Guter Gott? Böser Gott?

Religionen sind vielfältige Gebilde, die widersprüchlich aussehen, wenn man sie auf einen Aspekt reduzieren will. Gerade die Religionskritik läuft Gefahr, dogmatische Zerrbilder zu produzieren.


Terror zu Ehren eines Gottes oder im Namen einer Religion erschüttert die Welt. Im Namen Gottes sind Kriege geführt worden, wurden Menschen als Hexen und Ketzer verbrannt, Kulturen ausgelöscht. Kunstwerke und steinerne Zeugnisse alter Zivilisationen wurden aus vorgeblich religiösen Gründen zerstört. Auf der anderen Seite kennt die Geschichte auch Menschen, die gerade durch ihren Glauben fähig waren, gutes zu leisten, dem Bösen zu widerstehen. Der Glaube hat in dunklen Zeiten die Menschen stark gemacht, Anderen, Schwächeren und Unterdrückten zu helfen. Im Namen jeder Religion sind schon große Werke der Kunst geschaffen worden, und viele gute, uneigennützige, aufopfernde Menschen ziehen aus dem Glauben die Kraft für ihre tägliche Arbeit.

Was ist überhaupt Religion?

Um zu verstehen, wie diese widersprüchliche Wirkung von religiösen Überzeugungen möglich ist, muss man sich vielleicht erst einmal fragen, was Religion überhaupt ist. Man kann ja ohne Schwierigkeiten verschiedene Religionen aufzählen, Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus. Man weiß irgendwie, dass man mit all diesen Begriffen Religionen bezeichnet. Aber weder ist klar, ob man damit eine Menschengruppe, eine Organisation, Gebäude und Orte oder irgendwelche Regelwerke bezeichnet, noch weiß man, was all diese Religionen gemeinsam haben, damit wir sie von anderen sozialen Erscheinungen, z.B. Sportarten, Kunstgattungen, politischen Gebilden, unterscheiden können.

Wann also ist etwas eine Religion, und um was handelt es sich dabei?

Glaube, Kult, und Autorität

Religionen können wir aus drei Perspektiven betrachten, die in irgendeiner Form bei allen von ihnen ausgeprägt sind. Da gibt es zuerst mal einen Glauben an eine Transzendenz. Das kann ein Gott sein oder eine ganze Götterwelt, aber auch eine Welt der Ahnen oder der Seelen aller Menschen. Ein religiöser Glaube ist von etwas überzeugt, was jenseits unserer Erfahrung existiert, unseren alltäglichen Sinnen aber nicht zugänglich ist, jedenfalls nicht so, dass wir einfach darauf zeigen könnten und zu jemandem anders sagen können: Siehst du das? Hörst du das auch?

Zwar spricht man auch vom Transzendenten so, man betrachtet etwa ein religiöses Bild oder ein Bauwerk und sieht darin das Göttliche. Oder man sieht es in einem Naturschauspiel. Vielleicht sieht man es auch, wenn man ein altes Paar beobachtet, bei dem einer den anderen stützt. Aber jeder weiß, dass dann nicht das bloße Augenaufreißen und Ohrenaufsperren genügt, dass da mehr Sinne gebraucht werden, als die, deren Wirkung wir physikalisch beschreiben können.

Gerade weil wir das Transzendente nicht sehen, hören oder riechen können, gehört zum Glauben auch die Überzeugung darüber, wie dieses Transzendente mit uns in Kontakt kommt, etwa über einen Zeugen, der vom Transzendenten inspiriert wurde, und der uns das Transzendente sehen gelehrt hat. Diesen Zeugen nennt man dann Prophet, Gottes Sohn oder Apostel. Auch Überzeugung, dass das Transendente direkt zu jedem Einzelnen spricht, etwa in der Erkenntnis des Guten und Schönen, oder im Gewissen, gehört zu diesem Teil des Glaubens.

Der zweite Aspekt der Religion ist der Kult, das gemeinschaftliche, choreografierte Glaubenserlebnis. Die Handlungen, mit denen man sich des Glaubens versichert, und die der Glaube als richtiges Wirken in der Welt vorgibt, gehören zum Kult. Ist der Glaube mit einem oder mehreren inspirierten Vermittlern der Transzendenz verbunden, dann ist der Kult zumeist in einem schriftlichen Regelwerk festgelegt, er kann aber auch durch Tradition gelehrt und weitergegeben werden. Wie auch immer, Regelwerke sind immer Gegenstand der Interpretation, sie müssen von jeder Generation und an jedem Ort neu gedeutet werden. Auch wenn die Autoren vom Transzendenten inspiriert waren, haben sie die Sprache einer bestimmten Zeit und Gegend genutzt, sie haben an die Erfahrung der Menschen in ihrer Umgebung angeknüpft.

Somit gibt es nicht nur große inspirierte Erst-Vermittler der Religionen, die Propheten, die Evangelisten oder andere, sondern im Laufe der Geschichte einer Religion auch große, bedeutende Interpreten. Es ist klar, dass verschiedene Menschen in einem Glauben übereinstimmen, aber die Regeln für den richtigen Kult unterschiedlich interpretieren und in ihrer konkreten Umwelt unterschiedlich ausdeuten.

Die Choreographie des Kults wird in den Religionen organisiert, ihre Weitergabe wird gelehrt, Autoritäten werden definiert. Es entstehen Institutionen, etwa Gemeinden und Kirchen, in denen die Autoritäten stabilisiert werden. Autoritäten entlasten den Einzelnen von der Notwendigkeit, selbst herauszufinden und detailliert zu prüfen, was der richtige Kult ist. Institutionalisierte Autoritäten erklären dem religiösen Menschen, warum sein Glaube in genau bestimmter Weise in einem Kult praktiziert werden kann, und warum die Institution, die die Autorität vertritt, der richtige Ort ist, um den Kult zu praktizieren

Wiederum ist offensichtlich, dass zwei Menschen, die den gleichen Glauben haben und auch einen gleichen oder ähnlichen Kult praktizieren, noch längst nicht die gleichen Autoritäten akzeptieren müssen.

Religionen sind also einerseits Überzeugungen, die bestimmte konkrete Menschen haben, und die sich nicht in einfachen Beobachtungen der Welt bestätigen oder widerlegen lassen. Anderseits sind es Handlungen, die gemeinsam praktiziert und von Gemeinschaften gepflegt und weitergegeben werden. Drittens sind Religionen Institutionen, die Autoritäten stabilisieren und Zugehörigkeiten definieren. Religionen können wir als Hybride aus individuellen Überzeugungen, ritualisierten Handlungen und autoritären Institutionen ansehen.

Nebenbei sei an dieser Stelle kurz bemerkt, dass auch andere Phänomene des Gesellschaftlichen religiöse Züge aufweisen, wenn sie die skizzierte hybride Struktur aus Glauben, Ritual und Institution zeigen.

Gleichzeitig zeigt sich, dass jede Religion, wenn sie erst einmal alt genug ist, ganz selbstverständlich zu einem vielfältigen, inkonsistenten, schillerndem Gebilde wird, das notwendig widersprüchlich erscheinen muss, wenn man es als solitäre, klare Struktur ansehen will, das einfache Ursache-Wirkungs-Prozesse auslöst. Wenn man etwa meint, dass die Anweisungen und Vorschriften eines heiligen Werkes einer Religion zwingend zu bestimmten Verhaltensweisen der Gläubigen führen müssen, wird man der schillernden Vielfalt einer Religion nie gerecht.

Bibelzitate und Koranverse sind kein Beweis

Es sind heute weniger die Gläubigen, die eine wörtliche Auslegung und ein buchstäbliches Befolgen von Bibelzitaten oder Koranversen fordern, als die Religionskritiker. Sie sammeln Suren und meinen, daraus etwa die kriegerische Ausrichtung des Islam ableiten zu können. Sie lesen die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments und meinen, dass diese von der modernen Naturwissenschaft widerlegt worden ist.

Bekanntlich gibt es in jeder Religion fundamentalistische Auslegungen, die die heiligen Schriften, in denen ihr Glauben zuerst bezeugt wurde, in ihrem Wortlaut buchstäblich auffassen und als simple, unmittelbare Handlungsvorschrift nehmen wollen. Das führt fast automatisch zu einer Ablehnung der gegenwärtigen Gesellschaften, denn der Wortlaut eines Textes, der Jahrhunderte oder Jahrtausende alt ist und in einer ganz anderen Umgebung für Menschen mit ganz anderer Erfahrung aufgeschrieben wurde, kann nicht wörtlich auf unsere Welt passen, sei er inspiriert von einem Gott oder nicht. Der Gott, den wir uns auf diese Weise vorstellen, muss fast notgedrungen als böser Gott erscheinen, der fordert, die heutige Welt abzulehnen oder gar zu bekämpfen.

Den meisten Gläubigen ist das jedoch bewusst. Sie suchen in den alten Texten und in den überlieferten Kulten den Geist des inspirierenden Gottes und sie wissen, dass die Menschen, die die Texte in menschlicher Sprache aufgeschrieben, weitergegeben und übersetzt haben, fehlbar waren. Ihr Gott ist ein guter Gott, der menschenfreundlich ist, und menschenfeindliche Interpretationen können nicht richtig sein, insbesondere, wenn sie an einen Schöpfergott glauben, der seine Geschöpfe selbst liebt und mit der Fähigkeit zu lieben ausgestattet hat.

Die Religionskritiker sind die Dogmatiker

Die Dogmatiker sitzen vor allem außerhalb der Religionen. Diejenigen, die die Religionen für das Schlechte auf der Welt verantwortlich machen wollen, fordern, die Bibel und den Koran als wörtliche, absolute Wahrheit aufzufassen, die buchstabengetreu zu interpretieren ist. Sie wollen nicht deuten und ins Heute übertragen. Sie nutzen die alten Texte mit ihren alten Geschichten, um die Religionen lächerlich zu machen.

Pauschale Religionskritik geht aber fehl, sie kritisiert alte Texte aus heutiger Sicht – das ist sinnlos. Wer einen Text, der tausend oder zweitausend Jahre alt ist, verstehen will, muss sich entweder in ihn einfühlen, oder er muss seine Entstehungssituation erforschen und Sprachwissenschaft betreiben. Beides ist eine aufwändige, aber erhellende Beschäftigung, die auch für das Verstehen unserer heutigen Welt sinnvoll ist, weil sie zeigt, was im Wandel gleich geblieben ist und wo unser heutiges Weltverstehen seine Wurzeln hat.

Sinnvoll ist nicht, heutigen Gläubigen ihre heiligen Texte vorzuhalten und zu fordern, sich von ihnen zu distanzieren. Sinnvoll ist aber, heutige Machtmechanismen der Institutionen zu untersuchen, die Akzeptanz von Autoritäten und die Wirkungen von ritualisierten Kulten zu hinterfragen. Sinnvoll ist auch, kritisch über Glaubensfragen zu diskutieren. Das wird die Religionen nicht schwächen – aber das ist auch gar nicht nötig. Es wird den religiösen Menschen helfen, ihren bösen Autoritäten zu widerstehen und ihre guten Götter zu sehen.

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Jörg Phil Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Phil Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie.

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