Paul Simon

Soundmagier of Silence

Nach so viel Theater in der letzten Kolumne gibt es diese Woche wieder deutlich weniger Clowns und Geflügel, sondern wieder mehr Musik. Ulf Kubanke setzt seine lose Reihe fort, über amerikanische Musiker zu schreiben, die musikhistorisch bedeutend sind und ein anderes Amerika zeigen als das Gesicht des gegenwärtigen. Heute geht es um: Paul Simon.

official Press Pic "So Beautiful Or So What" by Universal Music/Paul Simon

Die zweite Hälfte des des 20. Jahrnhunderts förderte viele namhafte musikalische Duos zu Tage. Doch kein einziges Zweiergespann erreichte im Kontext populärer Klänge auch nur entfernt den Legendenstatus vom Simon & Garfunkel. Jedes Kind, jeder Greis kennt ihre Hits wie „Mrs. Robinson“, die sich unauslöschlich ins kollektive Musikgedächtnis des Planeten dübelten. Höhepunkt ihres Schaffens markiert ihre fünfte und letzte LP – „Bridge Over Troubled Water“ aus dem Jahr 1970.

Das Titelstück verkörpert auf knapp fünf Minuten jene herausragend emotionale Kraft, die wirklich jeden Hörer mitreißen kann. Das ist keine Übertreibung. Selbst Menschen, die alles andere als musikaffin sind, geraten beim Hören schon nach wenigen Sekunden in den nahezu magischen Bann dieser Killerballade. Von Elvis Presley über Robbie Williams bis hin zu Dua Lipa versuchten sich Dutzende Künstler an einer eigenen Interpretation. Doch keine einzige dieser oft durchaus hübschen Versionen gelangt in Punkto Charisma und Intensität auch nur entfernt in die Nähe des Originals.

Dabei klingt die Entstehungsgeschichte – wie so oft bei musikalischen Sternstunden – vergleichsweise unspektakulär. Paul Simon: „Die Idee kam urplötzlich aus dem Nichts. Von einer Minute zur anderen war es einfach da. Das war ein schockierender Moment für mich. Ich spürte, dass dieses Stück einfach weit besser ist, als ich normalerweise schreibe.“ Mit dieser Einschätzung sollte er Recht behalten. Eine weitere Besonderheit liegt in der Umsetzung. Statt ihrer gewohnt schlichten Art des Arrangierens, gehen Simon & Garfunkel hier einen anderen Weg und betten das hauchzarte Pianothema in eine sich langsam aufbauende Opulenz ein, deren Klangbild sich hörbar an Phil Spectors berühmter Wall of Sound orientiert.

Bei so einem in jeder Hinsicht ultimativen Songmonster besteht oft die Gefahr, dass der Rest des zugehörigen Albums daneben kläglich verblasst; erst recht, wenn man die Nummer als Opener bringt. An diesem Punkt bleiben die beiden New Yorker fast überirdisch souverän. Auch der folgende Track „El Condor Pasa“ mausert sich zum weltweit ewigen Evergreen. Der Song wurde bereits 1913 vom peruanischen Komponisten Carlos Alomia Robles geschrieben. Simon begegnete der Melodie erstmals in Paris, als er eine Interpretation der peruanischen Folkband Los Incas vernahm. Fasziniert erdachte er dazu einen eigenen, englischen Text und schlug die Idee Art Garfunkel vor, der sich ähnlich begeistert zeigte. Sympathischerweise revanchierten beide sich bei Los Incas für die Inspiration, luden sie zu den Sessions und überließen ihnen das Einspielen des instrumentalen Teils. Später half Simon ihnen im Musikbiz und produzierte ihr Debütalbum für den amerikanischen Markt. Trotz allem rangiert das schöne Lied bei vielen Hörern regelmäßig auf den vordersten Rängen, wenn es gilt, den nervigsten Ohrwurm aller Zeiten zu benennen. Letzteres liegt gleichwohl nicht an der wundervollen Melodie, sondern an flächendeckend gruselig verkitschten Schmalspurversionen gängiger Panflötenterroristen, die man regelmäßig vor Einkaufszentren antrifft. Von jenen Horrorclowns of Ethnogroove sollte man sich nicht den Spaß an diesem Stückchen musikhistorisch bedeutender Weltmusik abnehmen lassen.

Noch mehr zeitlose Klassiker? Kein Problem! Auf der Suche nach dem ultimativen Lagerfeuersong stößt man unweigerlich auf „The Boxer“. Textlich thematisiert Simon die Kämpfernatur eines Menschen, der unablässig versucht, Armut, Einsamkeit und der Verlorenheit des Individuums im großen Schmelztiegel New York City zu entrinnen. Hinzu packt er ein paar religiöse Andeutungen. Dem Refrain gelingt tatsächlich das Kunststück, trotz absoluter Eingängikeit des „Lei-Le-Lei“-Chorus den Eindruck gesteigerter Tiefgründigkeit zu vermitteln. Das liegt vor allem am ebenso spartanisch wie effektiv eingesetzten Trommeldonner von Session-Drummer Hal Blaine. In einer Zeit, deren Sound noch nicht per Knopfdruck am Computer herstellbar war, war es kein leichtes Unterfangen, diesen bedeutungsschwangeren Bergpredigtklang zu erschaffen. Blaine verließ dien Aufnahmeraum und suchte stundenlang in den Columbiastudios nach dem einen perfekten Platz. Er fand ihn direkt vor einem der dortigen Fahrstühle in jnen Momenten, in denen sich die Aufzugtüren öffneten. So verfrachtete man das Drumset samt zahlloser Mikrofone und Kabel kurzerhand in den Büroflur des Labels und erzielte endlich den gewünschten Effekt. Auch sonst ist es ihr mit Abstand aufwendigstes Lied. Man hört es den wie aus einem Guss klingenden fünf Minuten nicht an. So nahm man die zweite Strophe in Nashville auf und die dritte in einer Kirche in New York. Für diese 300 Sekunden Musik brauchte es schlussendlich mehr als 100 Stunden des Aufnehmens.

Auch die Boulevardpresse samt einiger Fans trug damals zur frühen Legendenbildung bei. Da man den Refrain auch als englischen Ausdruck für „Lüge“ deuten kann, dichtete man Simon & Garfunkel einfach eine Fehde mit Bob Dylan an, dessen ebenso sozialkritische wie kämpferische Lieder hier angeblich als hohle Phrase und Posertum entlarvt werden sollten. Simon wehrte sich vehement gegen diese Deutung und auch Dylan schenkte jener Theorie keinerlei Glauben. Als Zeichen der Freundschaft coverte er stattdessen selbst den „Boxer“ und packte ihn auf sein Album „Self Portrait“.

Die stampfende„Cecilia“ entwickelt sich hernach – besonders in Europa – zu einer der ultimativen Partykellerhymnen der 70er Jahre. Kein Wunder, denn authentischer geht es kaum. Der Song ist das Ergebnis einer feucht-fröhlichen Nacht, in der Paul und Art sich perkussiv auf die Schenkel klatschten und die für damalige Verhältnisse höchst frivolen Zeilen erdachten, während Pauls Bruder dazu auf seiner total verstimmten Gitarre improvisierte. Wie so oft bei Paul Simons Texten, zeigt sich sogar in diesem scheinbar eindeutigen Szenario echte Doppelbödigkeit. Einerseits erblickt man hier die sehnsüchtige Verärgerung eines Liebhabers, dessen Geliebte sich direkt nach dem Liebesakt bereits den nächsten Gespielen ins Bett holt, während er sich im Bad das Gesicht wäscht. Daneben ist St. Cecilia jedoch auch Schutzheilige der Musik, so dass man hier ebenso sowohl die Laune der Muse hineininterpretieren kann, deren Inspirationsgabe vielen Künstlern dienen muss als auch der Schnelllebigkeit des Showbiz, das Musiker hochjubelt und kurz darauf fallen lässt.

Ohnehin ist es eine Hauptqualität Simon & Garfunkels, dass die Eingängikeit ihrer Melodien nie beliebig oder gar oberflächlich wirkt. Sie unterstreichen die ausnahmslos gelungenen Texten vortrefflich und spielen geschickt mit Stimmungen zwischen leiser, in sich gekehrter Intimität (So Long, Frank Lloyd Wright“, „The Only Living Boy In New York“) und dezenter Extrovertiertheit („Baby Driver“, „Keep The Customer Satisfied“. Doch manchmal kann die totale Superlative sich für eine Band auch als Sargnagel entpuppen. Genau das passierte ihnen. Schon während der Aufnahmen, gab es bereits Spannungen zwischen Art Garfunkel und Paul Simon. Nach der Veröffentlichung von „Bridge Over Troubled Water“ erwies sich der gebotene Qualitätslevel als untragbare Hypothek. Beiden war klar, dass es unmöglich ist, dieses Album und erst recht den Titelsong zu übertrumpfen oder auch nur gleich zu ziehen.

Unterhalb dieser Stärke ergaben weitere gemeinsame Alben für beide keinen Sinn mehr. So trennten sich beide, um erfolgreiche Solokarrieren zu beginnen, von denen besonders Simons Laufbahn mit herausragenden Alben wie „Still Crazy After All These Years“ oder „Graceland“ seinen Ruf als Musikgenius manifestierte. Trotz mancher teils öffentlich ausgetragener Streitigkeiten, hielt die Freundschaft beider ausgeprägter Charaktere, die sich Anfang der 50er bei einer Schultheateraufführung kennenlernten, letzten Endes. Deshalb gibt es aus späteren Jahren immerhin noch ein paar gemeinsame Konzertauftritte, die in den berechtigt umjubelten Livescheiben „The Concert In Central Park“ (1981) und „Old Friends: Live On Stage“ (2004) münden.

Soviel zum Thema der Klassiker. Doch schauen wir auch einmal auf die späten Solopfade des Paul Simon. Hier greife ich mir jenes 2011er Album heraus, welches ich persönlich für sein musikalisch insgesamt am gelungensten halte.

„So Beautiful Or So What“ lautet der für seine Verhältnisse ungewöhnlich schnodderige Albumtitel.

Die Musik hingegen fährt eine filigrane Zehn-Track-Liste perfekter Popsongs auf, wobei der Begriff ‚Pop‘ hier selbstredend nicht als Genregrenze misszuverstehen ist. Da kommt 2011 der immer ein wenig hobbitartig wirkende Poet aus New Jersey vorbei und führt unauffällig alle drei wichtigen Strömungen seiner Musik zu einem ebenso harmonischen wie reißenden Fluss zusammen.

Immerhin hat Simon fast so früh angefangen wie Presley und Co. Konsequent mischt er den direkten Rock’n’Roll/Rhythm’n’Blues-Ursumpf der Fünfziger mit den sensibel-fragilen Folkstrukturen der S&G-Ära und den seit „Graceland“ typisch kunterbunten Weltpop-Regenbögen aus Indien, Südamerika und Afrika.

Seine Mitstreiter kann man auch bei diwserer Umsetzung nur in den allerhöchsten Tönen loben. Die extrem versierte Bluegrass-Band Quicksilver gibt sich ein Stelldichein mit Schlagzeuger Chris Bear von den alternativen Rockern Grizzly Bear. Außerdem mischen Gitarrist Vincent Nguini und der Percussionist Steve Shehan mit.

Sie alle erhalten nicht umsonst die exponierte namentliche Erwähnung. Es beeindruckt, mit welch luftiger Eleganz die Truppe gleichzeitig schnörkellos vorantreibt und dabei Schicht um Schicht eine Art Weltpop-Kokon um die nackten Lieder schlingt. In dieser Form geraten die interkulturellen Einflüsse sogar noch eine ordentliche Schippe besser als das scheinbare Überalbum „Graceland“ anno 1986. Warum? Nun, Simon hat zum einen nicht mehr das damalige Joch der furchtbaren 80er-Plastiksound-Produktionen am Hals. Alles klingt organischer. Auf den typisch westlichen Radio-Hit-Appeal wurde wohltuend verzichtet.

Dies wiederum ist vornehmlich ein Verdienst vom alten Kumpel und Producerhasen Phil Ramone. Der hat von Sinatra bis Madonna alle schon vor dem Mischpult gehabt. Einmal mehr erweist sich der alte Fuchs als Joker der Balance zwischen West und Ost, Schwarz und Weiß. Ein Kanalisator, der die überbordend ausgestmeten Ideen Simons kongenial aufs lässigste komprimiert, ohne ihnen die bunten Flügel zu stutzen.

Zum anderen ist der eigenwillige Pionier Simon nie als Ausbeuter der Musik anderer Kulturen erschienen. Seit „Call Me Al“ hatte der bekennende jüdische Intellektuelle 25 Jahre Zeit, sein Studium afrikanischer und indischer Polyrhythmen zu vertiefen. Das hat er ausgiebig getan. Hier gibt es keinen klebrigen Ethno-Schleim von abgehalfterten Shopping-Kanal-Barden.

Vielmehr findet er zwischen archaischen und modernen Mustern, zwischen bewusst primitiv und flirrend komplexen Klängen genau die richtigen Schnittstellen zur nahtlosen Verlinkung. Seine Kunst schlägt damit schlussendlich genau jene Brücke zwischen Kontinenten und Kulturen, welche bislang zwar von vielen wortreich beschworen, doch selten entdeckt wurde.

Die freundliche, manchmal scheu anmutende Zurückhaltung seines nahezu unverändert jugendlich klingenden Tonfalls soll man dabei nicht als Schüchternheit fehldeuten. Viel grinsende Chuzpe ist dabei, er einen Titel wie „Getting Ready For Christmas Day“ mit maximal fluffiger Sommermucke unterlegt und dabei lächelnd „With the luck of a beginner he’ll be eating turkey dinner. On some mountain top in Pakistan.“ in die Runde wirft.

Zum Niederknien, wie er beim stompigen „Love Is Eternal Sacred Light“ mit christlichem Predigerkitsch irritiert, bis die Menschheit sich am Ende überraschend zur unwürdigen „bomb in the marketplace“ entwickelt. Auch das sich nach mehrmaligem Genuss hypnotisch im Ohr verhakende Titelstück wirkt mit seinem treibenden Rockthema und dem rotzig pessimistischen Text fast schon wie ein Wutanfall für Verhältnisse im ruhigen Hause Simon.

Andererseits liegt waggonweise Poesie zwischen den Zeilen einer von diesem unverbesserlichen Romantiker seit jeher einfach gehaltenen Sprache. „Maybe love’s an accident, or destiny is true. But you and I were born beneath a star of dazzling blue.“

Natürlich vergisst der Soundmagier Of Silence nicht seine sensible Folkseite. „Love And Hard Times“ erscheint als das vielleicht introvertierteste Lied seiner Karriere. Ebenso könnten die unscheinbar instrumentale Schönheit „Amulet“ oder das lieblich garfunkelnde „Questions For The Angels“ problemlos aus den alten Hippietagen stammen. Altmodisch oder gar altbacken wirken sie dabei keine Sekunde. Heraus kommt insgesamt nicht weniger als die beste Soloplatte in der Geschichte des Paul Simon.

Fazit:

Ein Soundmagier der Stille.
Ein Erschaffer von Klangräumen
Auch für eine Zeit, eine Gegenwart, in der selbst Mittelmaß schreien muss, Gehör zu finden.

From Hamburg with Love

Newsletter abonnieren

Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.