Die immer gleichen Bilder

Nach Paris, San Bernardino, Istanbul, Jakarta, Mogadischu, Kairo, Grand-Bassam und wieder Istanbul heute Brüssel. Bilder des Terrors in Dauerschleife. Die immer gleichen Kommentare ebenfalls. Wir müssen endlich tabufrei über den Islam reden.


Die Bilder gleichen sich. Immer und immer wieder. Paris, San Bernardino, Istanbul, Jakarta, Mogadischu, Kairo, Grand-Bassam, wieder Istanbul und heute Brüssel. Ein Ausschnitt der vergangenen vier Monate.

Terror als Medienspektakel

Die erste Meldung. Eine Bombe ist explodiert – vor dem Fußballstadion, in einer Einkaufsstraße, in der Metro, am Flughafen. Binnen Minuten folgen alle Medien dem Drang zu berichten. Binnen Minuten hypen die Hashtags. #ParisAttacks. #Istanbul. #Brüssel. Im Fernsehen laufen die gleichen Bilder in Dauerschleife, unterbrochen nur von den neuesten Informationen, die bald darauf schon von neueren überholt werden. Zur Auflockerung werden Experten in die Studios geholt, die nicht mehr wissen als ohnehin bekannt ist. Terror als Medienspektakel. Wer nicht berichtet hat keine Einschaltquoten.

Bilder in Dauerschleife, Bilder, die wir seit 15 Jahren kennen, so sehr ähneln sie einander. Im September 2001 zogen sie einen noch für Tage in ihren Bann. Im vergangenen November noch für eine Nacht. Heute habe ich den Fernseher nach wenigen Minuten wieder ausgeschaltet. Die immer gleichen Bilder ohne weiteren Informationsgehalt waren nicht zu ertragen. Das Gerede ohne etwas zu sagen auch nicht.

Alles bekannt

Alles was jetzt noch kommt ist bekannt. Die üblichen Akteure werden in den nächsten Tagen die üblichen und immer gleichen Floskeln von sich geben. Oder haben sie schon von sich gegeben.

Die einen: Das habe nichts mit dem Islam zu tun. Dieser oder jener Täter sei immerhin noch vor kurzem durch die Diskotheken gezogen. Alkohol und andere Drogen inklusive. DER Islam (den es sonst in dieser Diktion nicht gibt) verbiete solche Taten. DER Islam ist eine Religion des Friedens. Die Muslime werden wieder am meisten unter dem Terror leiden.

Die anderen: Warnen vor der Islamisierung des Abendlandes. Sehen in jedem Flüchtling einen Terroristen. Fordern Islamvereine und Moscheen zu verbieten. Versammeln sich schon hinter dem Hashtag #StopIslam.

Die dritten: Fordern strengere Gesetze. Mehr Überwachung.

Ein paar Tage mediales Dauerfeuer. Ein paar Tage Trend auf Twitter und Facebook. Dann gehen wir wieder zur Tagesordnung über. Bis uns der nächste Anschlag für Minuten aus unseren Träumen reißt.

Keine Tabus

Denn das, worüber wir reden sollten, wird – von ein paar wenigen Stimmen abgesehen – ausgeblendet. Es geht nicht um DEN Islam und schon gar nicht um DIE Muslime – und trotzdem geht es um den Islam. Um jenen aktuellen Mainstream des Islam, einen politisierten Islam, wie er auch von den großen Islamverbänden in Europa vertreten wird.

Nach den Anschlägen von Paris schrieb ich:

Die konservativen Verbände liefern den Terroristen letztlich die Inhalte (nicht die Methoden!). Wenn sie den Terror ernsthaft bekämpfen wollen, wenn sie sich für Integration in die Gesellschaft einsetzen wollen, wäre es an der Zeit, dass sie sich mit jenen Inhalten auseinandersetzen, die von den Dschihadisten geteilt werden. Stattdessen diffamieren sie all jene, die wie Mouhanad Khorchide, Ednan Aslan oder die Mitglieder des im April dieses Jahres gegründeten Muslimischen Forums Deutschlands genau diese Auseinandersetzung offen führen wollen. Es ist an der Zeit, dass die Gesellschaft die Verbände zu dieser Auseinandersetzung zwingt, dass sie sich nicht mehr mit den Lippenbekenntnissen der Verbandsvertreter begnügt, das habe alles nichts mit dem Islam zu tun – denn es hat in erster Linie mit dem Islam und seiner Auslegung durch den konservativen Mainstream zu tun.

Daran hat sich nichts geändert. Die Auseinandersetzung um den Islam und um jene Inhalte, die von diversen Vereinen und Verbänden in Schulen, Kindergärten und Moscheen getragen wird, ist keine innerislamische. Sie geht uns alle an. Denn sie wird in unserer Gesellschaft ausgetragen. Jetzt. Die demokratische Mitte der Gesellschaft – unabhängig vom religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis des/der Einzelnen – ist gefordert, sie offen und ehrlich zu führen, will sie die Definitionsmacht nicht weiter den Rechten auf der einen und den Islamisten auf der anderen Seite überlassen.

Die Alternative? Die nächsten Bomben. Bilder in Dauerschleife. Medienspektakel. Bekenntnisse. Hashtags. Und eine Gesellschaft, die es immer weiter auseinanderreißt.

Heiko Heinisch

Heiko Heinisch

Nach Abschluss des Geschichtsstudiums arbeitete Heiko Heinisch u.a. am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft. Nach längerer freiberuflicher Tätigkeit arbeitet er seit Mai 2016 als Projektleiter am Institut für Islamische Studien der Universität Wien. Nach längerer Beschäftigung mit den Themen Antisemitismus und nationalsozialistische Judenverfolgung wuchs sein Interesse an der Ideengeschichte, mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Ideen von individueller Freiheit, Menschenrechten und Demokratie. Er hält Vorträge und veröffentlichte Bücher zu christlicher Judenfeindschaft, nationalsozialistischer Außenpolitik und Judenvernichtung und widmet sich seit einigen Jahren den Problemen, vor die Europa durch die Einwanderung konservativer Bevölkerungsschichten aus mehrheitlich islamischen Ländern gestellt wird. Daraus entstand das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“ im Wiener Passagen Verlag (2012). Er ist Mitglied des Expert_Forum Deradikalisierung, Prävention & Demokratiekultur der Stadt Wien. Im Dezember 2016 erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Charlie versus Mohammed. Plädoyer für die Meinungsfreiheit“ im Passagen Verlag.

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