Falke und Schneemann

Vor 40 Jahren war ein Song Hit des Jahres.
Und dennoch: plötzlich zu viel.

Zu düster, zu nah dran, zu wenig erklärend, zu wenig verteidigend gar und viel zu wenig entschuldigend allemal.

„Jeanny“ machte in jenen Tagen aus einem Popstar ein Politikum – und aus Falco endgültig eine Figur, an der sich Öffentlichkeit gern reibt. Zeit mithin, den Mythos in Ulf Kubankes Hörmal-Kolumne frisch für die Gegenwart zu justieren.

Foto: Falco- official Press Photo by Universal Music

PUERTO PLATA – Dominikanische Republik, 19. Februar 1997: Ausgerechnet jener Mann, der wie kein zweiter Lebender zu Wien gehört, feiert den 40. Geburtstag fern der eigenen Wurzeln in seiner neuen karibischen Wahlheimat – einem Südseeparadies, „wo mi net jeder blöd auf der Straßen anquatscht“. Die großen Welterfolge liegen bereits ein gutes Jahrzehnt zurück. Doch mit gewohnt großer Falco-Geste lädt Johann Hölzel zum berauschenden Fest, auf dem er Edelgästen wie Niki Lauda sein großes Comeback ankündigt. Zum Beweis spielt er ein paar Nummern aus dem in Kürze geplanten Comeback-Album „Out Of The Dark – Into The Light“.

Muss ich erst sterben, um zu leben?

Die geplante, triumphale Rückkehr war ihm jedoch leider verwehrt. Denn erleben sollte er das endgültige Einmeißeln seines Namens in den Stein der Musikgeschichte nicht mehr. „Muss ich erst sterben, um zu leben?“ heißt es im Text, und noch vor der Veröffentlichung starb Falco bei einem Autounfall im Drogenrausch. Nun ist sein Kulthit „Jeanny“ 40 Jahre alt geworden – Grund genug für ein kritisch gebeugtes Knie vor einem Musiker, der zwar nicht immer für seine Mitmenschen, wohl aber für die Kunst, ein Glücksfall war.

Sein dekadentes Alter Ego „Falco“ (den Namen nimmt er vom DDR-Skispringer Falko Weißpflog, nachdem dieser in einer Sportreportage „Überflieger“ genannt wurde) passt perfekt in die Yuppie-80er voller Schampus, Prozac und Koks. Unterhalb dieser Oberfläche lauert indes das Subversive, die Halbwelt und die pure Lust am Zerfetzen bürgerlicher Bigotterie. Gemeinhin bezeichnet man ihn als „ersten weißen Gangsterrapper“. Das Kompliment stimmt immerhin zur Hälfte: Lou Reed etwa experimentierte deutlich früher mit Stories voller Sex, Drogen und Verbrechen samt Vocals zwischen Rap, Scat und Sprechgesang. Doch für Deutschland und Europa ist der Wiener in der Tat dieser Genrepionier.

Ein paar essenzielle Lieder braucht man unbedingt,

um Falcos libertinistisch-nihilistischen Geist nachzuempfinden. Allen voran „Der Kommissar“. Dieser erste seiner drei Überhits mischt eiskalten New Wave mit heißem Funk und rotzfrechem Rap-Geschnö. Die Zeilen weisen ihn als extrem cleveren Texter von Weltklasseformat aus. Sie triefen vor sprachlichem Witz und sarkastischer Doppelbödigkeit. Herrlich, mit welch ebenso distanzloser wie maßlos frecher Häme er das essenzielle Gesetz des Schweigens, die Omertà, pointiert: „Er hat die Kraft und mir san klaan und dumm, und dieser Frust macht uns stumm.“ Gestartet als launige Hommage an Österreichs legendäre Anarcho-Krimireihe „Kottan ermittelt“ samt Hauptdarsteller Lukas Resetarits, landet der Track einen internationalen Hit.

Die Methode?

Präzise gesetzte Kälte.

„Der Kommissar“ zeigt Sprache als klingenscharfes Instrument, anstelle von Dekoration.

Klappt.

In „Ganz Wien“ hängt sodann die gesamte Stadt an der Nadel und badet in einem Cocktail frostiger Neonklänge, die sich mit hintergründig perlendem, sehr warmem Barpiano paaren bis zum hohen Orgasmus der fetten E-Gitarre. Das späte, mit dem gleichnamigen Gassenhauer aus den 20ern spielende „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ taugt nicht im Geringsten als Anti-Drogen-Warnung und gewinnt gerade durch seinen Zynismus künstlerisch auf der ganzen (Koks-)Linie.

Klappt.

Und mit der deftigen Absage an Prüderie und Gängelei, „Ihre Tochter“, scheidet er bis heute die Geister, ob das purer Sexismus oder berechtigte Revolte gegen erzkonservative Moralvorstellungen ist.

Somit erneut:

Keine moralische Entlastung.

Keine Antwort.

Nur Fokus.

Deshalb Kunst.

Die Jahre 1985 und ’86 gehören Falco. Als intelligenter, sexy Charmeur kommt er mit der Mozart-Hymne „Rock Me Amadeus“ beim konservativen Peter-Alexander-Publikum genauso gut an wie bei Kids oder kernigen Biker-Gangs. Letztere wirken sogar als Gäste im berühmten Videoclip mit. Glaubwürdiger geht’s kaum. „Er war ein Mann der Frauen. Frauen liebten seinen Punk.“ Mit spitzbübischem Geschick implantiert er diesem perfekten Popsong Zeilen, die einerseits perfekt zur augenzwinkernden, sehr modernen Ehrfurcht taugen. Andererseits aber sind sie so clever formuliert, dass die Worte ebenso gut als Selbstporträt funktionieren.

Erstmals erobert ein deutschsprachiger Song die Chartspitze in GB und USA.

Doch Hölzel wäre nicht Falco,

würde er den Status als Jedermanns Liebling nicht umgehend sabotieren. So kontert er eulenspiegelnd mit dem Skandaltrack „Jeanny“. Deutlich beeinflusst von Peter Lorre’s „M“ oder Antony Perkins’ Norman Bates („Psycho“) wird da aus der Ich-Perspektive die fesselnde Gänsehautstory eines womöglichen Stalkers, Entführers und Psychokillers erzählt:

„Sie kommen, dich zu holen. Niemand wird dich finden. Du bist bei mir.“

 

Hitch hätte seine Freude gehabt. Ganz anders Teutonia. Was als Filmkrimi längst akzeptiert ist, entpuppt sich auf Schallplatte als zu harter Stoff: Frauenverbände, große Teile der Medien und sogar Unterhaltungsguru Thomas Gottschalk missverstehen den Track in ihrer Schlichtheit komplett.

Statt der Kunstfreiheit zu dienen, geißeln sie „Jeanny“ als Verharmlosung. Boykott und Indizierung folgen.

Auch hier ist Falco nicht der erste: Es gibt „Killersongs“ etwa von Alice Cooper („Steven“), Elton John („Madman Across The Water“) oder Peter Gabriel („Family Snapshot“). Die intensive Psychopathendarstellung Falcos jedoch entfesselt einen polarisierenden PR-Sturm und macht „Jeanny“ zum internationalen Monsterhit des Jahres 1986.

Heute?

Die Frage, wie viel Ambivalenz Kunst tragen darf, ist geblieben.

„Jeanny“ ebenfalls.

„Jeanny“ stellt nicht klar.

„Jeanny“ fragt nicht.

„Jeanny“ zeigt nicht.

„Jeanny“ bleibt.

Bleibt Störung.

„Jeanny“ erklärt nicht.

„Jeanny“ verschwindet aus der Perspektive.

Bleibt gerade dadurch als offene Wunde, als Verlust, als Symbol.

Welch gelungen aufgezeigtes Paradoxon zwischen Kunstfigur und Realität.

Also nochmal gefragt:

Und heute?

Na, offenkundig kein relevanter Fortschritt in Gesellschaft wie Politik.

Autoritäre Überempfindlichkeit etlicher Napfsülzen gegen Kunst, die eine interpretierbare Botschaft überbringt?

Mehr Zorn auf den Boten?

Als auf den Missstand?

Echt jetzt?

Und dabei natürlich

Nicht weniger laut oder tumb.

Als ehedem.

Tja.

Und was ist überhaupt mit Falcos musikalischen Einflüssen?

Kein anderer Künstler beeinflusst Falco so stark wie David Bowie. Von ihm schaut er sich das musikalische Mixen diverser Stile, das künstlerische Denken ohne Scheuklappen ab – sei es Rock, Punk, Heavy Metal, Britpop oder Classical. „It’s all to Musik to me.“ Die Prägung reicht gleichwohl wesentlich tiefer. So nutzt er für Songwriter-Credits das Pseudonym „White Duke“. Sound und Arrangement seines „Helden Von Heute“ klingen eins zu eins nach Bowies Mauertrack „Heroes“. Und sogar die Kunstfigur „Falco“ beschert Hölzel ähnliche Höhen und Tiefen wie weiland „Ziggy Stardust“, Bowies Parallelcharakter in den frühen 70ern. Bei beiden ist ihr Alter Ego ein perfektes Vehikel, eigene Unsicherheit und Schüchternheit on Stage zu überwinden und als angemessen unverschämtes Sprachrohr die Narrenfreiheit dieser Bauchrednerpuppe zu zelebrieren.

Doch manchmal macht sich die Kunstfigur selbstständig. Manchmal entwickelt sie – erst recht mit Koks und Alkohol im Schlepptau – ein Eigenleben als Mr. Hyde, der die errungene Freiheit zur engen Gefängniszelle wandelt. Manchmal übernimmt der böse Zwilling das Ruder und serviert den Schöpfer peu à peu ab. Als Bowie dies droht, treibt er Ziggy kurzerhand ab und erfindet sich neu: Mit „Let’s Dance“ hat er in den 80ern einen seiner größten Erfolge. In dem von Bowie gesungenen „This Is Not America“ aus dem Film „Der Falke und der Schneemann“ kann man auch den Wiener erkennen.

Dem „Hölzel-Hansi“ gelingt so ein Schwenk jedoch nicht. Gefangen in Bipolarität zwischen Größenwahn und tiefer Verunsicherung, zwischen liebevollem Familienmenschen, Kumpel und oberflächlichem, kaltherzigem Egoisten, leidet Falcos geistige Gesundheit phasenweise beträchtlich. Ebenso sein berufliches wie privates Umfeld.

Mit Aufkommen von Alternative-Rock

zur einen Seite und technoiden Raves zur anderen können viele auf beides verzichten. Spätestens als Nirvana und Co furios die 80er beenden und Desillusion samt Depression das „Gordon-Gekko“-Feeling des toten Yuppie-Zeitgeists ablöst, ist die Pose des ewig dekadenten Schnösels abgefrühstückt. Falco, der noch vor Kurzem Moderne und Postmoderne vereinte, findet sich auf einmal als Fossil wieder.

Endstation Dandy-Exil mit Bryan Ferry und Co?

Der Kontext kippt.

Grunge ersetzt Glamour. Haltung schlägt Pose. Falco dazwischen als Echo seiner selbst.

Dieses Verpassen des sich drehenden Pop-Winds wirkt sich jahrelang nicht gerade positiv auf Sucht, Selbstwertgefühl und Kreativität aus.

Die Kunstfigur als Schutzraum.

Die Kunstfigur als Falle.

Simultan.

Er sagt.

„Das Herz geht so lange zum Messer, bis es sticht.“

Tat er.

Auch in rein musikalischer Hinsicht. Beispiele?

Es gibt im Grunde lediglich eine Handvoll

essenzieller Musiker, die in den 80ern die große, sehr unterhaltende Kunst der „Maxi-Single“ bzw. des „Extended Mix“ mit kreativem Verve erfinden bzw perfektionieren.

Zwei Pioniere sollten in dieser Disziplin niemandem entgehen. Die einen sind Frankie Goes To Hollywood – der andere ist Falco. „Rock Me Amadeus“ oder das dynamische „Vienna Calling“ bringen sogar jeweils zwei hervorragende Extensions hervor. „Jeanny“ erweitert sich um eine gelungene Soul-Passage. „The Sound Of Musik“ knallt mehr als zehn Minuten ohne einen überflüssigen Takt.

Ganz so makellos fällt die Bilanz seiner Alben nicht aus. Sogar die ersten drei starken LPs weisen nicht nur Killer auf. So manche Filler wie „Männer des Westens“ oder „Nur mit dir“ trüben das Vergnügen. Auf der anderen Seite haben auch schwächere Platten – etwa „Wiener Blut“ oder „Data De Groove“ – ihre musikalisch gelungenen Momente, wie „Bar Minor“ oder den Titelsong von „Wiener Blut“.

Eine seiner stärksten Darbietungen im Gesamtwerk ist ausgerechnet der sehr eigenständig interpretierte Dylan-Song „It’s All Over Now, Baby Blue“. Mehr verruchter Schmelz im verrauchten Kaschemmen-Stil ist kaum denkbar. Damit gelingt Falco lässig und ganz nebenbei eine der besten Dylan-Covers überhaupt.

Zufall ist das nicht.

Falcos Stärken lagen seit jeher vor allem in der Performance und den Lyrics. Zwar war er nicht der erste, der diverse Sprachen – vorwiegend Deutsch und Englisch – zum Gesamtkunstwerk verband. Diese Technik erfand bereits Kiew Stingl Jahre vorher auf „Hart wie Mozart“. Falco jedoch war derjenige, der die Methode perfektionierte und international als Kunstsprache hoffähig machte.

Songwriting, Produktion und Arrangements waren hingegen nicht sein Ding. Das führte dazu, dass er stets auf produzierende Co-Komponisten wie Robert Ponger oder Bolland & Bolland angewiesen war. Mit deren kreativer Form stand und fiel die Qualität der Falco-Alben. Was in guten Tagen ein Segen war, entpuppte sich in weniger inspirierten Momenten als Fluch.

Die größte Ironie des Schicksals bleibt gleichwohl, dass dieser Falke, der so besessen um Ruhm wie Erfolg kämpfte, längst seine Schwingen zur ewigen Ruhe gebettet hatte als sein Flug unsterblich wurde.

Diese Unsterblichkeit ist ihm nunmehr sicher.

Trotz aller Brüche?

Deshalb.

 

From Hamburg with Love

UK

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