Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas

Der „Civilization Jihad“ der Muslimbruderschaft

Kolumnist Heiko Heinisch ist Co-Autor eines kürzlich erschienenen Grundlagenwerks zum Politischen Islam. Der AK Polis hat dazu eine Rezension geschrieben, die wir gerne auch bei DIE KOLUMNISTEN veröffentlichen.

Politischer Islam
Bild: ChatGPT

Heiko Heinisch, Nina Scholz und Gustav E. Gustenau legen mit »Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der ›Civilization Jihad‹ der Muslimbruderschaft« eine umfassende strategische Analyse der Muslimbruderschaft in Europa vor. Das bei Nomos erschienene Werk verbindet Ideologieanalyse, historische Netzwerkrekonstruktion und sicherheitspolitische Szenarienbildung zu einem Gesamtbild, das Bestrebungen des Politischen Islam erstmals systematisch als hybride Konfliktform beschreibt.
(c) AK-POLIS – Arbeitskreis Politischer Islam

Fragestellung und Methodik

Die Studie geht von der Beobachtung aus, dass die Muslimbruderschaft (MB) seit fast einem Jahrhundert ein messianisch aufgeladenes Projekt verfolgt: die Errichtung einer islamischen Weltordnung, die als Herrschaft Allahs auf Erden verstanden wird. Die Strategie der MB, die von ihren Kadern als »Civilization Jihadist Process« bezeichnet wird, soll durch soziale Dienste, Bildungseinrichtungen, Infiltration, politische Einflussnahme und Netzwerkarbeit in westlichen Demokratien operative Wirksamkeit entfalten. Das Vorgehen ist dabei selbst für politische Entscheidungsträger und Sicherheitsbehörden nicht immer offensichtlich, da die MB im Westen gegenwärtig weder offen feindlich noch gewaltsam agiert. Die Studie greift zudem die türkische Milli-Görüş-Bewegung als ideologische Partnerin und strategische Verbündete der Bruderschaft auf. Damit trägt sie der Realität Rechnung, dass der Politische Islam nicht allein von arabischstämmigen Netzwerken getragen wird, sondern gerade in Ländern mit großer türkischer Diaspora wie Deutschland und Österreich auch über die IGMG und ihre Regionalverbände operiert.

Vor diesem Hintergrund stellen die Autoren eine zentrale Frage: Handelt es sich bei der MB lediglich um eine schwer greifbare, aber letztlich hinnehmbare Organisation im Spektrum des organisierten Islam – oder um ein strategisches Risiko, dem aktiv begegnet werden muss? Die Faktenlage spreche für Letzteres: Die Aktivitäten der MB folgten keinem spontanen oder situativ wechselnden Muster, sondern einer langfristig angelegten Strategie mit klar definierten Zielen. Diese Strategie beruhe auf der Vorstellung eines umfassenden gesellschaftlichen Gegenentwurfs zur liberalen Demokratie, dessen Totalität an die Utopien anderer ideologischer Bewegungen des 20. Jahrhunderts erinnere. In diesem Sinne stelle die MB eine ideologische Bedrohung dar, die den Gesellschaften, in denen sie aktiv wird, einen kulturellen und normativen Konflikt – einen Kulturkampf – aufzwinge.

Zur Identifizierung und Bewertung dieser Bedrohung bedürfe es eines methodischen Instrumentariums, das klassische Bedrohungsanalysen mit strategischer Vorausschau und Methoden zur Analyse hybrider Konflikte kombiniere. Eine solche Analyse umfasse sowohl strukturelle als auch operationelle Faktoren: Ideologie, Organisationsstruktur, Kommunikationsstrategien, Infiltrationsmechanismen, internationale Netzwerke sowie gesellschaftliche Resonanz. Die MB verfolge eine langfristige, in Phasen gegliederte Strategie, in der sie je nach Phase andere Mittel, Methoden und Schwerpunkte einsetze – flexibel und opportunistisch, aber stets auf das übergeordnete Ziel ausgerichtet, ihre ideologische Agenda langfristig zu verankern.

Die Analyse stützen Heinisch, Scholz und Gustenau auf die SPHEERE-Methode. Dabei handelt es sich um einen vom Wiener European Institute for Counter Terrorism and Conflict Prevention (EICTP) entwickelten softwaregestützten Ansatz, der Elemente der strategischen Zukunftsanalyse mit der Konfliktanalyse und der Strategieentwicklung verbindet. Dieses Modell verknüpft Szenarienanalyse mit der Theorie hybrider Konflikte und erlaubt es, die Aktivitäten der MB entlang von fünf aufeinander aufbauenden strategischen Phasen und elf Handlungsfeldern zu erfassen.

Die Entwicklung der Strategieoptionen erfolgt in drei definierten Schritten und wird abschließend in einer Strategie-Landkarte visualisiert. Die Studie stützt sich dabei auf Primärquellen der MB – darunter die internen Strategiepapiere von 1982 und 1991 – sowie auf Schriften ihrer zentralen Ideologen, insbesondere Hasan al-Banna und Yusuf al-Qaradawi.

Die Muslimbruderschaft als Kernakteur

Eingangs zeichnet das Buch die Entwicklung der MB von ihrer Gründung 1928 in Ägypten über ihre europäische Expansion seit den 1950er Jahren nach. Eine Schlüsselrolle spielte Said Ramadan, der als Schwiegersohn al-Bannas das Islamische Zentrum in München aufbaute und damit die erste institutionelle Basis der Bruderschaft in Europa schuf. Von dort aus entstand ein transnationales Netzwerk, dem die Autoren heute rund 200 Organisationen in Europa zurechnen – von unmittelbaren Muslimbruderorganisationen über Vorfeldorganisationen bis hin zu Strukturen, die von der MB beeinflusst werden.

Zentral ist die Unterscheidung, die die Autoren zwischen der MB und dem gewaltbereiten Dschihadismus treffen: Die Bruderschaft verfolge eine Strategie des »Civilization Jihad« – einer umfassenden kulturellen, politischen und religiösen Transformation bestehender gesellschaftlicher Ordnungen, die nicht auf offene Konfrontation, sondern auf schrittweise systemische Veränderung unterhalb klassischer Eskalationsschwellen setzt. Die Autoren sprechen in Anlehnung an die Forschung von Florence Bergeaud-Blackler auch vom »Frerismus«, um diese spezifische Spielart des Politischen Islam begrifflich von anderen islamistischen Strömungen abzugrenzen.

Fünf Phasen der Strategie

Den analytischen Kern der Studie bildet ein Fünf-Phasen-Modell, das die Autoren aus den Primärquellen der MB ableiten und mit empirischen Befunden aus verschiedenen europäischen Ländern unterlegen.

Die erste Phase (»Settlement«, ab den 1950er Jahren) beschreibt die Ansiedlung und den Aufbau erster Strukturen in europäischen Ländern. Ausgangspunkt waren islamische Zentren und Moscheevereine, die als institutionelle Basis für die spätere Netzwerkbildung dienten. In dieser Phase ging es primär darum, Präsenz aufzubauen und als Stimme der Muslime akzeptiert zu werden.

Die zweite Phase (»Vorbereitung – Einflussnahme«, ab den 1980er Jahren) markiert den Übergang von passiver Ansiedlung zu aktiver gesellschaftlicher Steuerung. Die MB gründete Dachverbände wie die Federation of Islamic Organisations in Europe (FIOE, heute: Council of European Muslims), Jugendorganisationen wie die FEMYSO sowie den European Council for Fatwa and Research (ECFR) unter Vorsitz al-Qaradawis. Die Studie zeigt detailliert, wie die MB in elf Handlungsfeldern – vom »Civilization Jihad« über Organisation, muslimische Bevölkerung und Gesamtgesellschaft bis hin zu Staat, Bildung, Kommunikation, Recht, Wirtschaft, Sicherheit und internationalen Beziehungen – parallel operiert. Instrumente sind dabei unter anderem die Infiltration zivilgesellschaftlicher Institutionen, die Instrumentalisierung von Diskriminierungsdiskursen, der strategische Einsatz von Frauen mit Kopftuch im öffentlichen Raum und der Aufbau eines religiös-normativen Deutungsmonopols innerhalb muslimischer Gemeinschaften.

Die dritte Phase (»Destabilisierung«) beschreibt eine Eskalation des Interaktionsmusters. Die MB erhöht den Druck auf staatliche Institutionen, artikuliert innerhalb der muslimischen Gemeinschaft einen Hegemonieanspruch und verschärft die Auseinandersetzungen sowohl mit innerislamischen Gegnern als auch mit nicht-muslimischen Strukturen. Die Studie verweist auf die Entstehung islamisch geprägter Parallelgesellschaften, die sich staatlicher Kontrolle entziehen, sowie auf den gezielten Einsatz juristischer Mittel (»Lawfare«), um Kritik abzuschrecken und islamische Normen in der Rechtsprechung zu verankern. Die Autoren sehen für Österreich in mehreren Handlungsfeldern bereits Indikatoren eines Übergangs in diese Phase. In Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Belgien sei die Destabilisierungsschwelle bereits deutlich überschritten.

Die vierte Phase (»Offene Konfrontation«) und die fünfte Phase (»Transformation«) werden als mögliche Endpunkte der strategischen Entwicklung skizziert. Die offene Konfrontation umfasst eine systematische Infragestellung des staatlichen Gewaltmonopols und der rechtsstaatlichen Ordnung. Die Transformationsphase zielt auf die Durchsetzung einer islamisch definierten Gesellschaftsordnung. Beide Phasen sind in Europa gegenwärtig nicht erreicht; die Autoren betonen jedoch, dass die Voraussetzungen für den Übergang in die Destabilisierungsphase in immer mehr Bereichen gegeben seien.

Hybride Konfliktlogik

Ein eigenständiger Beitrag der Studie liegt in der systematischen Verknüpfung der MB-Strategie mit der Theorie hybrider Konflikte. Die Autoren arbeiten mehrere Merkmale heraus, die das Vorgehen der Bruderschaft als hybride Bedrohung charakterisieren: eine ausgeprägte Eskalationsflexibilität, die je nach Rahmenbedingungen zwischen verdeckter Einflussnahme und offener Konfrontation wechselt; strategische Ambiguität, die durch bewusste Unschärfe in Sprache und Organisationsstrukturen eine eindeutige juristische oder politische Einordnung erschwert; multivektorielle Wirkung über politische, kulturell-religiöse, bildungspolitische, juristische und mediale Kanäle gleichzeitig; sowie ein strategischer Langzeiteffekt, der die Kurzfristigkeit politischer Entscheidungszyklen in westlichen Demokratien gezielt unterlaufe.

Besonders prägnant ist die Analyse der asymmetrischen Konfliktlogik: Die MB agiere als nichtstaatlicher Akteur mit zivilgesellschaftlichen, rechtlichen und kommunikativen Instrumenten, während staatliche Institutionen an rechtsstaatliche Verfahren, Transparenzpflichten und Verhältnismäßigkeit gebunden seien. Die MB könne strategische Zielsetzungen verdeckt verfolgen, während staatliche Reaktionen öffentlich legitimiert sein müssten. Diese Konstellation ermögliche es der MB, unterhalb staatlicher Reaktionsschwellen wirksam zu bleiben und Gegenmaßnahmen als überzogen darzustellen.


Strategielandkarte zur Verortung der Strategieoptionen der Muslimbruderschaft im Kontext hybrider Konfliktführung (Grafik: Heinisch / Scholz / Gustenau: Politischer Islam, Nomos 2026, S. 203)

Strategieprognose und Schlussfolgerung

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass eine weitere Eskalation in Deutschland und Österreich wahrscheinlich ist. Begünstigende Faktoren seien unter anderem Defizite im staatlichen Umgang mit legalistisch-islamistischen Strukturen, zunehmende gesellschaftliche Polarisierung, der demografische Wandel sowie internationale Referenzereignisse, die islamistischen Akteuren als Quelle strategischer Zuversicht dienten. Die Autoren verweisen auf den unter anderem vom Bundeskriminalamt herausgegebenen MOTRA-Monitor, wonach 45,1 Prozent der unter 40-jährigen Muslime in Deutschland latente oder manifeste islamistische Einstellungen aufweisen. Die grundlegende Vision der MB sei weder abgeschwächt noch aufgegeben worden; zugleich fehlten sichtbare alternative Islamvorstellungen, die eine Vereinbarkeit islamischer Lehren mit den zentralen Werten westlicher Demokratien ermöglichten.

Als Schlussfolgerung formulieren Heinisch, Scholz und Gustenau die Notwendigkeit einer integrierten Gegenstrategie, die langfristig angelegt, phasenübergreifend kohärent und domänenübergreifend abgestimmt sein müsse. Die MB dürfe nicht länger als punktueller Störfaktor behandelt werden, sondern müsse als strategischer Akteur mit transformativer Agenda verstanden werden, der eine langfristige sicherheitspolitische Herausforderung für liberale Demokratien darstelle.

Kurzbewertung

Die Studie von Heinisch, Scholz und Gustenau ist die erste öffentliche Analyse, die das Vorgehen der Muslimbruderschaft in Europa systematisch als hybride Konfliktform modelliert. Die Stärke des Buches liegt in der Verbindung von drei Perspektiven, die in der bisherigen Forschung in dieser Form noch nicht zusammengeführt wurden: eine detaillierte Ideologieanalyse auf Basis von Primärquellen, eine empirisch fundierte Rekonstruktion der europäischen Netzwerke und eine sicherheitspolitische Risikobewertung.

Besonders überzeugend ist die methodische Innovation einer systematischen Erfassung der MB-Aktivitäten über verschiedene Handlungsfelder und Phasen hinweg. Damit liefern die Autoren ein analytisches Instrumentarium, das die oft disparat behandelten Einzelphänomene – von der Infiltration zivilgesellschaftlicher Institutionen über den Aufbau von Parallelgesellschaften bis zur rechtlichen Instrumentalisierung – in einen kohärenten strategischen Zusammenhang stellt. Der Ansatz, die Aktivitäten der MB nicht als Summe isolierter Einzelhandlungen, sondern als Ausdruck einer langfristigen, koordinierten Strategie zu lesen, ist analytisch fruchtbar und schließt eine Lücke in der sicherheitspolitischen Debatte. Kritisch anzumerken ist, dass die Binnendifferenzierung innerhalb der MB-nahen Organisationen, die regional erheblich variieren kann, gegenüber dem übergreifenden Strategiemodell teilweise in den Hintergrund tritt.

Insgesamt ist das Buch ein Grundlagenwerk für die sicherheitspolitische Auseinandersetzung mit dem Politischen Islam. Es zeigt die strategischen Herausforderungen auf, die sich für liberale Demokratien ergeben und macht deutlich, dass eine wirksame Antwort ein grundlegendes Umdenken in der politischen und institutionellen Praxis erfordert.
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Dieser Text ist zuerst bei AK-Polis erschienen.

Das Buch kann in jeder Buchhandlung bestellt werden und steht hier als gratis Download zur Verfügung
Heiko Heinisch

Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas
Der „Civilization Jihad“ der Muslimbruderschaft
Autor:innen: Heiko Heinisch | Nina Scholz | Gustav E. Gustenau
Verlag: Nomos, Baden-Baden 2026
DOI: 10.5771/9783748970033
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