Das rassistische Dschungelbuch?

Die Disney-Neuverfilmung hat eine alte Rassismus-Debatte wieder aufgekocht. Sören Heim mit Bemerkungen dazu:

Dschungelbuch, historisches Titelblatt - gemeinfrei

Die Apologie eines sozialdarwinistischen „Gesetz des Dschungels“. Die imperialistische Gegenüberstellung dieses Gesetzes mit der rationalistisch-zivilisierten Naturbeherrschung. Ein jingoistisches, also britisch-imperialistisches Buch. Ein düsteres und gewaltvolles Buch. All das sind, sich teilweise widersprechende, Charakterisierungen von Rudyard Kiplings Dschungelbuch, die man in Diskussionen über das Werk, durchaus auch im akademischen Milieu, zu hören und zu lesen bekommt. Etwa hier, in einem prototypischen Text von Katharine Trendacosta:

The thread running throughout the stories is that Mowgli is superior to the animals that raised him by virtue of being man, not beast.

Zuletzt wurde man mit solchen Versatzstücken in Debatten über den neuen Disneyfilm konfrontiert, der dem Original näher sei als der alte, weil er den Kampf ums Dasein stärker in den Mittelpunkt rücke.

Erst lesen, dann urteilen!

Über die Vielschichtigkeit von Kiplings Dschungelbuch ließen sich zahlreiche Aufsätze schreiben. Über das Mensch-Tier-Verhältnis, die Art wie sich einzelne Geschichten spiegeln oder konterkarieren, und und und. Ich möchte hier in aller Kürze nur ein paar Aspekte zu Herrschaft, Macht und Gewalt herausgreifen, in denen das verfemte Werk sehr viel komplexer ist als man es ihm gemeinhin unterstellt. Ich konzentriere mich dabei auf die wegen der Disney-Neuverfilmung wieder diskutierten drei Mowgli-Geschichten und traue dem Leser zu, selbst zu erkennen, dass, sobald Kiplings Erzählungen, etwa im Schlusstext des Dschungelbuchs „Her Majesty’s Servants“ zeitgenössische politische Ereignisse berühren, der Autor tatsächlich rassistische Stereotype bemüht und aus seinen imperialen Schuhen nicht heraus kann, noch will.

Das Gesetz des Dschungels

Komplexer als gedacht etwa ist schon das vielzitierte Gesetz des Dschungels. Jenes lautet nach Bagheera, dem Panther z.B.: „Strike first and then give tongue“. Zuvor allerdings haben wir im Wolfsrat erfahren, dass selbiges Gesetz Abstimmungsmechanismen zur Zugehörigkeit zum Dschungel vorsieht, dass es keineswegs auf Blut, sondern auf der Willenserklärung „we be of one blood“ aufbaut, die sogar Mowgli gegenüber der Schlange Kaa aussprechen kann, und – ganz wichtig – es kennt das Tauschprinzip, Bagheera kauft die Vormundschaft Mowglis den unentschlossenen Wölfen ab und rettet Mowgli so vor Shere Khan. In den ersten beiden Geschichten des Dschungelbuchs ist das Gesetz des Dschungels also vor allem Synonym für Gesetze überhaupt, entsprechend ausgestaltbar und nicht vor Bigotterie gefeit (so werden etwa die Affen aus fadenscheinigen Gründen ausgeschlossen, s.u.), ebenso wenig vor radikaler Transformation. Shere Khan steht dabei für ein tendenziell stärker speziesbezogenes Dschungelgesetz, in dem tatsächlich der Kampf jedes gegen jeden mehr Bedeutung erlangt während eine Zugehörigkeit qua Entscheid nicht mehr vorgesehen wäre. Dass die Urwaldwelt hier der Menschenwelt gegenübergestellt würde und eines von beiden als Repräsentanten indischer Ureinwohner, das andere als der des britischen Empire stehen könnte ist offenkundig grober Unfug. Eine Behauptung, wie die auch von Conrad John McClure gemachte, dass Mowgli „a man amongst beasts“ sei, „and so a representative of a dominant race“ ist innerhalb dieses Referenzrahmens daneben, zumal McClure (vgl. hier) fortfährt „To be above yet to belong, to be obeyed as a god and loved as a brother, this is Kipling’s dream for the imperial ruler“ – obschon Mowgli im Gesamten Buch niemals „herrschen“ wird. Viel mehr, wir kommen noch dazu, wird ihm objektiv betrachtet wohl eher übel mitgespielt. Emily Whalen stellt gegen solche Angriffe dann auch richtig fest:

The Jungle Book tells the story of Mowgli and his life, especially the stories about how he is adopted by wolves, threatened by a tiger, leaves his wolf family to live with humans, and then kills the tiger. This plot has very few connections to the plot of Imperialism. The only potential similarity is in the conflict between Mogwli and the tiger, Sheer Khan, but Sheer Khan has the upper hand in the beginning of the story and Mowgli does in the end. Therefore it is very unclear as to who would be who. [meine Hervorhebung]

In den ersten beiden Mowgli-Geschichten kommt die Menschenwelt allerdings (noch) praktisch nicht vor, die Tiere sprechen von sich (wie übrigens im gesamten Dschungelbuch) als „people“. Doch auch in der globalen Perspektive des Buches gilt: Das „Gesetz des Dschungels“ ist, im postkolonialen Jargon gesprochen, gerade NICHT das „Andere“ der Zivilisation!1

Das Gesetz im Gesetz, oder: Affenanarchie?

Und doch scheint es, nehmen wir die Selbstbeschreibung der Tiere einmal hin, ein solches Anderes der Zivilisation zu geben. Die Affen nämlich als Anderes der wolfsgeführten Dschungelgesellschaft. Jene kennten weder Herrschaft noch Sprache, imitierten nur die Worte, die sie von anderen aufschnappten, lebten ohne Struktur in den Tag hinein und marodierten ohne Ziel durch die Welt. Auch hier wäre eine Lesart, die den Dschungel als Zivilisation und die Affen als Karikatur von Ureinwohnern liest, denkbar, und u.a. Tendacosta schließt sich dem an und formuliert drastisch:

Kipling’s book has monkeys, which are the worst of the animal lot, being incapable of having government and only able to mimic others without a decent culture of their own.

Oder ausführlicher, in einem insgesamt deutlich differenzierteren Essay, Anna Waterman:

Kipling secures the language of Jungle-Folk/Monkey-Folk, us/them, and insider/outsider, which both humanizes the monkeys and makes them into “others.” Moreover, Kipling establishes a distinct hierarchy of species, described as the Jungle’s “tribes” and “people.” All of these features of his text seem to leave a door open to racial allegory that endorses Britain’s colonization of India.

Aber die „rassistische“ Lesart ist innerhalb der Erzählung schwerlich zu stützen, oder nur unter williger Ignoranz entscheidender Teile des Textes: Denn offenkundig können die Affen miteinander und mit Mowgli kommunizieren, ihre Sprache scheint also durchaus denselben Zwecken zu genügen wie die Sprache der anderen Urwaldeinwohner. Ein „system of regular roads“ durchzieht zudem den Lebensbereich der Affen in den Baumkronen, durchaus eine beeindruckende kulturelle Leistung, an der man übrigens noch heute gerne den Entwicklungsgrad einer Gesellschaft bemisst. Ja: Affen und Wölfe kommen im Dschungelbuch schlecht miteinander aus. Woran genau das aber liegt, und inwieweit Dünkel auf Seiten der Wölfe mit hinein spielt, bleibt mindestens offen. Definitv aber ist es nicht der Erzähler oder gar der Autor, der eine zwingende Hierarchie der Spezies etabliert, es sind die Tiere selbst und vor allem die Wölfe und die ihnen Nahestehenden. Sich aber dem Urteil der Wölfe einfach anzuschließen heißt, ein im Text offenkundig als zwiespältig bis bigott entlarvtes Urteil für wahr zu nehmen.

Noch ein Gesetz des Dschungels

Schließlich, tata, haben dann doch die Menschen ihren Auftritt. In „Tiger, Tiger“ begleiten wir Mowgli ins dörfliche Leben, wo dieser, so Bagheera , der seine Weisheit aus den eigenen Erfahrungen als von Menschen herangezogene Katze zieht, doch hingehöre. Hierbei wiederholt Bagheera , obschon gutmütiger, übrigens die Shere Khansche Perspektive. Und liegt falsch: Auch unter Menschen kann sich Mowgli nicht einleben, einige der im Dschungel erfahrenen Blicke auf Krankheit, Tod und tierisches Leben sind seiner Gemeinde zu rational, d.h. aus ihrer Perspektive natürlich irrational, Mowgli stehe mit bösen Geistern im Bunde. Obwohl er schließlich Shere Khan tötet, wird Mowgli wieder ausgestoßen. Auch unter Menschen gilt, so eine spannende Pointe des Dschungelbuches, das „Gesetz des Dschungels“, und es ist dieses Gesetz oder vielmehr die Gesetzlichkeit und die Zwänge von Gemeinschaften überhaupt, die es Charakteren wie Mowgli, Wanderern zwischen Kulturen, Köpfen, die tradierte Ideensysteme transzendieren, schwer macht, einen Ort zu finden an dem sie existieren können. Nichts mit „‘To be above yet to belong, to be obeyed as a god and loved as a brother“.

Mowgli zumindest resümiert „Man-Pack and Wolf-Pack have cast me out …Now I will hunt alone in the jungle.“ Doch das Ende ist nicht ganz so düster, wie es scheinen mag. Mowgli wird auch erwachsen, und dabei zu einer Art alleinerziehendem Vater: „“And we will hunt with thee,“ said the four cubs.“

 

1Nehmen wir für einen Moment an das wäre anders: das Tierreich stünde dann für die indische Gesellschaft, Mowgli und sein indisches Herkunftsdorf für die Briten. Das wäre schon ein ziemlich verqueres, weil sich selbst unterminierende imperialistisches Gleichnis, und damit fast schon wieder zwingend antiimperialistisch zu lesen

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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