Schuppen vor den Augen

Eine kurze Geschichte der Sonnenbrille

Schönes Wetter, heiß – die Sonne brennt. Wir benutzen Sonnencreme und vor allem das unvermeidliche Accessoire „Sonnenbrille“. Das ist kaum 100 Jahre alt, oder wahlweise 2000, je nachdem, hat Chris Kaiser herausgefunden.

Gott Ra mit Sonnenbrille
Sonnenschutz Erstellt mit ChatGPT

Vor Jahren las ich mal, dass die alten Ägypter den Kajal, also womit man um das Auge herum die schwarzen Striche zog, als Schutz vor der Sonne trugen. Es klang mir merkwürdig, und irgendwie nicht nachvollziehbar, aber da ich nie dazu gekommen war, tiefer zu graben, was es damit auf sich hat, blieb es einfach so als halb bestätigter und anti-intuitiver Funfact hängen. Als ich mich zu dieser Kolumne zur Sonnenbrille entschied, wollte ich damit anfangen. Aber dass der Kajal ein Vorgänger von Sonnenbrillen ist – das ist nicht nur seltsam, es ist natürlich gleichwohl falsch.

Dreifacher Sonnenschutz im Alten Ägypten

Die alten Ägypter sollen in der Tat diese schwarze Paste in halbdicken Strichen um die Augen herum aufgestrichen haben; und sie hatte auch in der Tat eine Schutzfunktion. Eine mehrfache. Sie war der göttliche Schutz des Ra (des Sonnengottes), der mit dem Vogelkopf, oder die Hieroglyphe mit dem prägnanten Auge. Und sie enthielt Bleisalze, die antiseptische Wirkung haben, und gut gegen Augenentzündungen sind, die in der heißen und hellen Umgebung Ägyptens häufig auftraten. Und der dunkle Film auf der Haut schützte eben ein bisschen gegen die Sonneneinstrahlung, die die feine Haut an der Stelle auch schnell altern ließe. Also irgendwie dreifacher Sonnenschutz, ja. Aber nicht gegen das gleißende Licht, das in die Pupille fällt.

Der fokussierte Inuit

Das wurde geografisch und klimatisch an einem ganz anderen Ort wichtig, nämlich im hohen Norden, in der endlosen schneebedeckten Weite der Polarkreise, wo die Inuit sich aus flachen Walknochen eine Blende bastelten, die sie vor die Augen banden und  in die sie sehr schmale Schlitze ritzten, durch die nur wenig von dem gleißend reflektierenden Licht einfallen konnte. Zugleich hatte das den Effekt ein bisschen wie ein Zielfokus, was bei der Jagd half. Wie lange gibt es diese schon? Wahrscheinlich sehr lange. Nachgewiesen aber seit ca. 2000 Jahren.

Ungefähr zur selben Zeit ist aber vom römischen Kaiser Nero etwas berichtet, das dem heutigen Konzept der „Brille“ näher kommt. Plinius der Ältere beschreibt, dass der Despot die Gladiatorenkämpfe durch eine sehr dünn geschnittene Smaragdscheibe betrachtet haben soll. Ja, es soll auch seiner Kurzsichtigkeit geholfen haben, aber angeblich auch das Gleißen etwas abgemildert.

Farbige Gläser in China

Natürlich dürfen die erfindungsreichen Chinesen in dieser kleinen Umschau nicht fehlen. Im 12. Jahrhundert gab es getönten Quarz, fein und vollkommen glatt geschliffen, mit Bügeln und Nasensteg, schon sehr nahe dem, was wir heute tragen. Bei Augenleiden, bei Ritualen (?) und – angeblich auch von Richtern, damit sie dahinter ihre Mimik verstecken können. Seit ca. 300 Jahren waren dort dann verschiedene Farben für die Gläser in Mode gekommen, und in Europa auch, aber hier in verschiedensten Formen, als Monokel, Scherenbrillen, Zwicker etc …

Der Durchbruch und die Erfindung dessen, was wir heute als Sonnenbrille sehen, kam mit Ray-Ban und ihren Aviators. Übrigens heißt „Ray-Ban“ nichts anderes als „banne den Strahl“. Und die Aviators waren speziell für die Bedingungen der Piloten konzipiert: leichte Bügel, oben mit Rand, die Sicht komplett einnehmend, unten mit fast unsichtbarem Rand, die Linsen mit dem brandneuen Polarisierungsfilter der Firma Polaroid (!).

Ikonische Sonnenbrillen-Träger

Ikonische Bilder, wie die von General McArthur hat die Aviators popularisiert. Aber auch anderen Ikonen, die von Hollywood, haben Sonnenbrillen zum coolen Accessoire avanciert. Das andauernde und grelle Licht der Scheinwerfer an ihrem Arbeitsplatz ermüdete ihre Augen, so dass sie sie nicht nur schützen sondern auch verstecken wollten, wenn sie in ihren Alltag traten. Wenn man bedenkt, dass im 19. Jahrhundert getönte Brillen für augenleidende Zeitgenossen eher die Assoziation mit Rumkränkeln und Schwachheit weckte, ist das ein weiter Schritt zu den virilen Generälen des Weltkriegs und den coolen Stars aus Hollywood.

Funktionswechsel

Sonnenbrillen waren somit zuerst vor allem Schutz für den Lichteinfall an sich, also vor gleißendem Licht. Mit dem Polarisierungsfilter kam hinzu, blendendes Licht, zu minimieren, das meist von vertikalen Flächen (regennasse Fahrbahnen zum Beispiel) selbst polarisiert wird, und zwar fällt es danach vor allem vertikal auf die Augen. Und genau dieses wird durch das alleinige Durchlassen von horizontalem Licht ausgeblendet.

UV-Strahlen?

UV-Strahlen sind energiereiche Strahlen, die die Augen stark schädigen können, was aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt wurde. Und kurz danach hat die Firma Zeiss auch die erste UV-Filter-Brille produziert. Eine dunklere Sonnenbrille ohne den UV-Schutz ist sogar noch gefährlicher, weil die Pupille sich dabei öffnet und noch mehr durchlässt, aber wird – anders als das direkte Blenden – nicht sofort gemerkt. Dennoch wurde der Schutz vor UV-Strahlen erst in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts normiert. Inzwischen gibt es auch selbsttönende Brillen, die sich nach der Umgebung orientieren. Sogar selbsttönende Kontaktlinsen. Aber wird das die Sonnenbrille verdrängen können? Schließlich ist sie mehr als nur Hilfsmittel.

Im Spannungsfeld

Vielmehr wird die Sonnenbrille im Dreieck zwischen direktem Komfort, langfristigem gesundheitlichem Aspekt und Mode/Style platziert. Anders als ihre direkte Verwandte, die Brille mit Sehschärfe, definiert sie sich seit Hollywood und den Aviators über die Coolness der Jeunesse dorée und erfüllt ihren eigentlichen Zweck erst im Nachklang. Aber dieser kann quasi huckepack genommen werden.

Warum aber gerade eine Brille mit völlig klaren Gläsern den Attraktivitätslevel senken und eine mit getönten Gläsern steigern kann? Vielleicht geben die Richter im alten China ja den entscheidenden Hinweis – die versteckte Mimik erzeugt einen Nimbus des Geheimnisvollen und eine Projektionsfläche. Statt des Spiegels der Seele des Brillenträgers die Spiegelung des Betrachters. Ein wenig wie der Kajalstrich der alten Ägypter – die Imitation des göttlichen Ra – unnahbar und strahlend – , und Gesundheit fürs Auge zugleich.

Newsletter abonnieren

Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.