Argentinien: Vom Wohlstand zum Niedergang
Argentinien war um 1900 eines der wohlhabendsten Länder der Welt. Laut Maddison-Datenbank lag das reale Pro-Kopf-BIP 1913 nahe an westeuropäischen Industriestaaten.¹ Das Land war nicht arm – es wurde politisch in die Armut verwaltet.
Nach der Weltwirtschaftskrise und besonders unter dem argentinischen Präsidenten Juan Perón wurde Importsubstitution zur wirtschaftspolitischen Staatsreligion: hohe Zölle, Devisenkontrollen, staatliche Lenkung und Industriepolitik ohne Wettbewerbsdruck. Bereits Anfang der dreißiger Jahre stieg der durchschnittliche Importzoll von 16,7 auf 28,7 Prozent.²
Die Folge war keine wirtschaftliche Souveränität, sondern eine neue Form der Abhängigkeit: Unternehmen wurden abhängig von Genehmigungen, Wechselkursregeln und politischer Nähe. Wettbewerb galt zunehmend als Zumutung, Lobbyismus dagegen als Geschäftsmodell.³
Die Industrie wuchs zeitweise durchaus – ein Umstand, den Protektionisten bis heute behandeln wie den endgültigen Beweis ihrer Weisheit. Doch Wachstum allein bedeutet noch keinen Wohlstand. Auch ein Gewächshaus wächst prächtig, solange jemand die Heizung bezahlt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die argentinische Industrie rasch an Wettbewerbsfähigkeit, weil europäische Produzenten günstiger und effizienter arbeiteten. Die Schutzmauern konservierten nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit.⁴
Historische Studien beschreiben Argentiniens Niedergang deshalb als Folge institutioneller Instabilität, permanenter Verteilungskonflikte und einer Handelspolitik, die Schutz über Produktivität stellte.⁵
Das Ergebnis waren Staatspleiten, Inflation und Kapitalflucht. Argentinien wollte unabhängiger werden – und machte sich immer abhängiger von staatlichen Rettungen. Es ist die klassische Pointe des Protektionismus: Erst zerstört man den Markt und wundert sich anschließend über den Mangel.
Die USA: Patriotismus mit Preisschild
Während Argentinien inzwischen unter Präsident Javier Milei versucht, den protektionistischen Kurs zu korrigieren, experimentieren die USA erneut mit Abschottung. Präsident Donald Trump hat den Protektionismus nicht erfunden, ihn aber mit roter MAGA-Kappe, Fernsehrhetorik und patriotischer Geräuschkulisse neu vermarktet.
Die US-Zölle von 2018 betrafen Importe im Wert von rund 283 Milliarden Dollar. China reagierte mit Gegenzöllen auf etwa 121 Milliarden Dollar US-Exporte.⁶ Die politische Botschaft lautete wie immer: Zahlen sollen die anderen. Die Realität hatte leider Zugriff auf Taschenrechner.
Mary Amiti, Stephen Redding und David Weinstein zeigten, dass die Kosten der Zölle fast vollständig bei US-Importeuren und Konsumenten landeten. Die zusätzlichen Zollkosten beliefen sich auf rund 3,2 Milliarden Dollar pro Monat, hinzu kamen reale Einkommensverluste von 1,4 Milliarden Dollar monatlich.⁷
Besonders problematisch sind Zölle auf Vorprodukte. Moderne Industrie basiert auf globalen Lieferketten. Laut OECD bestehen 56 Prozent des Güterhandels aus Zwischenprodukten.⁸ Wer Importe verteuert, verteuert daher auch Maschinen, Elektronik, Stahl oder Chemikalien – also genau jene Dinge, die man angeblich stärken will. Industriepolitik nach dem Prinzip: Wir helfen dem Läufer, indem wir ihm Gewichte an die Schuhe binden.
Eine Studie der Federal Reserve zeigte entsprechend, dass stärker von den Zöllen betroffene Industrien schwächere Beschäftigungsentwicklungen verzeichneten. Höhere Inputkosten und Vergeltungszölle überlagerten die gewünschten Schutzeffekte.⁹
Auch China reagierte schnell: Die USA belegten fast die Hälfte ihrer Importe aus China mit Sonderzöllen, China wiederum mehr als 70 Prozent seiner US-Importe.¹⁰
Die langfristige Bilanz ist ernüchternd: Zölle können einzelne Arbeitsplätze sichtbar schützen, schwächen aber Kaufkraft, Exporte und Produktivität. Politisch ist das attraktiv, weil der Nutzen fotografierbar ist, während die Kosten still in Preislisten, Lieferketten und Investitionsentscheidungen verschwinden.
Deutschland zwischen Export und Abschottung
Deutschland lebt vom Außenhandel. Maschinenbau, Chemie, Elektrotechnik und Autoindustrie hängen davon ab, dass andere Länder deutsche Produkte kaufen. Trotzdem wird auch hier zu Lande manchmal so gesprochen, als müsse man die heimische Wirtschaft vor dem Weltmarkt schützen – als wäre internationale Konkurrenz eine ansteckende Krankheit.
Das EU-Mercosur-Abkommen steht für das Gegenteil: Marktzugang, Zollabbau und neue Chancen auf beiden Seiten. Die Handelszone umfasst rund 700 Millionen Menschen und spart europäischen Exporteuren jährlich mehr als vier Milliarden Euro an Zöllen.
Trotzdem dominierten bei deutschen Maikundgebungen, ausgerechnet an dem Tag, an dem das Mercusor-Abkommen in Kraft trat, häufig Schutzrhetorik und Abschottungsreflexe. Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), sprach von Schutz und Bollwerken gegen Rückfälle. Bärbel Bas, Bundesarbeitsministerin und SPD-Co-Vorsitzende, verteidigte den Sozialstaat als Schutzwall gegen globale Verwerfungen. Das klingt fürsorglich und warm – wie politischer Kamillentee. Zwar blieben die Ausführungen von Fahimi und Bas weit hinter den protektionistischen Tönen der MAGA-Bewegung in den USA zurück, dennoch beginnt genau dort beginnt das Problem: Der Begriff „Schutz“ wandert erstaunlich oft viel zu schnell von der Sozialpolitik in die Industriepolitik.
Die ökonomische Literatur ist in einem Punkt eindeutig: Zölle schaffen Gewinner, aber mehr Verlierer. Geschützt werden einzelne Produzenten. Die Kosten tragen Verbraucher, Exporteure und nachgelagerte Industrien.
Argentinien zeigt, wie Protektionismus eine Volkswirtschaft über Jahrzehnte bequem und schließlich schwach machen kann. Die USA zeigen, wie schnell dieselben Fehler wiederholt werden, sobald man sie patriotisch genug verpackt. Deutschland wiederum zeigt, wie ein Exportland gleichzeitig vom Weltmarkt leben und (zumindest ein Teil der Politik) vor ihm zurückschrecken kann.
Man kann sich nicht gleichzeitig abschotten und erfolgreich exportieren. Man kann Wettbewerb nicht abschaffen und Innovation erwarten. Wer vom Weltmarkt lebt, sollte ihn nicht behandeln wie eine Bedrohung – oder schlimmer noch: wie ein Wahlkampfmotiv.
Fußnoten und Quellen
- Maddison Project Database 2020, Bolt, Jutta und Jan Luiten van Zanden: „Maddison style estimates of the evolution of the world economy“, University of Groningen, 2020.
- Brambilla, Irene; Galiani, Sebastian und Guido Porto: „Argentine trade policies in the XX century: 60 years of solitude“, Latin American Economic Review, 2018.
- Galiani, Sebastian und Gustavo Torrens: „Path-dependent import-substitution policies: The case of Argentina in the twentieth century“, Latin American Economic Review, 2018.
- Belini, Claudio: „Industrial Exports and Peronist Economic Policies in Postwar Argentina“, Journal of Latin American Studies, 2012.
- Cortés Conde, Roberto: The Political Economy of Argentina in the Twentieth Century, Cambridge University Press, 2009; ergänzend Spruk, Rok: „The rise and fall of Argentina“, Latin American Economic Review, 2019.
- Amiti, Mary; Redding, Stephen J. und David Weinstein: „The Impact of the 2018 Tariffs on Prices and Welfare“, Journal of Economic Perspectives, 2019.
- Ebd.
- Miroudot, Sébastien; Lanz, Rainer und Alexandros Ragoussis: „Trade in Intermediate Goods and Services“, OECD Trade Policy Working Papers No. 93, 2009.
- Flaaen, Aaron und Justin Pierce: „Disentangling the Effects of the 2018-2019 Tariffs on a Globally Connected U.S. Manufacturing Sector“, Federal Reserve Board, 2019.
- Bown, Chad P.: „The 2018 US-China Trade Conflict after 40 Years of Special Protection“, China Economic Journal, 2019.
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