Reklamation eines Paradiesapfels

Wenn das Kind beginnt, die Welt um sich herum zu erkennen, begreift es noch nicht, dass es seinen Paradiesapfel gerade angebissen hat.

Dieser erste Apfel wird kein einmaliges Ereignis sein, es wird sich fortsetzen, jedes Mal, wenn wir etwas benennen, wenn wir einen Zustand festhalten, ihn in Wörter zwingen. Ein Stück vom ursprünglichen Fließen, von der allumfassenden Einigkeit geht jedes Mal ein Stück verloren.

Foto: Julia Grinberg

Ich habe geträumt, dass ich durch etwas geflogen bin, oder geschwommen, ich weiß es nicht mehr genau, es war keine Gegend, kein Raum, jedenfalls keiner, den ich benennen könnte, eine Art Leere, in der hier und da Blasen schwebten. Ich bewegte mich dazwischen, ohne Körper übrigens, das fiel mir erst später auf. Im Traum selbst war das völlig selbstverständlich.

Irgendwann bin ich in eine dieser Blasen geraten, die platzte nicht, ihre weiche, bis zur Durchsichtigkeit dünne Haut ließ mich durch. Darin war etwas, das ich sofort erkannte: Die Boullion, habe ich gedacht, oder eher gewusst. Es war warm, plätscherte, das Wort Sprachurbrühe kam auf. Ja, es hieß Sprachurbrühe, völlig unsinnig und trotzdem präzise, als würde es genau das treffen, worin ich mich da befinde, und dann war ich auch schon weiter.

Seitdem denke ich ab und zu nach, wie und ob der Traum sich mit dem, was ich über die Entstehung des Lebens, über „davor“ und „danach“, über Bewusstsein und Sprache, wissenschaftlich und dogmatisch lese, überschneidet. Ob diese Sprachurbrühe eine Nirwana, Paradies sein könnte? In dem Zustand sind die Dinge noch nicht getrennt, nicht benannt, eher ein fließendes Ineinander, es gibt noch nichts, wovon man sich abgrenzen müsste, kein Innen und kein Außen, eine befriedete Einigkeit mit allem.

Vielleicht ist es genau der frühe Zustand, wie ihn ein Säugling erlebt, bevor er beginnt zu unterscheiden, bevor ein „ich“, ein „du“auftauchen und tausend andere Wörter, die die Welt durchrastern.

Meine Mutter erzählte mir, dass mein erstes Wort kein Wort war, sondern ein Satz: Daj! Lule! Jabka! — Gib Julia Apfel! Danach, sagt sie, habe ich geredet wie ein Wasserfall. Als hätte ich mit diesem Satz die mir zugeschriebene Blase zerrissen. Als wäre es die zweite Geburt, nicht des Körpers, sonder des registrierenden Verstandes.

Wenn das Kind beginnt, sich von der Mutter zu unterscheiden, sich selbst im Spiegel und die Welt um sich herum zu erkennen, begreift es noch nicht, dass es seinen Paradiesapfel gerade angebissen hat.

Dieser erste Apfel wird kein einmaliges Ereignis sein, es wird sich fortsetzen, jedes Mal, wenn wir etwas benennen, wenn wir einen Zustand festhalten, ihn in Wörter zwingen. Ein Stück vom ursprünglichen Fließen, von der allumfassenden Einigkeit geht jedes Mal ein Stück verloren.

Es ist verlockend, das als Verlust zu erzählen, aber so sehe ich es nicht. Es ist ein Tausch, bei dem etwas Unbestimmtes gegen etwas sehr Konkretes, wie Sprache und Struktur eingetauscht wird. Nach dem Tausch entsteht etwas, das vorher nicht möglich war: Die Möglichkeit, sich zu beziehen, zu entscheiden, Dinge festzuhalten und wieder loszulassen, etwas zu machen, das es vorher nicht gab.

Manchmal stelle ich mir vor, dass wir alle, wie Würmer, durch diesen einen Apfel der Erkenntnis nagen, jeder für sich, bohren darin unsere eigenen Ego-Tunnel, und keiner sieht den Weg des anderen ganz, nur die Spuren, die manchmal plötzlich ins Leere führen, und vielleicht ist genau das, was wir Welt nennen.

Ganz selten scheint es wieder kurz auf, dieses Andere, in Träumen oder in Momenten, in denen etwas noch keinen Namen hat, und dann ist da für einen Augenblick wieder dieses Gefühl, dass alles auch anders sein könnte, weniger getrennt, weniger eindeutig, und die Urbrühe ist da wie ein Potenzial, eine zusammengedrückte Feder, und dann werde ich die Herrin der Sätze, und baue mir daraus eine Ordnung, eine der vielen.

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