Der Mann mit dem Holzhammer

Diosdado Cabello und die Logik autoritärer Macht in Venezuela

Venezuelas langjähriger Machthaber Nicolas Maduro sitzt derzeit in einem US-Bundesgefängnis in Brooklyn ein. Sein Mann fürs Grobe, Diosdado Cabello, ist zu Hause in Caracas nach wie vor ein wichtiger Faktor. Der Hardliner befehligt als Innenminister nicht nur die Polizei, in einer eigenen Fernsehsendung beschimpft er auch regelmäßig die Opposition.

Diosdado Cabello, Nicolás Maduro und Cilia Flores 2013. CC BY-SA 3.0

Es gibt politische Systeme, die sich über Wahlen legitimieren. Und es gibt solche, die Wahlen eher als Dekoration betrachten. Venezuela gehört seit Jahren zur zweiten Kategorie – und Diosdado Cabello ist nicht nur Teil dieses Systems, sondern einer seiner effizientesten Vollstrecker. Wer glaubt, Macht bemesse sich allein an Titeln, hat autoritäre Systeme nicht verstanden. Nicolás Maduro mag Präsident gewesen sein; doch Macht verteilt sich dort, wo Kontrolle, Angst und Loyalität zusammenlaufen. Cabello steht genau an diesem Schnittpunkt.

Macht jenseits der Institutionen

Seit dem Tod von Hugo Chávez im Jahr 2013 ist Venezuela weniger ein Staat als ein Geflecht aus Machtzentren. Institutionen existieren – aber sie wirken oft wie Kulissen. Dahinter agieren Akteure wie Cabello, deren Einfluss sich nicht aus Verfassungen, sondern aus Netzwerken speist. Cabellos Karriere zeigt, wie diese Macht funktioniert: Er war Vizepräsident Venezuelas (2002), mehrfach Minister (u. a. für Infrastruktur und öffentliche Arbeiten), Gouverneur des Bundesstaates Miranda, Präsident der Nationalversammlung (2012–2016) und einer der führenden Köpfe der Regierungspartei PSUV. Diese Ämter sind mehr als Stationen – sie bilden ein dichtes Netz aus Loyalitäten und Zugriff auf staatliche Ressourcen.

Frühe diplomatische Berichte bezeichneten Cabello als „zentralen Pol der Korruption“¹. Was damals nach überzogener Einschätzung klang, wirkt heute fast zurückhaltend. Cabello ist kein Nebenakteur – er ist einer der Mechaniker eines Systems, das sich selbst am Leben hält.

Machtmechanik: Warum Cabello so einflussreich ist

Cabellos Macht ergibt sich aus drei Faktoren:

Erstens: seine Verankerung im Militär. Als ehemaliger Offizier und Weggefährte von Hugo Chávez verfügt er über tiefe Netzwerke innerhalb der Streitkräfte – der entscheidenden Machtbasis des Regimes.

Zweitens: seine Rolle in der Partei. Innerhalb der PSUV gilt er als Organisationsmacht – weniger charismatisch als Chávez, aber deutlich strukturstärker.

Drittens: sein Einfluss auf Sicherheitsapparate. Auch ohne formale Kontrolle über alle Institutionen wird er regelmäßig mit Geheimdiensten und Repressionsstrukturen in Verbindung gebracht. In autoritären Systemen ist entscheidend, wer Zugriff auf Zwangsmittel hat – nicht, wer sie offiziell verwaltet. Und Cabello war und ist in Venezuela so etwas wie der Broker der Macht. Eine Spinne im Netz eines repressiven Staates.

Vorwürfe des organisierten Verbrechens

Die Vorwürfe gegen Cabello sind gravierend: Beteiligung am sogenannten „Cartel de los Soles“, Verbindungen zum internationalen Drogenhandel, Kooperation mit bewaffneten Gruppen³. Die USA haben ihn angeklagt und ein Kopfgeld ausgesetzt⁴. Natürlich gilt formal die Unschuldsvermutung. Politisch jedoch stellt sich eine andere Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein System, das von solchen Vorwürfen durchzogen ist, zufällig funktioniert – und nicht genau deshalb?

Medien als Herrschaftsinstrument

Mit der Fernsehsendung „Con el Mazo Dando“ – auf Deutsch etwa „Mit dem Holzhammer draufhauen“ – hat Cabello ein Format geschaffen, das weniger Journalismus als Machtdemonstration ist. Hier wird nicht diskutiert, hier wird festgelegt. Cabello spricht – und das Land hört zu. Gegner werden vorgeführt, Namen genannt, Narrative gesetzt. Es ist eine Bühne, auf der politische Kommunikation zur Einbahnstraße wird. Die eigentliche Botschaft der Sendung ist simpel und effektiv: Wir sehen euch. Und wir können euch jederzeit sichtbar machen.

Forschung zu autoritären Mediensystemen zeigt, dass solche Formate gezielt eingesetzt werden, um Unsicherheit zu erzeugen und Opposition zu isolieren⁵. Cabellos Sendung ist dafür ein Paradebeispiel – nur weniger subtil. Wenn liberale Demokratien Talkshows produzieren, entstehen Meinungen. Wenn Cabello sendet, entstehen Konsequenzen.

Repression und Menschenrechte

Die Berichte internationaler Organisationen zu Venezuela lesen sich wie ein Lehrbuch autoritärer Repression: Folter, willkürliche Verhaftungen, politische Verfolgung⁶. Sicherheitsapparate, die offiziell dem Staat dienen, fungieren faktisch als Instrumente der Machtsicherung. Die sogenannten Colectivos ergänzen dieses System durch informelle Gewalt. Sie sind die inoffizielle Verlängerung staatlicher Kontrolle – flexibel, einschüchternd und schwer greifbar⁷. Es ist die klassische Arbeitsteilung autoritärer Systeme: Der Staat wahrt die Fassade, andere erledigen den Rest.

Politische Resilienz

Trotz Sanktionen, internationaler Kritik und wachsendem Druck bleibt Cabello eine Konstante. Das liegt weniger an persönlicher Genialität als an der Logik des Systems: Wer Teil der Macht ist, hat wenig Anreiz, sie zu verändern. Autoritäre Systeme brechen selten von außen. Sie erodieren von innen – wenn Loyalitäten kippen. Solange das nicht geschieht, bleibt auch Cabello.

Diosdado Cabello ist kein Betriebsunfall der Politik. Er ist ihr Produkt unter bestimmten Bedingungen: schwache Institutionen, konzentrierte Macht, fehlende Kontrolle. Für liberale Demokratien liegt die unbequeme Wahrheit darin, dass solche Figuren nicht aus dem Nichts entstehen. Sie wachsen dort, wo politische Systeme ihre eigenen Grenzen aufgeben.

Cabello ist deshalb nicht nur ein venezolanisches Phänomen. Er ist eine Warnung.

  1. U.S. Department of State (2009): Diplomatic Cable on Venezuelan Political Elites.
  2. Reuters (2012): Profile on Diosdado Cabello’s Political Influence.
  3. InSight Crime (2020): The Cartel de los Soles Explained.
  4. U.S. Department of Justice (2020): Indictment related to Narco-Terrorism.
  5. Levitsky, S. & Way, L. (2010): Competitive Authoritarianism.
  6. United Nations Human Rights Council (2024): Fact-Finding Mission on Venezuela.
  7. Human Rights Watch (2023): Venezuela Country Report.

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