Und wäre das Menschliche nicht …

Die Reihe mit den vier klassischen Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde ist abgeschlossen, aber da die Autorin Chris Kaiser den Film „Das fünfte Element“ so wunderbar inspirierend fand – wird das Quadrupel mit dem Menschen, besser: „dem Menschliche“ ergänzt.

Konfuzius: Anlegte, mit hervorgehobenem Zeichen "ren"
Konfuzius: Analekte, hervorgehobenes Zeichen "ren" Quelle - pixabay (bukejiuyao)

Ich habe schon einmal in dieser Reihe über einen von mir sehr geschätzten Podcast gesprochen, der über chinesische Philosophie geht: „This Is the Way“ mit Justin Tiwald und Richard Kim. Jede einzelne Episode ist derart inspirierend, dass ich kaum eine Folge weiter bin und schon wieder darüber sprechen möchte.

Parallelwelten China und Europa

Die chinesische Philosophietradition kennt ähnliche historische Entwicklungen wie die europäische und interessanterweise hat eine der einflussreichsten Figuren ungefähr zur selben Zeit gelebt wie „unser“ Sokrates, im 6.-5. Jahrhundert v. Ch: Kongzi, oder wie wir ihn kennen: Konfuzius. Und eine ebensolche Parallele tut sich auf, wenn wir den Neo-Konfuzianismus im 11.-12. Jahrhundert „unserem“ Thomas von Aquin (ein bisschen später: 13. Jahrhundert) beistellen können. Beide haben sich auf eine reiche Tradition, die weit zurück ihren Ursprung hat, bezogen und diese systematisiert und mit einer Aktualisierung, Bereicherung und Präzisierung in die Mitte des Denkens versetzt.

Die antike, platonisch und aristotelisch (eigentlich verweisen beide auf Sokrates) geprägte Vorstellung von den Tugenden kennt eine Vierfaltigkeit der Kardinaltugenden, die allen anderen Tugenden vorstehen: Klugheit (Weisheit), Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.  Der Weisheit maßt der platonische Sokrates die Überlegenheit und den Ursprung der anderen drei Kardinaltugenden zu, denn nur das Wissen und das Vermögen mit diesem Wissen auch Erkenntnis zu haben, ermöglicht es, wahrhaftig gerecht, tapfer und gemäßigt zu sein. Gut kann jemand eigentlich nur sein, wenn er die Weisheit besitzt, das Gute zu erkennen, und anzustreben.

Thomas von Aquin

Der Scholastiker Thomas über eineinhalb Jahrtausende später begründet und beleuchtet diese Hierarchie noch einmal neu, mit dem Blick auf das Göttliche, die Weisheit selbst als Erkenntnis des Guten oder Richtigen ist weiterhin Nummer eins vor den anderen dreien. Aber die heidnische Quelle (Platon) ist eben für dieses Resultat nicht ausreichend, sie wäre doch nur allzu irdisch, allzu menschlich. Der göttliche Aspekt gesellt sich als eine Trias ergänzend dazu, diesmal aus der christlichen Schrift.

Trauspruch: Liebe

Wer schon auf Hochzeiten war, die im kirchlichen Rahmen abgehalten wurden, wird unweigerlich auf diesen Teil aus den Briefen des Neuen Testaments der Bibel gestoßen sein, über „Glaube, Liebe, Hoffnung“ und „doch am größten unter ihnen ist die Liebe“. Dieser Passus, der erste Brief des Paulus an die Korinther, im Kapitel 13 ist eine leidenschaftliche und erhebende Stelle, in welchen die Liebe gefeiert, und ihr Eigenschaften zu- und abgesprochen werden. So spricht man auch vom „Hohelied der Liebe“.

Gemeinde in Korinth

Paulus schreibt da an die Gemeinde in Korinth, nachdem es dort Streitigkeiten gab, vor allem auch um das Auftreten einiger Mitglieder. Er ermahnt, er spricht konkrete Unfeinheiten an, er gibt Ratschläge. Eines der Probleme, um deren Lösung man ihn vorher gebeten hatte, ist der Umgang mit Charismatikern, die „in Zungen“ oder „prophetisch“ reden. Wie sehr sollte man sich danach richten, was diese behaupten zu wissen und zu erkennen? Wer hat die größte Erkenntnis von diesen „Begabten“? Eine andere Frage war zu dem Umgang mit anderen Kulten und deren Ritualen. Darf man aus Freundschaftlichkeit mit anderen Menschen deren Rituale mitmachen, während die eigene Religion das eigentlich verbietet? Aber die christliche Religion eben gerade Freundschaftlichkeit propagiert? Soll man sich an das Ge- und Verbot des eigenen Kultes halten und dabei lieber andere brüskieren? Ist Christus der Propagand der geistigen Armut oder braucht Christentum doch eine gewisse Weisheit? Wir können auch davon ausgehen, dass der griechisch schreibende Jude aus Tarsus eine solide Bildung der griechischen Klassik hatte, so dass ihm die Tugendlehre von Sokrates mindestens vermittelt sein konnte.

Hohelied der Liebe

Weisheit, Mäßigung, Tapferkeit und die Gerechtigkeit sind Angelpunkte (lat. „cardo“ – Türangel – Kardinaltugenden!) um die sich das Denken über ethisches Handeln auch in einer kultischen Gemeinde dreht. Zumindest beim hellenisierten Paulus. Somit nimmt es nicht wunder, dass er im Korintherbrief, und auch in dem Kondensat, das das 13. Kapitel ist, im „Hohelied der Liebe“ um herum und über diese Tugenden spricht – „sie (die Liebe) freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit“ – damit schon zwei davon, nämlich Weisheit und Gerechtigkeit. Und wenn sie weiter „alles erträgt“, dann ist das durchaus eine Art von Tapferkeit und wenn sie „langmütig und freundlich“ ist, sich nicht „aufbläht“, dann trägt diese Liebe nach Paulus eben zur Mäßigung bei.

Abstrakte Agave

Doch am Ende dieses Kapitel 13 das, was dann gerne als Trauspruch genommen wird: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“.  Huch, wo kommen jetzt auf einmal „Glaube“ und „Hoffnung“ her, im ganzen Kapitel nichts davon… Die Hoffnung – das ist diejenige, die ein früher Christ hat, die Hoffnung auf die Auferstehung, aus der Perspektive kurz nach Christus noch eine sehr stark wirkende Hoffnung, von den folgenden Jahrtausenden noch nicht heruntergeschliffen zu einem Abstraktum oder einem nur irrational zu nennenden inneren Glühen. Der Glaube – der ist inhärent, darüber wird sowieso gesprochen. Eifrig, eifrig sind die Mitglieder dieser jungen Gemeinde, sie können nur sehr stark glauben, sonst wären sie nicht außerhalb aller anderen existierenden Traditionen zu diesem neuen Kultus rübergekommen. Doch – LIEBE!! Aber welche Art von Liebe? Die alten Griechen kannten mehrere davon, ob es Eros (die leidenschaftliche Liebe), die Philia (freundschaftlich), Mania (obsessiv), oder Storge (familiäre) und dann die Agape – die selbstlose, die bedingungslose Liebe. Diese letzte meinte Paulus. Denn diese ist die ideale, die vollkommenste, weil abstrakteste Liebe, der man jedes Superlativ zuschreiben kann, das einem nur einfällt. Und mit diesem Ideal konfrontiert Paulus diese Gemeinde in Korinth. Interessanterweise – vor allem als Ingredienz. Als eine Zutat, die allem anderen erst den Glow gibt, um selbst leuchten zu können. Was Weisheit ohne Liebe. Was Gerechtigkeitssinn ohne Liebe. Was Tapferkeit ohne Liebe. Und selbst die Hoffnung auf die Auferstehung und der Glaube daran – wenn diese mit der Zeit abnehmen können – die Liebe – die bleibt. Die hält diese Hoffnung und diesen Glauben auch aufrecht, so meint Paulus das wahrscheinlich. Aber ich würde da sogar noch weiter gehen. Die Liebe lenkt all das Genannte in die richtigen Bahnen. Und beschränkt (mäßigt), ohne ihm das Leuchten zu nehmen.

Zelot Paulus

Dieses 13. Kapitel wirkt auch deswegen so leidenschaftlich, weil hier möglicherweise diese Leidenschaft sich selbst erzeugt- unser nerdiger Paulus mit seinem zelotischen Impetus, den er vor Damaskus als Zionist und nach Damaskus als Konvertit und Religionsgründer zeigt – hier kann er seinen überschäumenden Eifer in eine vierte Dimension in die Idealität des abstrakten Liebesgefühls überführen. Kein Wunder also, dass neben all diesem Klein-Klein über Verschleierung von Frauen, über das Essen von Opferfleisch der Heiden, dass er hier sich unbeschadet in Ekstase reden kann. Und es schlägt im Innersten eines jeden Menschen eine Saite an, die klingen WILL! In dieser Freiheit zur Maßlosigkeit, in welcher Paulus über die Liebe schwärmt, bringt er die Mäßigung (die vierte Kardinaltugend) dadurch herein, dass er die Liebe zur Richtschnur und Maßgabe für alles andere macht. Egal wie viel man hofft oder wie wenig, egal wieviel man gerecht sein will, oder weise – nur mit der Liebe wird es stabil und konsistent. Agape also. Was so ein Zolibatär wie Paulus und später der Mönch Thomas für sich als Inbegriff der Liebe schlechthin sehen wollen.

Thomas von Aquin setzt also diese drei paulinischen Tugenden mit der Liebe an der Spitze über die platonischen Kardinaltugenden.

Zhu Xis Jahreszeiten

Was macht aber Zhu Xi, unser chinesischer Counterpart mit der konfuzianischen Vierfalt der Tugenden? Und sind es dieselben wie bei Platon? Nein, nicht ganz. Für Konfuzius sind es: Gerechtigkeit, rituelle Sittlichkeit, Weisheit und Güte/Menschlichkeit. Eine ideale Persönlichkeit wird sich in diesen vier Tugenden hervortun. Für unseren mittelalterlichen Zhu Xi aber, der sieht diese nicht als gleichberechtigte Säulen, die das Firmament des idealen Menschen tragen. Er zieht den Vergleich mit den vier Jahreszeiten, die in der Abfolge ähnlich wichtig aussehen, so wie die vier Tugenden alle ihren Anteil an der Vollkommenheit des Menschen haben. Doch für Zhu Xi ist der Frühling der primus inter pares in den Jahreszeiten, da nur der Frühling das Leben erzeugt, das sich in die anderen drei Jahreszeiten entwickelt oder im Winter „schläft“. Und in ähnlicher Form ist die Güte und Menschlichkeit, die Fürsorge, alles mit dem Wort „ren“, das gleich klingt wie das Wort „ren“, das man nur leicht anders schreibt, und Mensch“ heißt. Eben – „Menschlichkeit“, „humaneness“ im Englischen. Was dabei mitschwingt sind: Mitgefühl, Nächstenliebe, Wohlwollen.

ren – ren

Was ist die Gerechtigkeit ohne dieses „ren“? Was ist das kalte Wissen über die Welt und alles andere ohne dieses „ren“? Was ist die Einforderung der Sittlichkeit, die man an Menschen richtet, ohne dieses „ren“? Ein Jurist würde jetzt nicken und sagen: „Es geht nicht um den Buchstaben des Gesetzes, sondern um den Geist des Gesetzes.“ Und die Gerechtigkeit unter den Menschen und die Gerechtigkeit gegenüber der Religion, also die rituelle Sittlichkeit, beide können missbraucht und wie Waffen gegen die Menschen behandelt werden. Doch auch die Indifferenz für den anderen, das vollkommene Abstrahieren von den echten Menschen und ihren echten Leben und Gefühlen, und eine mathematisch errechnete Gerechtigkeit – heute würden wir sagen: durch die KI – die wäre unmenschlich. Sie würde Zweck und Mittel verwechseln. Der Mensch ist das Ziel, der Mensch soll auch das Maß sein. Und die Gerechtigkeit ist nicht das Ziel, sondern das Mittel. Für einen Konfuzianer spielt das soziale Geflecht eine enorme Rolle, ein Konfuzianer wäre verwirrt, wenn Justizia blind vor allen kulturellen und sozialen Beziehungen wäre. Denn „ren“ heißt gerade das Etablieren von Beziehungen, die eben fürsorglich, wohlwollend und voller Mitgefühl sind. Das Zeichen für dieses „ren“, diese Tugend, besteht aus „ren“, dem Menschen und der chinesischen Ziffer „zwei“. Das Menschliche entsteht in dieser Vorstellung erst in der Verbindung von eben (mindestens) zwei Menschen.

Weisheit – tönern Erz

Als ich den Podcast hörte, fiel mir vor allem das Unzulängliche der platonischen Primus-Kardinaltugend ein, der Weisheit, der Klugheit, wenn ihr das „ren“ fehlt. Wir haben zwar an der Spitze Amerikas einen Menschen, dem diese Tugend ganz sicher fehlt. Aber bei anderen mit viel Macht und vor allem viel Macht durch viel Geld, bei denen wird man nachdenklich, ob sie nicht sogar mit sehr hoher Intelligenz ausgestattet sind. Tech-Milliardäre, blitzgescheit, einige sogar extrem gut gebildet, oder ausgebildet. Und einige zum Fürchten. Da fehlt etwas, dass man sie als weise bezeichnen würde. Auch die Schlauheit eines Josef Stalin oder das ungeheure Wissen eines Kardinal Richelieu … Und hätten sie die Liebe nicht … Und hätten sie das „ren“ nicht, wäre es nicht von „tönernen Erz“ oder eine „klingende Schelle“, eine Intelligenz, die wir als furchtbar defizitär und verzerrt empfinden? Erst die Menschlichkeit gibt dieser Intelligenz ein Ziel und einen Weg, den andere nicht mehr fürchten, sondern bewundern. Und eine Vollkommenheit, die wahrhaft als Tugend empfunden wird! „Mensch sein“ durch die „Liebe“, „ren“ werden, weil man „ren“ ist.

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