Sag mal „Jude“

Trauen Sie sich, „Jude“ zu sagen? Versuchen Sie es mal!

Smartphone in Tel Aviv. Ist sie Jüdin? Foto: U.S. Embassy Tel Aviv, Lizenz: CC BY 2.0

Eine kleine Übung

Bevor Sie gleich weiterlesen, machen Sie mal eine kleine Sprechübung. Sagen Sie mal „Jude“ – oder „Juden“. Wenn das klappt, dann bilden Sie mal Sätze wie „Sind Sie Jüdin?“ oder „Gestern habe ich im Museum drei Juden gesehen.“

Falls Ihnen das schwer fällt, dann sagen Sie zur Auflockerung erst mal Wörter wie „Franzose“, „Christin“, „Sind Sie Chinesin?“, „Gestern traf ich einen Buddhisten“. War das einfach? Dann probieren Sie wieder Sätze mit „Juden“, „Jude“ und „Jüdin“.

So, mit dieser Sprecherfahrung können Sie in meinen kleinen Text einsteigen.

Eine Anekdote

Eine Bekannte, die ein paar Monate in Israel gearbeitet hatte, kehrte kürzlich nach Deutschland zurück. Am nächsten Tag brachte sie hier ihr Mobiltelefon zur Reparatur. Empört berichtete sie anschließend, dass der Mann im Laden sie beim Anblick der israelischen SIM-Karte gefragt habe, ob sie Jüdin sei. Sie empfand diese Frage irgendwie „verdammt deutsch“.

Was aber soll daran nun besonders deutsch, sein, was ist daran verwerflich? Stellen wir uns vor, eine junge Frau mit Berliner Dialekt kommt in einen Handyladen und in ihrem Handy findet sich eine französische SIM-Karte. Natürlich könnte der Ladenbesitzer neugierig fragen „Sind Sie Französin?“ Auf diese Frage gäbe es eine Vielzahl möglicher Antworten, bis hin zu „Das geht Sie gar nichts an!“ aber niemand würde diese Frage als „verdammt deutsch“ bezeichnen.

Es gibt kluge Leute, die darauf hinweisen, dass „Jude sein“ grundsätzlich etwas anderes bezeichnen würde als „Franzose sein“ oder „Italiener sein“. Wenn unser Handyladenbesitzer etwas Vergleichbares gefragt haben wollte, hätte seine Frage lauten müssen „Sind Sie Israelin?“. Das ist aber falsch.

Israel: Der Staat der Juden

Nehmen wir an, der gute Mann habe tatsächlich wissen wollen, ob meine Bekannte israelische Staatsbürgerin sei, oder ob sie zum israelischen Volk gehöre. Dann ist es wenigstens genauso präzise, sie zu fragen, ob sie Jüdin sei, wie es in Ordnung ist, zu fragen, ob jemand Franzose ist, von dem man eigentlich wissen will, ob er französischer Staatsbürger sei. Auch Deutsche können bekanntlich französische Staatsbürger werden, somit ist es nicht exakt das Gleiche, „Franzose“ zu sein und „französischer Staatsbürger“ zu sein. Israel ist der jüdische Staat, er ist zu dem Zweck gegründet worden, den Juden einen Staat, eine Heimat zu geben. Natürlich gibt es auch israelische Staatsbürger, die keine Juden sind, aber dass jemand, der aus Israel kommt, Jude ist, das ist keine so fern liegende Vermutung.

Auch wenn den Mann die Staatsbürgerschaft weniger interessiert hat als die Volks- und Religionszugehörigkeit, wäre seine Frage hinreichend präzise und seine Vermutung berechtigt gewesen. Sie hätte die Bedeutung von „verstehen Sie sich als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft?“ – was bei jemandem, der ein Mobiltelefon mit einer israelischen SIM-Karte besitzt, etwa so plausibel ist, wie die Frage „Sind Sie Buddhist?“ wenn die SIM-Karte aus Bhutan gewesen wäre. Warum sollte man das nicht vermuten?

Sprachliche Juden-Vernichtung

Jetzt wird es empörend, das haben Sie, meine kritische Leserin, und Sie, mein aufmerksamer Leser, schon bei der Zwischenüberschrift gemerkt.

Was passiert denn eigentlich, wenn man sich darüber empört, dass jemand einen anderen einen Juden nennt – oder ihn auch nur fragt, ob er Jude sei? Implizit wird das Jude-sein mit einem Makel versehen. Die abwertenden Bedeutung des Wortes Jude, die sicherlich eine jahrhundertealte Tradition in Europa hat und ihren schrecklichen Höhepunkt mit der Shoah fand, wird übernommen. Ignoriert wird, dass Menschen sich selbstbewusst und selbstverständlich als Juden empfinden – und auch als solche angesprochen und akzeptiert werden möchten. Die Unfähigkeit, das Wort Jude auszusprechen, eine Person gar darauf anzusprechen, ob sie Jüdin sei – das tabuisiert das Judentum, das jüdische Volk. Es drängt die Juden aufs Neue ins Nichts. Jude zu sein wird sieben Jahrzehnte nach dem Ende der Shoah als nicht-aussprechbarer Makel inszeniert. Es scheint, als wäre es empörend, dass jemand annehmen kann, man sei Jude.

Nur wenn wir ganz selbstverständlich „Jude“ sagen können und andere Menschen als Juden ansprechen können, beenden wir die Vernichtung der Juden als Volk und als Identität von Menschen.

Stellen wir uns vor, die junge Frau wäre tatsächlich Jüdin gewesen. Was wäre dann passiert, wie hätte sie auf die Frage „Sind Sie Jüdin?“ geantwortet? Wäre ihr die Frage unangenehm gewesen? Wohl kaum.

 

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die Welle um die Gravitationswellen.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • WItzig

    Selbstverständlich ist es ein Problem, Israel und Juden gleichzusetzen. Denn – wie Sie zwar richtig bemerken, aber daraus nicht die richtigen Schlüsse ziehen – sind diese Begriffe nicht deckungsgleich. Dass zudem mit dieser Gleichsetzung nur zu oft die strukturell antisemitische Verunglimpfung Israels („die Juden!“) einhergeht, fällt dabei unter den Tisch.

    „Sind Sie Israeli?“, wäre die einzig adäquate Frage.

    • Jörg Friedrich

      Adäquat wozu? Adäquat kann eine Frage ja immer nur zum Erkenntnisinteresse des Fragenden sein. Wenn es den Mann interessiert hat, ob sie Jüdin ist, warum sollte er dann fragen, ob sie „Israelin“ ist?

  • Hilmar Weckert

    juden sind ein arabischer stamm der semiten .- die mosaische gottheit nach jakobs traum zu israel .dabei stört mich weniger ihre wechselhafte geschichte sondern die assimilative wandelbarkeit und genau das ist „jüdische “ am „juden“

    • Jörg Friedrich

      Der letzte Satz Ihres Kommentars ist gleich in zweifacher Hinsicht unhaltbarer Unsinn. Erstens gibt es keine besondere „assimilative Wandelbarkeit“ – vielmehr ist es eine ganz menschliche Verhaltensweise, sich neuen und veränderten Umständen anzupassen. Zweitens, selbst wenn es so eine „assimilative Wandelbarkeit“ gäbe – was wäre daran schlecht oder störend? Ich kann Ihren Kommentar nur als paradigmatisches Beispiel für Rassismus lesen – der sich ja in seiner Unhaltbarkeit immer wieder selbst entlarvt. Und als ein solches Beispiel lasse ich ihn hier auch stehen, weise aber schon mal darauf hin, dass ich weitere Kommentare, die in die gleiche Richtung gehen, ohne Erklärung löschen werde.

    • Heiko Heinisch

      Mal davon abgesehen, Herr Wckert, dass ich Ihren Kommentar als antisemitisch betrachte („das jüdische am Juden“, „assimilative Wandelbarkeit“), ist er historisch und ethnologisch schlicht falsch. Weder sind die Juden ein arabischer Stamm, noch die Semiten eine ethnische Kategorie. Das Semitische ist eine Sprachgruppe, ähnlich dem Indogermanischen. Semitische Sprachen wurden und werden seit rund 6000 Jahren über einen recht großen geographischen Raum verteilt gesprochen, aber deren Sprecher gehören dadurch nicht automatisch einer gemeinsamen ethnischen Gruppe an, noch müssen sie zwingend von einem gemeinsamen „Stamm“ abstammen, auch wenn Rassisten das im Falle der „Semiten“ gerne nahelegen. Kurz gesagt: Eine Sprachfamilie ist eine Familie verwandter Sprachen und nicht eine Familie ethnischer Zugehörigkeit.

      • Hilmar Weckert

        das wichtigste dabei ist das man mir rassismus unterstellt.-denn ohne den begriff „rassismus“ läuft ja in deutschland nichts .-damit das mal klar ist.-ich leide nicht unter dem auschwitz syndrom.- wogegen die deutschen heute als Nazi, kartoffeldeutsche odgl stigmatisiert werden. .-wie ich das judentum sehe .-geschieht nach meinem verständnis und nicht nach ihrem ihrem herr friedrich und hören sie auf andere „moralisch“ zu korrigieren und ihnen antisemitismus zu unterstellen.es ein leichtes, heute einem menschen .-rassismus oder antisemitismus zu unterstellen und doch sage ich immer noch was ich denke .-.wenn ihnen das nicht gefällt können sie mich doch anzeigen.für mich gilt immer noch :
        „rasse die man hat .-und rasse die man ist .-das eine ist ethos und das andere ist zoologie“ .-und assimilative wandelbarkeit haben alle diejenigen menschen, wenn sie sich den umständen und zuständen anpassen können.-mehr habe ich nicht gemeint.-denn juden sind auch menschen oder?

  • Deckard

    “ Am nächsten Tag brachte sie hier ihr Mobiltelefon zur Reparatur. Empört
    berichtete sie anschließend, dass der Mann im Laden sie beim Anblick
    der israelischen SIM-Karte gefragt habe, ob sie Jüdin sei.“

    Lassen sie mich raten, der „Mann im Laden“ war Moslem, richtig?

    • Jörg Friedrich

      Das ist nicht überliefert. Wofür wäre das wichtig? Und was lässt Sie das vermuten?

      • Deckard

        Das will ich ihnen verraten Herr Friedrich. Es spielt in der Regel nur für Muslime eine Rolle ob ein Mensch jüdischen Glaubens ist, der Muslim hat den Antisemitismus quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Ich möchte nicht absprechen, dass es auch Nicht-Muslime gibt für die es tatsächlich so wichtig wäre, als dass man diese Frage stellte. Jedoch bin ich mir ziemlich sicher, dass sie kaum jemanden finden werden, der so etwas ernsthaft fragt. Die Deutschen sind doch eher nicht besonders religiös, zumindest die ohne „Migrationshintergrund“ – eventuell Bayern.. Nur wage ich zu bezweifeln, dass ein Bayer diese unnötige Frage stellen würde.

        • Jörg Friedrich

          „Der Moslem“ hat den Antisemitismus mit der Muttermich aufgesogen, quasi? Das klingt mir aber sehr nach – möglicherweise quasi mit der Muttermilch aufgesogenem – Antiislamismus, muss ich zugeben. Ich vermute ehrlich gesagt, dass es sehr viele Moslems, gerade hier in Deutschland gibt, denen das Judentum gänzlich gleichgültig ist.
          In meinem Text spielt ja der Handyverkäufer auch nur eine Nebenrolle. Zu vermuten ist jedenfalls, dass er nicht gerade einen ausgeprägten Migrationshintergrund hatte, da die berichtende Bekannte das Erlebnis ja als „verdammt Deutsch“ beschrieb. Mich interessiert denn auch weniger der Mann hinter der Ladentheke als vielmehr die Reaktion der Frau davor, die es offenbar für grundsätzlich verwerflich hält, eine Person als Jüdin anzusprechen oder zu vermuten, und interessiert nachzufragen, dass sie Jüdin sei.

  • derblondehans

    Wat dat alles so jibt.

    … ich kenn‘ mich da nicht so aus, aber wer bringt sein Mobiltelefon mit Sim-Karte zur Reparatur? … mich hat noch kein Mensch gefragt ob ich Jude bin, wenn ich Jaffa-Orangen oder ob ich Italiener sei, wenn ich Pasta im Einkaufswagen hatte. Ich wäre deswegen allerdings auch nicht empört.

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