Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Na, ich würde. Sofort. Nach draußen. In die Weite, unter die Bläue des Himmels. Zum Grau des Horizonts, das in spektakuläres Gold oder Rot-Lila schlagen kann. Den Gegenwind spüren. Den eigenen Atem hören, keuchend schwer manchmal, vor allem bergauf. Ich bin kein Läufer, aber ich liebe es Fahrrad zu fahren.
Eine Landschaft, die so gemächlich ansteigt, wie um Augsburg herum, dabei viel Weite und auch ein paar größere Teile Wald enthält, die bietet Unbekanntes und Vertrautheit zugleich. So wie die Jahreszeiten in unseren Breiten sich nur um die Erträglichkeit des Menschen herum bewegen, so findet sich im Umland eine ähnliche moderate Abwechslung, die ein Radfahrer wie ich es bin, genau braucht.
Anfänge auf dem Mountainbike
Ich fahre Mountainbike, und weigere mich, Rennrad zu fahren, obwohl ich weniger Mountain, als umso mehr auf Kies fahre, aber ein Gravelbike fahre ich auch nicht. Das Wichtigste ist für mich, meine Zone der Erträglichkeit sanft anzustoßen und auszuweiten, und dabei genug zu sehen bekommen. Und ich möchte dabei nicht vorher strategisch planen, welches Fahrrad für welche Strecke das geeignete ist. Ein bisschen fühle ich mich mit dem Fahrrad verheiratet, da wäre es ein bisschen wie Verrat, auf ein anderes zuzugreifen. Objektiver gesagt: Das Mountainbike erlaubt mir, Neues zu erforschen, vom Weg abzukommen, manchmal jedenfalls, denn ausgebaute Fahrradwege sind mir trotzdem nicht unwillkommen. Beides hat seinen Reiz, denn es erlaubt die Freiheit in unterschiedlicher Weise. Als ich mit meinem Fahrradfahren anfing, fuhr ich gerne ins Blaue hinein, ein bisschen orientiert durch eine Radfahrkarte der Umgebung (ja, noch Papier!, denn die Akkulaufzeit des damaligen Handys konnte diese Zeit und manchmal auch die Temperatur nicht überstehen).
Pionierzeit mit Überraschungen
Ein bisschen vermisste ich später dieses Gefühl, völlig überrascht zu werden, was da Neues und Unerwartetes auftauchte, das Erobern von neuem Terrain. Dieses Sentiment der Ungewissheit und dennoch das Urvertrauen haben, dass ich wieder zurückfinde. Etwa bei einem plötzlichen Aufhören des Pfades im Wald, und in der folgenden Lichtung war es morastig. Ich musste mein Rad durch dieses Stück Weges tragen und aufpassen, nicht zu stürzen. Als ich dabei war, meine erste 100-km-Tour zu erobern – verfuhr ich mich prompt und landete auf verbotenem Gebiet der Bundeswehr, wo ich mich beeilte, wieder herauszukommen – aber was für eine Landschaft – als ob es die Lüneburger Heide wäre. Nur am Ende haben mich die lauten Knallgeräusche etwas erschreckt. Ein bisschen Vorsicht, ein bisschen Glück, ein bisschen Mut aufbringen. Manchmal sehne ich mich nach dieser Anfangszeit, dieser Pionierzeit zurück, aber das Erleben selbst in genau derselben Art lässt sich auf einer Strecke nicht wiederholen, und dafür ist das Betreten einer Verbotszone es wirklich nicht wert. Muss ich auch nicht, weil, als das Neue dem Gewohnten Platz machte, ich in die zweite Phase des Fahrens eintrat.
Menü der Touren
Denn nach einiger Zeit hatte ich eine Anzahl verschiedener Touren gesammelt, deren Reize auch bei Wiederholung hielten. In der Früh aufstehen und dann plötzlich Sehnsucht haben nach dieser einen bestimmten Tour, wie die Erinnerung es zeigte? Die genau zu meiner jetzigen Stimmung passt? Oder dann doch die andere Tour? Abklären mit der emotionalen Reaktion, die das Wiederaufrufen im Gedächtnis hervorruft. Das ist es! Das nehme ich! Und los!
Bei den explorativen Anfängen meiner Fahrradpassion hatte ich auf Kopfhörer und Ablenkung im Ohr alleine schon aus Sicherheitsgründen verzichtet. Alle Sinne offen für die Umgebung, um Geräusche und Gefahr wahrzunehmen. Und sicherlich hat diese vollkommene Bereitschaft für das Neue zu diesen Eindrücken beigetragen. Wie sonst konnte ich zum Beispiel die Knallgeräusche auf dem Militärgelände hören? Wie sonst habe ich das Durchbrechen eines Rehs durch den Busch rechtzeitig erkennen können? Natürlich auch, um sich vollständig auf die Umgebung einzulassen, ohne Ablenkung durch die Kopfhörer.
Drei Aspekte des Fahrens
Aber diese zweite Phase meines Fahrens, das sich auf bekannte Strecken, auf kuratiertes Erleben spezialisiert hat – die erlaubt mir die Freiheit, mich ab und zu im Kopf wegzubeamen, während ich die Umgebung so weit in mich eindringen lasse, dass sie die Hirngespinste des Tagesgeschäfts aus dem Weg räumt, um dann ihrerseits diskret zur Seite zu gehen, um mich der Musik oder dem Podcast zu überlassen. Nicht ganz kampflos allerdings, manchmal lenkt mich die Natur ab, das darf sie – dafür bin ich bei ihr, nicht wahr? Es geht nur darum, dass ich mich nicht langweile. Gibt es was Neues auf der Strecke – cool, unterhalte mich, Natur! Gibt es dasselbe wie immer – cool, unterhalte mich, Podcast/Musik! Und beides hat einen dritten Konkurrenten in mir. Meine Kondition. Mein physisches Vermögen, diese 70 oder gar 100 Kilometer, diesen letzten Berg, oder die eiskalten Schauer des Nieselregens zu bewältigen. Ich habe schon Touren gehabt, da trug mich nur noch der peitschende Beat eines Song ins Ziel, bevor ich, überwältigt von meiner Erschöpfung, in unser Haus stolperte.
Und ich liebe alles daran. Das eine, das andere, das Dritte. Ich habe die Freiheit, die LUFT!!! mich keinem der drei vollständig, doch allen dreien zusammen ohne Zurückhaltung hinzugeben.
Nebelfahrt
Was es genau ist, das mich so beeindruckt, erfuhr ich bei einer morgendlichen Tour durch Nebel. Fasziniert von der physikalischen Gegebenheit, auf meinen feinen Armhärchen die kondensierten Tropfen zu sehen, umhüllt von dem Kokon des Dunstes, erzeugte dieser rein visueller Eindruck trotz der Beschallung im Ohr eine weiche Stille, in der ich mich geborgen und ruhig fühlte. Da war keine Weite, sondern das Gegenteil – eine erzwungene Kurzsichtigkeit, bei der ich nicht weiter als 70 m weiter schauen konnte. Und dennoch war das wie ein Auslöschen der Hindernisse in der Landschaft, so dass sie sich scheinbar unendlich erstreckte. Es war die Emulation von Weite, von Luft in dichtester Form, eine Einsamkeit, die glücklich machte, da sie befreite von allem, was überflüssig war.
In die Luft gefahren
Mein angestrengter Körper und meine Musik und die Leere der Landschaft – Luft für meine Lungen, Luft für meinen Geist und meine Seele. Spinnweben und Staub verscheuchend.
Wenn unser HB-Männchen der 60er Jahre sich von dem „in die Luft gehen“ befreien will, um gelassener zum Alltag zu stehen, entgeht ihm etwas, das mir das Fahrradfahren verschafft. Die Luft, „in die man geht“ – oder, in meinem Fall, fährt – die will ich nicht missen, in die will ich sprungartig oder pfeilschnell, keuchend oder schweißtriefend eindringen. Natürlich weiß ich, dass das Raucher-Männchen auch nur gelassen und glücklich werden will, wie ich mit dem Fahrradfahren. Aber Luft bekommen – das wird mir dennoch besser gelingen.
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