Über Stöckchen springen

Man muss nicht über jedes von der AfD hingehaltene Stöckchen springen, meint Kolumnist Henning Hirsch


Um es vorneweg zu sagen: Ich mag Bremen. Meine Großmutter väterlicherseits stammte von dort, die – obwohl fünfzig Jahre ihres Lebens in Koblenz verbringend – noch auf dem Sterbelager felsenfest behauptete, die Zeit ihrer Jugend in der Hansestadt wäre die schönste gewesen, und die Menschen dort seien geradliniger und vor allem ehrlicher als wir Rheinländer. Ich sah das zwar etwas anders, wollte ihr aber nicht widersprechen, weil man das in einem solch finalen Moment halt nicht tut. Mit Bremen verbinde ich ein paar nette Kindheitserinnerungen, wenn wir dort Großtanten & -onkels besuchten und natürlich das Denkmal der Stadtmusikanten bestaunten, den SV Werder, der sich in den 80ern unter der Ägide von Willi Lemke ein paar Jahre lang anschickte, die Nummer 2 im deutschen Fußball hinter den Bayern zu werden und das Kuriosum, dass weniger als 600.000 Einwohner ausreichen, um ein eigenes Bundesland zu bilden. Der Begriff Bremen ist also positiv besetzt bei mir.

Von Stadtmusikanten zum Kantholz – ein modernes Bremer Märchen

Allerdings verbinde ich seit vergangener Woche mit Bremen auch eine Räuberpistole, nämlich das Kantholz-Mordkomplott auf Frank Magnitz, den Chef der Bremer AfD. Der, kaum lag er auf der Bahre, Fotos von sich schießen ließ, die, vom Krankenbett aus verbreitet, sofort für einen Sturm der Entrüstung in den sozialen Medien sorgten. 48 Stunden später war er bereits wieder auf den Beinen, verließ das Hospital und gab zurück zu Hause jede Menge Interviews. Für jemanden, der schwer verletzt nur knapp dem Tod entronnen ist, wirkt der Mann schon sehr munter, ging es mir spontan durch den Kopf, bevor ich von der ARD zu Netflix weiterzappte. Bereits am Tag zuvor hatte sich die Bremer Staatsanwaltschaft zu Wort gemeldet, deren erste Ermittlungsergebnisse interessanterweise stark von den Ausführungen des Herrn Magnitz abwichen. Auf dem am vergangenen Freitag veröffentlichten Video, das von einer am Ort des Geschehens installierten Überwachungskamera stammt, sind weder ein Baseballschläger noch Tritte auf den wehrlos am Boden liegenden Mann oder zur Hilfe herbeieilende Arbeiter zu erkennen. Der Clip wurde nachträglich gedreht, behaupten Sie? Ja ja, soweit sind wir schon mit unserer Medienparanoia vorangeschritten, antworte ich. Die Brüder Grimm hätten dieses Schauerstück wegen offenkundiger Fadenscheinigkeit hundertpro nicht in ihre Märchensammlung aufgenommen.

Dass die AfD den Vorfall propagandistisch für sich zu nutzen suchte – geschenkt. Von „lebensbedrohender Gewalt“ und „auslösender ständiger Hetze der Medien gegen uns“ war sofort die Rede. Stimmt zwar vermutlich beides nicht, aber aus der Binnenperspektive einer Partei, die sich stets von finsteren Mächten umzingelt wähnt, halbwegs verständlich. Dieses Wir-sind-die-ärmsten-Opfer-auf-der-Welt-Verhalten empfinde ich mittlerweile sogar als normal. Wer glaubt, dass sich die Hellblauen bei ihrer Unschuldslamm-PR der Wahrheit verpflichtet fühlen, der ist ebenfalls davon überzeugt, dass die dralle Almased-Brünette tatsächlich Almased schluckt, bevor sie sich in ihren gelben Bikini zwängt und mit wippenden Körbchengröße-D-Brüsten an den beiden ob ihres Anblicks ins Träumen geratenden Bademeistern vorbeijoggt. Begleitet von einem hässlichen Mops, der meiner Meinung nach das Wunderpulver dringender benötigte als die 30 Sekunden vor der Tagesschau über den TV-Monitor hastende Strandschönheit.

Das Mordkomplott, das keins war

Aber zurück zum Ausgangsthema: Hätte von vornherein eine politisch motivierte Mordabsicht vorgelegen, läge Magnitz jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Gefrierfach im Leichenschauhaus und würde nicht stattdessen mit Pflaster auf der Stirn ein Interview nach dem anderen geben. Attentate dieser Kategorie werden minutiös geplant und klappen in der Regel. Die Sache in Bremen sieht ja auf dem Video eher dilettantisch aus. Vielleicht ging’s überhaupt nicht um Politik, sondern es handelte sich um ordinären Straßenraub oder Spontangewalt aggressiver Jugendlicher bar logisch nachvollziehbarer Gründe. Weshalb die Staatsanwaltschaft folgerichtig auch wegen Körperverletzung ermittelt.

Soweit, so gut bzw. schlecht. Ein Gewaltdelikt, wie es bei uns 140.000 Mal/ Jahr (gefährlich) bzw. 560.000x (einfach) geschieht. Zur juristischen Einordnung empfehle ich den jüngsten Text „Der Fall Magnitz – Zwischenbilanz“ von Kolumnistenkollegen Heinrich Schmitz. Meine Großmutter hätte, wäre das ihren Söhnen oder mir passiert, dazu gesagt: »Dumm gelaufen. Gönn dir ein, zwei Tage Ruhe und erhol dich gut. Aber jammere jetzt nicht allzu viel wegen der Beulen. Gibt Schlimmeres im Leben als ein paar Kratzer«. Politisch unkorrekt von meiner Großmutter? Klar! Aber die Dame hatte zwei Weltkriege und die Inflation überstanden, sodass man mit Jammern bei ihr nicht großartig punkten konnte. Ich persönlich bin auch eher ein Fan der Ronald-Reagan-Reaktion „Honey, I forgot to duck“ als des Hilfe-ich-sollte-ermordet-werden-Mimimis. Aber das wird natürlich nicht jeder Leser so unempathisch sehen wollen, wie ich es tue.

Übereilte Kassandrarufe

Kurz nachdem der Vorfall publik geworden war, meldeten sich Politiker sämtlicher Parteien zu Wort. Die Reaktionen reichten von:

Gewalt darf niemals ein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein – völlig egal, gegen wen oder was die Motive dafür sind. Dafür gibt es keinerlei Rechtfertigung. Wer ein solches Verbrechen verübt, muss konsequent bestraft werden
(c) Heiko Maas in Twitter

Es gibt keine Rechtfertigung für ein solches Verbrechen
(c) Dietmar Bartsch in Twitter

Der brutale Angriff auf den Bundestagsabgeordneten Frank in Bremen ist scharf zu verurteilen.
(c) Steffen Seibert in Twitter

Wer die Partei und deren Politiker mit Gewalt bekämpft, verrät diese Werte und gefährdet unser Zusammenleben.
(c) Andrea Nahles in Twitter

bis hin zu:
Angriff auf unseren Rechtsstaat
(c) Frank-Walter Steinmeier

Mein absoluter Liebling dabei: Der Ich-liege-nackt-unter-meiner-Bettdecke-Clip von Lencke Steiner, in dem die durchaus attraktive FDP-Dame den nahen Untergang der stolzen Hansestadt herbeikassandrat.

Alles bereits am Tag danach aufgrund der Verlautbarung der Staatsanwaltschaft gar nicht mehr so eindeutig, wie es am Montagabend noch schien. Und ich geriet ins Grübeln: Weshalb müsst ihr immer so überstürzt reagieren? Hätte es als Präsident, Minister, Abgeordneter nicht völlig genügt, dem Kollegen Magnitz gute Besserung zu wünschen und sich ansonsten in der Disziplin des klugen Schweigens zu üben? Ist es wirklich notwendig, sofort eine Staatskrise auszurufen, sobald ein MdB auf dem Bremer Asphalt zu Boden geht? Kann man als Politiker nicht einfach mal sagen, dass man in diesem frühen Stadium der Ermittlungen gar nichts dazu zu sagen hat? Ist es derart schwierig, mal nicht in ein hingehaltenes Mikrofon reinzusprechen oder die Finger einige Stunden von der Twittertastatur fernzuhalten? Scheinbar schon. Andernfalls wäre ja nicht so viel Unsinn im Nachgang der Tat in die Welt rausposaunt worden. Si tacuisses … – an dieses schlaue Motto hält sich heute kaum noch einer.

Medien machen sich zu Erfüllungsgehilfen

Und die Medien? Die sich in der Weihnachtszeit noch an der Causa Relotius und dem Kontrollversagen des Spiegel delektierten, wiederholen kaum einen Monat später denselben Fehler: überprüfen nicht die Quelle einer (frei erfundenen) Nachricht? Es gab u.a. folgendes zu lesen im Blätterwald:

Der Bremer AfD-Vorsitzende Frank Magnitz war auf dem Heimweg vom Neujahrsempfang des „Weser-Kurier“, als ihn drei Vermummte mit einem Kantholz erst bewusstlos schlugen und ihm anschließend am Boden liegend gegen den Kopf traten. Ein Bauarbeiter sei laut Polizei eingeschritten und konnte den Angriff abwehren.
(c) BILD am 8. Jan.

So oder so ist der Angriff mit einem Kantholz auf den Abgeordneten unerträglich. Es ist kaum auszudenken, was hätte passieren können, wenn zufällig anwesende Handwerker nicht die Täter von weiteren Tritten und Schlägen gegen Magnitz abgehalten hätten.
(c) Berliner Zeitung am 9. Jan.

Die Täter schlugen Magnitz mit einem Kantholz bewusstlos und traten auf ihn ein, als er am Boden lag.
(c) Süddeutsche Zeitung am 9. Jan.

Der 66-jährige Bundestagsabgeordnete wurde mit einem Kantholz bewusstlos geschlagen und an den Kopf getreten.
(c) Die WELT am 9. Jan.

Knüppelhiebe auf einen AfD-Mann
(c) Mitteldeutsche Zeitung am 9. Jan.

Die Feiglinge, die ihm auflauerten und Magnitz mit einem Kantholz schwer verletzten
(c) Braunschweiger Zeitung am 9. Jan.

Mit Kantholz und Kapuze
(c) Überschrift in der FAZ am 9. Jan.

alle hier aufgelistet und im Kontext nachzulesen: Übermedien

Was ist los mit den deutschen Zeitungsmachern? Reicht da mittlerweile ein von Gauland & Kollegen kolportiertes Gerücht, um die Nachricht ungefiltert als Aufmacher auf Seite 1 zu bringen? Gehört es nicht mehr zum journalistischen Handwerkszeug dazu, den Wahrheitsgehalt zu checken, sich eine Gegenmeinung einzuholen? Hat niemand es für nötig empfunden, die Ermittler in Bremen anzurufen? Beim Relotius haben Sie gnädiger geurteilt, Herr Kolumnist, sagen Sie? Das stimmt, aber einzig in Bezug auf ihn und seine Köpenickiade, nicht jedoch in Blickrichtung auf den jahrelangen Totalausfall der Spiegel-Kontrollabteilung.

Presselandschaft überhitzt

Mir schwant folgender maligner Dreiklang:

(1) Unsere Zeit wird ständig kürzer getaktet, giert nach Sensationen, Aufregern, einfachen Antworten, Ratzfatz-Ergebnissen: Die Meute kennt die Täter und deren Hintermänner bereits, bevor die Ermittler den ersten Zeugen vernommen haben. Der Ruf nach Bestrafung der unmittelbar und mittelbar Beteiligten erschallt sofort. Die Medienlandschaft, diesem unheiligen Trend ohne erfolgversprechende Gegenstrategie ausgeliefert, überhitzt zunehmend. Wer nicht als erster draußen ist mit einer Neuigkeit, hat schon verloren.

(2) Kostensenkungsarien gebären Lohnschreiber. Bezahlt wird pro Zeile und für Schnelligkeit. Die saubere Recherche, weil verlangsamend und teuer, gerät immer mehr in Vergessenheit.

(3) Die AfD diktiert den Diskurs. Egal, ob mit ihrem Monothema Flüchtlinge & Islam oder überzogener Medienschelte. Die anderen Parteien, beseelt vom Wunsch, nach rechts verlorengegangene Schafe zurück auf die bürgerliche Weide zu holen, schaffen es nicht, die (angebliche) Masseneinwanderung als das zu klassifizieren, was sie in der Realität ist, nämlich eine B- oder gar nur C-Anglegenheit. Es gibt wahrlich wichtigere Punkte auf der politischen Agenda, als sich von frühmorgens bis spät in die Nacht einzig über Syrer und Marokkaner die Köpfe heißzureden. Und auch in der Causa Kantholz sind viele Politiker und ne Menge Medien der AfD zum wiederholten Mal auf den Leim gegangen, indem man in Sorge, man könne andernfalls als die Wahrheit unter den Teppich kehrende Altparteien oder Lügenpresse beschimpft werden, sich zu nützlichen Weiterverbreitungsidioten von hellblauer Propaganda gemacht hat.

Festzuhalten bleibt: Gewalt ist nie schön, vor allem wenn sie einem selbst passiert. Davon können aber außer Herrn Magnitz 140.000 bzw. 560.000 weitere Geschädigte ebenfalls ein traurig Lied singen. Deshalb müssen wir bei solch einem Allerweltsdelikt die Stadtmusikanten in Bremen und die Ermittler in Ruhe ihre Arbeit tun lassen und sollten klugerweise nicht einen Staatsnotstand herbeihalluzinieren, bloß weil die AfD uns eine Endzeitstimmung wie im Weimar nach der Weltwirtschaftskrise einreden möchte.

Min Wunsch für 2019: Nicht wie ein dressierter Mops über JEDES Stöckchen springen, das uns die Hellblauen hinhalten. Dann schon lieber der drallen Brünetten im gelben Bikini hinterherhecheln.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

More Posts

Follow Me:
Facebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen