Herz der Finsternis

Die AfD verhält sich wie der Bully auf dem Spielplatz. Verhätscheln und nachgeben wird da wenig nützen.

Marlon Brando von thierry ehrmann - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Erinnern Sie sich an frühe Spielplatztage? Daran, daß es einen kleinen Jungen gab, der mit größtem Vergnügen und zugleich mit manischer Verbissenheit, den anderen die Sandburgen mit seinem Schüppchen zerstörte und sich königlich darüber amüsierte wenn die Getroffenen weinten und sich NICHT wehrten? Er trug nicht nur den materiellen Sieg durch die Zerstörung dessen, was andere aufgebaut hatten, davon, sondern auch – und das war noch schmerzhafter – den mentalen, wie sein giftiges Lächeln zeigte.
Alles gute Zureden half nicht, keine Friedensangebote oder sogar das Überlassen der eigenen Spielzeuge, er war letztlich nicht zu beruhigen und zufrieden zu stellen, er machte immer weiter und erreichte seine allerdings nur kurzfristige Befriedigung mit dem erneuten Zerstören; er war gleichsam der minderjährige Colonel Kurtz auf dem Spielplatz.
Er war der Horror, der mit Sicherheit zuschlug; man wußte nicht wann oder wo – aber das war auch noch sein Vorteil – denn er würde schon zuschlagen und einzig dieses Zuschlagen verschaffte ihm Sieg und Selbstbewußtsein. Auch wenn man den Spielplatz mied, um sich ihm nicht mehr auszusetzen, war eines klar: er hatte auf ganzer Linie gesiegt.
Natürlich gab es auch ein paar Kinder, die sich bei ihm was abguckten und ihn kopierten, denen das Selber-Bauen von Sandburgen zu schwer war und die nur abwarteten, bis es ein anderer geschafft hatte, um dann, ihr Vorbild nachahmend auch zuzuschlagen, und dabei diebische Freude über das Spritzen von Sand, das Herumfliegen von Förmchen und vor allem über die Tränen der anderen empfanden.
Es waren jene, denen man schon ganz früh gepredigt hatte: das Leben ist kein Ponyhof, deshalb du darfst dir nichts gefallen lassen, die anderen wollen dir alles wegnehmen, du mußt ihnen zuvor kommen und ihnen zeigen, wo der Hammer hängt!

Kinder, Erwachsene und Wähler

Aus diesen Kindern sind Erwachsene geworden: sie heißen unter anderem Frauke, Beatrix und Björn. Und sie haben, wie wir erneut mit den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern bestätigt bekommen, eine Menge Anhänger, die es ihnen gleichtun wollen.
Nun meinen unsere Polit-Pädagogen, man müsse ihnen nur gut zureden oder sogar nach dem Munde reden, dann wachse sich das wieder aus. Ließen sich die kleinen Colonels von damals mit einem Eis oder Spielzeug ablenken von ihrem Zerstörungswerk? Doch wohl nur kurze Zeit – sie nahmen das freßgierig und habsüchtig, spätestens am nächsten Tag ging das böse Spiel aber von neuem los; sie hatte herausbekommen, wie man kostenfrei gefüttert wird: Man reichte den Finger und sie packten die ganze Hand.
Gewiß, soziale Schieflagen können Menschen radikalisieren – aber es waren nicht die abgehängten Hartz IV-Bezieher, die die AfD gewählt haben (die meisten gehen schon resigniert nicht mehr zur Wahl). Es waren die Massen des Mittelstandes, die meinten, ihresgleichen ihre Stimme zu geben.
Es waren auch nicht Leute, die auf irgendeine Weise tatsächlich von Flüchtlingen, Asylanten oder gar Frau Merkel, die ja an allem Schuld sein soll, bedroht wurden – Mecklenburg-Vorpommern hat so gut wie keine Flüchtlinge. Es waren die erwachsen gewordenen Sandkastentyrannen.
Diesen Maulmarodeuren heute entgegen zu kommen mit schärferen Kontrollen, Gesetzen, Zäunen und Abschiebungen, wie es ja inzwischen CDU und CSU, FDP und Grüne in willfährigster Gemeinsamkeit tun, wird die maßlose emotionale Freßgier dieser Leute nicht befriedigen.

Vom Sandkasten zur „Machtergreifung“

Nun erklären uns vor allem konservative Journalistenkollegen und Politiker, man müsse die Rechten mit Argumenten aushebeln und entlarven. Ach, du liebe Güte – da gibt es nichts mehr zu entlarven; die Masken sind doch längst herunter gerissen. Die angeblich Besorgten Bürger haben ihre Bereitschaft zu Umsturz, Vernichtung Mord seit Monaten in immer kürzen Abständen in die Welt hinausposaunt – vom geforderten Schießbefehl an der Grenze bis zu den Drohungen, man werde nach der „Machtergreifung“ aufräumen.
Zu glauben, man könne diese Schurkenbanden (denn die AfD paktiert ja nun ganz offen mit der NPD und PEGIDA hat sie sowieso im politischen Räuber-Sack) politisch durch parlamentarische Einbindung zähmen, ist größter Blödsinn. Der kleine Colonel Kurtz gibt sich ja auch nicht zufrieden mit der Herrschaft über den Sandkasten, sondern wird demnächst Gebühren an der Rutsche kassieren oder ein Schild „Nicht für Muslime“ ans Klettergerüst hängen.
Wer also meint, man könne die rechten Kohorten (so groß sind sie schon) „einbinden“, erliegt einem Appeasement-Wahn. Mit solchem Wähnen haben die bürgerlichen Parteien arrogant der NSDAP in den Sattel verholfen, den sie nur wieder verließ, als die Alliierten sie vom zuschanden gerittenen Gaul schossen.
Diese Art von Leuten ist weder Argumenten noch Menschlichkeit zugänglich – sie wollen und können nicht politisch argumentieren und handeln, denn das hieße ein Miteinander suchen, einen gemeinsamen Nenner, den Willen zur Gestaltung der Zukunft. Doch sie sind noch immer diese Sandkastenmarodeure, die zerstören wollen und sich darüber Triebabfuhr von Haß, Neid und Gier verschaffen. Und ihre Wähler sind jene kleinmütigen Feiglinge, die sich schon damals anbiederten und unterordneten, um selbst auch einmal zuschlagen zu können, denn sie hatten ja beobachtet, welches Vergnügen das bereitet.

Verirrung der Gefühle

Heinrich Schmitz hat hier vor ein paar Tagen entlarvt, was es auf sich hat mit dem Geschwätz vom „gesunden Menschenverstand“, den diese Leute und ihre Wähler so gerne im Mund führen.Tatsächlich ist der gesunde Menschenverstand nur die Burka fürs „gesunde Volksempfinden“. Verstand haben Predatoren alle, aber es mangelt ihnen an Vernunft.
Tatsächlich sind die Neu-Altfaschisten von der AfD gefühlige Menschen – nicht Gefühlsmenschen. Sie haben eine abstoßende Selbstliebe und eine verlogene Lügenliebe für Volk-, Vater- und Heimatland. Sie schüren Ängste, Hysterie und Furcht; sie fürchten vor allem das selbsttätige Denken, weil es zuviel Mühe macht, sie lassen denken. Zu was diese Faulheit führt, läßt sich besonders schön am Parteiprogramm der AfD ablesen; diese Nacherzählung der ungenierten Dummheit hätte in der Grundschule schlechteste Noten bekommen; aber keiner liest dieses Programm der indolente Grausamkeit.
Nein, mit Politik, Denken und dem Willen zum Problemlösen haben diese Leute UND ihre Wähler nichts im Sinn. Sie sitzen immer noch auf dem glühenden Sand ihrer Spielkästen und vermögen nur zuzuhauen. Lange Zeit gab es einen gesellschaftliche Comment, der ihnen Grenzen setzte – den haben sie inzwischen verleumdet als „political correctness“, als „falsch verstandene Demokratie“ – die für sie nur als „Wir sind das Volk“ firmiert – und als „Gutmenschen“, die tatsächlich einen Abscheu davor haben, sich ebenso gräßlich zu verhalten.
Sämtliche zivilisatorischen Sicherheitsgurte sind von ihnen gekappt worden. Sie wähnen sich als bisher unterdrückte Sieger-Art der Evolution, die sie natürlich wie alle Faschisten aufgrund ihrer Dummheit falsch interpretieren. Deshalb waren ja die Nazis auch so begeistert von der „Überlegenheit des Stärken und Skrupellosen“. Wobei ja Skrupellosigkeit ohne Zweifel, eine Eigenschaft grausamer Stärke ist, nicht wahr Frauke und Beatrix.

Götterdämmerungen und Kannibalismus

Doch „the Survival of the Fittest“ meint natürlich etwas anderes – wer sich, wie etwa der überstarke Säbelzahntiger alles wegfrisst, der stirbt eben auch aus. Sowas begreifen aber die faschistischen Säbelzahntiger unserer Tage nicht, sondern sie feiern es auch noch – am End bleibt ihnen nur der Kannibalismus, also die fortgesetzte Zerstörung der eigenen Art, wie wir sie am Schluß alles Diktaturen bobachten können. Das wird dann als Götterdämmerung zelebriert. – Übrigens kommt mir Björn Höcke beständig vor, wenn er seine halbgare, wiedergekaute, faulige Hetze aus dem gärenden Labmagen der Vergangenheit absondert, wie der Autor eines nationalsozialistischen Reclam-Heftes, der die Größe und das Urtümliche der wagnerschen Werke erläutert, aber ohne jede verführerische Flamboyanz, nur zuweilen mit dem Tremolo eines „Stöpsels auf der Bühne“ – wie ausgerechnet Wagner schleimige Tenöre nannte.
Götterdämmerungen, auf die es hinausläuft, sind natürlich nicht rational und verstandesmäßig zu erfassen, sie sind das höchste der Gefühle, die orgiastische Übersteigerung, der Höhepunkt der lustvoll zelebrierten Selbst-Zerstörung – aber eben auch eine Implosion. Danach kommt nichts mehr – Nada…nicht mal mehr ein Tristanakkord, der doch ein Ende findet, obwohl man immer glaubte, der Orgasmus ende nie…von wegen, höchste Lust!
Und um auf den Colonel Kurtz zurückzukommen, mit seiner Schreckensherrschaft im tiefsten Dschungel der Finsternis – er wird am Ende auch getötet – und das ist gleichsam der tiefste Wunsch des Wahnherrschers, des Faschisten: Ruhe, Vorbei, Aus, Stillstand, Ende!
Das, was die AfD und so viele andere reaktionäre Vereine tatsächlich wollen, ist ja das Einfrieren der Gesellschaft, der Welt – als ob die esoterische Kryonik je das Leben bewahrt hätte, geschweige denn, ein besseres befördert.
Was die Neofaschisten und ihre Wähler nicht begreifen ist, daß es Entwicklung geben muß, ein Miteinander geben muß, ein Zueinander geben muß (das wäre tatsächlich Survival of the Fittest) – das ist das Leben. Aber sie fürchten eben das Leben und lieben (wie ja auch die islamischen Terroristen, da sind sich die Defätisten aller Couleur einig) den Tod.
Wenn wir uns weiter solche kleinen Vernichter und tatsächlich Todessehnsüchtigen heranziehen, die schon im Sandkasten zuschlagen, randvoll mit Haß, Neid, Gier, Angst und abstoßender Freude an der Grausamkeit, dann dürfen wir uns nicht mehr über weitere Erfolge nicht bloß der AfD verwundern.
Was in dieser Partei und über unser Land hinaus, im Front National oder in der PiS-Bewegung sich gleichsam fleischlich, körperhaft manifestiert ist das einmal kleine, jetzt immer größeres gewordene Herz der Finsternis. Und solcherlei Herzwildwuchs ist, das wissen nicht nur Kardiologen, tödlich.

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