelände mit dem Besichtigungsbus – kein Weg zurück, ehe die Tour nach anderthalb Stunden zu Ende war. Da erst merkte meine Tochter, dass sie ihre Tasche im Auto vergessen hatte, mit Handy und Geldbörse. Da hatte sie mich glatt übertroffen, meine Teuerste.

Die Tour endete, wir kamen zum verabredeten Platz, Elizeu war nicht da. Ich rief ihn an – und genau da verabschiedete sich mein Handy, der Akku leer. Kein Telefon, kein Übersetzer, und Englisch spricht hier so gut wie niemand. Da lief mir schon einiges durch den Kopf. Am unruhigsten war mein Sohn. Doch nach zehn Minuten kam unser Engel Elizeu, redete in sein Telefon, zeigte mir das Display: Berufsverkehr, Entschuldigung für die Verspätung, jetzt müssten wir uns beeilen, um den Flug noch zu erreichen.

Und so flitzten wir durch die anschwellenden Staus, hier und da eine Regel missachtend, hupend, bis zum Hotel. Um unsere Koffer einzuladen, musste er seine eigenen Sachen an der Rezeption zwischenlagern. Am Gate lieferte er uns pünktlich ab. Der Vorsichtige wäre an diesem Tag nie angekommen.

Ach Mensch, tu mir einen Gefallen: Wenn du in Foz do Iguaçu bist, richte dem Taxifahrer Elizeu von uns herzliche Grüße aus.

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