30 Jahre Sportfreunde Stiller! Wozu kann ich ihnen gratulieren?
Da gibt es einiges.
Man muss es schließlich erst einmal schaffen, drei Jahrzehnte lang zu den prägenden Konstanten deutschsprachiger Popmusik zu gehören. Die Münchner füllen Hallen, verkaufen Platten und wirken dabei bis heute angenehm unprätentiös. Skandale? Fehlanzeige. Arroganz? Ebenfalls.
Dazu gratuliere ich ihnen aufrichtig.
Nur eine Kleinigkeit muss ich von diesem Grußwort ausnehmen:
Ihre Musik.
Denn für mich stehen die Sportfreunde Stiller exemplarisch für eine Entwicklung, die den deutschsprachigen Mainstream-Pop seit den späten Neunzigern prägt. Sie verkörpern eine Generation von Künstlern, die vorhandene Ideen nicht weiterentwickelt, sondern massentauglich vereinfacht hat.
Hartes Urteil.
Aber Jubiläen sind ein guter Anlass für Rückblicke.
Deshalb sprechen wir heute nicht über sämtliche neun Studioalben. Das wäre unerquicklich. Stattdessen genügt ein Blick auf das erfolgreichste Werk der Band: „New York, Rio, Rosenheim“ aus dem Jahr 2013.
Ein Album, das unter Glas konserviert, wofür die Sportfreunde seit drei Jahrzehnten stehen.
Beamen wir uns kurz zurück in den Sommer 2013.
Zur Rechten singt Graf Unheilig im Duett mit Xavier Naidoo. Zur Linken liefern Nena und Co die passenden Soundtracks für jedes Eso-Straßenfest zwischen Flensburg und Füssen.
Sobald man ergo denkt, deutscher Baukasten-Poprock könne unmöglich noch gruseliger werden, öffnen die Sportfreunde Stiller zuverlässig Pandoras Büchse und setzen dem Land ihre Klang gewordene Eselsmütze auf.
„Hey Hey, My My, Selbstkritik will never die“, heißt es gleich zu Beginn.
Wenn es doch keine leere Versprechung wäre.
Denn die Sportfreunde vermeiden seit jeher jede erkennbare kompositorische, sprachliche oder gesangliche Weiterentwicklung mit einer Konsequenz, die beinahe schon wieder bewundernswert ist.
Dabei wäre die Ausgangslage gar nicht schlecht.
Ein Händchen für Hooks hatten sie immer. Genau das macht die Sache so unerquicklich. Bei fast jedem Album ahnt man irgendwo Potential. Und fast jedes Mal wird es zuverlässig liegengelassen.
Stattdessen gibt es seit Jahrzehnten nur zwei Sorten Sportfreunde-Songs:
Die unlustige Comedykeule oder den nölig-verquengelten Selbsthilfegruppenrock mit pseudosentimentalem Unterton. „New York, Rio, Rosenheim“ liefert von beidem reichlich.
Abgelöscht mit einem Schuss öligen Sauflied-Appeals, den sogar Campino von der Bettkante gestoßen hätte.
„Wieder kein Hit“ etwa liefert das Paradebeispiel einer ewig wiederholten Freud’schen Fehlleistung der Kapelle. Zu keinerlei Abstraktion oder Ironie in der Lage, dennoch gaukeln die Sportfreunde den Hörern seit Gründung vor, genau diese Fähigkeit zu besitzen.
Obwohl längst im gesetzten Alter angekommen, inszenieren sich die Münchner weiterhin folgerichtig als charmante Lausbuben. Das Problem: Der Charme altert. Die Masche scheinbar nicht.
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„Dödödöp zickezacke zickezacke hoi hoi hoi!“, heißt es hernach in „Unter Unten!“. Der langweilige Allerwelts-Bummsrock bringt es – um mit Loriots Dickie Hoppenstedt zu sprechen – indes allerhöchstens auf einen Hauch „Zickezacke, Hühnerkacke.“ in der Ohrmuschel.
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Und wenn Peter Brugger Zeilen wie „Du bist du und ich bin ich“ vorträgt, klingt das stellenweise so, als lese ein leicht überforderter Viertklässler seine Hausaufgaben vor.
Besonders interessant wird es immer dann, wenn die Band offensichtlich Richtung Hamburger Schule schielt.
„Festungen und Burgen“ etwa möchte die Melancholie von Tocotronic streifen. Doch wo Dirk von Lowtzow und Kollegen mit Sprache Bilder erzeugen, landen die Sportfreunde am Ende auf der Hamburger Sonderschule allen Rocks.
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Das mag böse klingen.
Allerdings hört man gerade hier exemplarisch das zentrale Problem der Band: Sie übernimmt regelmäßig ästhetische Versatzstücke anderer Künstler, ohne deren Tiefe, Reibung oder Eigenwilligkeit mitzunehmen.
Am Ende bleibt stets dieselbe Mischung aus Stadionrock, Radiopop und kalkuliert entfesselter Harmlosigkeit.
Nichts zeigt Kontur.
Nichts überrascht.
Nichts bleibt hängen außer dem Reißbrettrefrain.
Das erklärt womöglich den Erfolg.
Und genau dazu gratuliere ich den Sportfreunden Stiller herzlich.
Dreißig Jahre Erfolg muss man erst einmal schaffen.
Dreißig Jahre Stillstand jedoch auch.
From Hamburg
with Love
UK
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