Verblödung durch Drüberreden — Hämophektiken des Stereotypverfertigens (1)

Teil 1 des Essays von D. H. Rapoport stellt die Grundfrage nach dem rassistischen Stereotyp: Wie aus Vielfalt Einfalt wird.

Cuba - Havana Public Artwork - Mar 2014 - Empty Headed Conversation Gareth Williams - CC BY 3.0 / zugeschnitten

Rassismus ist ja eine Form von Dummheit. Soll jetzt mal kein Urteil sein, sondern eine Feststellung. Denn unzweifelhaft zeugt von Einfalt, alle Übel der Welt einer bestimmten Sorte Mensch anzulasten. Das wunderbare Wort „Einfalt“ faßt den ganzen Unsinn wie kein anderes: Die mannigfachen Ursachen des sich-so-Zutragens unserer Geschichte werden durch den Rassisten in eine einzige gefaltet: Der Jude wars, oder der Kanake, der Neger, der Muselmann.

Gewiss, es gibt Abstufungen der Schuldzuweisungen. Also etwa, dass der Kanake nur Schuld auf sich lädt, wenn er in unser Land kommt, während der Jude auch dann Schuld hat, wenn er bleibt, wo er ist. Oder der Muselmann, der schlimmer ist als der Neger, weil er vorsätzlich brandschatzt und mordet, während sich dieser durch abnorme Schnakselsucht inklusive Kinderindieweltsetzen eigentlich nur seiner dräuenden Altersarmut erwehren will. Und so weiter.

Schön blöd, das alles, nicht wahr? Wie aber kommt es dann, dass so viele Menschen anfällig für solche oder ähnliche Stereotype sind? Selbst kluge Menschen, selbst Leute mit ansonsten unbestechlichem Verstand? Selbst Leute, die vielleicht täglich ganz normalen Umgang mit Juden oder Türken pflegen?

Am Grunde des Durchschauens rassistischer Stereotype nämlich verbleibt eine Frage, die meines Erachtens immer noch ungelöst ist. Sie lautet: Wie kommt es zu der seltsam vereinheitlichten Wahrnehmung einer gemischten Gruppe von Menschen durch eine gemischte Gruppe von Menschen? Welcher Mechanismus bewirkt, dass aus Vielfalt Einfalt wird?

Zuerst: Ganz eigene Erfahrungen

Denn es scheint mir ganz unbestreitbar, dass jeder Mensch seine eigenen, ganz privaten Erfahrungen mit verschiedenen Menschengruppen macht. Einer kennt Türken aus seiner Schulzeit, ein anderer hat türkische Kollegen, einer kennt den Türken nur als Dönermann, einer wurde mal von einer Türkengang vermöbelt und eine hat einen türkischen Mann geheiratet und fährt nun jeden Sommer zu dessen Familie in die Türkei. Einer war zwei Jahre in Israel, um dort zu studieren, einer traut sich das Wort „Jude“ nicht auszusprechen, weil er es für einen Pejorativ hält, einer hält Juden für notorische Genies, und einer kennt nur Michel Friedman.

Kurz, es existieren zu jeder gedachten oder tatsächlichen Gruppe eine Unmenge privater Erfahrungen, die sich alle voneinander unterscheiden. Sie spielen ganz eigene Rollen im Leben eines jeden Menschen; manche dieser Erfahrungen sind vielleicht einschneidend, manche sind euphorisierend, manche traumatisierend, andere beiläufig oder alltäglich, und noch andere vergisst man sofort. Die Frage lautet: Wie wird aus diesem Reichtum unterschiedlicher Erfahrungen die Armut des vereinheitlichten Stereotyps hergestellt? Wie wird aus der Mischkultur tausender Geschichten die Monokultur der „Geschichte“?

Es wurden nun bereits eine Menge Vorschläge gemacht, wie diese Frage zu beantworten sei. Ein Beispiel ist die Antisemitismustheorie von Moishe Postone. Ich habe diese Theorie mehrfach gescholteni und plane, was ich beim Abfassen dieser Schelte gelernt habe, im Folgenden weiter entwickeln. Eine andere Theorie, die die Herausbildung von Stereotypen und irrationalen Vorurteilen erklären soll, hat mein Freund und Hirnteiler Felix Bartels in seinem Werk „Odysseus wär zuhaus geblieben“ aufgestellt.

Obwohl Bartels Argumente um Klassen besser sind, als Postones, behandle ich beide, Postone und Bartels, in diesem Essay als prototypische Vertreter der selben theoretischen Grundrichtung. Beider Theorien nämlich eint, daß sie das Herausdestillieren einer vereinheitlichten Stereotype aus der Vielfalt der Erfahrungen als einheitlich fehlgeleitete Wahrnehmung erklären.

Alle mit getönten Brillen?

Das geht so: Schon beim Auffassen der Welt würde ein psychologischer Mechanismuns wirksam, welcher das Wahrgenommene sozusagen ins falsche Töpfchen sortierte. Ein einfacher Vertreter dieser Art von Theorien wäre zB. die Auffassung, Rassisten würden in der Regel an einem Minderwertigkeitskomplex leiden und deshalb ein geeignetes Objekt suchen, durch dessen Wahrnehmungs-Verkleinerung und -verhässlichung sie sich selbst erhöhen könnten. Das ist natürlich nicht die ganze Theorie, aber ich gebe diese Auffassung so knapp, um anzudeuten, von welcher Art Theorien hier die Rede geht. Es geht um Theorien des Inhaltes, dass die private Wahrnehmung der Menschen so gesteuert wird, dass bereits an dieser Stelle, also an der Stelle der Wahrnehmung und Konstruktion von Wirklichkeit, die Vereinfältigung des Wahrgenommenen bis zur rassistischen Stereotype stattfindet. Im Grunde also bestreiten diese Theorien die Vielfalt der Wahrnehmungen. Es ist, als hätten die Menschen getönte Brillen auf, welche die Farbigkeit der Welt in eine monochrome Tristesse verwandelte (und viele Farbnuancen und -kontraste ganz unterschlüge). Die kausale Rolle dieser Brille würde vom jeweiligen psychologischen Mechanismus der Wahrnehmungssteuerung übernommen.

Postone beispielsweise bemüht den psychoanalytischen Vorgang der Übertragung, welche gleich zweimal hintereinander statt habe. Einmal, indem die kapitalistischen Verhältnisse (sie sind das Wahrgenommene) auf ihre „abstrakte Erscheinungsweise“ reduziert und sodann, indem diese „abstrakte Erscheinungsweise“ im Stereotyp des Juden konkretisiert, bzw. personalisiert würde. Das klingt jetzt vielleicht krude. (Zumal in dieser gedrängten Darstellung. Aber der Leser mag mir hierin vertrauen, dass auch eine längere Erläuterung die eigentliche Krummheit des Gedankens nicht begradigte.) Es wird wohl daran liegen, dass es krude ist.

Es gäbe nun viel an Theorien zu kritisieren, die eine vereinheitlicht fehlgeleitete Wahrnehmung als Mechanismus für die Herausbildung von Stereotypen nennen. Ich möchte jedoch gern mehr als Kritik leisten; ich möchte einen Gegenentwurf anbieten. Deshalb (und aus Gründen der Faulheit) deute ich meine Kritik nur an.

Faktische Unbeweisbarkeit

Eine erste Kritik wäre die faktische Unbeweisbarkeit der meisten Wahrnehmungs-Theorien. Wie nämlich wollte man empirisch belegen, in welcher Weise die Wahrnehmung – im Fall Postones beispielsweise der kapitalistischen Verhältnisse – beim durchschnittlichen deutschen Volksgenossen Mitte der 1930er erfolgte? Man hat ja keinen Hirnguckkasten. Auch an (ohnehin zweifelhaften) Selbstauskünften und Introspektionsprotokollen dieser Leute, die Rückschlüsse auf den Ablauf ihrer Wahrnehmungen zuliessen, herrscht Mangel. Aber gut. Lassen wir diesen Einwand einmal unausgeführt und nur der Vollständigkeit halber angedeutet.ii

Eine weiterer, und in der vorliegenden Sache belangvollerer Vorwurf an Theorien vereinheitlicht fehlgeleiteter Wahrnehmungen ist ganz einfach die Unwahrscheinlichkeit der Behauptung. Es will mir wenig glaubhaft vorkommen, dass in allen Köpfen der selbe (mehr oder minder pathologische) Psychomechanismus am Werk sein sollte. Die Grundfrage wird letztlich nicht gelöst, sondern nur verlagert. Sie währt als Frage nach der Einheitlichkeit einer Wahrnehmungsschwäche fort. Denn eigentlich würde man doch erwarten, dass die Wahrnehmungsverzerrungen der Mitglieder einer Gruppe ungefähr genauso divers sein sollten, wie die Erfahrungen, die sie in ihrem Leben gemacht haben. Mir zumindest erscheint nicht wirklich plausibel, dass die Majorität einer Generation mit einem Male an der selben Augenkrankheit leidet. Ich würde vermuten, dass es einer mit den Augen hat, ein anderer mit den Ohren und der nächste wieder an Magengrimmen und saurem Aufstoß leidet. Einer ist cholerisch, einer griesgrämig, einer argwöhnisch und einer langweilt sich immerfort. Wieso sollte man annehmen, dass in all diesen Leuten plötzlich der selbe Phantomschmerz auf die selbe Weise und an der selben Stelle entsteht, sobald sie eines Juden oder Negers oder Kanaken gewahr werden?

Um Vergebung, aber ich glaube nicht an derlei. Ich bleibe lieber bei dem Glauben, daß Wahrnehmung und Konstruktion der Lebenswirklichkeiten der Menschen so verschieden ist, wie die Menschen, die sie wahrnehmen bzw. konstruieren. Ich bestreite die Einheitlichkeit des Wahrgenommenen. Unsere Frage ist damit nicht aus der Welt, sondern lediglich leicht umformuliert. Sie lautet nun: Wie wird aus der Unterschiedlichkeit der vielen individuellen Wahrnehmungen die Einheitlichkeit des kollektiven Stereotyps? Und die Antwort, die ich hier entwickeln will: Durch Kommunikation. Dadurch, dass wir drüber reden. Mehr darüber: demnächst.

iu.a. in dem Aufsatz „Die reizlose Seite des Humanismus“, erschienen im ARGOS No5, 2009

iiZugegebenermassen macht die Kognitionswissenschaft Fortschritte. Sie hat ziemlich schlaue Verfahren entwickelt, die Rückschlüsse, selbst auf unbewusste Wahrnehmungsgewohnheiten zulassen. Beispielsweise hat das von Shelley E. Taylor Ende der 1970er entwickelte „Erinnerungverwechslungsprotokoll“ die Rassismusforschung durchaus voran gebracht. Das geht so: Ein Proband sieht Bilder verschiedener Personen und dazu gehörige Aussagen. Die Aufgabe des Probanden besteht darin, sich zu merken, wer was gesagt hat. Es werden jedoch mit Absicht mehr Bild-Aussagen-Paare gezeigt, als sich ein normaler Mensch merken kann, so dass er bei der erinnernden Zuordnung Fehler machen wird. Diese Fehler, nimmt man an, widerspiegeln unbewusste Wahrnehmungsgewohnheiten (i.e. Merkmale anhand derer sich das Gedächtnis orientiert). Würde man beispielsweise häufiger eine Aussage fälschlich Bildern der selben “Rasse” wie die, der richtigen Person zuordnen, so kann das als Hinweis auf eine (unbewusste) Wahrnehmung von Rassenmerkmalen interpretiert werden. Man möge mir die Kurzangebundenheit an dieser Stelle verzeihen, aber ich denke auch ohne detaillierte Methodenkritik sollte klar sein, dass die Mächtigkeit solcher Verfahren nicht hinreicht, um Behauptungen wie Postones „doppelte Übertragung der Wahrnehmung kapitalistischer Verhältnisse“ zu beweisen oder widerlegen. Es geht einfach nicht. Das ist einer der Hauptgründe, aus dem ich Postones Theorie als zwar reizvoll, aber nichtsdestoweniger unwissenschaftlich zurückweise.

Daniel Rapoport

Daniel Rapoport

Daniel H. Rapoport, geb. 1971, studierte Chemie an der TU Berlin und arbeitet seitdem als Wissenschaftler an Technologien zur Analyse und Vermehrung menschlicher und tierischer Zellen. Neben wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht D.H. Rapoport Essays und Glossen zu Politik, Philosophie und Kunst.

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