Klatsch, Tratsch und Lästereien

Neben viel Liebe und einer klar strukturierten Lebensweise, gab es immer wieder explizite oder implizite Lektionen in Ethik. Sei es, dass niemals Müll auf die Straße zu werfen – egal, wie üblich es war; sei es, Gefundenes immer zurückzugeben – egal, wie unüblich das war – im Rumänien der 80er Jahre. Und eine der impliziten Lehren lautete: Kein Klatsch und Tratsch.

Klatsch und Tratsch
Klatsch und Tratsch pixabay - geralt

Ich bin in einem kleinen Haushalt mit drei weiblichen Personen großgeworden: meine Oma, meine Mutter und ich. Neben viel Liebe und einer klar strukturierten Lebensweise, gab es immer wieder explizite oder implizite Lektionen in Ethik. Sei es, dass niemals Müll auf die Straße zu werfen – egal, wie üblich es war; sei es, Gefundenes immer zurückzugeben – egal, wie unüblich das war – im Rumänien der 80er Jahre. Und eine der impliziten Lehren lautete: Kein Klatsch und Tratsch.

Das gab es einfach nicht bei uns zuhause. Meine Tante, die in unsere Familie eingeheiratet hatte, und auf demselben Hof wohnte, sagte über meine Oma, die ihre Schwiegermutter war, anerkennend, dass sie sich niemals in die familiären Angelegenheiten einmischte, egal, was sie zu Augen oder Ohren bekommen hatte. Über die häuslichen Probleme eines anderen Onkels wurde nicht gesprochen, nur soviel, dass meine Mutter sich des etwas vernachlässigten und lernbehinderten Sohnes annahm – trotz Vollzeitarbeit und ihrer eigenen Tochter, also meinetwegen. Ich liebte meine Verwandten und ich hatte auch kein schlechtes Bild von ihnen, was ganz sicher auch daran lag, dass ich nie etwas Schlechtes über sie hörte.

Kategorisches Denken

Als Kind ist man nicht unbedingt in der Lage, zu verstehen, dass es auch mal einfach eine Perspektivsache ist, wenn jemand erzählt, wie dumm eine Entscheidung eines anderen war. Kinder lernen gerade erst, Kategorien zu erstellen und sind somit auch recht kategorisch in ihren Beurteilungen. Dass da Verwandte mal „dumm“ sein könnten und am nächsten Tag aber alles davon wieder vergessen scheint, und wiederum beim nächsten Besuch Denjenigen der volle Respekt zu zeigen ist – das muss doch zu einer Verwirrung führen! Bei mir war das nur sehr wenig der Fall – ich konnte durchgängig lieben und respektieren!

Natürlich gab es ab und zu schlechte Stimmung und Verärgerung über Situationen außerhalb oder über andere Menschen. Aber es hatte immer genau diesen Aspekt dabei, des Verärgertseins, des Rauslassenmüssens von Emotionen. Was ich als Kind ja auch selber an mir kannte.

Soziale Umgebung

Nun ist man als Kind, vor allem in einer sozialen Umgebung wie die als Siebenbürger Sachse in den 80ern, nicht nur so einer intimen Verwandtschaft ausgesetzt, sondern im Gegenteil – es gab die volle Dröhnung Gesellschaft. Ob im Kindergarten oder Schule, erweiterte Verwandtschaft (mitsamt Ferien auf dem Lande bei der Cousine 2. Grades), Nachbarschaft, bei den Familien der Freundinnen und dazu natürlich auch das Kennenlernen fremder Welten und Personen durch Filme und Bücher. Der Vorteil bei fiktiven Geschichten, zumal solchen, die kindgerecht sein sollen, sind die ethischen Settings, in denen das Phänomen „Klatsch und Tratsch“ stattfindet. Das Kind lernt dabei in einem abstrakten Umfeld, was diese Unart der Menschen anrichten kann, ohne selbst involviert zu sein. Vor allem nicht auf der Seite, die den Schaden anrichtet.

Eher nicht so neugierig

Ich kann nicht von mir behaupten, Klatsch und Tratsch vollständig aus dem Leben gebannt zu haben. Ich würde sogar sagen, dass ich schon eine Neigung dazu habe. Aber diese Neigung bekommt nicht allzuviel Futter. Und das Beispiel meiner Großmutter und meiner Mutter – das wirkt nach. Es gibt Momente, da glaube ich sogar, nicht besonders neugierig zu sein und auch, dass ich nicht gerne in die persönliche Sphäre anderer eindringen möchte, vor allem nicht, wenn es mich nichts angeht. Es gibt ein unpersönliches Interesse an dem, wie es anderen geht, oder wie sie mit Problemen umgehen, und dazu müsste man die genaue Natur dieser Probleme kennen. Weil wir Menschen als soziale Wesen nicht nur durch eigene Erfahrung lernen, sondern auch durch fremde. Als Schwarmintelligenz durch Schaden Einzelner klug werden, so in etwa.

Innere Stimme

Ich bin aber auch kein Roboter, ich kenne Emotionen und Empathie, im Guten und Schlechten. Also Schadenfreude kann schon mal aufkommen, auch so etwas wie: „Oh, du meine Güte, ist das (oder der/die) blöd!“ Natürlich! Und ich bin überzeugt, dass meine Erziehungsberechtigten diese menschlich-schwache Seite besessen haben dürften. Sie fanden es nur schlecht und wert, dagegen anzugehen. Wie sie das gemacht haben, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie ich das mache, dieser Falle bei vielen Malen zu entgehen. Ich muss schon sehr dünnhäutig und selber angefasst sein, um mir zu erlauben, fremden oder halbwegs bekannten Menschen, Gehässiges nachzusagen oder sie zu verurteilen. Ansonsten aber gibt es eine gut trainierte Stimme, die sich in mir erhebt und mir das verbietet.

Positiver Tratsch?

Und es gibt einen zusätzlichen Trick. Ich erlaube mir, Positives zu „tratschen“. Ich gehe auf der Straße händchenhaltend mit meinem Mann und dann sage ich zu ihm flüsternd: Schau mal, das Pärchen ist ja wirklich süß, wie lieb die sich angucken. Oder: Das Kleid ist ja unfassbar schön, findest du nicht auch? Das ist aber eine elegante Person! Und dann geht mein Mann meistens darauf ein und dann analysieren wir in ein paar Sätzen, was genau es ist, dass dieses Pärchen süß und das Kleid schön macht und die Person so elegant wirken lässt. Wenn ich dasselbe in „böse“ machen würde – wozu die Straße mindestens genausoviele Beispiele hergibt, was hätte ich davon?

Was weiß ich über „sie“?

Ich hätte ein schlechtes Gewissen, die Ethik meiner Großmutter verraten zu haben. Ich würde dann schnell Bedenken haben – denn weiß ich, warum diese Person einen so schlechten Kleidungsgeschmack zeigt? Ich kann mich an mindestens zwei Ereignisse erinnern, in welchen es mich sehr verletzt hatte und mich auch verletzlich gemacht hatte, als ich von garstigen Worten zu meinem Outfit getroffen wurde. Es ist mir immer wieder passiert, dass ich sicher war, dass meine Kritik auch ein Quäntchen Berechtigung hatte, weil sie „Wahrheit“ sei – aber dann gab es ein Nachspiel, entweder dass der Kritisierte sich arg betroffen zeigte, oder dass er nichts dafür konnte, oder dass er krank und arm war und keineswegs einen schlechten Geschmack … und so weiter.

Und die Allzweckwaffe gegen das Erzeugen von Lästereien: Das Bewusstsein über das  Glashaus, in dem man selber sitzt, wenn man mit dem Stein werfen will – die Überlegung, wann das da auch mir passieren könnte, vielleicht nicht genauso, aber ähnlich genug – und wie mich das betroffen machen könnte.

Tratsch und Lästerei

Da könnte so mancher jetzt einwenden: Ist das aber Klatsch und Tratsch, oder nicht eher Lästerei, ist das denn dasselbe? Nein, nicht dasselbe. Aber vielleicht ähnlich genug. Die fremde Person, bei der man sich frei genug fühlt, weil man sie sowieso niemals wieder sehen wird – dass man über sie herzieht mit der Begleitung – oder die Bekannte, der Verwandte, von dem man dieses oder jenes gehört hat, das man mit Genuss eine Sache enthüllt, sie oder ihn bloßstellt, oder auch nur etwas scheinbar Unschuldiges weitergibt, nur weil man es weiß? „Die Dame trägt aber nun wirklich grässliche Schuhe!“ vs. „Frau Müller ist von ihrem Mann betrogen worden!“ Beides hat nichts mit mir zu tun, beides ist schambehaftet für den Betroffenen, beides braucht nicht noch mehr Aufmerksamkeit.

Isolation

In einer Gesellschaft gibt es keine absolute Anonymität, die einem erlaubt, unabhängig von anderen, ohne sie irgendwie zu beeinflussen, sie zu beurteilen. Klatsch und Tratsch ist eine Form von Machtausübung durch die Ohren und Münder anderer, indirekt, Einfluss auf den Beklatschten zu nehmen. Es ist eine Möglichkeit, sich selbst in der Anonymität zu wähnen, während man andere entblößt. Das führt eher dazu, dass sich der Beklatschte zu schützen versucht, sich selbst mehr zurückzieht. Er entgesellschaftet sich und die Gesellschaft selbst verliert einen Aspekt, der ihr nutzen könnte. Wir lernen nichts mehr über das, was anderen passiert, einerseits, weil der Betroffene sich der Beschämung entziehen wird, andererseits aber auch direkt durch die Art des Umgangs mit den Fehlern anderer. Ein Klatschender sieht sich erhaben, und völlig immun gegen das, was dem Beklatschten passiert ist. Der Lerneffekt ist gleich Null.

Offenheit

Ich erzähle lieber selbst über mich, ich zeige lieber selbst meine Probleme und meinen Umgang damit. Hier, bitte – dafür sind wir doch Menschen sozial, ihr wollt doch diese Information für euch, ich gebe es euch freiwillig und offen! Und es macht mich verletzlich, und es gibt in der Tat Situationen und Menschen, die mit diesem Klatsch-Krieg „ich gegen alle anderen“ so verwachsen sind, dass sie selbst weitgehende Offenheit immer noch als Einladung sehen, noch weiter hineinzugehen, um zu beschämen und noch mehr zu entblößen. Aber die meisten Menschen reagieren positiv, und entspannen sich, fassen Vertrauen und fühlen sich so, was man neudeutsch „self empowered“ nennt. Eine Gesellschaft, in welcher nicht jede Schwäche ausgenutzt wird, um noch weiter zu schwächen, sondern in welcher jedes Individuum seine eigenen Schwächen zeigen kann und die Stärken der anderen anerkennen, kann sich selbst verbessern. Ein Haifischbecken hingegen führt dazu, sich darin zu vorausgaben, den SCHEIN von Stärke zu wahren. Und dem größten Lügner und Betrüger die größten Belohnungen zuzuweisen.

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