El Salvador liegt am westlichen Rand Mittelamerikas am Pazifischen Ozean und hat in etwa genauso viele Einwohner wie das Bundesland Hessen. Obwohl El Salvador relativ weit weg ist und dort nur wenige Menschen leben, steht das Land überdurchschnittlich oft im Fokus der globalen Medien. Das hat zwei Gründe: Den exzentrischen Staatspräsidenten und den Bitcoin. Nayib Bukele, der Selfie-Präsident El Salvadors, Selbstbeschreibung: „CEO meines Landes“ und Twitter-Virtuose, trat im September 2021 mit einer Ankündigung vor die Welt, die klang wie ein Start-up-Pitch aus dem Silicon Valley – vorgetragen im Präsidentenpalast eines der ärmsten Länder der westlichen Hemisphäre: El Salvador werde Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel einführen. Als erstes Land der Welt.
Es war ein Moment, der die Kryptogemeinde in Ekstase versetzte und einigen Ökonomen Schweiß auf die Stirn trieb. Was folgte, war eine der lehrreichsten wirtschaftspolitischen Lektionen der jüngeren Geschichte: Lehre eins – Was sich gut anfühlt, muss noch lange nicht funktionieren. Lehre zwei – Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat bisweilen recht. Lehre drei – Populismus kennt auch im Kryptozeitalter keine Haltezeit.
Das große Versprechen
Die Logik hinter Bukeles Bitcoin-Coup klang, bei allem Wagemut, nicht gänzlich unvernünftig. Rund 70 Prozent der salvadorianischen Bevölkerung besaßen kein Bankkonto, aber fast alle ein Smartphone. Überweisungen salvadorianischer Gastarbeiter aus den USA – die sogenannten Remesas – machen über 23 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes aus. Die Transfergebühren für diese Überweisungen fraßen einen erheblichen Teil der ohnehin kargen Erträge auf. Bitcoin, so das Versprechen, würde diese Gebühren eliminieren, Millionen Menschen ins Finanzsystem integrieren und El Salvador als internationales Krypto-Mekka positionieren.
Der Plan war entsprechend großzügig ausgestattet. Der Staat richtete eine eigene digitale Geldbörse ein, die sogenannte Chivo-Wallet, und stattete jeden Bürger, der sie herunterlud, mit einem Startguthaben von 30 US-Dollar in Bitcoin aus. Im ganzen Land wurden Bitcoin-Automaten aufgestellt. Händler, die über die technische Infrastruktur verfügten, wurden per Gesetz verpflichtet, Bitcoin zu akzeptieren. Und wer Steuern zahlen wollte – konnte das fortan auch in der Kryptowährung tun. Als Krönung des Ganzen kündigte Bukele ein Mega-Projekt an, das selbst seine wohlwollendsten Bewunderer zum Staunen brachte: die „Bitcoin City“. Eine ganze Stadt sollte am Fuße des Vulkans Conchagua entstehen, versorgt von geothermischer Energie, bevölkert von Krypto-Firmen aus aller Welt, finanziert durch eine Milliarden-Dollar-Staatsanleihe, die sogenannte „Volcano Bond“. Der Präsident trat bei der Ankündigung auf wie ein Rockstar. Das Publikum jubelte.
Die Ernüchterung
Die Realität ließ nicht lange auf sich warten. Schon ein Jahr nach der Einführung hatten laut Umfragen fast 90 Prozent der salvadorianischen Unternehmen keinen einzigen Verkauf in Bitcoin abgewickelt. Die meisten Bürger hatten die 30 Dollar aus dem staatlichen Startguthaben ausgegeben – und danach das Interesse verloren. Ende 2024 nutzten laut einer Studie der Universität Francisco Gavidia in San Salvador nur noch 7,5 Prozent der Bevölkerung Bitcoin regelmäßig. Von „finanzieller Freiheit“ keine Spur. Auch die Chivo-Wallet entpuppte sich als Sorgenkind. Berichte über Betrug, Identitätsdiebstahl und Systemausfälle häuften sich. Die Vulkan-Anleihe? Nie platziert. Bitcoin City? Bis heute ein Rohbau auf dem Papier. Der Ökonom Christian Ambrosius von der Freien Universität Berlin fasste es treffend zusammen: „Die Idee, dass Leute, die nie ein Bankkonto hatten, sich jetzt mit Krypto-Wallets befassen – das ist eine völlig weltfremde Vorstellung.“
Besonders bitter war das Timing: Bukele führte Bitcoin auf dem Höhepunkt eines Kryptohypes ein. Der anschließende Kurssturz im Jahr 2022 – Bitcoin verlor zeitweise über 70 Prozent seines Wertes – ließ die staatlichen Bitcoin-Bestände auf einen Bruchteil ihres ursprünglichen Wertes schrumpfen und das Land in eine gefährliche fiskalische Schieflage geraten. Ratingagenturen stuften El Salvadors Kreditwürdigkeit auf „Ramsch“ herab. Das Länderrisiko, so JP Morgan, wurde in der Region nur noch von Venezuela übertroffen. Eine ziemlich erlesene Gesellschaft.
Die Risiken – und wie man sie ignoriert
Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte frühzeitig und unmissverständlich gewarnt. Die extremen Kursschwankungen der Kryptowährung, die fehlende Regulierung, die Gefährdung der Finanzstabilität: All das trug der IWF bereits 2021 vor, noch bevor das Experiment begann. Bukele antwortete mit dem Charme eines Start-up-Gründers, der von Skeptikern nichts hören will: Er kaufte auch bei fallenden Kursen weiter – öffentlich, auf Twitter, mit präsidialem Triumph-Gestus. Als Bloomberg einmal berichtete, er kaufe staatliche Bitcoin-Bestände persönlich mit seinem Mobiltelefon, ließ Bukele wissen, er tue das sogar im Schlafanzug. Oder noch weniger.
Ernstzunehmende Ansätze, die inhärenten Risiken einzuhegen, blieben überschaubar. Die Staatsverschuldung kletterte unaufhaltsam nach oben und erreichte 2024 einen Rekordwert von 85 Prozent des Bruttoinlandprodukts, für 2025 werden 87 Prozent erwartet. Derweil lebten über 40 Prozent der salvadorianischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, und das Land wies das niedrigste Wirtschaftswachstum in ganz Zentralamerika auf. Dass Bitcoin kaum etwas an dieser strukturellen Misere änderte, ist dabei weniger Zufall als Konstruktionsfehler: Eine volatile Digitalwährung löst keine Bildungsdefizite, keine Korruption und keine Abhängigkeit von Überweisungen aus dem Ausland.
Hinzu kam der demokratiepolitisch beunruhigende Kontext. Bukele regiert mit autokratischen Mitteln. Seit März 2022 verlängert er immer wieder den Ausnahmezustand, unter dem rund 83.000 Menschen ohne Gerichtsverfahren verhaftet und in Hochsicherheitsgefängnisse verbracht wurden. Die Bandengewalt ist tatsächlich dramatisch zurückgegangen – Bukeles Popularitätswerte liegen bei über 90 Prozent. Und 2024 ließ er sich entgegen ausdrücklichem Verfassungsverbot für eine zweite Amtszeit bestätigen, dank befreundeter Verfassungsrichter. Wer in El Salvador über Bitcoin-Risiken sprach, musste also auch über Rechtsstaatsrisiken sprechen. Der eine war ohne den anderen nicht vollständig zu verstehen.
Die stille Kapitulation
Im Dezember 2024 einigte sich die Regierung Bukele mit dem IWF auf ein Kreditpaket von 1,4 Milliarden Dollar – verbunden mit weiteren 3,5 Milliarden von Weltbank, Interamerikanischer Entwicklungsbank und anderen Institutionen. Der Preis: El Salvador verabschiedet sich de facto von Bitcoin als offiziellem Zahlungsmittel. Das neue Gesetz bestimmt, dass Bitcoin zwar weiterhin als Zahlungsmittel verwendet werden darf, aber nicht mehr gesetzlich verpflichtend anzunehmen ist. Steuern werden nur noch in Dollar entgegengenommen. Die Chivo-Wallet wird privatisiert oder abgewickelt.
Bukele selbst hatte im Dezember 2024, kurz vor der Einigung, bemerkt, die Bitcoin-Einführung sei „die unpopulärste Maßnahme seiner Regierung“ gewesen. Und damit zeigte er, was seinen politischen Instinkt von manch anderem Autokraten unterscheidet: das Gespür, wann man einen Rückzug als strategische Neuausrichtung verkaufen muss. Der IWF als „Finanzterrorismus-Organisation“ – so Bukeles ehemaliger Bitcoin-Berater Max Keiser – hatte am Ende gesiegt. Oder, präziser formuliert: Die Gravitation des Schuldenmarktes hatte gesiegt.
Bemerkenswert ist die fiskalische Wendung der Geschichte: Während die Bitcoin-Pflicht abgeschafft wurde, hält El Salvador weiter an seinen Bitcoin-Reserven fest. Laut staatlichem Portfolio-Tracker besitzt das Land rund 5.900 Bitcoin. Beim jüngsten Kursanstieg der Kryptowährung auf zeitweise über 125.000 Dollar im Oktober 2025 war das staatliche Bitcoin-Portfolio auf über 700 Millionen Dollar angewachsen – ein Buchgewinn, der durchaus als späte Rechtfertigung der Anlagestrategie gehandelt wird. Seit Februar 2025 tätigt die Regierung offiziell keine neuen Bitcoin-Käufe mehr, was in krassem Widerspruch zur fortgesetzten öffentlichen Krypto-Rhetorik Bukeles steht. Zwischen Wort und Tat klafft traditionell ein gewisser Abgrund.
Bilanz: Was bleibt?
Die Finanzmärkte honorierten das IWF-Abkommen unmittelbar: Fitch hob El Salvadors Rating von CCC+ auf B–, Standard & Poor’s und Moody’s folgten. Das ist kein Triumph, aber ein messbarer Fortschritt. Der Tourismussektor verzeichnete zwischen 2023 und 2024 einen Anstieg von rund 20 Prozent. Expats und Krypto-Enthusiasten aus aller Welt haben sich in kleinen Küstenorten niedergelassen und bringen Kaufkraft mit. Das Wirtschaftswachstum hat sich 2025 leicht erholt.
Für die Mehrheit der Salvadorianer jedoch – jene 40 Prozent unterhalb der Armutsgrenze, jene Landbevölkerung, die von Überweisungen aus den USA lebt, jene 92,5 Prozent, die Bitcoin nie im Alltag nutzten – blieb das Experiment ein kostspieliges Spektakel. Rund 200 Millionen Dollar Steuergelder wurden in die Bitcoin-Infrastruktur investiert. Bitcoin City ist nicht gebaut. Die Volcano Bonds wurden nie platziert. Die Remesas fließen weiterhin über herkömmliche Kanäle, mit den üblichen Gebühren. Die finanzielle Inklusion, das große Versprechen, ist ausgeblieben.
Dabei wäre es unfair, das Fazit einseitig negativ zu fassen. Bukele hat eine breitere globale Diskussion über staatliche Krypto-Politik angestoßen und El Salvador schlagartig auf die Weltkarte gebracht. Der Sicherheitserfolg gegen die Mara-Banden – bei aller berechtigten rechtsstaatlichen Kritik – hat dem Land eine Ruhe beschert, die viele Salvadorianer als historisch empfinden. Und die Bitcoin-Reserven haben sich, bei aktuellem Kursniveau, als unerwarteter Glücksgriff erwiesen. Das ist mehr, als dem durchschnittlichen Staatsfonds zu wünschen wäre. Aber das Experiment trägt auch eine unmissverständliche Botschaft: Digitale Währungen ersetzen keine strukturelle Entwicklungspolitik. Und wer als Staatschef öffentlich verkündet, gerade wieder einen Bitcoin gekauft zu haben – „naked“, wohlgemerkt –, der sollte sich fragen, ob das ein verantwortungsvoller Umgang mit öffentlichen Geldern ist.
El Salvador hat das Krypto-Experiment als erstes Land der Welt begonnen. Und es als eines der ersten wieder beerdigt – still, leise, und mit einem Schuldenberg, der die Trauergäste noch längere Zeit beschäftigen wird. Für Bukele selbst hingegen gilt: Er bleibt der beliebteste Politiker Lateinamerikas. In einer Region, in der das Mögliche und das Vernünftige selten übereinstimmen und in deren Literatur der „magische Realismus“ dominiert, ist das vielleicht die eigentliche Lektion.
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