Warum tanzt der Tänzer?

Geld zwingt Dinge, die eigentlich frei sein könnten – wie Kunst, Körper, Zeit – in ein System von Wert und Vergleichbarkeit. Die einen schwitzen auf der Bühne, die anderen konsumieren das Ergebnis. Dazwischen liegt ein Austausch, den Geld ganz pragmatisch zu regeln versucht – und dabei entsteht ein Übersetzungsfehler, bei dem etwas verloren geht.

Bild: Julia Grinberg

Am Anfang war der Tausch: Dinge gegen Dinge, direkt, sperrig, konkret. Ein Sack Getreide gegen Stoff, ein Werkzeug gegen Vieh. Irgendwann wurde das kompliziert bis unmöglich, man brauchte etwas dazwischen, ein Konverter, ein gemeinsamer Nenner. So entstand Geld, erst Münzen, dann Papier, dann entkoppelte sich das Geld vom realen Wert, wurde zu „Fiatgeld“, wobei ich nicht über wirklichen Wert dieses Vertrauens nachdenken will.

Mit dem Geld kommt eine Verschiebung: Nicht nur Getreide und Stoff bekommen einen Preis, sondern auch Zeit, Kraft und die Fähigkeiten eines Körpers. Man verkauft somit Stunden, Erzeugnisse, Kompetezen, aber nicht den Menschen selbst – auch wenn sich das gedanklich leichter trennen lässt als in der Praxis.

Ich habe darüber neulich im Ballett nachgedacht. Auf der Bühne ein Körper, der sich verausgabt, bis der Schweiß von der Nase tropft, im Publikum saß ich – und die anderen. Manche aufmerksam, manche mit Bonbonpapier raschelnd. Der Kontrast war schwer zu übersehen: diese extreme körperliche Anstrengung dort oben – und diese beiläufige Betrachtung hier unten.

Warum tanzt der Tänzer?

Ein Teil der Antwort ist nüchtern: Das ist sein Job, er bekommt Geld dafür. Aber das ist nicht alles. Gerade im Ballett sieht man, dass der Aufwand in keinem Verhältnis zum Verdienst steht, da kommt etwas anderes ins Spiel: Anspruch, Hingabe, der Wunsch, gesehen zu werden.

Geld zwingt Dinge, die eigentlich frei sein könnten – wie Kunst, Körper, Zeit – in ein System von Wert und Vergleichbarkeit. Die einen schwitzen auf der Bühne, die anderen konsumieren das Ergebnis. Dazwischen liegt ein Austausch, den Geld ganz pragmatisch zu regeln versucht – und dabei entsteht ein Übersetzungsfehler, bei dem etwas verloren geht.

Ich kenne diese hinkende Übersetzung auch, nur vom anderen Ende her. Ich habe lange geglaubt, dass alle meine Tätigkeiten, die nichts mit Schreiben zu tun haben, eine Art Ablenkung sind. Meine Brotjobs waren notwendige Übel, um mir das eigentliche Leben leisten zu können, und es fühlte sich an, als würde ich mich stundenweise verkaufen. Das hat sich verändert.

Ich mag mein Büro, ich mag die Menschen, mit denen ich arbeite, der Inhalt ergibt Sinn für mich – und genau das macht es schwieriger. Ich kann mich nicht mehr innerlich herausziehen, es ist nicht mehr nur Mittel zum Zweck, sondern ein Teil meines Lebens geworden. Ein großer Teil, der mich viel Kraft, meine innere Wachheit – und vor allem Zeit kostet. An manchen Tagen weine ich aus Müdigkeit.

Geld macht vieles beweglicher, zwingt uns aber auch, fortwährend zu entscheiden, wofür wir unsere Zeit hergeben – und wie viel davon noch uns gehört. Ich sitze im Ballett, betrachte einen Körper, der bis an die Grenze geht, und mir wird klar: Ob oben und unten, im Ballett oder im Büro, ob man muss oder will – der Unterschied hat sich aufgelöst. Es gibt kein Außen dieses Systems, nur einen Körper, der fürs Geld aufgebraucht wird.

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