Belehrung oder Beschreibung?

Matthias von Schramm schätzt sowohl passiv als auch – in aller Bescheidenheit – aktiv die Vermittlung von Wissen. In der Kultur der Tatsachen und Nachweise kann so lange eine Wohlfühloase entstehen, bis Widerspruch auf Faktisches trifft. Die Menschen fühlen sich aber oft belehrt anstatt informiert. Soweit ich weiß!?

Foto: Matthias von Schramm

„Ich möchte nicht belehrt werden!“ – ein oft gelesener Satz. Dieser fiel auch als Reaktion auf meine Kolumne „Der allzu schnelle Ideologievorwurf“. Wenn aber Geschichten nur halb erzählt werden, mag ich es, den Rest zu ergänzen – sofern es mir möglich ist. Menschen können nicht alles wissen, also darf man sie auch korrigieren. Die Herdplatte ist heiß, und das hat Folgen, die man physikalisch erklären kann. Ja, vielleicht ist das eine Belehrung, weil sensiblen Menschen schon der Tonfall nicht passen würde. Das Bekenntnis z. B., dass man fachlich immer „falsch“ vorgegangen ist, das Ergebnis aber dennoch gestimmt hat, muss erst einmal widerlegt werden. Eine fachlich richtige Erklärung im Sinne einer Belehrung reicht da nicht aus.

In Mathematikklausuren konnte das schon mal ordentlich schiefgehen, wenn dem Lehrkörper der Lösungsweg ebenso wichtig war wie das Endergebnis. Sonst hätte man ja einfach nur eine Zahl hinschreiben können. Und wie ist man darauf gekommen? Taschenrechner, Hirn, Formelwissen – Gert Mittring?

Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund!

Dass zu Zeiten des Klimawandels die Vielfliegerei einen schädlichen Beitrag leistet, ist nachweisbar. Wenn man aber Leuten, die ein paar Mal im Jahr zur Strandfete nach Ägypten fliegen, mitteilt, dass sie sich schädlich verhalten, dann geht das schon über die Erklärung hinaus. Warum? Man selbst ist keine Behörde, keine Polizei, kein Lehrer, sondern nur ein Individuum, das Schlüsse zieht und kundtut.

Diese Leute, die bis vor Kurzem vielleicht noch FDP gewählt haben, begegnen einem dann mit einem freundlich-liberalen Gesicht. Will man die jetzt belehren? Auf gar keinen Fall. Man rutscht da schnell im Überschalltempo in die „Whataboutism-Falle“.

„Du hast doch bestimmt auch …“

„Klar habe ich …“

„Was jetzt genau?“

„Auf der Straße Dosenbier getrunken, als es in U-Bahnen noch erlaubt war!“

„Siehst du – und du willst mir was erzählen!?“

Ich will. Ich erzähle gerne, wenn ich glaube, etwas zu wissen, und denke, dass es für mein Gegenüber informativ sein könnte.

Vom Geschichtenerzähler zum Laber-Fritzen!

In Zeiten, in denen der Name Fritz bei vielen in der Bevölkerung unschöne Emotionen auslöst, kann der „Laber-Fritz“ gerne als passend angenommen werden, wenn jemand einen mit ungewollten Informationen maßlos überzieht. Andererseits denke ich oft fälschlicherweise, dass jemand, der eine Frage an mich richtet, auch eine Antwort haben möchte.

„Wie geht’s?“

„Nicht gut – Marion hat sich gerade von mir getrennt!“

„Oh, wie kommt’s?“

„Wir hatten zuletzt eine schwierige Zeit. Sie hat wohl meine Bildschirmzeit auf meinem neuen iPhone als zu lang empfunden und ihr Selbst nicht mehr ausreichend mit meinem Ich verknüpft gesehen. Auch in Hinsicht auf Liebessachen, Menschlichkeit, physisches Miteinander, naturwissenschaftliches Verständnis usw. Aber ich bin total traurig – verzweifelt und im Arsch und brauche dringend Hilfe.“

Äh – ja, auch wieder mal das übliche Wetter heute. Furchtbar!“

Nicht belehrt werden wollen heißt dann aber auch, dass man bestimmte Fragen gar nicht wirklich beantwortet haben will – erklärt, ergründet oder sonst wie. Es war lediglich eine reine Nettigkeit, kurz mal nachgefragt zu haben. Wie aber Beziehungen eigentlich funktionieren, wollen Menschen oft nicht wissen. Noch weniger wollen sie wissen, wie diese Beziehungen nicht funktionieren – besonders, wenn es sich nicht um die eigenen handelt.

Leben und Lebendigkeit lehren – nicht der Belehrer!

Manchmal bedarf es weder einer Belehrung noch eines Gesprächs. Erst gestern erzählte mir eine Kollegin, dass sie oft mit ihrem Stiefvater essen gegangen ist. Dabei wurde kaum ein Wort gesprochen. Denn insbesondere er war der Ansicht, dass man, wenn man sich zum gemeinsamen Essen trifft, nicht reden muss. Ein schlüssiges Bild eines Miteinanders.

Keine Belehrung, sondern eine stille Vermittlung einer Auffassung – vielleicht sogar einer Haltung. Ich allerdings unterhalte mich gerne mit den Menschen, mit denen ich essen gehe. Schon allein, weil mich mein Kopf beim Kauen der Nahrung beflissen fortträgt und ich mich mit sehr entlegenen Geschichten beschäftigen muss – vor allem dann, wenn sich gefräßig angeschwiegen wird.

„Es ist so leicht, andere und so schwierig, sich selbst zu belehren“, behauptete Oscar Wilde, und Johann Wolfgang von Goethe meinte sogar: „Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt.“

Dennoch gibt es auch die verbreitete Auffassung, dass man nicht belehrt werden will, weil man nichts mehr lernen muss. Der Idealfall ist aber, wenn der/die Erzählende und der/die Zuhörende dazulernen. Ich fürchte jedoch, dass auch dieser letzte Satz eher in die Kategorie Belehrung anstatt Beschreibung fällt. Letztendlich ist es aber einfach nur ein Wunsch, der manchmal bei der Betätigung meiner Kaumuskeln überfallartig aufkommt.

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