Bei Bedarf bitte danken

Es sind nicht die Glücklichen, die dankbar sind. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind – sagte angeblich Morrison, nicht der Jim, sondern der George.

Menschen tauchen auf. Menschen kommen und gehen. Wem ich für dieses Kommen und Gehen, für Aufflimmern auf Zeit danken soll, weiß ich nicht, nach wie vor.

Foto: Julia Grinberg

Ich berichtete einmal, wie ich eine Freundin nachts zum Bahnhof begleitete, wie wir, betrunken, über Zäune kletterten, wie sie ihren Zug erreichte und ich irgendwann doch nach Hause kam.

Am Ende dieser nächtlichen Wanderung betrete ich mein Haus und habe noch viel Energie, sehr passend fürs Aufräumen. Meine heiteren Gedanken wischt das Aufräumen nicht weg: Bald ist das Ende. Bald ist das gute Ende, und ich bin nicht die Einzige – wir kommen in Scharen auf die Erde und gehen in Scharen, die ganze Zeit ist ein Kommen und Gehen, ein Wimmeln, ich bin nur ein winzigster Teil davon, ein Glühwurm. Es ist höchst unterhaltsam, klein und endlich zu sein. Für dieses wallende Flimmern auf Zeit möchte ich danken, aber weiß nicht wem.

Dankbarkeit war nicht unbedingt das Thema in diesem „Journal“. Darüber zu reden, ohne in einen esoterischen Ratgeberton zu verfallen, ist schwierig. Drei Dinge morgens aufschreiben, die Welt wird dadurch besser – das gibt mir oft ein diffuses Gefühl eines klischeehaften, vorgeschriebenen, robotesken Lebens: Lieber Nachbar, ich danke dir für meine im Nu reparierte Kaffeemaschine, dafür, dass du heute Nacht kein Schlagzeug gespielt hast und mir einen Kanister Benzin zum Geburtstag versprichst. Tja, ich habe nicht einmal Nachbarn.

Die säuselnde Beschallung der Mindset-Gurus lasse ich also beiseite. Bin idiosynkratisch dagegen. Ich erzähle euch etwas anderes.

Ende der neunziger Jahre, in der Ukraine, war mein Leben eine einzige Improvisation. Die Wirtschaft lag am Boden, ich nahm jede Arbeit an, die sich fand. Offiziell war ich Laborleiterin in einer Firma, die gar nichts zahlen konnte, wirklich null. So ging ich zu Neureichen putzen, an ein paar Tagen pro Woche tippte ich Verträge in einem Notarbüro, gab den unwilligen Schülern Englisch- und Deutschunterricht, übersetzte Produktkataloge aus dem Deutschen, führte zwei Wochen lang einen riesigen Alabay Gassi, während sein Herrchen Urlaub machte (wie sehr ich mich vor dem Hund fürchtete!) und so weiter.

So traf ich im Hof einen Mann mit seinem Chow-Chow. Erst sagten wir nur Hallo. Dann wechselten wir ein paar Worte, kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er und seine Frau sich schon lange Kinder wünschen, aber es scheint, als wolle Gott es nicht. Deshalb haben sie jetzt einen Hund. Ich erzählte, dass ich ausreisen will, aber nicht einmal das Geld hatte, um nach Kyjiw zur Botschaft zu fahren und dort den Antrag zu stellen. Dass ich viel arbeite, aber die benötigte Summe irgendwie nicht zusammenkommt.

Kurzerhand meldete er sich als Englischschüler bei mir an. Leider war er noch weniger begabt als die arme Kinder von nebenan oder hatte einfach keinen Kopf dafür. Am Ende der zweiten Unterrichtsstunde fragte er: „Du, Julia, wie viel brauchst du denn?“ – und brachte mir am nächsten Tag hundert Dollar, damals für mich eine enorme Summe.

Ich fuhr für zwei Tage nach Kyjiw, stellte den Antrag. Ich habe Michael noch einige Male gesehen, zwischen seinen Monatsschichten im Donbass. Irgendwann bin ich ausgewandert. Ich kenne nicht einmal seinen Nachnamen. Er wird diese Kolumne nie lesen. Aber meine Dankbarkeit gilt ihm, dem Michael mit Chow-Chow, meinem Schicksalsbeschleuniger, dessen Nachnamen ich nie erfahre.

Dank ihm lebe ich hier, aber dass ich überhaupt noch lebe, verdanke ich meinem Arzt, Dr. H. Bei einer Routineuntersuchung klagte ich über eine kleine brennende Rötung auf meiner Haut. Er schaute sie an, pauste sie mit einem Marker ab, beobachtete die Stelle ein paar Minuten und sagte plötzlich sehr bestimmt: „Sie fahren jetzt sofort ins Krankenhaus.“ Ich protestierte. Ich müsse noch meine Kinder aus der Schule holen.

„Nein“, er wurde lauter, stellte schnell Papiere aus und gab sie mir mit: „Sie holen jetzt nicht Ihre Kinder. Sie fahren sofort ins Krankenhaus!“

Im Krankenhaus war ich eine halbe Stunde später. Bis ich empfangen wurde, verging noch eine Stunde, da fieberte ich bereits und winselte, benommen vor Schmerzen. Knapp der Sepsis entkommen, eine Woche am Tropf. Aber ich lebe, Herr Doktor!

Menschen tauchen auf. Menschen kommen und gehen. Wem ich für dieses Kommen und Gehen, für Aufflimmern auf Zeit danken soll, weiß ich nicht, nach wie vor. Ich kann meiner Magnolie danken, dass sie wieder blüht, dass sie ihre „tausend rosigen Röckchen“ kurz trägt. Doch vor allem danke ich den Menschen, die mir begegnen, denen ich begegnet bin, die ich kennenlernte, zu Gefährten gewann, loslassen wollte oder sollte; den Menschen, die mir etwas beibrachten (unter ihnen meine Kinder und auch du, F.), die mir Türen öffneten ebenso wie jenen, die sie mir vor der Nase zuschlugen.

Mein Dank geht an Menschen, die mir Trost spendeten, an die, die ich trösten durfte, an Menschen, mit denen ich sprechen und weinen konnte, an die, die mich umarmten, an die, mit denen ich Tränen lachte, und an die, die mir noch begegnen werden.

Wer jetzt an jemanden denkt, dem er schon immer danken wollte – nur zu. Die Kommentare sind für alle offen.

Newsletter abonnieren

Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.