Wiederholt sich 1930?

Kolumnist Henning Hirsch hat mal wieder Haffners „Anmerkungen zu Hitler“ aus dem Bücherregal rausgefischt

pixabay

Vor einigen Tagen habe ich mal wieder Sebastian Haffners kurzes, von Anfang bis Ende knackig formuliertes Buch „Anmerkungen zu Hitler“ in die Hand genommen und an einem verregneten Wochenende in einem Rutsch durchgelesen. Bereits zum dritten Mal. Zuerst zum Abitur hin Anfang der 80er. Erneut vor zehn Jahren in einer Alki-Klinik, wo ich aufgrund von 25 Valium, die wie träge pharmazeutische U-Boote in meiner Blutbahn dümpelten, hinsichtlich Aufnahme- und Merkfähigkeit doch arg verlangsamt war. Es fühlte sich deshalb wie Neuland an, als ich den kleinen Band am vergangenen Samstag aus dem Regal rausfischte, wo er seit meiner Rückkehr aus der Geschlossenen vor sich hinstaubte.

Die TB-Ausgabe von Kindler umfasst 200 Seiten, gegliedert in sieben Kapitel: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat.

Aufgrund des seit fünf Jahren zu beobachtenden Aufstiegs einer Rechtsaußengruppierung, die 2013 von ein paar europakritischen VWL-Professoren als Anti-Euro-Partei ins Leben gerufen und kurze Zeit später von konservativ-nationalen bis hin zu völkischen Kräften gekapert wurde, interessierte ich mich besonders für die Passagen, in denen Haffner die der Machtergreifung vorangehenden Jahre seziert. Die Frage – genauer gesagt: die Sorge – die mich umtreibt lautet: Kann sich sowas wie 1933 bei uns in Deutschland wiederholen? Bzw. erleben wir im Moment eine ähnliche Vorgeschichte wie die, die damals das Finale der Weimarer Republik einläutete?

Groko wackelt – extreme Ränder erstarken

Im Kapitel „Erfolge“ führt Haffner dazu aus:

Sie (die stabile Phase der Weimarer Republik … Anm. d. Verf.) hielt vor, solange (von 1925 bis 28) eine Mitte-Rechts-Koalition aus Katholiken, Rechtsliberalen und Konservativen die Reichsregierung bildete. Damit war vorübergehend das staatstragende Parteiensystem zum ersten und einzigen Mal auf die ganze Breite des Rechts-Links-Spektrums ausgedehnt …. denn an der Staatstreue der nunmehrigen Opposition aus Sozialdemokraten und Linksliberalen war ohnehin nicht zu zweifeln.

Aber das blieb Episode. Als 1928 die Reichsregierung die Wahlen verlor und, zum ersten Mal seit 1920, ein Sozialdemokrat wieder Reichskanzler wurde, war alles schon wieder verloren. Die Konservativen – unter einem neuen Führer Hugenberg – gingen wieder auf stramm antirepublikanischen Kurs … So etwas wie das Wahlergebnis von 1928 sollte der Rechten nie wieder passieren können, die Regierung – eine ewige Rechtsregierung – sollte von Parlament und Wahlen unabhängig gemacht werden … die Parlamentsherrschaft sollte weg, ein Präsidialsystem her.

Im Zuge der Ende 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise, die Deutschland besonders schwer trifft, zerbricht im März 1930 die Große Koalition (SPD, Zentrum, DVP und DDP) über der Frage, wie die Lasten der unter Kostendruck geratenen Arbeitslosenversicherung gerecht verteilt werden können. Kanzler Müller (SPD) tritt zurück; sein Nachfolger Brüning (Zentrum) regiert mittels Notverordnungen. Bei den vorgezogenen Wahlen im September 30 erzielt die NSDAP mit 18,3 Prozent das zweitbeste Ergebnis aller angetretenen Parteien.* Brüning wurschtelt sich – mal mehr, mal weniger von den konservativen Fraktionen unterstützt – bis zum Mai 1932 durch. Dann ist er mit Latein, Spardiktat und Notverordnungen am Ende.

Ihm folgen mit jeweils kurzen Gastspielen von Papen und Schleicher, deren Hauptaugenmerk statt auf die Mühen des politischen Tagesgeschäfts vor allem auf den Umbau der parlamentarischen Demokratie in eine Präsidialdiktatur gerichtet ist. Bei der – wiederum vorgezogenen – Wahl im Juli 32 verdoppeln die Nationalsozialisten ihren Stimmenanteil auf 37,3 Prozent und stellen nun die stärkste Fraktion im Reichstag. Ohne die Erzdemokratiehasser geht nichts mehr in Berlin. Papen, der gerade Schleicher gestürzt hat, verfällt auf die glorreiche Idee, sich Hitler als Juniorpartner anzudienen. Allerdings mit der Vorgabe, dass bloß drei Nationalsozialisten dem Kabinett angehören dürfen. Der Rest der Mannschaft solle aus DNVP-Ministern bestehen. Bei diesem Schachzug spekuliert man darauf, Hitler einzurahmen und zu befrieden. Der, wissend, dass er den längeren Atem und die besseren Karten besitzt, lässt sich auf den Deal ein. Hindenburg – zugegebenermaßen etwas widerwillig – ernennt den böhmischen Gefreiten zum Kanzler, zwei Tage darauf wird der Reichstag aufgelöst. Etappe 1 der Machtergreifung erfolgreich abgeschlossen. Der Rest, der jetzt zwölf Jahre lang folgt, ist allseits bekannte Zombieapokalypse.

Hitler käme heute in modernem Gewand daher

Das kann man nicht miteinander vergleichen, meinen Sie? Geschichte wiederholt sich nicht, schieben Sie noch hinterher? Ja und nein, antworte ich. Natürlich wiederholt sich Geschichte nie eins zu eins. Auch Hitler, erwachte er morgen aus dem künstlichen Kälteschlaf, in dem er seit 1945 in einem streng geheimen CIA-Labor im paraguayanischen Urwald gehalten wird, ginge im Herbst 2018, nachdem er gefrühstückt und die Tageszeitung gelesen hat, den Sturz der Demokratie auf modernen Wegen an. Allerdings würde er sich bei seiner Mission Tyrannis 2.0 ebenfalls hin und wieder probater Mittel aus Weimar bedienen.

Zurück zur Ausgangsfrage: Können sich 1930, 32 und 33 in Deutschland wiederholen? Ähneln sich die Umfeldparameter?

Der damaligen Massenarbeitslosigkeit und den Suppenküchen würden heute Dauer-Hartz4-Prekariat und Discounter-Tiefkühlpizzen entsprechen. Die Wut auf die Versailler Verträge korrespondiert mit dem Hass auf die EU und ihre undurchschaubare Bürokratie. Die Groko lag in Weimar genauso wie heute in Berlin in Scherben. Mit etwas Kopfkino gelingt es mir, Seehofer als Reinkarnation Hugenbergs zu begreifen. Die CSU streift das lästig gewordene C ab und wandelt sich zur DNVP, die endlich keinerlei Berührungsängste mit der extremen Rechten mehr zeigen muss. Sachsens CDU macht ja bereits erste Avancen in Richtung möglicher Koalitionen auf Landesebene. ZU weit hergeholt, unterbrechen Sie mich? Vielleicht haben Sie recht. Aber hin und wieder überkommt mich abgrundtiefer Pessimismus, wenn ich zu lange in Facebook unterwegs bin.

Wiederholt sich Geschichte?

Hören wir, was Haffner dazu sagt:

Man fragt oft: Würde ein Hitler dieselbe Chance wie 1930 haben, wenn er heute in der Bundesrepublik aufträte – besonders wenn Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit ein ähnliches Ausmaß gewönnen wie damals in der Weimarer Republik?

Die Antwort folgt einen Absatz später:

Nein, Hitler würde nicht dieselbe Chance haben, und zwar deswegen nicht, weil es in der Bundesrepublik keine staatsablehnende Rechte gibt, die den Staat vorbereitend für ihn zu zerstören bereit wäre.

Die Erklärung für diesen, uns Wohlstandskindern fremd anmutenden, Gedanken liefert Haffner sofort:

Ein Staat zerfällt ja nicht ohne weiteres durch Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit, sonst hätte zum Beispiel auch das Amerika der Großen Depression … zerfallen müssen. Die Weimarer Republik ist nicht durch Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit zerstört worden, obwohl sie natürlich zur Untergangsstimmung beigetragen haben, sondern durch die schon vorher einsetzende Entschlossenheit der Weimarer Rechten, den parlamentarischen Staat zugunsten eines unklar konzipierten autoritären Staats abzuschaffen. Sie (die Republik) ist auch nicht durch Hitler zerstört worden, Er fand sie schon zerstört vor, als er Reichskanzler wurde, und er entmachtete nur die, die sie zerstört hatten.

Das ist ja erstmal beruhigend, denke ich und wische mir den Schweiß von der Stirn. Die Rechten müssen unsere Institutionen entern und die wichtigen Schaltstellen besetzen, bevor sie den Staat von innen heraus zerschreddern können. Das kann ja noch ewig dauern. Bis es soweit ist, liege ich friedlich in einem anonymen Grab auf dem schönen Poppelsdorfer Friedhof in Bonn. Aber, aber, was weiß ich, wie weit die Infiltration inzwischen schon vorangeschritten ist? Lange genug an der Macht waren die Konservativen ja seit Kohls geistig-moralischer Wende 1982. Knapp vier Jahrzehnte müssten reichen, um einige Behörden von links auf rechts umzukrempeln. Unübersehbar ist die Sehnsucht der Spahns, Dobrindts und Kretschmers nach einem kräftigen Rechtsschwenk, sobald die ewige Merkel demnächst Geschichte sein wird. Der Kampfruf lautet: Konservative Revolution. Weg mit den 68ern! Mit Volldampf zurück in die Heile-50er Jahre-Romantik, als Männer noch Männer sein durften, Schwulsein verboten war und man nicht ständig an die Gräuel des Nationalsozialismus erinnert wurde. Weitgehend ungestört von der Opposition, denn die wäre schwach und großenteils mit sich selbst beschäftigt. Darauf zu wetten, dass sich die SPD bei der nächsten Bundestagswahl wieder kraftvoll aus ihrem Jammertal erhebt, ist genauso riskant, wie auf Köln als übernächsten Deutschen Meister zu tippen.

Wie wär’s für den Übergang mit einem Kabinett der nationalen Wiedergeburt, angeführt von einem Kanzler Spahn, assistiert von einer Innenministerin v. Storch und einem Chefdiplomaten, der gerne Krawatten mit Hundemuster trägt? Jetzt schwelgen Sie aber in Fieberträumen, Herr Kolumnist, rufen Sie? Mag durchaus so sein. Ich messe mir gleich mal vorsichtshalber die Temperatur.

Von der Vergleichbarkeit des vermeintlich Unvergleichbaren

Um jetzt aber endlich zum Ende dieser Kolumne zu gelangen, wissend , dass lange Texte die Leser nur unnötig anstrengen – lassen sich die Stationen, die das Ende der Weimarer Republik einläuteten und die Situation heute miteinander vergleichen? Bzw. ähneln sie sich? Vergleichen kann man natürlich beinahe alles miteinander. So auch das Auseinanderbrechen der Groko 1930 mit dem desolaten Zustand der aktuellen Neuauflage, Seehofer oder seinen jüngeren Alter ego Dobrindt mit Hugenberg oder die AfD mit den italienischen Faschisten. Wenngleich der erstgenannten Truppe bisher begnadete Rhetoriker vom Format Mussolinis und Goebbels – vom diabolischen Charisma Hitlers ganz zu schweigen – völlig abgehen. Ein Höcke macht noch keine Machtergreifung. Gottseidank! Ob das bloß fruchtlose Gedankenspiele sind, hängt vom politischen Standpunkt des Betrachters ab. Für die einen bedeuten zwanzig Prozent Rechtspopulisten im Parlament eine erfrischende Abwechslung, für mich hingegen eine tägliche Bedrohung. Halt, wie so vieles im Leben, eine Sache der individuellen Grundausrichtung. Worüber ich mich nämlich keinerlei Illusion hingebe, ist der Umstand, dass ein Fünftel meiner Mitbürger reaktionär und demokratiefeindlich eingestellt ist. Tendenz im Moment weiter steigend.

Deshalb hier mein Kompromissvorschlag: Ausgangslagen und handelnde Akteure sind bei streng wissenschaftlicher Betrachtung unterschiedlich. Für einen fantasiebegabten Kolumnisten hingegen schimmern jede Menge Parallelen durch. Ich hoffe, Sie können mit diesem Mittelweg leben. Also, ich kann’s.

Was ich aber genau weiß: Sollte ich eines Morgens aufwachen und im Radio die Nachricht hören: „Kanzler Spahn gestürzt. Weidel folgt ihm nach und löst als erste Amtshandlung zum Schutz des Volkes den Bundestag auf“, werde ich mich noch am selben Tag auf den Weg zur nächstgelegenen Geschäftsstelle der Antifa machen. Wenn es dann dafür nicht bereits zu spät ist.

* Nachtrag: Gemäß aktueller Sonntagsumfrage erzielt die AfD auf Bundesebene 17%, überholt die SPD und würde mit diesem Stimmenanteil die zweitstärkste Fraktion im BT stellen. Die Groko landet addiert bei 43% und entfernt sich mit jedem Tag ihres Fortbestehens weiter vom Mehrheitswillen der wählenden Bevölkerung.
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Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler. 4te Aufl., 1978, Verlag Kindler

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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