…Und dann sagte Kurt: „Hier wird mit Aposiopese gearbeitet“. Aposio-was? Ich habe es nachgeschlagen. Die Erklärung gefiel mir besser als die Beispiele, denn sie deutete die Kunst des gekonnten Auslassens an, während die Beispiele eher umständliche Ausweichmanöver anboten. Ich sang „Aposiopeeese, Aposiopeeese…“ nach der Melodie des Walkürentanzes und dachte, es ist eigentlich viel mehr, als all die „Zwischen Wissen und Sagen-dürfen oder wollen“ und „Nicht formulieren können“. Die dürftigen Beispiele hatten weder die Leichtigkeit noch das Spiel noch die philosophische Idee, die ich mir dahinter andichtete.
Das Schweigen einfach stehen lassen. Ist das Schweigen eine Lücke (oder Lüge?) oder ist es mit dem Ungesagten vollgestopft und ist kurz vor dem Bersten? Ich würde das Schweigen schweben lassen.
Neulich war ich in einer Ausstellung, in der zwei Gattungen zusammen gezeigt wurden: Skulpturen und Bilder, beides schwarz-weiß, auf den ersten Blick minimalistisch (aposiopesisch?!), wobei die dargestellte Wirklichkeit beim genauen Zuschauen so aufwändig gearbeitet war, dass die scheinbare Mühelosigkeit sie in demiurgische Höhen erhob.
Auf einem Bild war eine schwarze Treppe zu sehen. Nur Bleistift, abermals Bleistiftstriche, so dicht aufgetragen, dass die Treppe dreidimensional wirkte und jedes Mal anders schimmerte, wenn ich den Blickwinkel änderte. Tiefschwarze Treppen, Balken, eckigen Gebilden, die die Fläche des Papiers verließen, im Raum schwebten, sich drehten und veränderten (Lilo Fischer-Fornhoff). Sie schienen mit Marmorfiguren, die mit ihrer nüchternen Geometrie das Schwebespiel fortführten, eng verwandt zu sein. Die polierten Flächen eines Würfels wölbten sich leicht, während die des anderen Mulden aufwiesen. Das straff geformte harte Material erweichte und wurde schwerelos (Thomas Reifferscheid). Was unterbrach den starren Satz eines Quadrates? Das ungesagte Unerwartete. Der Bruch mit dem Erwarteten änderte die Aussage, setzte die vorgegebenen Regeln außer Kraft und erschuff neue eigene.
Warum ich dabei an Aposoipese dachte, ist mir nicht ganz klar. Wenn ich mitten im Satz aufhöre zu sprechen, und meinem Gegenüber die Möglichkeit gebe, den Satz zu Ende zu denken, dann nutze ich (vielleicht manipulativ) gewisse Regeln und gewöhnliche Strukturen. Wenn ich die Kunst des Auslassens virtuoser beherrsche, dann verstumme ich da, wo das Gesagte neu erfunden oder umgedacht werden kann – wie ein Palimpsest oder ein experimenteller Freiraum. Ist es vielleicht der Bogen zwischen Gesagtem, Gemaltem und Gemeißeltem? Ich spürte vage Zusammenhänge, die ich aber nicht wirklich ertasten konnte. Ach Mensch!
Zunächst bekommen wir Regeln und Konzepte aufgestellt. Später wollen wir sie selbst bestimmen. Anschließend befreien wir uns sowohl von den ersten, als auch von den letzten, auf Biegen und Brechen, mit Fallen und Fliegen. Bevor alle neuen Regeln zu alten werden und alle neuen Gemächer zu Käfigen: Schöpfe aus dem Vollen, Mensch, spiel mit Vermehrung & Aussparung – tu mir bitte dieses Gefallen. Ich mache mich ja auch täglich ans Werk.
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