Seit ein paar Wochen läuft Staffel 2 von Daredevil born again. Hier meine Rezension:
Ursprung auf Papier: Daredevil als moderner tragischer Held
Die Figur stammt ursprünglich aus den Marvel-Comics der 1960er Jahre und gehört damit zu jener Generation von Superhelden, die weniger auf reine Fantasie als auf menschliche Brüche und urbane Realität setzen. Matt Murdock ist kein unverwundbarer Mythos, sondern ein blinder Strafverteidiger, der nachts als maskierter Vigilant gegen das Verbrechen in Hell’s Kitchen kämpft. Schon in der Vorlage steckt damit der Kern dessen, was spätere Adaptionen ausbauen: moralische Ambivalenz, körperliche Begrenzung und ein ständiger Konflikt zwischen Recht und Gerechtigkeit.
Diese Grundidee – ein Mann, der das Gesetz verteidigt und es zugleich bricht – macht Daredevil bis heute zu einer der interessantesten Figuren des Marvel-Kosmos.
Die Netflix-Ära: Eine düstere Serie als Ausnahmefall im Superheldengenre
Die drei Auftakt-Staffeln der Netflix-Serie (2015-18) bilden rückblickend eine Art geschlossene Trilogie, die im Superheldenfernsehen lange Zeit unerreicht blieb. Staffel 1 etabliert eine fast noirhafte Version von Hell’s Kitchen: reduziert, schmutzig, moralisch eindeutig uneindeutig. Im Zentrum steht von Beginn an nicht nur der Protagonist, sondern sein Spiegelbild – Wilson Fisk.
Staffel 2 erweitert das Universum um Punisher und Elektra, verliert dabei kurzzeitig die erzählerische Fokussierung, findet aber in Staffel 3 wieder zu einer beeindruckenden Geschlossenheit zurück. Besonders dieses Kapitel wirkt wie eine Rückkehr zur ursprünglichen Idee: ein psychologischer Zweikampf zwischen zwei Männern, die beide glauben, im Recht zu sein.
Die Serie funktioniert dabei weniger als klassisches Superheldenabenteuer, sondern als Charakterdrama mit hoher physischer Intensität. Lange Plansequenzen, kompromisslose Action und ein erstaunlich ernsthafter Ton heben sie deutlich aus dem MCU-Standard heraus.
Vincent D’Onofrio: Der Kingpin als moralische Spiegelgestalt
Ein zentraler Grund für die nachhaltige Wirkung der Serie ist Vincent D’Onofrios Darstellung des Antagonisten Wilson Fisk.
D’Onofrio spielt den Kingpin nicht als klassische Comic-Schablone, sondern als zutiefst menschliche, beinahe verletzliche Figur. Die Rolle lebt von extremen Kontrasten: kontrollierte Ruhe, plötzlich eruptive Gewalt, emotionale Unsicherheit hinter einer Fassade absoluter Macht. Dadurch wirkt Fisk weniger als klassischer Bösewicht, sondern vielmehr wie eine dunkle Parallelfigur zu Matt Murdock.
Diese Dualität – zwei Männer, die beide Ordnung schaffen wollen, aber völlig unterschiedliche Mittel wählen – trägt die emotionale Wucht der gesamten Serie. In vielen Szenen entsteht der Eindruck, dass nicht Gut gegen Böse kämpft, sondern zwei beschädigte Weltbilder miteinander kollidieren.
Der Neustart: Erweiterung statt Verdichtung
Daredevil: Born Again im MCU-Kontext
Born Again versucht genau dieses Erbe mitzunehmen – inklusive D’Onofrios Rückkehr als Fisk –, setzt aber stärker auf Erweiterung als auf die geschlossene Intimität der Netflix-Ära. Dadurch bleibt die Präsenz des Kingpins zwar zentral, wirkt aber weniger als alleiniger dramaturgischer Motor und mehr eingebettet in ein größeres, fragmentierteres MCU-Gefüge (Marvel Cimematic Universe).
Während die Netflix-Serie nahezu vollständig aus der engen Dynamik zwischen Murdock und Fisk ihre Spannung zieht, öffnet Born Again das erzählerische Feld: politische Strukturen, neue Figurenkonstellationen und ein stärker institutionell geprägter Konflikt treten in den Vordergrund. Fisk ist nicht mehr nur krimineller Gegenpol, sondern zunehmend Machtpolitiker, der mit legalen und halblegalen Mitteln arbeitet, um Kontrolle auszuweiten.
Das verändert die Serie spürbar. Einerseits gewinnt sie an thematischer Breite und Aktualität, andererseits verliert sie einen Teil jener klaustrophobischen Intensität, die die Netflix-Ära so prägend gemacht hat. Die Beziehung zwischen Held und Gegenspieler ist nicht mehr der alleinige Spannungsraum, sondern nur noch ein Teil eines größeren Netzes.
Ton, Struktur und Wirkung: Zwei unterschiedliche Philosophien
Die Netflix-Serie steht für Verdichtung: wenige Figuren, klare emotionale Linien, starke Fokussierung auf persönliche Konflikte. Born Again steht eher für Expansion: mehr Welt, mehr Politik, mehr Verflechtung mit dem MCU.
Das führt zu einem grundlegenden Unterschied in der Wahrnehmung. Wo die erste Serie wie ein geschlossenes, düsteres Kammerspiel wirkt, fühlt sich der Neustart eher wie ein Baustein innerhalb eines größeren erzählerischen Universums an. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung – aber sie erzeugen sehr unterschiedliche Arten von Spannung.
Zwischen Meisterwerk und Neuanfang
Die Netflix-Ära bleibt in ihrer Geschlossenheit und atmosphärischen Dichte ein Ausnahmewerk im Superheldenfernsehen. Besonders die Staffel-1-und-3-Konstellation rund um Matt Murdock und Wilson Fisk wirkt bis heute wie ein Referenzpunkt für charaktergetriebenes Genre-TV.
Born Again ist dagegen ein ambitionierter Neustart, der versucht, diese Figuren in eine neue erzählerische Architektur zu überführen. Das gelingt in Teilen sehr gut, geht aber zulasten der kompromisslosen Konzentration des Originals.
Bewertung:
Daredevil: 9,5 / 10
Daredevil: Born Again: 8 / 10
Die Netflix-Serie ist das düstere Kammerspiel zweier ikonischer Gegenspieler – Born Again der Versuch, dieses Duell in eine größere, moderne MCU-Landschaft zu überführen.
Fußnote: Der frühe Kinoversuch
Bereits 2003 wurde die Figur in Daredevil mit Ben Affleck in der Hauptrolle verfilmt. Der Film versuchte früh, den Comic-Stoff in ein düsteres Kino-Setting zu übertragen, blieb jedoch stilistisch und tonal deutlich hinter seiner Vorlage zurück. Während der Ansatz bereits die moralische Zerrissenheit der Figur anlegte, wurde er stark durch damalige Studiozwänge und ein noch unsicheres Superheldenfilm-Genre geprägt. Rückblickend wirkt der Film eher wie ein Übergangsversuch zwischen den frühen, oft verspielten Comic-Adaptionen und der späteren Ernsthaftigkeit moderner Serien- und Filminterpretationen.
STECKBRIEF
Originaltitel: Daredevil: Born Again
Genre: Superheldendrama, Crime, Thriller, Justizdrama
Basierend auf: den Marvel-Comics um Daredevil, insbesondere der berühmten Comic-Story Daredevil: Born Again (inhaltlich jedoch keine direkte Adaption)
Erstausstrahlung: 4. März 2025
Bisherige Staffeln: 2 (Staffel 3 bereits bestätigt)
Episoden: 17 (9 + 8)
Entwickelt von: Matt Corman & Chris Ord
Showrunner: Dario Scardapane (kreative Neuausrichtung und finale Fassung)
Regie: Mehrere Regisseure, darunter Justin Benson und Aaron Moorhead
Produktionsfirmen: Marvel Studios und Disney Television Studios
Hauptdarsteller:
Charlie Cox (Matt Murdock / Daredevil)
Vincent D’Onofrio (Wilson Fisk / Kingpin)
Deborah Ann Woll (Karen Page)
Elden Henson (Foggy Nelson)
Margarita Levieva (Heather Glenn)
Ayelet Zurer (Vanessa Fisk)
Schauplätze: Hell’s Kitchen und New York City
Streaming: exklusiv bei Disney+
+++
Lesen Sie auch: Der Vampir als Spiegel der Gesellschaft

Der Vampir ist keine reine Horrorfigur, sondern ein kulturelles Chamäleon. Seine Ursprünge reichen von antiken Dämonen über osteuropäische Blutsauger-Geschichten bis hin zu mittelalterlichen Vorstellungen vom unruhigen Toten. Am Ausgang des 19. Jahrhunderts formt Bram Stoker mit Dracula daraus eine literarische Ikone, die später durch Film, Fernsehen und Popkultur immer wieder neu erfunden wird – vom expressionistischen Schatten in Nosferatu bis zum Action-Mythos in Blade und zur modernen Serienfigur in True Blood. (26.05.2026)
Newsletter abonnieren
Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.




Leave a Reply